Ich habe bis jetzt aus geographischem Gesichtspunkt die Reisen

besprochen, welche auf dem Orinoco und gegen West und Süd an den

Ostabhang der Anden unternommen wurden, bevor sich die Sage vom Dorado

unter den Conquistadoren verbreitet hatte. Diese Sage stammt, wie wir

oben angeführt, aus dem Königreich Quito, wo Luis Daça im Jahr 1535

einen Indianer aus Neu-Grenada traf, der von seinem Fürsten (ohne

Zweifel vom Zippa von Bogota oder vom Zaque von Tunja) abgesandt war, um

von Atahualpa, dem Inca von Peru, Kriegshülfe zu erbitten. Dieser

Abgesandte pries, wie gewöhnlich, die Schätze seiner Heimath; was aber

den Spaniern, die mit Daça in der Stadt Tacunga (Llactaconga) waren,

ganz besonders auffiel, das war die Geschichte von einem vornehmen Mann,

»der, den Körper mit Goldstaub bedeckt, in einen See mitten im Gebirge

ging.« Dieser See könnte die Laguna de Totta, etwas ostwärts von

Sogamozo (Iraca) und Tunja (Hunca) seyn, wo das geistliche und das

weltliche Haupt des Reiches Cundinamarca oder Cundirumarca ihren Sitz

hatten; da sich aber keinerlei geschichtliche Erinnerung an diesen See

knüpft, so glaube ich vielmehr, daß mit dem, in welchen man den

vergoldeten großen Herrn gehen ließ, der heilige See Guatavita, ostwärts

von den Steinsalzgruben von Zipaquira, gemeint ist. Ich sah am Rande

dieses Wasserbeckens die Reste einer in den Fels gehauenen Treppe, die

bei den gottesdienstlichen Waschungen gebraucht wurde. Die Indianer

erzählen, man habe Goldstaub und Goldgeschirr hineingeworfen, als Opfer

für die Götzen des adoratorio de Guatavita. Man sieht noch die Spuren

eines Einschnitts, den die Spanier gemacht, um den See trocken zu legen.

Da der Sonnentempel von Sogamozo den Nordküsten von Terra Firma ziemlich

nahe liegt, so wurden die Vorstellungen vom vergoldeten Mann bald auf

einen Oberpriester von der Sekte des Bochica oder Idacanzas

übergetragen, der sich gleichfalls jeden Morgen, um das Opfer zu

verrichten, auf Gesicht und Hände, nachdem er dieselben mit Fett

eingerieben, Goldstaub kleben ließ. Nach andern Nachrichten, die in

einem Schreiben Oviedos an den berühmten Cardinal Bembo aufbehalten

sind, suchte Gonzalo Pizarro, als er den Landstrich entdeckte, wo die

Zimmtbäume wachsen, zugleich »einen großen Fürsten, von dem hier zu

Lande viel die Rede geht, der immer mit Goldstaub überzogen ist, so daß

er vom Kopf zum Fuß aussieht wie una figura. d’oro lavorata di mano d’un

buonissimo orifice. Der Goldstaub wird mittelst eines wohlriechenden

Harzes am Leibe befestigt; da aber diese Art Anzug ihm beim Schlafen

unbequem wäre, so wascht sich der Fürst jeden Abend und läßt sich

Morgens wieder vergolden, welches beweist, daß das Reich des Dorado

ungemein viele Goldgruben haben muß.« Es ist ganz wohl anzunehmen, daß

unter den von Bochica eingeführten gottesdienstlichen Ceremonien eine

war, die zu einer so allgemein verbreiteten Sage Anlaß gab. Fand man

doch in der neuen Welt die allerwunderlichsten Gebräuche. In Mexico

bemalten sich die Opferpriester den Körper; ja sie trugen eine Art

Meßgewand mit hängenden Aermeln aus gegerbter Menschenhaut. Ich habe

Zeichnungen derselben bekannt gemacht, die von den alten Einwohnern von

Anahuac herrühren und in ihren gottesdienstlichen Büchern aufbehalten

sind.

Am Rio Caura und in andern wilden Landstrichen von Guyana, wo der Körper

bemalt statt tätowirt wird, reiben sich die Eingeborenen mit

Schildkrötenfett ein und kleben sich metallisch glänzende, silberweiße

und kupferrothe Glimmerblättchen auf die Haut. Von weitem sieht dieß

aus, als trügen sie mit Borten besetzte Kleider. Der Sage vom

vergoldeten Mann liegt vielleicht ein ähnlicher Brauch zu Grunde, und da

es in Neu-Grenada zwei souveräne Fürsten gab,[^124] den Lama in Iraca

und das weltliche Oberhaupt oder den Zaque in Tunja, so ist es nicht zu

verwundern, daß dasselbe Ceremoniell bald dem König, bald dem

Oberpriester zugeschrieben wird. Auffallender erscheint es, daß man vom

Jahr 1535 an das Land des Dorado ostwärts von den Anden gesucht hat.

Robertson nimmt in seiner Geschichte des neuen Continents an, die Sage

sey zuerst Orellana (1540) am Amazonenstrom zu Ohren gekommen; aber das

Buch des Fray Pedro Simon, dem Quesadas, des Eroberers von Cundirumarca,

Aufzeichnungen zu Grunde liegen, beweist das Gegentheil, und bereits im

Jahr 1536 suchte Gonzalo Diaz de Pineda den vergoldeten Mann jenseits

der Niederungen der Provinz Quixos. Der Gesandte aus Bogota, den Daça im

Königreich Quito angetroffen, hatte von einem ostwärts gelegenen Lande

gesprochen; that er etwa so, weil die Hochebene von Neu-Grenada nicht

nordwärts, sondern nordostwärts von Quito liegt? Man sollte meinen, die

Sage von einem nackten, mit Goldstaub überzogenen Mann müßte

ursprünglich in einem heißen Lande zu Hause seyn, und nicht auf den

kalten Hochebenen von Cundirumarca, wo ich den Thermometer oft unter 4

oder 5 Grad fallen sah; indessen ist das Klima in Folge der

ungewöhnlichen Bodenbildung auch in Guatavita, Tunja, Iraca und am Ufer

des Sogamozo sehr verschieden. Nicht selten behält man gottesdienstliche

Gebräuche bei, die aus einem andern Erdstrich herrühren, und nach alten

Sagen ließen die Muyscas ihren ersten Gesetzgeber und Stifter ihres

Gottesdienstes, Bochica, aus den Ebenen ostwärts von den Cordilleren

herkommen. Ich lasse unentschieden, ob diese Sagen auf einer

geschichtlichen Thatsache beruhten oder ob damit, wie schon oben

bemerkt, nur angedeutet seyn sollte, daß der erste Lama, der Sohn und

Sinnbild der Sonne ist, nothwendig aus Ländern gegen Aufgang gekommen

seyn müsse. Wie dem sey, so viel ist gewiß, der Ruf, den der Orinoco,

der Meta und die Provinz Papamene zwischen den Quellen des Guaviare und

Caqueta durch die Expeditionen des Ordaz, Herera und Georgs von Speier

bereits erlangt, trug dazu bei, die Sage vom Dorado in der Nähe des

Ostabhangs der Cordilleren zu fixiren.

Daß auf der Hochebene von Neu-Grenada drei Heerhaufen zusammentrafen,

machte, daß sich in ganz Amerika, so weit es von den Spaniern besetzt

war, die Kunde von einem noch zu erobernden reichen, stark bevölkerten

Lande verbreitete. Sebastian de Belalcazar zog von Quito über Popayan

nach Bogota (1536); Nicolaus Federmann kam von Venezuela, von Ost her

über die Ebenen am Meta. Diese beiden Anführer trafen auf der Hochebene

von Cundirumarca bereits den vielberufenen Adelantado Gonzalo Ximenes de

Quesada, von dem ich einen Nachkommen bei Zipaquira barfuß das Vieh habe

hüten sehen. Das zufällige Zusammentreffen der drei Conquistadoren,

eines der merkwürdigsten und dramatischsten Ereignisse in der Geschichte

der Eroberung, fand im Jahr 1538 statt. Belalcazar erhitzte durch seine

Berichte die Phantasie abenteuerlustiger Krieger; man verglich, was der

Indianer aus Tacunga Luis Daça erzählt, mit den verworrenen

Vorstellungen von den Schätzen eines großen einäugigen Königs und von

einem bekleideten, auf Lamas reitenden Volke, die Ordaz vom Meta

mitgebracht. Pedro de Limpias, ein alter Soldat, der mit Federmann auf

der Hochebene von Bogota gewesen war, brachte die erste Kunde vom Dorado

nach Coro, wo das Andenken an die Expedition Georgs von Speier (1535—37)

an den Rio Papamene noch ganz frisch war. Von dieser selben Stadt Coro

aus unternahm auch Felipe de Hutten (Urre, Utre) seine vielberufene

Reise in das Gebiet der Omaguas, während Pizarro, Orellana und Hernan

Perez de Quesada, der Bruder des Adelantado, das Goldland am Rio Napo,

längs des Amazonenstroms und in der östlichen Kette der Anden von

Neu-Grenada suchten. Die Eingeborenen, um ihrer unbequemen Gäste los zu

werden, versicherten aller Orten, zum Dorado sey leicht zu kommen, und

zwar ganz in der Nähe. Es war wie ein Phantom, das vor den Spaniern

entwich und ihnen beständig zurief. Es liegt in der Natur des flüchtigen

Erdenbewohners, daß er das Glück in der unbekannten Weite sucht. Der

Dorado, gleich dem Atlas und den hesperischen Inseln, rückte allgemach

vom Gebiet der Geographie auf das der Mythendichtung hinüber.

Die vielfachen Unternehmungen zur Aufsuchung dieses eingebildeten Landes

zu erzählen, liegt nicht in meiner Absicht. Ohne Zweifel verdankt man

denselben großentheils die Kenntniß vom Innern Amerikas; sie leisteten

der Geographie Dienste, wie ja der Irrthum oder gewagte Theorien nicht

selten zur Wahrheit führen; aber in der vorliegenden Erörterung kann ich

mich nur bei den Umständen aufhalten, die auf die Entwerfung der alten

und neuen Karten unmittelbar Einfluß gehabt haben. Hernan Perez de

Quesada suchte nach der Abreise seines Bruders, des Adelantado, nach

Europa von neuem (1539), dießmal aber im Berglande nordöstlich von

Bogota, den Sonnentempel (Casa del sol), von dem Geronimo de Ortal

(1536) am Meta hatte sprechen hören. Der von Bochica eingeführte

Sonnendienst und der hohe Ruf des Heiligthums zu Iraca oder Sogamozo

gaben Anlaß zu jenen verworrenen Gerüchten von Tempeln und Götzenbildern

aus massivem Golde; aber auf den Bergen wie in den Niederungen glaubte

man immer weit davon zu seyn, weil die Wirklichkeit den chimärischen

Träumen der Einbildungskraft so wenig entsprach. Francisco de Orellana

fuhr, nachdem er mit Pizarro den Dorado in der Provincia de los canelos

und an den goldhaltigen Ufern des Napo vergebens gesucht, den großen

Amazonenstrom hinunter (1540). Er fand dort zwischen den Mündungen des

Javari und des Rio de la Trinidad (Yupura?) einen goldreichen

Landstrich, genannt Machiparo (Muchifaro), in der Nähe des Aomaguas oder

Omaguas. Diese Kunde trug dazu bei, daß der Dorado südostwärts verlegt

wurde, denn Omaguas (Om-aguas, Aguas), Dit-Aguas und Papamene waren

Benennungen für dasselbe Land, für das, welches Georg von Speier auf

seinem Zuge an den Caqueta entdeckt hatte. Mitten auf den Niederungen

nordwärts vom Amazonenstrom wohnten die Omaguas, die Manaos oder Manoas

und die Guaypes (Uaupes oder Guayupes), drei mächtige Völker, deren

letzteres, dessen Wohnsitze westwärts am Guaupe oder Uaupe liegen, schon

in den Reiseberichten Quesadas und Huttens erwähnt wird. Diese beiden in

der Geschichte Amerikas gleich berühmten Conquistadoren kamen auf

verschiedenen Wegen in die Llanos von San Juan, die damals Valle de

Nuestra Señora hießen. Hernan Perez de Quesada ging (1541) über die

Cordilleren von Cundirumarca, wahrscheinlich zwischen den Paramos

Chingasa und Suma Paz, während Felipe de Hutten, in Begleitung Pedros de

Limpias (desselben, der von den Hochebenen von Bogota die erste Kunde

vom Dorado nach Venezuela gebracht hatte) von Nord nach Süd den Weg

einschlug, auf dem Georg von Speier am Ostabhang der Gebirge hingezogen

war. Hutten brach von Coro, dem Hauptsitz der deutschen Faktorei oder

Gesellschaft der Welser auf, als Heinrich Remboldt an der Spitze

derselben stand. Nachdem er über die Ebenen am Casanare, Meta und Caguan

gezogen (1541), kam er an den obern Guaviare (Guayuare), den man lange

für den Ursprung des Orinoco gehalten hat und dessen Mündung ich auf dem

Wege von San Fernando de Atabapo an den Rio Negro gesehen habe. Nicht

weit vom rechten Ufer des Guaviare kam Hutten in die Stadt der Guaypes,

Macatoa. »Das Volk daselbst trug Kleider, die Felder schienen gut

angebaut, alles deutete auf eine Cultur, die sonst diesem heißen

Landstrich im Osten der Cordilleren fremd war. Wahrscheinlich war Georg

von Speier bei seinem Zuge an den Rio Caqueta und in die Provinz

Papamene weit oberhalb Macatoa über den Guaviare gegangen, bevor die

beiden Zweige dieses Flusses, der Ariari und der Guayavero, sich

vereinigen. Hutten erfuhr, auf dem Wege weiter nach Südost komme er auf

das Gebiet der großen Nation der Omaguas, deren Priester-König Quareca

heiße und große Heerden von Llamas besitze. Diese Spuren von Cultur,

diese alten Verbindungen mit der Hochebene von Quito scheinen mir sehr

bemerkenswerth. Wir haben schon oben erwähnt, daß Orellana bei einem

indianischen Häuptling am Amazonenstrom Llamas gesehen, und daß Ordaz

auf den Ebenen am Meta davon hatte sprechen hören.

Ich halte mich nur an das, was in das Bereich der Geographie fällt, und

beschreibe weder nach Hutten jene unermeßlich große Stadt, die er von

weitem gesehen, noch das Gefecht mit den Omaguas, wobei 39 Spanier

(ihrer 14 sind in den Nachrichten aus jener Zeit namentlich aufgeführt)

mit 15,000 Indianern zu thun hatten. Diese lügenhaften Berichte haben

zur Ausschmückung der Sage vom Dorado sehr viel beigetragen. Der Namen

der Stadt der Omaguas kommt in Huttens Bericht nicht vor, aber die

Manoas, von denen Pater Fritz noch im siebzehnten Jahrhundert in seiner

Mission Yurimaguas Goldbleche erhielt, sind Nachbarn der Omaguas. Später

wurde der Namen Manoa aus dem Lande der Amazonen auf eine eingebildete

Stadt im Dorado der Parime übergetragen. Der bedeutende Ruf, in dem die

Länder zwischen dem Caqueta (Papamene) und Guaupe (einem Nebenfluß des

Rio Negro) standen, veranlaßte (1560) Pedro de Ursua zu der unheilvollen

Expedition, welche mit der Empörung des Tyrannen Aguirre[^125] endigte.

Als er den Caqueta hinabfuhr, um sofort in den Amazonenstrom zu

gelangen, hörte Ursua von der Provinz Caricuri sprechen. Diese Benennung

weist deutlich auf das Goldland hin, denn, wie ich sehe, heißt Gold auf

tamanakisch Caricuri, auf caraibisch Carucuru. Sollte der Ausdruck für

Gold bei den Völkern am Orinoco ein Fremdwort seyn, wie Zucker und Coton

in den europäischen Sprachen? Dieß wiese wohl darauf hin, daß diese

Völker die edlen Metalle mit den fremden Erzeugnissen haben kennen

lernen, die ihnen von den Cordilleren[^126] oder von den Ebenen am

Ostabhang der Anden zugekommen.

Wir kommen jetzt zum Zeitpunkt, wo der Mythus vom Dorado sich im

östlichen Strich von Guyana, zuerst beim angeblichen See Cassipa (an den

Ufern des Paragua, eines Nebenflusses des Carony), und dann zwischen den

Quellen des Rio Essequebo und des Rio Branco, festsetzte. Dieser Umstand

ist vom bedeutendsten Einfluß auf die Geographie dieser Länder gewesen.

Antonio de Verrio, der Schwiegersohn und einzige Erbe des großen

Adelantado Ximenez de Quesada, ging westwärts von Tunja über die

Cordilleren, schiffte sich auf dem Rio Casanare ein und fuhr auf diesem

Fluß, auf dem Meta und Orinoco hinab nach der Insel Trinidad. Wir wissen

von dieser Reise fast nur, was Ralegh davon berichtet; sie scheint

wenige Jahre vor die erste Gründung von Vieja Guayana im Jahr 1591 zu

fallen. Einige Jahre darauf (1595) ließ Berrio durch seinen Maese de

Campo, Domingo de Vera, eine Expedition von 2000 Mann ausrüsten, welche

den Orinoco hinaufgehen und den Dorado erobern sollte, den man jetzt das

Land Manoa, sogar Laguna de la Gran Manoa zu nennen anfing. Reiche

Grundeigenthümer verkauften ihre Höfe, um den Kreuzzug mitzumachen, dem

sich zwölf Observanten und zehn Weltgeistliche anschlossen. Die Mähren

eines gewissen Martinez (Juan Martin de Albujar?), der bei der

Expedition des Diego de Ordaz wollte zurückgelassen und von Stadt zu

Stadt in die Hauptstadt des Dorado geschleppt worden seyn, hatten

Berrios Phantasie erhitzt. Was dieser Conquistador auf der Fahrt den

Orinoco herab selbst beobachtet, ist schwer von dem zu unterscheiden,

was er, wie er angiebt, aus einem in Portorico aufbewahrten Tagebuche

des Martinez geschöpft hat. Man sieht, man hatte damals vom neuen

Continent im Allgemeinen dieselben Vorstellungen, wie wir so lange von

Afrika. Man meinte tiefer im Lande mehr Cultur anzutreffen als an den

Küsten. Bereits Juan Gonzalez, den Diego de Ordaz abgesandt hatte, die

Ufer des Orinoco zu untersuchen (1531), behauptete, »je weiter man auf

dem Orinoco hinauf komme, desto stärker werde die Bevölkerung«. Berrio

erwähnt zwischen den Mündungen des Meta und des Cuchivero der häufig

unter Wasser stehenden Provinz Amapaja, wo er viele kleine gegossene

goldene Götzenbilder gefunden, ähnlich denen, welche in Cauchieto

östlich von Coro verfertigt wurden. Er meinte, dieses Gold komme aus dem

Granitboden des bergigten Landes zwischen Carichana, Uruana und dem

Cuchivero. Und allerdings haben in neuerer Zeit die Eingeborenen in der

Quebadra del tigre bei der Mission Encaramada ein Goldgeschiebe

gefunden.[^127] Ostwärts von der Provinz Amapaja erwähnt Berrio des Rio

Carony (Caroly), den man aus einem großen See entspringen ließ, weil man

einen der Nebenflüsse des Carony, den Rio Paragua (Fluß des großen

Wassers), aus Unbekanntschaft mit den indianischen Sprachen, für ein

Binnenmeer gehalten hatte. Mehrere spanische Geschichtschreiber

glaubten, dieser See, die Quelle des Carony, sey Berrios Gran Manoa;

aber aus den Nachrichten, die Berrio Ralegh mitgetheilt, ist

ersichtlich, daß man annahm, die Laguna de Manoa (del Dorado oder de

Parime) liege südlich vom Rio Paragua, aus dem man die Laguna Cassipa

gemacht hatte. »Diese beiden Wasserbecken hatten goldhaltigen Sand; aber

am Ufer des Cassipa lag Macureguaira (Margureguaira), die Hauptstadt des

Caziken Aromaja und die vornehmste Stadt des ein- gebildeten Reiches

Guyana.«

Da diese häufig überschwemmten Landstriche von jeher von Völkern

caraibischen Stammes bewohnt waren, die tief ins Land hinein mit den

entlegensten Gegenden einen ungemein lebhaften Handel trieben, so ist

nicht zu verwundern, daß man hier bei den Indianern mehr Gold fand als

irgendwo. Die Eingeborenen im Küstenland brauchten dieses Metall nicht

allein zum Schmuck und zu Amuletten, sondern auch in gewissen Fällen als

Tauschmittel. Es erscheint daher ganz natürlich, daß das Gold an den

Küsten von Paria und bei den Völkern am Orinoco verschwunden ist, seit

der Verkehr mit dem Innern durch die Europäer abgeschnitten wurde. Die

unabhängig gebliebenen Eingeborenen sind gegenwärtig unzweifelhaft

elender, träger und versunkener als vor der Eroberung. Der König von

Morequito, derselbe, dessen Sohn Ralegh nach England mitgenommen hatte,

war im Jahr 1594 nach Cumana gekommen, um gegen eine große Menge

massiver Goldbilder eiserne Geräthe und europäische Waaren

einzutauschen. Dieses unerwartete Auftreten eines indianischen

Häuptlings steigerte noch den Ruf der Schätze des Orinoco. Man stellte

sich vor, der Dorado müsse nicht weit vom Lande seyn, aus dem der König

von Morequito gekommen; und da das Land dort häufig unter Wasser stand,

und die Flüsse die allgemeinen Namen: »großes Meer,« »großes

Wasserstück« führten, so mußte sich der Dorado am Ufer eines Sees

befinden. Man dachte nicht daran, daß das Gold, das die Caraiben und

andere Handelsvölker mitbrachten, so wenig ein Erzeugniß ihres Bodens

war, als die brasilianischen und ostindischen Diamanten Erzeugnisse der

europäischen Länder sind, wo sie sich am meisten zusammenhäuft. Berrios

Expedition, die, während die Schiffe in Cumana, bei Margarita und

Trinidad anlegten, sehr stark an Mannschaft geworden war, ging über

Morequito (bei Vieja Guayana) dem Rio Paragua, einem Nebenfluß des

Carony, zu; aber Krankheiten, der wilde Muth der Eingeborenen und der

Mangel an Lebensmitteln setzten dem Zug der Spanier unübersteigliche

Hindernisse entgegen. Alle gingen zu Grunde bis auf dreißig, welche im

kläglichsten Zustand zum Posten Santo Thome zurückkamen.

Diese Unfälle kühlten den Eifer, mit dem bis zur Mitte des siebzehnten

Jahrhunderts der Dorado aufgesucht wurde, keineswegs ab. Der Statthalter

von Trinidad, Antonio de Berrio, wurde von Sir Walter Ralegh gefangen

genommen, als dieser im Jahr 1595 den vielberufenen Einfall auf die

Küste von Venezuela und an die Mündungen des Orinoco machte. Von Berrio

und andern Gefangenen, die Capitän Preston bei der Einnahme von Caracas

gemacht, konnte Ralegh Alles in Erfahrung bringen, was man damals von

den Ländern südwärts von Vieja Guayana. wußte. Er glaubte an die

Mährchen, welche Juan Martin de Ulbujar ausgeheckt, und zweifelte weder

an der Existenz der beiden Seen Cassipa und Ropunuwini, noch am Bestehen

des großen Reichs des Inca, das flüchtige Fürsten (nach Atahualpas Tode)

an den Quellen des Rio Essequebo gegründet haben sollten. Die Karte,

welche Ralegh entworfen und deren Geheimhaltung er Lord Charles Howard

empfahl, besitzen wir nicht mehr; aber der Geograph Hondius hat diese

Lücke ausgefüllt; ja er gibt seiner Karte ein Verzeichniß von Längen-

und Breitenangaben bei, wobei die Laguna del Dorado und die kaiserliche

Stadt Manoas vorkommen. Während Ralegh an der Punta del Gallo (auf der

Insel Trinidad) sich aufhielt, ließ er durch seine Unterbefehlshaber die

Mündungen des Orinoco, namentlich die von Capuri, Gran Amana (Manamo

grande) und Macureo (Macareo)[^128] untersuchen. Da seine Schiffe einen

bedeutenden Tiefgang hatten, hielt es sehr schwer, in die bocas chicas

einzulaufen, und er mußte sich flache Fahrzeuge bauen lassen. Er

bemerkte die Feuer der Tivitivas (Tibitibies) vom Stamme der Guaraons

auf den Mauritiapalmen, deren Frucht,[^129] fructum squamorum, similem

Palmae Pini, er zuerst nach Europa gebracht hat. Es wundert mich, daß

von der Niederlassung, die Berrio unter dem Namen Santo Thome (la Vieja

Guayana) gegründet, so gut wie gar nicht die Rede ist; und doch reicht

dieselbe bis zum Jahr 1591 hinauf, und obgleich nach Fray Pedro Simon

»Religion und Politik jeden Handelsverkehr zwischen Christen (Spaniern)

und Ketzern (Holländern und Engländern) verbieten,« wurde damals, am

Ende des sechzehnten Jahrhunderts, wie gegenwärtig, ein lebhafter

Schleichhandel über die Mündungen des Orinoco getrieben. Ralegh ging

über den Fluß Europa (Guarapo) und »die Ebenen der Saymas

(Chaymas),[^130] die im selben Niveau bis Cumana und Caracas

fortstreichen;« in Morequito (vielleicht etwas nordwärts von Villa de

Upata in den Missionen am Carony) machte er Halt, und hier bestätigte

ihm ein alter Cazike alle phantastischen Vorstellungen Berrios von einem

Einfall fremder Völker (Orejones und Epuremei) in Guyana. Die Katarakten

des Caroli (Carony), welcher Fluß damals für den kürzesten Weg zu den

beiden am See Cassipa und am See Nupunuwini oder Dorado gelegenen

Städten Macureguarai und Manoa galt, steckten der Expedition ein Ziel.

Ralegh hat den Orinoco nur auf einer Strecke von kaum 60 Meilen

befahren; er nennt aber nach den schwankenden Angaben, die er

zusammengebracht, die obern Zuflüsse, den Cari, den Pao, den Apure

(Capuri?), den Guarico (Voari?), den Meta, sogar »in der Provinz

Baraguan den großen Wasserfall Athule (Atures), der aller weiteren

Flußfahrt ein Ende macht«. Trotz seiner Uebertreibungen, die sich für

einen Staatsmann wenig ziemen, bieten Raleghs Berichte wichtiges

Material zur Geschichte der Geographie. Der Orinoco oberhalb des

Einflusses des Apure war damals den Europäern so wenig bekannt, als

heutzutage der Lauf des Niger unterhalb Sego. Man hatte die Namen

verschiedener, weit entfernten Nebenflüsse vernommen, aber man wußte

nicht, wo sie lagen; man zählte ihrer mehr auf, als wirklich sind, wenn

derselbe Name, verschieden ausgesprochen oder vom Ohr unrichtig

aufgefaßt, verschieden klang. Andere Irrthümer hatten vielleicht ihre

Quellen darin, daß dem spanischen Statthalter Antonio de Berrio wenig

daran gelegen seyn konnte, Ralegh richtige, genaue Notizen zu geben;

letzterer beklagt sich auch über seinen Gefangenen »als einen Menschen

ohne Bildung, der Ost und West nicht zu unterscheiden wisse.« Ob Ralegh

an Alles, was er vorbringt, an die Binnenmeere, so groß wie das

caspische Meer, an die kaiserliche Stadt Manoa (imperial and golden

city), an die prächtigen Paläste, welche der »Kaiser Inga von Guyana«

nach dem Vorbild seiner peruanischen Ahnen erbaut, — ob er an all das

wirklich geglaubt oder sich nur so angestellt, das will ich hier nicht

untersuchen. Der gelehrte Geschichtschreiber von Brasilien, Southey, und

der Biograph Raleghs, Cayley, haben in neuester Zeit viel Licht über

diesen Punkt verbreitet. Daß der Führer der Expedition und die unter ihm

Befehlenden ungemein leichtgläubig waren, ist schwerlich zu bezweifeln.

Man sieht, Ralegh paßte Alles von vornherein angenommenen

Voraussetzungen an. Sicher war er selbst getäuscht, wenn es aber galt,

die Phantasie der Königin Elisabeth zu erhitzen und die Plane seiner

ehrgeizigen Politik durchzusetzen, so ließ er keinen Kunstgriff der

Schmeichelei unversucht. Er schildert der Königin »das Entzücken dieser

barbarischen Völker beim Anblick ihres Bildnisses; der Name der

erhabenen Jungfrau, welche sich Reiche zu unterwerfen weiß, soll bis zum

Lande der kriegerischen Weiber am Orinoco und Amazonenstrom dringen; er

versichert, als die Spanier den Thron von Cuzco umgestoßen, habe man

eine alte Prophezeiung gefunden, der zufolge die Dynastie der Incas

dereinst Großbritannien ihre Wiederherstellung zu danken haben werde; er

gibt den Rath, unter dem Vorwand, das Gebiet gegen äußere Feinde

schützen zu wollen, Besatzungen von drei, viertausend Mann in die Städte

des Inca zu legen und diesen so zu einem jährlichen Tribut von 300,000

Pfund Sterling an Königin Elisabeth zu nöthigen; endlich äußert er mit

einem Blick in die Zukunft, alle diese gewaltigen Länder Südamerikas

werden eines Tages Eigenthum der englischen Nation seyn.«

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 19 / 29 段