Wie oben bemerkt, verdankt Guyana seinen hohen Ruf als metallreiches

Land zum Theil dem Silberglanz des so häufig vorkommenden Glimmers. Der

Spitzberg Calitamini, der jeden Abend bei Sonnenuntergang in röthlichtem

Feuer strahlt, nimmt noch jetzt die Aufmerksamkeit der Einwohner von

Maypures in Anspruch. Eilande aus Glimmerschiefer im See Amucu steigern,

wie die Eingeborenen einem vorlügen, den Glanz der Nebelflecken am

Südhimmel. »Jeder Berg,« sagt Ralegh, »jeder Stein in den Wäldern am

Orinoco glänzt gleich edlen Metallen; ist das kein Gold, so ist es doch

madre del oro.« Er versichert Stufen von weißem goldhaltigem Quarz

(harde withe spar) mitgebracht zu haben, und zum Beweis, wie reich diese

Erze seyen, beruft er sich auf die von den Münzbeamten zu London

angestellten Versuche. Ich habe keinen Grund zu vermuthen, daß die

damaligen Scheidekünstler Königin Elisabeth täuschen wollten; ich will

Raleghs Andenken keineswegs zu nahe treten und mit seinen Zeitgenossen

argwöhnen, der goldhaltige Quarz, den er mitgebracht, sey gar nicht in

Amerika erhoben worden. Ueber Dinge, die in der Zeit so weit abliegen,

läßt sich kein Urtheil stillen. Der Gneiß der Küstenkette enthält Spuren

von edlen Metallen, und in den Gebirgen der Parime bei der Mission

Encaramada hat man hin und wieder Goldkörner gefunden. Wie sollte man

nach einem rein negativen Zeugnis, nach dem Umstand, daß wir auf einer

dreimonatlichen Reise keinen Gang gesehen, der am Ausgehenden goldhaltig

gewesen wäre, auf die absolute Taubheit der Urgebirgsarten in Guyana

schließen?

Um hier Alles zusammenzufassen, was die Regierung dieses Landes über

einen so lange bestrittenen Punkt aufzuklären im Stande ist, mache ich

einige allgemeinere geologische Bemerkungen. — Die Gebirge Brasiliens

liefern, trotz der zahlreichen Spuren von Erzlagern zwischen Sanct Paul

und Villarica, bis jetzt nur Waschgold. Von den 78,000 Mark Gold,[^136]

welche zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts jährlich aus Amerika in

den europäischen Handel geflossen sind, kommen mehr als sechs

Siebentheile nicht aus der hohen Cordillere der Anden, sondern aus dem

aufgeschwemmten Land östlich und westlich von den Cordilleren. Diese

Striche haben geringe Meereshöhe, wie die bei la Sonora (in Mexico), bei

Choco und Barbacoas (in Neu-Grenada), oder das Alluvium liegt auf

Hochebenen, wie im Innern Brasiliens.[^137] Ist es nun nicht

wahrscheinlich, daß andere goldhaltige Anschwemmungen der nördlichen

Halbkugel zu, bis an die Ufer des obern Orinoco und des Rio Negro,

streichen, deren Becken ja mit dem des Amazonenstroms zusammenfällt? Als

vom Dorado de Canelas, von dem der Omaguas und am Iquiare die Rede war,

bemerkte ich, daß alle Flüsse, welche von West her kommen, reichlich

Gold führen, und zwar sehr weit von den Cordilleren weg. Von Loxa bis

Popayan bestehen die Cordilleren abwechselnd aus Trachyt und aus

Urgebirge. Die Ebenen bei Zamora, Logroño und Macas (Sevilla del Oro),

der große Rio Napo mit seinen Nebenflüssen (dem Ansupi und dem Coca in

der Provinz Quixos), der Caqueta von Mocoa bis zum Einfluß des Fragua,

endlich alles Land zwischen Jaen de Bracamoros und dem Guaviare

behaupten noch immer ihren alten Ruf großen Metallreichthums. Weiter

gegen Ost, zwischen den Quellen des Guainia (Rio Negro), des Uaupes,

Iquiari und Jurubesh finden wir ein anderes unstreitig goldhaltiges

Gebiet. Hieher setzen Acuña und Pater Fritz ihre Laguna del oro, und

Manches, was ich in San Carlos aus dem Munde der portugiesischen

Amerikaner vernommen, macht vollkommen erklärlich, was La Condamine von

den Goldblechen erzählt, die bei den Eingeborenen gefunden worden. Gehen

wir vom Iquiari auf das linke Ufer des Rio Negro, so betreten wir ein

völlig unbekanntes Land zwischen dem Rio Branco, den Quellen des

Essequebo und den Gebirgen von portugiesisch Guyana. Acuña spricht vom

Golde, das die nördlichen Nebenflüsse des Amazonenstroms führen, wie der

Rio Trombetas (Oriximina), der Curupatuba und der Sitipape (Rio de

Paru). Alle diese Flüsse, und dieser Umstand scheint mir bemerkenswerth,

kommen von derselben Hochebene herab, auf deren nördlichem Abhang der

See Amucu, der Dorado Raleghs und der Holländer, der Isthmus zwischen

dem Rupunuri (Rupunuwini) und dem Rio Mahu liegen. Nichts streitet wider

die Annahme, daß aufgeschwemmtes goldhaltiges Land weit von den

Cordilleren der Anden nördlich vom Amazonenstrom vorkommt, wie südlich

von demselben in den Gebirgen Brasiliens. Die Caraiben am Carony, Cuyuni

und Essequebo haben von jeher im aufgeschwemmten Land Goldwäscherei im

Kleinen getrieben. Das Becken des Orinoco, des Rio Negro und des

Amazonenstroms wird nordwärts von den Gebirgen der Parime, südwärts von

denen von Minas Geraes und Matogrosso begrenzt. Häufig stimmen die

einander gegenüberliegenden Abhange desselben Thales im geologischen

Verhalten überein.

Ich habe in diesem Bande die großen Provinzen Venezuela und spanisch

Guyana beschrieben. Die Untersuchung ihrer natürlichen Grenzen, ihrer

klimatischen Verhältnisse und ihrer Produkte hat mich dazu geführt, den

Einfluß der Bodenbildung auf den Ackerbau, den Handel und den mehr oder

weniger langsamen Gang der gesellschaftlichen Entwicklung zu erörtern.

Ich habe nach einander die drei Zonen durchwandert, die von Nord nach

Süd, vom Mittelmeer der Antillen bis in die Wälder am obern Orinoco und

am Amazonenstrom hinter einander liegen. Hinter dem fruchtbaren

Uferstriche, dem Mittelpunkt des auf den Ackerbau gegründeten

Wohlstandes, kommen die von Hirtenvölkern bewohnten Steppen. Diese

Steppen sind wiederum begrenzt von der Waldregion, wo der Mensch, ich

sage nicht der Freiheit, die immer eine Frucht der Cultur ist, aber

einer wilden Unabhängigkeit genießt. Die Grenze dieser zwei letzteren

Zonen ist gegenwärtig der Schauplatz des Kampfes, der über die

Unabhängigkeit und das Wohl Amerikas entscheiden soll. Die Umwandlungen,

die bevorstehen, können den eigenthümlichen Charakter jeder Region nicht

verwischen; aber die Sitten und die ganzen Zustände der Einwohner müssen

sich gleichförmiger färben. Durch diese Rücksicht mag eine zu Anfang des

neunzehnten Jahrhunderts unternommene Reise einen Reiz weiter erhalten.

Gerne sieht man wohl in Einem Bilde neben einander die Schilderung der

civilisirten Völker am Meeresufer und der schwachen Ueberreste der

Eingeborenen am Orinoco, die von keinem andern Gottesdienste wissen,

außer der Verehrung der Naturkräfte, und, gleich den Germanen des

Tacitus, deorum nominibus appellant secretum illud, quod sola reverentia

vident.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

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Die Llanos del Pao oder des östlichen Strichs der Steppen von Venezuela.

— Missionen der Caraiben. — Letzter Aufenthalt auf den Küsten von Nueva

Barcelona, Cumana und Araya.

Es war bereits Nacht, als wir zum letztenmal über das Bett des Orinoco

fuhren. Wir wollten bei der Schanze San Rafael übernachten und dann mit

Tages Anbruch die Reise durch die Steppen von Venezuela antreten. Fast

sechs Wochen waren seit unserer Ankunft in Angostura verflossen; wir

sehnten uns nach der Küste, um entweder in Cumana oder in Nueva

Barcelona ein Fahrzeug zu besteigen, das uns auf die Insel Cuba und von

dort nach Mexico brächte. Nach den Beschwerden, die wir mehrere Monate

lang in engen Canoes auf von Mücken wimmelnden Flüssen durchgemacht,

hatte der Gedanke an eine lange Seereise für unsere Einbildungskraft

einen gewissen Reiz. Wir gedachten nicht mehr nach Südamerika

zurückzukommen. Wir brachten die Anden von Peru dem noch so wenig

bekannten Archipel der Philippinen zum Opfer und beharrten bei unserem

alten Plan, uns ein Jahr in Neuspanien aufzuhalten, mit der Galione von

Acapulco nach Manilla zu gehen und über Basora und Aleppo nach Europa

zurückzukehren. Wir dachten, wenn wir einmal die spanischen Besitzungen

in Amerika im Rücken hätten, könnte der Sturz eines Ministeriums, dessen

großherzigem Vertrauen ich so unbeschränkte Befugnisse zu danken hatte,

der Durchführung unseres Unternehmens nicht mehr hinderlich werden.

Lebhaft bewegten uns diese Gedanken während der einförmigen Reise durch

die Steppen. Nichts hilft so leicht über die kleinen Widerwärtigkeiten

des Lebens weg, als wenn der Geist mit der bevorstehenden Ausführung

eines gewagten Unternehmens beschäftigt ist.

Unsere Maulthiere warteten unser am linken Ufer des Orinoco. Durch die

Pflanzensammlungen und die geologischen Suiten, die wir seit Esmeralda

und dem Rio Negro mit uns führten, war unser Gepäck bedeutend stärker

geworden. Da es mißlich gewesen wäre, uns von unsern Herbarien zu

trennen, so mußten wir uns auf eine sehr langsame Reise durch die Llanos

gefaßt machen. Durch das Zurückprallen der Sonnenstrahlen vom fast

pflanzenlosen Boden war die Hitze ungemein stark. Indessen stand der

hunderttheilige Thermometer bei Tag doch nur auf 30 bis 34, bei Nacht

auf 27 bis 28 Grad. Wie fast überall unter den Tropen war es daher nicht

sowohl der absolute Hitzegrad als das Andauern derselben, was widrig auf

unsere Organe wirkte. Wir brauchten dreizehn Tage, um über die Steppen

zu kommen, wobei wir uns in den Missionen der Caraiben und in der

kleinen Stadt Pao etwas aufhielten. Ich habe oben[^138] das physische

Gemälde dieser unermeßlichen Ebenen entworfen, die zwischen den Wäldern

von Guyana und der Küstenkette liegen. Der östliche Strich der Llanos,

über den wir von Angostura nach Nueva Barcelona kamen, bietet denselben

öden Anblick wie der westliche, über den wir von den Thälern von Aragua

nach San Fernando am Apure gegangen waren. In der trockenen Jahreszeit,

welche hier Sommer heißt, obgleich dann die Sonne in der südlichen

Halbkugel ist, weht der Seewind in den Steppen von Cumana weit stärker

als in denen von Caracas; denn diese weiten Ebenen bilden, gleich den

angebauten Fluren der Lombardei, ein nach Ost offenes, nach Nord, Süd

und West durch hohe Urgebirgsketten geschlossenes Becken. Leider kam uns

dieser erfrischende Wind, von dem die Llaneros (die Steppenbewohner) mit

Entzücken sprechen, nicht zu gute. Nordwärts vom Aequator war Regenzeit;

in den Llanos selbst regnete es freilich nicht, aber durch den Wechsel

in der Abweichung der Sonne hatte das Spiel der Polarströmungen längst

aufgehört. In diesen Landstrichen am Aequator, wo man sich nach dem Zug

der Wolken orientiren kann, und wo die Schwankungen des Quecksilbers im

Barometer fast wie eine Uhr die Stunde weisen, ist Alles einem

regelmäßigen, gleichförmigen Typus unterworfen. Das Aufhören der

Seewinde, der Eintritt der Regenzeit und die Häufigkeit elektrischer

Entladungen sind durch unabänderliche Gesetze verknüpfte Erscheinungen.

Beim Einfluß des Apure in den Orinoco, am Berge Sacuima, hatten wir

einen französischen Landwirth getroffen, der unter seinen Heerden in

völliger Abgeschiedenheit lebte.[^139] Es war das der Mann, der in

seiner Einfalt glaubte, die politischen Revolutionen in der alten Welt

und die daraus entsprungenen Kriege rühren nur »vom langen Widerstande

der Observanten« her. Kaum hatten wir die Llanos von Neu-Barcelona

betreten, so brachten wir die erste Nacht wieder bei einem Franzosen zu,

der uns mit der liebenswürdigsten Gastfreundlichkeit aufnahm. Er war aus

Lyon gebürtig, hatte das Vaterland in früher Jugend verlassen und schien

sich um Alles, was jenseits des atlantischen Meeres, oder, wie man hier

für Europa ziemlich geringschätzig sagt, »auf der andern Seite der

großen Lache« (del otro lado del charco) vorgeht, sehr wenig zu kümmern.

Wir sahen unsern Wirth beschäftigt, große Holzstücke mittelst eines

Leims, der Guayca heißt, an einander zu fügen. Dieser Stoff, dessen sich

auch die Tischler in Angostura bedienen, gleicht dem besten aus dem

Thierreich gewonnenen Leim. Derselbe liegt ganz fertig zwischen Rinde

und Splint einer Liane aus der Familie der Combretaceen.[^140]

Wahrscheinlich kommt er in seinem chemischen Verhalten nahe überein mit

dem Vogelleim, einem vegetabilischen Stoff, der aus den Beeren der

Mistel und der innern Rinde der Stechpalme gewonnen wird. Man erstaunt,

in welcher Masse dieser klebrigte Stoff ausfließt, wenn man die

rankenden Zweige des Vejuco de Guayca abschneidet. So findet man denn

unter den Tropen in reinem Zustand und in besondern Organen abgelagert,

was man sich in der gemäßigten Zone nur auf künstlichem Wege verschaffen

kann.[^141]

Erst am dritten Tage kamen wir in die caraibischen Missionen am Cari.

Wir fanden hier den Boden durch die Trockenheit nicht so stark

aufgesprungen wie in den Llanos von Calabozo. Ein paar Regengüsse hatten

der Vegetation neues Leben gegeben. Kleine Grasarten und besonders jene

krautartigen Sensitiven, von denen das halbwilde Vieh so fett wird,

bildeten einen dichten Rasen. Weit auseinander standen hie und da Stämme

der Fächerpalme (Corypha tectorum), der Rhopala (Chaparro) und Malpighia

mit lederartigen, glänzenden Blättern. Die feuchten Stellen erkennt man

von weitem an den Büschen von Mauritia, welche der Sagobaum dieses

Landstrichs ist. Auf den Küsten ist diese Palme das ganze Besitzthum der

Guaraons-Indianer, und, was ziemlich auffallend ist, wir haben sie 160

Meilen weiter gegen Süd mitten in den Wäldern am obern Orinoco, auf den

Grasfluren um den Granitgipfel des Duida angetroffen. Der Baum hing in

dieser Jahreszeit voll ungeheurer Büschel rother, den Tannenzapfen

ähnlicher Früchte. Unsere Affen waren sehr lüstern nach diesen Früchten,

deren gelbes Fleisch schmeckt wie überreife Apfel. Die Thiere saßen

zwischen unserem Gepäck auf dem Rücken der Maulthiere und strengten sich

gewaltig an, um der über ihren Köpfen hängenden Büschel habhaft zu

werden. Die Ebene schwankte wellenförmig in Folge der

Luftspiegelung,[^142] und als wir nach einer Stunde Wegs diese

Palmstämme, die sich am Horizont wie Masten ausnahmen, erreichten, sahen

wir mit Ueberraschung, wie viele Dinge an das Daseyn eines einzigen

Gewächses geknüpft sind. Die Winde, vom Laub und den Zweigen im raschen

Zuge aufgehalten, häufen den Sand um den Stamm auf. Der Geruch der

Früchte, das glänzende Grün locken von weitem die Zugvögel her, die sich

gern auf den Wedeln der Palme wiegen. Ringsum vernimmt man ein leises

Rauschen. Niedergedrückt von der Hitze, gewöhnt an die trübselige Stille

der Steppe, meint man gleich einige Kühlung zu spüren, wenn sich das

Laub auch nur ein wenig rührt. Untersucht man den Boden an der Seite

abwärts vom Winde, so findet man ihn noch lange nach der Regenzeit

feucht. Insekten und Würmer[^143], sonst in den Llanos so selten, ziehen

sich hieher und pflanzen sich fort. So verbreitet ein einzeln stehender,

häufig verkrüppelter Baum, den der Reisende in den Wäldern am Orinoco

gar nicht beachtete, in der Wüste Leben um sich her.

Wir langten am 13. Juli im Dorfe Cari[^144] an, der ersten der

caraibischen Missionen, die unter den Mönchen von der Congregation der

Observanten aus dem Collegium von Piritu[^145] stehen. Wir wohnten, wie

gewöhnlich, im Kloster, das heißt beim Pfarrer. Wir hatten, außer den

Pässen des Generalcapitäns der Provinz, Empfehlungen der Bischöfe und

des Gardians der Missionen am Orinoco. Von den Küsten von

Neu-Californien bis Valdivia und an die Mündung des Rio de la Plata, auf

einer Strecke von 2000 Meilen, lassen sich alle Schwierigkeiten einer

langen Landreise überwinden, wenn man des Schutzes der amerikanischen

Geistlichkeit genießt. Die Macht, welche diese Körperschaft im Staate

ausübt, ist zu fest begründet, als daß sie in einer neuen Ordnung der

Dinge so bald erschüttert werden könnte. Unserem Wirth war

unbegreiflich, »wie Leute aus dem nördlichen Europa von den Grenzen von

Brasilien her, über Rio Negro und Orinoco, und nicht auf dem Wege von

Cumana her zu ihm kamen.« Er behandelte uns ungemein freundlich,

verläugnete indessen keineswegs die etwas lästige Neugier, welche das

Erscheinen eines nicht spanischen Europäers in Südamerika immer rege

macht. Die Mineralien, die wir gesammelt, mußten Gold enthalten; so

sorgfältig getrocknete Pflanzen konnten nur Arzneigewächse seyn. Hier,

wie in so vielen Ländern in Europa, meint man, die Wissenschaft sey nur

dann eine würdige Beschäftigung für den Geist, wenn dabei für die Welt

ein materieller Nutzen herauskomme.

Wir fanden im Dorfe Cari über 500 Caraiben und in den Missionen umher

sahen wir ihrer noch viele. Es ist höchst merkwürdig, ein Volk vor sich

zu haben, das, früher nomadisch, erst kürzlich an feste Wohnsitze

gefesselt worden und sich durch Körper- und Geisteskraft von allen

andern Indianern unterscheidet. Ich habe nirgends anderswo einen ganzen

so hochgewachsenen (5 Fuß 6 Zoll bis 5 Fuß 10 Zoll) und so colossal

gebauten Volksstamm gesehen. Die Männer, und dieß kommt in Amerika

ziemlich häufig vor, sind mehr bekleidet als die Weiber. Diese tragen

nur den Guayuco oder Gürtel in Form eines Bandes, bei den Männern ist

der ganze Untertheil des Körpers bis zu den Hüften in ein Stück

dunkelblauen, fast schwarzen Tuches gehüllt. Diese Bekleidung ist so

weit, daß die Caraiben, wenn gegen Abend die Temperatur abnimmt, sich

eine Schulter damit bedecken. Da ihr Körper mit Onoto bemalt ist, so

gleichen ihre großen, malerisch drapirten Gestalten von weitem, wenn sie

sich in der Steppe vom Himmel abheben, antiken Broncestatuen. Bei den

Männern ist das Haar sehr charakteristisch verschnitten, nämlich wie bei

den Mönchen oder den Chorknaben. Die Stirne ist zum Theil glatt

geschoren, wodurch sie sehr hoch erscheint. Ein starker, kreisrund

geschnittener Haarbüschel fängt erst ganz nahe am Scheitel an. Diese

Aehnlichkeit der Caraiben mit den Mönchen ist nicht etwa eine Folge des

Lebens in den Missionen; sie rührt nicht, wie man fälschlich behauptet

hat, daher, daß es die Eingeborenen ihren Herren und Meistern, den

Patres Franciskanern, gleich thun wollen. Die Stämme, die zwischen den

Quellen des Carony und des Rio Branco in wilder Unabhängigkeit

verharren, zeichnen sich durch eben diesen cerquillo de frailes aus, den

schon bei der Entdeckung von Amerika die frühesten spanischen

Geschichtschreiber den Völkern von caraibischem Stamme zuschrieben. Alle

Glieder dieses Stammes, die wir bei unserer Fahrt auf dem untern Orinoco

und in den Missionen von Piritu gesehen, unterscheiden sich von den

übrigen Indianern nicht allein durch ihren hohen Wuchs, sondern auch

durch ihre regelmäßigen Züge. Ihre Nase ist nicht so breit und platt,

ihre Backenknochen springen nicht so stark vor, der ganze

Gesichtsausdruck ist weniger mongolisch. Aus ihren Augen, die schwarzer

sind als bei den andern Horden in Guyana, spricht Verstand, fast möchte

man sagen Nachdenklichkeit. Die Caraiben haben etwas Ernstes in ihrem

Benehmen und etwas Schwermüthiges im Blick, wie die Mehrzahl der

Ureinwohner der neuen Welt. Der ernste Ausdruck ihrer Züge wird noch

bedeutend dadurch gesteigert, daß sie die Augbrauen mit dem Saft des

Caruto[^146] färben, sie stärker machen und zusammenlaufen lassen;

häufig machen sie fast im ganzen Gesicht schwarze Flecke, um grimmiger

auszusehen. Die Gemeindebeamten, der Governador und die Alcalden, die

allein das Recht haben, lange Stöcke zu tragen, machten uns ihre

Aufwartung. Es waren junge Indianer von achtzehn, zwanzig Jahren

darunter; denn ihre Wahl hängt einzig vom Gutdünken des Missionärs ab.

Wir wunderten uns nicht wenig, als uns an diesen mit Onoto bemalten

Caraiben das wichtig thuende Wesen, die gemessene Haltung, das kalte,

herabsehende Benehmen entgegentraten, wie man sie hin und wieder bei

Beamten in der alten Welt findet. Die caraibischen Weiber sind nicht so

kräftig und häßlicher als die Männer. Die Last der häuslichen Geschäfte

und der Feldarbeit liegt fast ganz auf ihnen. Sie baten uns dringend um

Stecknadeln, die sie in Ermanglung von Taschen unter die Unterlippe

steckten; sie durchstechen damit die Haut so, daß der Kopf der Nadel im

Munde bleibt. Diesen Brauch haben sie aus ihrem wilden Zustand mit

herübergenommen. Die jungen Mädchen sind roth bemalt und außer dem

Guayuco ganz nackt. Bei den verschiedenen Völkern beider Welten ist der

Begriff der Nacktheit nur ein relativer. In einigen Ländern Asiens ist

es einem Weibe nicht gestattet, auch nur die Fingerspitzen sehen zu

lassen, während eine Indianerin von caraibischem Stamme sich gar nicht

für nackt hält, wenn sie einen zwei Zoll breiten Guahuco trägt. Dabei

gilt noch diese Leibbinde für ein weniger wesentliches Kleidungsstück

als die Färbung der Haut. Aus der Hütte zu gehen, ohne mit Onoto gefärbt

zu seyn, wäre ein Verstoß gegen allen caraibischen Anstand.

Die Indianer in den Missionen von Piritu nahmen unsere Aufmerksamkeit

umso mehr in Anspruch, als sie einem Volke angehören, das durch seine

Kühnheit, durch seine Kriegszüge und seinen Handelsgeist auf die weite

Landstrecke zwischen dem Aequator und den Nordküsten bedeutenden Einfluß

geübt hat. Aller Orten am Orinoco hatten wir das Andenken an jene

feindlichen Einfälle der Caraiben lebendig gefunden; dieselben

erstreckten sich früher von den Quellen des Carony und des Erevato bis

zum Ventuari, Atacavi und Rio Negro.[^147] Die caraibische Sprache ist

daher auch eine der verbreitetsten in diesem Theile der Welt; sie ist

sogar (wie im Westen der Alleghanis die Sprache der Lenni-Lenepas oder

Algonkins und die der Natchez oder Muskoghees) auf Völker übergegangen,

die nicht desselben Stammes sind.

Ueberblickt man den Schwarm von Völkern, die in Süd- und Nordamerika

ostwärts von den Cordilleren der Anden hausen, so verweilt man

vorzugsweise bei solchen, die lange über ihre Nachbarn geherrscht und

auf dem Schauplatz der Welt eine wichtigere Rolle gespielt haben. Der

Geschichtschreiber fühlt das Bedürfniß, die Ereignisse zu gruppiren,

Massen zu sondern, zu den gemeinsamen Quellen so vieler Bewegungen und

Wanderungen im Leben der Völker zurückzugehen. Große Reiche, eine

förmlich organisirte priesterliche Hierarchie und eine Cultur, wie sie

auf den ersten Entwicklungsstufen der Gesellschaft durch eine solche

Organisation gefördert wird, fanden sich nur auf den Hochgebirgen im

Westen. In Mexico sehen wir eine große Monarchie, die zerstreute kleine

Republiken einschließt, in Cundinamarca und Peru wahre Priesterstaaten.

Befestigte Städte, Straßen und große steinerne Gebäude, ein merkwürdig

enttvickeltes Lehenssystem, Sonderung der Kasten, Männer- und

Frauenklöster, geistliche Brüderschaften mit mehr oder minder strenger

Regel, sehr verwickelte Zeiteintheilungen, die mit den Kalendern, den

Thierkreisen und der Astrologie der cultivirten asiatischen Völker

Verwandtschaft haben, all das gehört in Amerika nur einem einzigen

Landstrich an, dem langen und schmalen Streifen Alpenland, der sich vom

30.  Grad nördlicher bis zum 25. südlicher Breite erstreckt. In der

alten Welt ging der Zug der Völker von Ost nach West; nach einander

traten Basken oder Iberier, Kelten, Germanen und Pelasger auf. In der

neuen Welt gingen ähnliche Wanderungen in der Richtung von Nord nach

Süd. In beiden Halbkugeln richtete sich die Bewegung der Völker nach dem

Zug der Gebirge; aber im heißen Erdstrich wurden die gemäßigten

Hochebenen der Cordilleren von bedeutenderem Einfluß auf die Geschicke

des Menschengeschlechts, als die Gebirge in Centralasien und Europa. Da

nun nur civilisirte Völker eine eigentliche Geschichte haben, so geht

die Geschichte der Amerikaner in der Geschichte einiger weniger

Gebirgsvölker auf. Tiefes Dunkel liegt auf dem unermeßlichen Lande, das

sich vom Ostabhang der Cordilleren zum atlantischen Ocean erstreckt, und

gerade deßhalb nimmt Alles, was in diesem Lande auf das Uebergewicht

einer Nation über die andere, auf weite Wanderzüge, auf physiognomische,

fremde Abstammung verrathende Züge deutet, unser Interesse so lebhaft in

Anspruch.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 21 / 29 段