1595 und 1617. Nach all diesen vergeblichen Unternehmungen ließ der
Eifer, mit dem man den Dorado aufsuchte, allmählig nach. Fortan kam
keine Expedition mehr zu Stande, an der sich zahlreiche Colonisten
betheiligten, wohl aber Unternehmungen Einzelner, zu denen nicht selten
die Statthalter der Provinzen aufmunterten. Die Kunde vom Goldland der
Manoas-Indianer am Jurubesh und von der Laguna de oro die durch die
Reisen der Patres Acuña (1688) und Fritz (1637) in Umlauf kam, trugen
das Ihrige dazu bei, daß die Vorstellungen vom Dorado in den
portugiesischen und spanischen Colonien im Norden und Süden des
Aequators wieder rege wurden. In Cuença im Königreich Quito traf ich
Leute, die im Auftrag des Bischofs Marfil östlich von den Cordilleren
auf den Ebenen von Macas die Trümmer der Stadt Logroño, die in einem
goldreichen Lande liegen sollte, aufgesucht hatten. Aus dem schon
mehrmals erwähnten Tagebuche Hortsmanns ersehen wir, daß man im Jahr
1740 von holländisch Guyana her zum Dorado zu gelangen glaubte, wenn man
den Essequebo hinauffuhr. In Santo Thome de Angostura entwickelte der
Statthalter Don Manuel Centurion ungemeinen Eifer, um zum eingebildeten
See Manoa zu dringen. Arimuicaipi, ein Indianer von der Nation der
Ipurucotos, fuhr den Rio Carony hinab und entzündete durch lügenhafte
Berichte die Phantasie der spanischen Colonisten. Er zeigte ihnen am
Südhimmel die Magellanschen Wolken, deren weißlichtes Licht er für den
Widerschein der silberhaltigen Felsen mitten in der Laguna Parime
erklärte. Es war dieß eine sehr poetische Schilderung des Glanzes des
Glimmer- und Talkschiefers seines Landes. Ein anderer indianischer
Häuptling, bei den Caraiben am Essequebo als Capitän Jurado bekannt, gab
sich vergebliche Mühe, den Statthalter Centurion zu enttåuschen. Man
machte fruchtlose Versuche auf dem Caura und dem Rio Paragua. Mehrere
hundert Menschen kamen bei diesen tollen Unternehmungen elend ums Leben.
Die Geographie zog indessen einigen Nutzen daraus. Nicolas Rodriguez und
Antonio Santos wurden vom spanischen Statthalter auf diese Weise
gebraucht (1775 bis 1780). Letzterer gelangte auf dem Carony, dem
Paragua, dem Paraguamusi, dem Anocapra und über die Berge Pacaraimo und
Quimiropaca an den Uraricuera und den Rio Branco. Die Reisetagebücher
dieser abenteuerlichen Unternehmungen haben mir treffliche Notizen
geliefert.
Die Seekarten, welche der Florentiner Reisende Amerigo Vespucci[^131] in
den ersten Jahren des sechzehnten Jahrhunderts als piloto mayor der Casa
de Contratacion zu Sevilla entworfen, und auf die er, vielleicht in
schlauer Absicht, den Namen Terra de Amerigo gesetzt, sind nicht auf uns
gekommen. Die älteste geographische Urkunde des neuen Continents ist die
einer römischen Ausgabe des Ptolemäus vom Jahr 1508 beigegebene
Weltkarte des Johann Ruysch.[^132] Man erkennt darauf Yucatan und
Honduras (den südlichsten Theil von Mexico), die als eine Insel unter
dem Namen Culicar dargestellt sind. Eine Landenge von Panama ist nicht
vorhanden, sondern eine Meerenge, durch die man geradeaus von Europa
nach Indien fahren kann. Auf der großen südlichen Insel (Südamerika)
steht der Name Terra de Careas, die von zwei Flüssen, dem Rio Lareno und
dem Rio Formoso begrenzt ist. Diese Careas sind ohne Zweifel die
Einwohner von Caria, welchen Namen Cristoph Columbus bereits im Jahr
1498 vernommen hatte und mit dem lange Zeit ein großer Theil von Amerika
bezeichnet wurde. Der Bischof Geraldini sagt in einem Briefe an Pabst
Leo X. aus dem Jahr 1516 deutlich: »Insula illa, quae Europa et Asia est
major, quam indocti continentem Asiae appellant, et alii Americam vel
Pariam nuncupant.« Auf der Weltkarte von 1508 finde ich noch keine Spur
vom Orinoco. Dieser Strom erscheint zum erstenmal unter dem Namen Rio
dulce auf der berühmten Karte, die Diego Ribero, Kosmograph Kaiser Karls
V. im Jahr 1529 entworfen, und die Sprengel im Jahr 1795 mit einem
gelehrten Commentar herausgegeben hat. Weder Columbus (1498) noch Alonso
de Guda, bei dem Amerigo Vespucci war (1499), hatten die eigentliche
Mündung des Orinoco gesehen. Sie hatten dieselbe mit der nördlichen
Oeffnung des Meerbusens von Paria verwechselt, dem man, wie denn
Uebertreibungen der Art bei den Seefahrern jener Zeit so häufig
vorkommen, eine ungeheure Masse süßen Wassers zuschrieb. Vicente Yañez
Pinçon, nachdem er die Mündung des Rio Maragnon entdeckt, war auch der
Erste, der die Mündung des Orinoco sah (1500). Er nannte diesen Strom
Rio dulce, welcher Name sich seit Ribero lange auf den Karten erhalten
hat und zuweilen irrthümlich dem Maroni und dem Essequebo beigelegt
wurde.[^133]
Der große See Parime erscheint auf den Karten erst nach Raleghs erster
Reise. Jodocus Hondius war der Mann, der mit dem Jahr 1599 den
Vorstellungen der Geographen eine bestimmte Richtung gab und das Innere
von spanisch Guyana als ein völlig bekanntes Land darstellte. Der
Isthmus zwischen dem Rio Branco und dem Rio Rupunuwini (einem Nebenfluß
des Essequebo) wird von ihm in den 200 Meilen langen, 40 Meilen breiten
See Rupunuwini, Carime oder Dorado, zwischen dem 1°45′ südlicher und dem
2° nördlicher Breite verwandelt. Dieses Binnenmeer, größer als das
caspische Meer, wird bald mitten in ein gebirgigtes Land, ohne
Verbindung mit irgend einem andem Fluß, hineingezeichnet, bald läßt man
den Rio Oyapok (Waiapago, Joapoc, Vinpoco) und den Rio de Cayana daraus
entspringen. Der erstere Fluß wurde im achten Artikel des Utrechter
Vertrags mit dem Rio de Vicente Pinçon (Rio Calsoene oder Mayacari?)
verwechselt und blieb bis zum letzten Wiener Congreß der Gegenstand
endloser Streitigkeiten zwischen den französischen und den
portugiesischen Diplomaten. Der letztere ist eine chimärische
Verlängerung des Tonnegrande, oder aber des Oyac (Wia?). Das Binnenmeer
(Laguna Parime) wurde anfangs so gestellt, daß sein westliches Ende in
den Meridian des Zusammenflusses des Apure und des Orinoco fiel;
allmählig aber schob man es nach Ost vor, so daß das westliche Ende
südlich von den Mündungen des Orinoco zu liegen kam. Dieser Wechsel zog
auch Abänderungen in der respektiven Lage des Sees Parime und des Sees
Cassipa, so wie in der Richtung des Laufs des Orinoco nach sich. Diesen
großen Strom läßt man von seiner Mündung bis über den Meta hinauf,
gleich dem Magdalenenstrom, von Süd nach Nord laufen. Die Nebenflüsse,
die man aus dem See Cassipa kommen ließ, der Carony, der Arui und der
Caura, laufen damit in der Richtung eines Parallels, während sie in der
Wirklichkeit in der Richtung eines Meridians liegen. Außer dem Parime
und dem Cassipa gab man auf den Karten einen dritten See an, aus dem man
den Aprouague (Apurwaca) kommen ließ. Es war damals bei den Geographen
allgemeiner Brauch, alle Flüsse mit großen Seen in Verbindung zu
bringen. Auf diese Weise verband Ortelius den Nil mit dem Zaire oder Rio
Congo, die Weichsel mit der Wolga und dem Dnieper. Im nördlichen Mexiko,
in den angeblichen Königreichen Guivira und Cibola, die durch die Lügen
des Mönchs Marcos de Niza berühmt geworden, hatte man ein großes
Binnenmeer eingezeichnet, aus dem man den californischen Rio Colorado
entspringen ließ.[^134] Vom Rio Magdalena lief ein Arm in den See
Maracaybo, und der See Xarayes, in dessen Nähe man einen südlichen
Dorado setzte, stand mit dem Amazonenstrom, mit dem Miari (Meary) und
dem Rio San Francisco in Verbindung. Die meisten dieser hydrographischen
Träume sind verschwunden; nur die Seen Cassipa und Dorado haben sich
lange neben einander auf unsern Karten erhalten.
Verfolgt man die Geschichte der Geographie, so sieht man den Cassipa,
der als ein rechtwinklichtes Viereck dargestellt wird, sich allmählig
auf Kosten des Dorado vergrößern. Letzterer wurde zuweilen ganz
weggelassen, aber nie wagte man es, sich am ersteren zu vergreifen, der
nichts ist, als der durch periodische Ueberschwemmungen geschwellte Rio
Paragua (ein Nebenfluß des Carony). Als d’AnvilIe durch Solanos
Expedition in Erfahrung brachte, daß der Orinoco seine Quellen
keineswegs westwärts am Abhang der Anden von Pasto habe, sondern von
Osten her von den Gebirgen der Parime herabkomme, nahm er in der zweiten
Ausgabe seiner schönen Karte von Amerika (1760) die Laguna Parime wieder
auf und ließ sie ganz willkürlich durch den Mazuruni und den Cuyuni mit
drei Flüssen (dem Orinoco, dem Rio Branco und dem Essequebo) in
Verbindung stehen. Er verlegte sie unter den 3—4. Grad nördlicher
Breite, wohin man bisher den See Cassipa gesetzt hatte.
Der spanische Geograph la Cruz Olmedilla (1775) folgte d’Anvilles
Vorgang. Der alte, unter dem Aequator gelegene See Parime war vom
Orinoco ganz unabhängig; der neue, der an der Stelle des Cassipa und
wieder in der Gestalt eines Vierecks austrat, dessen längsten Seiten von
Süd nach Nord laufen,[^135] zeigt die seltsamsten hydraulischen
Verbindungen. Bei la Cruz entspringt der Orinoco, unter dem Namen Parime
und Puruma (Xuruma?) im gebirgigten Lande zwischen den Quellen des
Ventuari und des Caura (unter dem 5. Grad der Breite im Meridian der
Mission Esmeralda) aus einem kleinen See, der Ipava heißt. Dieser See
läge auf meiner Reisekarte nordöstlich von den Granitbergen von Cunevo,
woraus zur Genüge hervorgeht, daß wohl ein Nebenfluß des Rio Branco oder
des Orinoco daraus entspringen könnte, nicht aber der Orinoco selbst.
Dieser Rio Parime oder Puruma nimmt nach einem Lauf von 40 Meilen gegen
Ost-Nord-Ost und von 60 Meilen gegen Südost den Rio Mahu auf, den wir
bereits als einen der Hauptzweige des Rio Branco kennen; darauf läuft er
in den See Parime, den man 30 Meilen lang und 20 Meilen breit macht. Aus
diesem See entspringen unmittelbar drei Flüsse, der Rio Ucamu (Ocamo),
der Rio Idapa (Siapa) und der Rio Branco. Der Orinoco oder Puruma ist
als unterirdische Durchsickerung am Westabhang der Sierra Mei, welche
den See oder das weiße Meer gegen Westen begrenzt, gezeichnet. Diese
zweite Quelle des Orinoco liegt unter dem zweiten Grad nördlicher Breite
und 3½ Grad ostwärts vom Meridian von Esmeralda. Nachdem der neue Fluß
50 Meilen gegen West-Nord-West gelaufen, nimmt er zuerst den Ucamu auf,
der aus dem See Parime kommt, sodann den Rio Maquiritari (Padamo), der
zwischen dem See Ipava und einem andern Alpsee, von la Cruz Laguna
Cavija genannt, entspringt. Da See maypurisch Cavia heißt, so bedeutet
das Wort Laguna Cavia, wie Laguna Parime, nichts als Wasserbecken,
laguna de agua. Diese seltsame Flußzeichnung ist nun das Vorbild fast
für alle neueren Karten von Guyana geworden. Ein Mißverständniß, das aus
der Unkenntniß des Spanischen entsprang, hat der Karte des la Cruz, auf
der richtige Angaben mit systematischen, den alten Karten entnommenen
Vorstellungen vermengt sind, vollends großes Ansehen verschafft. Eine
punktirte Linie umgibt den Landstrich, über den Solano einige
Erkundigung hatte einziehen können; diese Linie hielt man nun für den
von Solano zurückgelegten Weg, so daß dieser das südwestliche Ende des
weißen Meeres gesehen haben müßte. Auf der Karte des la Cruz steht
geschrieben: »Dieser Weg bezeichnet, was vom Statthalter von Caracas,
Don Jose Solano, entdeckt und zur Ruhe gebracht worden ist.« Nun weiß
man aber in den Missionen, daß Solano nie über San Fernando de Atabapo
hinausgekommen ist, daß er den Orinoco ostwärts vom Einfluß des Guaviare
gar nicht gesehen, und daß er seine Nachrichten über diese Länder nur
von gemeinen Soldaten haben konnte, die der Sprachen der Eingeborenen
unkundig waren. Das Werk des Pater Caulin, der ja der Geschichtschreiber
der Expedition war, das Zeugniß Don Apollinarios Diaz de la Fuente und
Santos’ Reise thun zur Genüge dar, daß nie ein Mensch das weiße Meer des
la Cruz gesehen hat, das, wie aus den Namen der sich darein ergießenden
Flüsse hervorgeht, nichts ist als eine eingebildete Ausbreitung des
westlichen Zweigs des Rio Branco oberhalb des Einflusses des Tacutu und
des Uraricuera oder Rio Parime. Ließe man aber auch Angaben gelten,
deren Unrichtigkeit jetzt zur Genüge dargethan ist, so sähe man nach
allgemein anerkannten hydrographischen Grundsätzen nicht ein, mit
welchem Recht der See Ipava die Quelle des Orinoco heißen könnte. Wenn
ein Fluß in einen See fällt und von diesem selben Wasserbecken drei
andere abgehen, so weiß man nicht, welchem von diesen man den Namen des
ersteren beilegen soll. Noch viel weniger ist es zu rechtfertigen, wenn
der Geograph denselben Namen einem Flusse läßt, dessen Quelle durch eine
hohe Bergkette vom See getrennt ist, und der durch Durchsickerung
unterirdisch entstanden seyn soll.
Vier Jahre nach der großen Karte von la Cruz Olmedilla erschien das Werk
des Pater Caulin, der die Grenzexpedition mitgemacht hatte. Das Buch
wurde 1759 am Ufer des Orinoco selbst geschrieben, und nur einige
Anmerkungen wurden später in Europa beigefügt. Der Verfasser, ein
Franciskaner von der Congregation der Observanten, zeichnet sich durch
seine Aufrichtigkeit aus und an kritischem Geist ist er allen seinen
Vorgångem überlegen. Er selbst ist nicht über den großen Katarakt bei
Atures hinausgekommen, aber Alles, was Solano und Ituriaga Wahres und
Schwankendes zusammengebracht, stand zu seiner Verfügung. Zwei Karten,
die Pater Caulin im Jahr 1756 entworfen, wurden von Surville, einem
Archivbeamten beim Staatssekretariat, in Eine zusammengezogen und nach
angeblichen Entdeckungen vervollständigt (1778). Schon oben, als von
unserem Aufenthalt in Esmeralda (dem den unbekannten Quellen des Orinoco
zunächst gelegenen Punkte) die Rede war, habe ich bemerkt, wie
willkürlich man bei diesen Abänderungen zu Werke ging. Sie gründeten
sich auf die lügenhaften Berichte, mit denen man die Leichtgläubigkeit
des Statthalters Centurion und Don Apollinarios Diaz de la Fuente, eines
Kosmographen, der weder Instrumente, noch Kenntnisse, noch Bücher hatte,
Tag für Tag bediente.
Das Tagebuch Pater Caulins steht mit der Karte, die demselben beigegeben
ist, in fortwährendem Widerspruch. Der Verfasser setzt die Umstände aus
einander, welche zu der Fabel vom See Parime Anlaß gegeben haben; aber
die Karte bringt diesen See auch wieder, nur schiebt sie ihn weit weg
von den Quellen des Orinoco, ostwärts vom Rio Branco. Nach Pater Caulin
heißt der Orinoco Rio Maraguaca unter dem Meridian des Granitberges
dieses Namens, der auf meiner Reisekarte gezeichnet ist. »Es ist
vielmehr ein Bergstrom als ein Fluß; er kommt zugleich mit dem Rio
Omaguaca und dem Macoma, unter 2½ Grad der Breite, aus dem kleinen See
Cabiya.« Dieß ist der See, aus dem la Cruz den Maquiritari (Padamo)
entspringen läßt und den er unter 5½ Grad der Breite, nördlich vom See
Ipava, setzt. Die Existenz von Caulins Rio Macoma scheint sich auf ein
verworrenes Bild der Flüsse Padamo, Ocamo und Matacona zu gründen, von
denen man vor meiner Reise glaubte, sie stehen mit einander in
Verbindung. Vielleicht gab auch der See, aus dem der Mavaca kommt (etwas
westlich vom Amaguaca) Anlaß zu diesen Irrthümern hinsichtlich des
Ursprungs des Orinoco und der Quellen des Idapa in der Nähe.
Surville setzt unter 2°10′ der Breite an die Stelle des Sees Parime des
la Cruz einen andern See ohne Namen, der nach ihm die Quelle des Ucamu
(Ocamo) ist. In der Nähe dieses Alpsees entspringen aus derselben Quelle
der Orinoco und der Idapa, ein Nebenfluß des Cassiquiare. Der See Amucu,
die Quelle des Mahu, wird zum Mar Dorado oder zur Laguna Parime
erweitert. Der Rio Branca hängt nur noch durch zwei seiner schwächsten
Nebenflüsse mit dem Wasserbecken zusammen, aus dem der Ucamu kommt. Aus
dieser rein hypothetischen Anordnung ergibt sich, daß der Orinoco aus
keinem See entspringt und daß die Quellen desselben vom See Parime und
dem Rio Branco durchaus unabhängig find. Trotz der sich gabelnden Quelle
ist das hydrographische System der Surville’schen Karte nicht so
abgeschmackt als das auf der Karte des la Cruz. Wenn die neueren
Geographen sich so lange beharrlich an die spanischen Karten gehalten
haben, ohne dieselben mit einander zu vergleichen, so erscheint es doch
auffallend, daß sie nicht wenigstens der neuesten Karte den Vorzug
gegeben haben, der Surville’schen, die auf königliche Kosten und auf
Befehl des Ministers für Indien, Don Jose de Galvez, erschienen ist.
Ich habe hiermit, wie ich eben ungebändigt, die wechselnden Gestalten
entwickelt, welche die geographischen Irrthümer zu verschiedenen Zeiten
angenommen. Ich habe auseinandergesetzt, wie die Bodenbildung, der Lauf
der Ströme, die Namen der Nebenflüsse und die zahlreichen Trageplätze
zur Annahme eines Binnenmeers im Herzen von Guyana führen konnten. So
trocken Erörterungen der Art seyn mögen, für unnütz und unfruchtbar darf
man sie nicht halten. Man ersieht daraus, was Alles die Reisenden noch
zu entdecken haben; sie stellen uns vor Augen, welcher Grad von
Zuverlåßigkeit lange Zeit wiederholten Behauptungen zukommt. Es verhält
sich mit den Karten wie mit den Tafeln astronomischer Positionen in
unsern für die Seefahrer bestimmten Ephemeriden. Von lange her ist zu
ihrer Entwerfung das verschiedenartigste Material zusammengetragen
worden, und zöge man nicht die Geschichte der Geographie zu Rathe, so
wäre später so gut wie gar nicht auszumitteln, auf welcher Autorität
jede einzelne Angabe beruht.
Ehe ich den Faden meiner Erzählung wieder aufnehme, habe ich noch einige
allgemeine Bemerkungen über die goldhaltigen Gebirgsarten zwischen dem
Amazonenstrom und dem Orinoco beizubringen. Wir haben dargethan, daß der
Mythus vom Dorado, gleich den berühmtesten Mythen der Völker der alten
Welt, nach einander auf verschiedene Oertlichkeiten bezogen worden ist.
Wir haben denselben von Südwest nach Nordost, vom Ostabhang der Anden
gegen die Ebenen am Rio Branco und Essequebo vorrücken sehen, ganz in
der Richtung, in der die Caraiben seit Jahrhunderten ihre Kriegs- und
Handelszüge machten. Man sieht leicht, wie das Gold von den Cordilleren
von Hand zu Hand durch eine Menge Völkerschaften bis an das Küstenland
von Guyana gelangen konnte; waren doch, lange bevor der Pelzhandel
englische, russische und amerikanische Schiffe an die Nordwestküsten von
Amerika zog, eiserne Werkzeuge von Neumexico und Canada bis über die
Rocky Mountains gewandert. In Folge eines Irrthums in der Länge, dessen
Spuren man auf sämmtlichen Karten des sechzehnten Jahrhunderts begegnet,
nahm man die goldführenden Gebirge von Peru und Neu-Grenada weit näher
bei den Mündungen des Orinoco und des Amazonenstromes an, als sie in
Wirklichkeit sind. Es ist einmal Sitte bei den Geographen, neu entdeckte
Länder übermäßig zu vergrößern und ins Breite zu ziehen. Auf der Karte
von Peru, welche Paulo di Forlani in Verona herausgab, liegt die Stadt
Quito 400 Meilen von der Küste der Südsee unter dem Meridian von Cumana;
die Cordillere der Anden füllt fast die ganze Oberfläche des spanischen,
französischen und holländischen Guyana aus. Diese falsche Ansicht von
der Breite der Anden ist ohne Zweifel im Spiel, wenn man den
granitischen Ebenen am Ostabhang derselben so große Wichtigkeit
zugeschrieben hat. Da man die Nebenflüsse des Amazonenstroms und des
Orinoco, oder (wie Raleghs Unterbefehlshaber aus Schmeichelei für ihren
Obern sagten) des Rio Raleana beständig verwechselte, so bezog man auf
diesen alle Sagen, die einem über den Dorado von Quixos, über die
Omaguas und Manoas zu Ohren gekommen. Nach des Geographen Hondius
Annahme lagen die durch ihre Chinawälder berühmten Anden von Loxa nur 20
Meilen vom See Parime und dem Ufer des Rio Branco. Bei dieser Nähe
erschien die Kunde, daß sich der Inca in die Wälder von Guyana
geflüchtet, und daß die Schätze aus Cuzco in die östlichsten Striche von
Guyana geschafft worden, glaubwürdig. Fuhr man den Meta oder den
Amazonenstrom hinauf, so sah man allerdings zwischen dem Puruz, dem
Jupura und dem Iquiari die Eingeborenen civilisirter werden. Man fand
dort Amulette und kleine Götzenbilder aus gegossenem Gold, künstlich
geschnitzte Stühle und dergleichen; aber von solchen Spuren einer
aufkeimenden Cultur zu den Städten und steinernen Häusern, wie Ralegh
und seine Nachfolger sie beschreiben, ist ein großer Sprung. Wir haben
ostwärts von den Cordilleren, in der Provinz Jaen de Bracamoros, auf dem
Wege von Loxa an den Amazonenstrom herab, die Trümmer großer Gebäude
gezeichnet; bis hieher waren die Incas mit ihren Waffen, mit ihrer
Religion und mit ihren Künsten vorgedrungen. Die sich selbst
überlassenen Eingeborenen am Orinoco waren vor der Eroberung etwas
civilisirter als jetzt die unabhängigen Horden. Sie hatten dem Flusse
entlang volkreiche Dörfer und standen mit südlicher wohnenden Völkern in
regelmäßigem Handelsverkehr; aber nichts weist darauf hin, daß sie je
ein steinernes Gebäude errichtet hätten. Wir haben auf unserer ganzen
Flußfahrt nie die Spur eines solchen gesehen.
Obgleich nun aber spanisch Guyana seinen Ruf, ein reiches Land zu seyn,
großentheils seiner geographisehen Lage und den Irrthümern der alten
Karten zu danken hat, so ist man deßhalb doch nicht zu der Behauptung
berechtigt, daß auf diesem Flächenraum von 82,000 Quadratmeilen zwischen
dem Orinoco und dem Amazonenstrom, ostwärts von den Anden von Quito und
Neu-Grenada, gar keine goldhaltige Gebirgsart vorkomme. Soweit ich
dieses Land zwischen dem 2. und 8. Grad der Breite und dem 66. und
71. Grad der Länge kennen gelernt habe, besteht es durchgängig aus
Granit und aus einem Gneiß, der in Glimmerschiefer und Talkschiefer
übergeht. Diese Gebirgsarten kommen in den hohen Gebirgen der Parime,
wie in den Niederungen am Atabapo und Cassiquiare zu Tage. Der Granit
überwiegt über die andern Gebirgsarten, und wenn auch der Granit von
alter Formation überall fast durchgängig keine Golderze enthält, so ist
daraus doch nicht zu folgern, daß der Granit der Parime gar keinen Gang,
keine Schicht goldhaltigen Quarzes einschließe. Ostwärts vom
Cassiquiare, den Quellen des Orinoco zu, sahen wir dergleichen Schichten
und Gänge häufiger auftreten. Nach seinem Bau, nach der Beimischung von
Hornblende und andern gleich bedeutsamen geologischen Merkmalen scheint
mir der Granit in diesem Landstrich von neuerer Formation zu seyn,
vielleicht jünger als der Gneiß und analog den zinnhaltigen Graniten,
den Hyalomicten und Pegmatiten. Die jüngeren Granite sind nun aber nicht
so arm an Metallen, und manche goldführende Flüsse und Bäche in den
Anden, im Salzburgschen, im Fichtelgebirge und auf der Hochebene beider
Castilien machen es wahrscheinlich, daß diese Granite hin und wieder
gediegenes Gold und in der ganzen Gebirgsmasse goldhaltigen Schwefelkies
und Bleiglanz eingesprengt enthalten, wie Zinn, Magneteisenstein und
Eisenglimmer. Der Bergstock der Parime, in dem mehrere Gipfel 1300
Toisen Meereshöhe erreichen, war vor unserer Reise an den Orinoco fast
ganz unbekannt, und doch ist er gegen hundert Meilen lang und achtzig
breit, und wenn er auch überall, wo Bonpland und ich darüber gekommen
sind, uns in seinem Bau sehr gleichförmig schien, so läßt sich doch
keineswegs behaupten, daß nicht im Innern dieses gewaltigen Bergstocks
sehr metallreiche Glimmerschiefer und Uebergangsgebirgsarten dem Granit
aufgelagert seyn könnten.