Mitten auf den Niederungen von Nordamerika hat ein mächtiges

ausgestorbenes Volk kreisrunde, viereckigte, achteckigte Festungswerke

gebaut, Mauern, 6000 Toisen lang, Erdhügel von 600—700 Fuß Durchmesser

und 140 Fuß Höhe, die bald rund sind, bald mehrere Stockwerke haben und

Tausende von Skeletten enthalten. Diese Skelette gehörten Menschen an,

die nicht so hoch gewachsen, untersetzter waren als die gegenwärtigen

Bewohner dieser Länder. Andere Gebeine, in Gewebe gehüllt, die mit denen

auf den Sandwichs- und Fidji-Inseln Aehnlichkeit haben, findet man in

natürlichen Höhlen in Kentucky. Was ist aus jenen Völkern in Louisiana

geworden, die vor den Lenni-Lenapas, den Shawanoes im Lande saßen,

vielleicht sogar vor den Sioux (Nadowessier, Narcota) am Missouri, die

stark »mongolisirt« sind und von denen man, nach ihren eigenen Sagen,

annimmt, daß sie von den asiatischen Küsten herübergekommen? Auf den

Niederungen von Südamerika trifft man, wie oben bemerkt, kaum ein paar

künstliche Hügel (cerros hechos a mano) an, nirgends Befestigungen wie

am Ohio. Auf einem sehr großen Landstrich, am untern Orinoco wie am

Cassiquiare und zwischen den Quellen des Essequebo und Rio Branco,

findet man indessen Granitfelsen, die mit symbolischen Bildern bedeckt

sind. Diese Bildwerke weisen darauf hin, daß die ausgestorbenen

Geschlechter andern Völkern angehörten, als die jetzt diese Länder

bewohnen. Im Westen, auf dem Rücken der Cordillere der Anden erscheinen

die Geschichte von Mexico und die von Cundinamarca und Peru ganz

unabhängig von einander; aber auf den Niederungen gegen Osten zeigt eine

kriegerische Nation, die lange als die herrschende aufgetreten, in den

Gesichtszügen und dem Körperbau Spuren fremder Abstammung. Die Caraiben

haben noch Sagen, die auf einen Verkehr zwischen beiden Hälften Amerikas

in alter Zeit hinzudeuten scheinen. Eine solche Erscheinung verdient

ganz besondere Aufmerksamkeit; sie verdient solche, wie tief auch die

Versunkenheit und die Barbarei seyn mag, in der die Europäer am Ende des

fünfzehnten Jahrhunderts alle Völker des neuen Continents mit Ausnahme

der Gebirgsvölker antrafen. Wenn es wahr ist, daß die meisten Wilden,

wie ihre Sprachen, ihre kosmogonischen Mythen und so viele andere

Merkmale darzuthun scheinen, nur verwilderte Geschlechter sind, Trümmer,

die einem großen gemeinsamen Schiffbruch entgangen, so wird es doppelt

von Wichtigkeit, zu untersuchen, auf welchen Wegen diese Trümmer aus

einer Halbkugel in die andere geworfen worden sind.

Das schöne Volk der Caraiben bewohnt heutzutage nur einen kleinen Theil

der Länder, die es vor der Entdeckung von Amerika inne hatte. Durch die

Greuel der Europäer ist dasselbe auf den Antillen und auf den Küsten von

Darien völlig ausgerottet, wogegen es unter der Missionszucht in den

Provinzen Nueva Barcelona und spanisch Guyana volkreiche Dörfer

gegründet hat. Man kann, glaube ich, die Zahl der Caraiben, die in den

Llanos von Piritu und am Carony und Cuyuni wohnen, auf mehr als 35,000

veranschlagen. Rechnete man dazu die unabhängigen Caraiben, die

westwärts von den Gebirgen von Cayenne und Pacaraimo zwischen den

Quellen des Essequebo und des Rio Branco hausen, so käme vielleicht eine

Gesammtzahl von 40,000 Köpfen von einer, mit andern eingeborenen Stämmen

nicht gemischten Race heraus. Ich lege auf diese Angaben um so mehr

Gewicht, als vor meiner Reise in vielen geographischen Werken von den

Caraiben nur wie von einem ausgestorbenen Volksstamm die Rede war. Da

man vom Innern der spanischen Colonien auf dem Festland nichts wußte,

setzte man voraus, die kleinen Inseln Dominica, Guadeloupe und

St. Vincent seyen der Hauptwohnsitz dieses Volkes gewesen, und von

demselben bestehe (auf allen östlichen Antillen) nichts mehr, als

versteinerte oder vielmehr in einem Madreporenkalk eingeschlossene

Skelette.[^148] Nach dieser Voraussetzung wären die Caraiben in Amerika

ausgestorben, wie die Guanchen auf dem Archipel der Canarien.

Stämme, welche, demselben Volke angehörig, sich gemeinsamen Ursprung

zuschreiben, werden auch mit denselben Namen bezeichnet. Meist wird der

Namen einer einzelnen Herde von den benachbarten Völkern allen andern

beigelegt; zuweilen werden auch Ortsnamen zu Volksnamen, oder letztere

entspringen aus Spottnamen oder aus der zufälligen Verdrehung eines

Wortes in Folge schlechter Aussprache. Das Wort »Caribes«, das ich

zuerst in einem Briefe des Peter Martyr d’Anghiera finde, kommt von

Calina und Caripuna, wobei aus l und p r und b wurden. Ja es ist sehr

merkwürdig, daß dieser Name, den Columbus aus dem Munde der haitischen

Völker hörte, bei den Caraiben auf den Inseln und bei denen auf dem

Festland zugleich vorkam. Aus Carina oder Calina machte man Galibi

(Caribi), wie in französisch Guyana eine Völkerschaft heißt, die Von

weit kleinerem Wuchse ist als die Einwohner am Cari, aber eine der

zahlreichen Mundarten der caraibischen Sprache spricht. Die Bewohner der

Inseln nannten sich in der Männersprache Calinago, in der Weibersprache

Callipinan. Dieser Unterschied zwischen beiden Geschlechtern in der

Sprechweise ist bei den Völkern von caraibischem Stamm auffallender als

bei andern amerikanischen Nationen (den Omaguas, Guaranis und

Chiquitos), bei welchen derselbe nur wenige Begriffe betrifft, wie z. B.

die Worte Mutter und Kind. Es begreift sich, wie die Weiber bei ihrer

abgeschlossenen Lebensweise sich Redensarten bilden, welche die Männer

nicht annehmen mögen. Schon Cicero[^149] bemerkt, daß die alten

Sprachformen sich vorzugsweise im Munde der Weiber erhalten, weil sie

bei ihrer Stellung in der Gesellschaft nicht so sehr den Lebenswechseln

(dem Wechsel von Wohnort und Beschäftigung) ausgesetzt sind, wodurch bei

den Männern die ursprüngliche Reinheit der Sprache leicht leidet. Bei

den caraibischen Völkern ist aber der Unterschied zwischen den Mundarten

beider Geschlechter so groß und auffallend, daß man zur befriedigenden

Erklärung desselben sich nach einer andern Quelle umsehen muß. Diese

glaubte man nun in dem barbarischen Brauche zu finden, die männlichen

Gefangenen zu tödten und die Weiber der Besiegten als Sklaven

fortzuschleppen. Als die Caraiben in den Archipel der kleinen Antillen

einfielen, kamen sie als eine kriegerische Horde, nicht als Colonisten,

die ihre Familien bei sich hatten. Die Weibersprache bildete sich nun im

Maße, als die Sieger sich mit fremden Weibern verbanden. Damit kamen

neue Elemente herein, Worte, wesentlich verschieden von den caraibischen

Worten,[^150] die sich im Frauengemach von Geschlecht zu Geschlecht

fortpflanzten, doch so, daß der Bau, die Combinationen und die

grammatischen Formen der Männersprache Einfluß darauf äußerten. So

vollzog sich hier in einem beschränkten Verein von Individuen, was wir

an der ganzen Völkergruppe des neuen Continents beobachten. Völlige

Verschiedenheit hinsichtlich der Worte neben großer Aehnlichkeit im Bau,

das ist die Eigenthümlichkeit der amerikanischen Sprachen von der

Hudsonsbai bis zur Magellanschen Meerenge. Es ist verschiedenes Material

in ähnlichen Formen. Bedenkt man nun, daß die Erscheinung fast von einem

Pol zum andern über die ganze Hälfte unseres Planeten reicht, betrachtet

man die Eigenthümlichkeiten in den grammatischen Combinationen (die

Formen für die Genera bei den drei Personen des Zeitworts, die

Reduplicationen, die Frequentative, die Duale), so kann man sich nicht

genug wundern, wie einförmig bei einem so beträchtlichen Bruchtheil des

Menschengeschlechts der Entwicklungsgang in Geist und Sprache ist.

Wir haben gesehen, daß die Mundart der caraibischen Weiber auf den

Antillen Reste einer ausgestorbenen Sprache enthält. Was war dieß für

eine Sprache? Wir wissen es nicht. Einige Schriftsteller vermuthen, es

könnte die Sprache der Ygneris oder der Ureinwohner der caraibischen

Inseln seyn, von denen sich schwache Ueberreste auf Guadeloupe erhalten

haben; andere fanden darin Aehnlichkeit mit der alten Sprache von Cuba

oder mit den Sprachen der Aruacas und Apalachiten in Florida; allein

alle diese Annahmen gründen sich auf eine höchst mangelhafte Kenntniß

der Mundarten, die man zu vergleichen unternommen.

Liest man die spanischen Schriftsteller des sechzehnten Jahrhunderts mit

Aufmerksamkeit, so sieht man, daß die caraibischen Völkerschaften damals

aus einer Strecke von 18 bis 19 Breitegraden, von den Jungfraueninseln

ostwärts von Portorico bis zu den Mündungen des Amazonenstroms

ausgebreitet waren. Daß ihre Wohnsitze auch gegen West, längs der

Küstenkette von Santa Martha und Venezuela sich erstreckt, erscheint

weniger gewiß. Indessen nennen Lopez de Gomara und die ältesten

Geschichtschreiber Caribana nicht, wie seitdem geschehen, das Land

zwischen den Quellen des Orinoco und den Gebirgen von französisch

Guyana,[^151] sondern die sumpfigten Niederungen zwischen den Mündungen

des Rio Atrato und des Rio Sinu. Ich war, als ich von der Havana nach

Portobelo wollte, selbst auf diesen Küsten und hörte dort, das

Vorgebirge, das den Meerbusen von Darien oder Uraba gegen Ost begrenzt,

heiße noch jetzt Punta Caribana. Früher war so ziemlich die Ansicht

herrschend, die Caraiben der antillischen Inseln stammen von den

kriegerischen Völkern in Darien ab, und haben sogar den Namen von ihnen.

»Inde Uraban ab orientali prehendit ora, quam appellant indigenae

Caribana, unde Caribes insulares originem habere nomenque retinere

dicuntur.« So drückt sich Anghiera in den Oceanica aus. Ein Neffe

Amerigos Vespucci hatte ihm gesagt, von dort bis zu den Schneegebirgen

von Santa Martha seyen alle Eingeborenen »e genere Caribium sive

Canibalium.« Ich ziehe nicht in Abrede, daß ächte Caraiben am Meerbusen

von Darien gehaust haben können, und daß sie durch die östlichen

Strömungen dahin getrieben worden seyn mögen; es kann aber eben so gut

seyn, daß die spanischen Seefahrer, die auf die Sprachen wenig achteten,

jede Völkerschaft von hohem Wuchs und wilder Gemüthsart Caribe und

Canibale nannten. Jedenfalls erscheint es sehr unwahrscheinlich, daß das

caraibische Volk auf den Antillen und in der Parime sich selbst nach dem

Lande, in dem es ursprünglich lebte, genannt haben sollte. Ostwärts von

den Anden und überall, wohin die Cultur noch nicht gedrungen ist, geben

vielmehr die Völker den Landstrichen, wo sie sich niedergelassen, die

Namen. Wir haben schon mehrmals Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß die

Worte Caribes und Canibales bedeutsam zu seyn scheinen, daß es wohl

Beinamen sind, die auf Muth und Kraft, selbst auf Geistesüberlegenheit

anspielen[^152] Es ist sehr bemerkenswerth, daß die Brasilianer, als die

Portugiesen ins Land kamen, ihre Zauberer gleichfalls Caraibes nannten.

Wir wissen, daß die Caraiben in der Parime das wanderlustigste Volk in

Amerika waren; vielleicht spielten schlaue Köpfe in diesem

umherziehenden Volk dieselbe Rolle wie die Chaldäer in der alten Welt.

Völkernamen hängen sich leicht an gewisse Gewerbe, und als unter den

Cäsaren so viele Formen des Aberglaubens aus dem Orient in Italien

eindrangen, kamen die Chaldaer so wenig von den Ufern des Euphrat, als

die Menschen, die man in Frankreich Egyptiens und Bohémiens nennt (die

einen indischen Dialekt reden, Zigeuner), vom Nil und von der Elbe.

Wenn eine und dieselbe Nation auf dem Festland und auf benachbarten

Inseln lebt, so hat man die Wahl zwischen zwei Annahmen: sie sind

entweder von den Inseln auf den Continent, oder vom Continent auf die

Inseln gewandert. Diese Streitfrage erhebt sich auch bei den Iberiern

(Basken), die sowohl in Spanien als auf den Inseln im Mittelmeer ihre

Wohnsitze hatten;[^153] ebenso bei den Malayen, die auf der Halbinsel

Malaca und im Distrikt Menangkabao auf der Insel Sumatra Autochthonen zu

seyn scheinen.[^154] Der Archipel der großen und der kleinen Antillen

hat die Gestalt einer schmalen, zerrissenen Landzunge, die der Landenge

von Panama parallel läuft und nach der Annahme mancher Geographen einst

Florida mit dem nordöstlichen Ende von Südamerika verband. Es ist

gleichsam das östliche Ufer eines Binnenmeeres, das man ein Becken mit

mehreren Ausgängen nennen kann. Diese sonderbare Bildung des Landes hat

den verschiedenen Wandersystemen, nach denen man die Niederlassung der

caraibischen Völker auf den Inseln und auf dem benachbarten Festland zu

erklären suchte, zur Stütze gedient. Die Caraiben des Festlandes

behaupten, die kleinen Antillen seyen vor Zeiten von den Aruacas bewohnt

gewesen, einer kriegerischen Nation, deren Hauptmasse noch jetzt an den

ungesunden Ufern des Surinam und des Berbice lebt. Diese Aruacas sollen,

mit Ausnahme der Weiber, von den Caraiben, die von den Mündungen des

Orinoco hinübergekommen, sämmtlich ausgerottet worden seyn, und sie

berufen sich zu Bewahrheitung dieser Sage auf die Aehnlichkeit zwischen

der Sprache der Aruacas und der Weibersprache bei den Caraiben. Man muß

aber bedenken, daß die Aruacas, wenn sie gleich Feinde der Caraiben

sind, doch mit ihnen zur selben Völkerfamilie gehören, und daß das

Aruakische und das Caraibische einander so nahe stehen wie Griechisch

und Persisch, Deutsch und Sanskrit. Nach einer andern Sage sind die

Caraiben auf den Inseln von Süden hergekommen, nicht als Eroberer,

sondern aus Guyana von den Aruacas vertrieben, die ursprünglich über

alle benachbarten Völker das Uebergewicht hatten. Endlich eine dritte,

weit verbreitetere und auch wahrscheinlichere Sage läßt die Caraiben aus

Nordamerika, namentlich aus Florida kommen. Ein Reisender, der sich

rühmt, Alles zusammengebracht zu haben, was auf diese Wanderungen von

Nord nach Süd Bezug hat, Bristok, behauptet, ein Stamm der Confachiqui

habe lange mit den Apalachiten im Kriege gelegen; diese haben jenem

Stamm den fruchtbaren Distrikt Amana abgetteten und sofort ihre neuen

Bundesgenossen Caribes (d. h. tapfere Fremdlinge) genannt; aber in Folge

eines Zwistes über den Gottesdienst seyen die Confachiqui-Caribes aus

Florida vertrieben worden. Sie gingen zuerst in ihren kleinen Canoes auf

die Yucayas oder die lucayischen Inseln (auf Cigateo und die zunächst

liegenden Inseln), von da nach Ayay (Hayhay, heutzutage Santa Cruz) und

auf die kleinen Antillen, endlich auf das Festland von Südamerika. Dieß,

glaubt man, sey gegen das Jahr 1100 unserer Zeitrechnung geschehen;

allein bei dieser Schätzung nimmt man an (wie bei manchen orientalischen

Mythen), »bei der Mäßigkeit und Sitteneinfalt der Wilden« könne die

mittlere Dauer einer Generation 180 bis 200 Jahre betragen haben,

wodurch dann eine bestimmte Zeitangabe als völlig aus der Luft gegriffen

erscheint. Auf dieser ganzen langen Wanderung hatten die Caraiben die

großen Antillen nicht berührt, wo indessen die Eingeborenen gleichfalls

aus Florida zu stammen glaubten. Die Insulaner aus Cuba, Haiti und

Borriken (Portorico) waren nach der einstimmigen Aussage der ersten

Conquistadoren von den Caraiben völlig verschieden; ja bei der

Entdeckung von Amerika waren diese bereits von der Gruppe der kleinen

lucayischen Inseln abgezogen, auf denen, wie in allen von

Schiffbrüchigen und Flüchtlingen bewohnten Ländern, eine erstaunliche

Mannigfaltigkeit von Sprachen herrschte.

Die Herrschaft, welche die Caraiben so lange über einen großen Theil des

Festlandes ausgeübt, und das Andenken an ihre alte Größe gaben ihnen ein

Gefühl von Würde und nationaler Ueberlegenheit, das in ihrem Benehmen

und ihren Aeußerungen zu Tage kommt. »Nur wir sind ein Volk,« sagen sie

sprüchwörtlich, »die andern Menschen (oquili) sind dazu da, uns zu

dienen.« Die Caraiben sehen auf ihre alten Feinde so hoch herab, daß ich

ein zehnjähriges Kind vor Wuth schäumen sah, weil man es einen Cabre

oder Cavere nannte. Und doch hatte es in seinem Leben keinen Menschen

dieses unglücklichen Volkes[^155] gesehen, von dem die Stadt Cabruta

(Cabritu) ihren Namen hat und das von den Caraiben fast völlig

ausgerottet wurde. Ueberall, bei halb barbarischen Horden, wie bei den

civilisirtesten Völkern in Europa, finden wir diesen eingewurzelten Haß

und die Namen feindlicher Völker als die gröbsten Schimpfworte

gebraucht.

Der Missionär führte uns in mehrere indianische Hütten, wo Ordnung und

die größte Reinlichkeit herrschten. Mit Verdruß sahen wir hier, wie die

caraibischen Mütter schon die kleinsten Kinder quälen, um ihnen nicht

nur die Waden größer zu machen, sondern am ganzen Bein vom Knöchel bis

oben am Schenkel das Fleisch stellenweise hervorzutreiben. Bänder von

Leder oder Baumwollenzeug werden 2 bis 3 Zoll von einander fest umgelegt

und immer stärker angezogen, so daß die Muskeln zwischen zwei

Bandstreifen überquellen. Unsere Kinder im Wickelzeug haben lange nicht

so viel zu leiden als die Kinder bei den caraibischen Völkern, bei einer

Nation, die dem Naturzustand noch so viel näher seyn soll. Umsonst

arbeiten die Mönche in den Missionen, ohne Rousseaus Werke oder auch nur

den Namen des Mannes zu kennen, diesem alten System des Kinderaufziehens

entgegen; der Mensch, der eben aus den Wäldern kommt, an dessen

Sitteneinfalt wir glauben, ist keineswegs gelehrig, wenn es sich von

seinem Putz und von seinen Vorstellungen von Schönheit und Anstand

handelt. Ich wunderte mich übrigens, daß der Zwang, dem man die armen

Kinder unterwirft, und der den Blutumlauf hemmen sollte, der

Muskelbewegung keinen Eintrag thut. Es gibt auf der Welt kein

kräftigeres und schnellfüßigeres Volk als die Caraiben.

Wenn die Weiber ihren Kindern Beine und Schenkel modeln, um Wellenlinien

hervorzubringen, wie die Maler es nennen, so unterlassen sie es in den

Llanos wenigstens ihnen von der Geburt an den Kopf zwischen Kissen und

Brettern platt zu drücken. Dieser Brauch, der früher auf den Inseln und

bei manchen caraibischen Stämmen in der Parime und in französisch Guyana

so verbreitet war, kommt in den Missionen, die wir besucht haben, nicht

vor. Die Leute haben dort gewölbtere Stirnen als die Chaymas, Otomacos,

Macos, Maravitanos und die meisten Eingeborenen am Orinoco. Nach

systematischem Begriffe sind ihre Stirnen, wie sie ihren geistigen

Fähigkeiten entsprechen. Diese Beobachtung überraschte uns um so mehr,

da die in manchen anatomischen Werken abgebildeten Caraibenschädel sich

von allen Menschenschädeln durch die niedrigste Stirne und den kleinsten

Gesichtswinkel unterscheiden. Man hat aber in unsern osteologischen

Sammlungen Kunstprodukte mit Naturbildungen verwechselt. Die »fast

stirnlosen« sogenannten Caraibenschädel[^156] von der Insel Sanct

Vincent sind zwischen Brettern gemodelte Köpfe von Zambos (schwarzen

Caraiben), Abkömmlingen von Negern und wirklichen Caraiben. Der

barbarische Brauch, die Stirne platt zu drücken, kommt übrigens bei

mehreren Völkern vor, die nicht desselben Stammes sind; man hat

denselben in neuester Zeit auch in Nordamerika angetroffen; aber der

Schluß von einer gewissen Uebereinstimmung in Sitten und Gebräuchen auf

gleiche Abstammung ist sehr gewagt.

Reist man in den caraibischen Missionen, so sollte man bei dem daselbst

herrschenden Geiste der Ordnung und des Gehorsams gar nicht glauben, daß

man sich unter Canibalen befindet. Dieses amerikanische Wort von nicht

ganz sicherer Bedeutung stammt wahrscheinlich aus der Sprache von Hain

oder Portorico. Es ist schon zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, als

gleichbedentend mit Menschenfresser, in die europäischen Sprachen

übergegangen. »Edaces humanarum carnium novi anthropophagi, quos diximus

Caribes, alias Canibales appellari«, sagt Anghiera in der dritten Decade

seiner Papst Leo X. gewidmeten Oceanica. Ich bezweifle keineswegs, daß

die Inselcaraiben als eroberndes Volk die Ygneris oder alten Bewohner

der Antillen, die schwach und unkriegerisch waren, grausam behandelt

haben; dennoch ist anzunehmen, daß diese Grausamkeiten von den ersten

Reisenden, welche nur Völker hörten, die von jeher Feinde der Caraiben

gewesen, übertrieben wurden. Nicht immer werden nur die Besiegten von

den Zeitgenossen verläumdet; auch am Uebermuth des Siegers rächt man

sich, indem man das Register seiner Gräuel vergrößert.

Alle Missionäre am Carony, am untern Orinoco und in den Llanos del Cari,

die wir zu befragen Gelegenheit gehabt, versichern, unter allen Völkern

des neuen Continents seyen die Caraiben vielleicht am wenigsten

Menschenfresser; und solches behaupten sie sogar von den unabhängigen

Horden, die ostwärts von Esmeralda zwischen den Quellen des Rio Branco

und des Essequebo umherziehen. Es begreift sich, daß die verzweifelte

Erbitterung, mit der sich die unglücklichen Caraiben gegen die Spanier

wehrten, nachdem im Jahr 1504 ein königliches Ausschreiben sie für

Sklaven erklärt hatte, sie vollends in den Ruf der Wildheit brachte, in

dem sie stehen.[^157] Der erste Gedanke, diesem Volke zu Leibe zu gehen

und es seiner Freiheit und seiner natürlichen Rechte zu berauben, rührt

von Christoph Columbus her, der die Ansichten des fünfzehnten

Jahrhunderts theilte und durchaus nicht immer so menschlich war, als man

im achtzehnten aus Haß gegen seine Verkleinerer behauptete. Später wurde

der Licenciat Rodrigo de Figueroa vom Hofe beauftragt (1520),

auszumachen, welche Völkerschaften in Südamerika für caraibischen oder

canibalischen Stammes gelten könnten, und welche Guatiaos wären, das

heißt friedliche, von lange her mit den Castilianern befreundete

Indianer. Dieses ethnographische Actenstück, »el auto de Figueroa«

genannt, ist eine der merkwürdigsten Urkunden für die Barbarei der

ersten Conquistadoren. Nie hatte Systemsucht so trefflich dazu gedient,

die Leidenschaften zu beschönigen. Unsere Geographen gehen nicht

willkürlicher zu Werke, wenn sie in Centralasien mongolische und

tartarische Völker unterscheiden, als Figueroa, wenn er zwischen

Canibalen und Guatiaos die Grenze zog. Ohne auf die Sprachverwandtschaft

zu achten, erklärte man willkürlich alle Horden, denen man Schuld geben

konnte, daß sie nach dem Gefechte einen Gefangenen verzehrt, für

caraibisch. Die Einwohner von Uriapari (der Halbinsel Paria) wurden

Caraiben, die Urinacos (die Uferbewohner am untern Orinoco oder Urinucu)

Guatiaos genannt. Alle Stämme, die Figueroa als Caraiben bezeichnete,

waren der Sklaverei verfallen; man konnte sie nach Belieben verkaufen

oder niedermachen. In diesen blutigen Kämpfen wehrten sich die

caraibischen Weiber nach dem Tode ihrer Männer mit so verzweifeltem

Muthe, daß man sie, wie Anghiera sagt, für Amazonenvölker hielt. Die

gehässigen Declamationen eines Dominicanermönchs (Thomas Hortiz) trugen

dazu bei, den Jammer zu verlängern, der auf ganzen Völkern lastete.

Indessen, und man spricht es mit Vergnügen aus, gab es auch beherzte

Männer, die mitten in den an den Caraiben verübten Greueln die Stimme

der Menschlichkeit und Gerechtigkeit hören ließen. Manche Geistliche

sprachen sich in entgegengesetztem Sinne aus, als sie Anfangs gethan. In

einem Jahrhundert, in dem man nicht hoffen durfte, die öffentliche

Freiheit auf bürgerliche Einrichtungen zu gründen, suchte man wenigstens

die persönliche Freiheit zu vertheidigen. »Es ist,« sagt Gomara im Jahr

1551, »ein heiliges Gesetz (lex sanctissima), durch das unser Kaiser

verboten hat, die Indianer zu Sklaven zu machen. Es ist gerecht, daß die

Menschen, die alle frei zur Welt kommen, nicht einer des andern Sklaven

werden.«

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 22 / 29 段