und Caora der alten Geographen) ganz nahe bei einander liegen, so kam
man auf den Gedanken, alle diese Flüsse aus dem angeblichen See Cassipa
entspringen zu lassen. Sanson vergrößert den See auf 42 Meilen Länge und
15 Meilen Breite. Die alten Geographen kümmern sich wenig darum, ob sie
die Zuflüsse an beiden Ufern immer in derselben Weise einander
gegenübersetzen, und so geben sie die Mündung des Carony und den See
Cassipa, der durch den Carony mit dem Orinoco zusammenbringt, zuweilen
oberhalb des Einflusses des Meta an. So schiebt Hondius den See bis zum
2. und 3. Breitengrad hinunter und gibt ihm die Gestalt eines Rechtecks,
dessen größten Seiten Von Nord nach Süd gerichtet sind. Dieser Umstand
ist bemerkenswerth, weil man, indem man nach und nach dem See Cassipa
eine südlichere Breite gab, denselben vom Carony und Arui loslöste und
ihn Parime nannte. Will man diese Metamorphose in ihrer allmähligen
Entwicklung verfolgen, so muß man die Karten, die seit Raleghs Reise bis
heute erschienen sind, vergleichen. La Cruz, dem alle neueren Geographen
nachgezeichnet haben, läßt seinem See Parime die länglichte Gestalt des
Sees Cassipa, obgleich diese Gestalt von der des alten Sees Parime oder
Rupunuwini, dessen große Achse von Ost nach West gerichtet war, völlig
abweicht. Ferner war dieser alte See (der des Hondius, Sanson und
Coronelli) von Bergen umgeben und es entsprang kein Fluß daraus, während
der See Parime des la Cruz und der neueren Geographen mit dem obern
Orinoco zusammenhängt, wie der Cassipa mit dem untern Orinoco.
Ich habe hiemit den Ursprung der Fabel vom See Cassipa erklärt, so wie
den Einfluß, den sie auf die Vorstellung gehabt, als ob der Orinoco aus
dem See Parime entspränge. Sehen wir jetzt, wie es sich mit dem
letzteren Wasserbecken verhält, mit dem angeblichen Binnenmeer, das bei
den Geographen des sechzehnten Jahrhunderts Rupunuwini heißt. Unter dem
4. oder 4½ Grad der Breite (leider fehlt es in dieser Richtung, südlich
von Santo Thome de Angostura, auf 8 Grade weit ganz an astronomischen
Beobachtungen) verbindet eine lange, schmale Cordillere, Pacaraimo,
Quimiropaca und Ucucuamo genannt, die von Ost nach Südwest streicht, den
Bergstock der Parime mit den Bergen von holländisch und französisch
Guyana. Sie bildet die Wasserscheide zwischen dem Carony, Rupunury oder
Rupunuwini und dem Rio Branco, und somit zwischen den Thälern des untern
Orinoco, des Essequebo und des Rio Negro. Nordwestlich von dieser
Cordillere von Pacaraimo, über die nur wenige Europäer gekommen sind (im
Jahr 1739 der deutsche Chirurg Nicolaus Hortsmann, im Jahr 1775 sein
spanischer Officier, Don Antonio Santos, im Jahr 1791 der portugiesische
Obrist Barata, und im Jahr 1811 mehrere englische Colonisten) kommen der
Nocapra, der Paraguamusi und der Paragua herab, die in den Carony
fallen; gegen Nordost kommt der Rupunuwini herunter, ein Nebenfluß des
Essequebo; gegen Süd vereinigen sich der Tacutu und der Uraricuera zum
vielberufenen Rio Parime oder Rio Branco.
Dieser Isthmus zwischen den Zweigen des Rio Essequebo und des Rio Branco
(das heißt zwischen dem Rupunuwini einerseits, und dem Pirara, Mahu und
Uraricuera oder Rio Parime andererseits) ist als der eigentliche
classische Boden des Dorado der Parime zu betrachten. Am Fuße der Berge
von Pacaraimo treten die Flüsse häufig aus, und oberhalb Santa Rosa
heißt das rechte Ufer des Urariapara, der sich in den Utaricuera
ergießt, »el valle de la inundacion«. Ferner findet man zwischen dem Rio
Parime und dem Xurumu große Lachen; auf den in neuester Zeit in
Brasilien gezeichneten Karten, die über diesen Landstrich sehr genau
sind, finden sich diese Wasserstücke angegeben. Weiter nach West kommt
der Caño Pirara, der in den Mahu läuft, aus einem Binsensee. Das ist der
von Nicolaus Hortsmann beschriebene See Amucu, derselbe, über den mir
Portugiesen aus Barcelos, die am Rio Branco (Rio Parime oder Rio
Paravigiana) gewesen waren, während meines Aufenthaltes in San Carlos
del Rio Negro genaue Notizen gegeben haben. Der See Amucu ist mehrere
Meilen breit und hat zwei kleine Inseln, die Santos Islas Ipomucena
nennen hörte. Der Rupunuwini, an dessen Ufer Hortsmann Felsen mit
hieroglyphischen Bildern entdeckt hat, kommt diesem See ganz nahe, steht
aber in keiner Verbindung mit demselben. Der Trageplatz zwischen dem
Rupunuwini und dem Mahu liegt weiter gegen Nord, wo der Berg Ucucuamo
sich erhebt, der bei den Eingeborenen noch jetzt der Goldberg heißt. Sie
gaben Hortsmann den Rath, um den Rio Mahu herum eine Silbergrube (ohne
Zweifel großblätteriger Glimmer), Diamanten und Smaragde zu suchen; der
Reisende fand aber nichts als Bergkrystall. Aus seinem Bericht scheint
hervorzugehen, daß der ganze nach Ost streichende Zug der Gebirge am
obern Orinoco (Sierra Parime) aus Graniten besteht, in denen, wie am Pic
Duida,[^115] häufig Drusen und offene Gänge vorkommen. In dieser Gegend,
die noch immer für sehr goldreich gilt, leben an der Westgrenze von
holländisch Guyana die Macusis, Aturajos und Acuvajos; später fand
Santos diese Völkerschaften zwischen dem Rupunuwini, dem Mahu und der
Bergkette Pacaraimo angesiedelt. Das glimmerreiche Gestein am Berg
Ucucuamo, der Name des Rio Parime, das Austreten der Flüsse Urariapara,
Parime und Xurumu, besonders aber der See Amucu (der nahe beim Rio
Rupunuwini liegt und für die Hauptquelle des Rio Parime gilt) haben die
Fabel vom weißen Meer und dem Dorado der Parime veranlaßt. Alle diese
Momente (und eben dadurch wirkten sie zu Einer Vorstellung zusammen)
finden sich auf einer von Nord nach Süd 8 bis 9 Meilen breiten, von Ost
nach West 40 Meilen langen Strecke neben einander. Diese Lage gab man
auch bis zum Anfang des sechzehnten Jahrhunderts dem weißen Meer, nur
daß man es in der Richtung eines Parallels verlängerte. Dieses weiße
Meer ist nun aber nichts anderes als der Rio Parime, der auch weißer
Fluß, Rio Branco oder de aguas blancas heißt und diesen ganzen
Landstrich, über den er läuft, unter Wasser setzt. Auf den ältesten
Karten heißt das weiße Meer Rupunuwini, und daraus geht hervor, daß die
Sage eben hier zu Hause ist, da unter allen Nebenflüssen des Essequebo
der Rio Rupunuwini dem See Amucu am nächsten kommt. Bei seiner ersten
Reise (1595) machte sich Ralegh noch keine bestimmte Vorstellung von der
Lage des Dorado und des Sees Parime, den er für gesalzen hielt und den
er »ein zweites caspisches Meer« nennt. Erst bei der zweiten,
gleichfalls auf Raleghs Kosten unternommenen Reise (1596) gab Lawrence
Keymis die Oertlichkeiten des Dorado so bestimmt an, daß, wie mir dünkt,
an der Identität der Parime de Manoa mit dem See Amucu und dem Isthmus
zwischen dem Rupunuwini (der in den Essequebo läuft) und dem Rio Parime
oder Rio Branco gar nicht zu zweifeln ist. »Die Indianer,« sagt Keymis,
»fahren den Essequebo südwärts in zwanzig Tagen hinauf. Um die Stärke
des Flusses anzudeuten, nennen sie ihn den Bruder des Orinoco. Nach
zwanzigtägiger Fahrt schaffen sie ihre Canoes über einen Trageplatz in
einem einzigen Tage aus dem Flusse Dessekebe auf einen See, den die Jaos
Roponowini, die Caraiben Parime nennen. Dieser See ist groß wie ein
Meer; es fahren unzählige Canoes darauf, und ich vermuthe (die Indianer
hatten ihm also nichts davon gesagt), daß es derselbe See ist, an dem
die Stadt Manoa liegt.« Hondius gibt eine merkwürdige Abbildung von
jenem Trageplatz, und da nach der damaligen Vorstellung die Mündung des
Carony unter dem 4. Breitengrad (statt unter 8°8′) lag, so setzte man
den Trageplatz ganz nahe an den Aequator. Zur selben Zeit ließ man den
Viapoco (Oyapoc) und den Rio Cayane (Maroni?) aus jenem See Parime
kommen. Der Umstand, daß die Caraiben den westlichen Zweig des Rio
Branco ebenso nennen, hat vielleicht so viel dazu beigetragen, den See
Amucu in der Einbildung zu vergrößern, als die Ueberschwemmungen der
verschiedenen Nebenflüsse des Uraricuera von der Mündung des Tacutu bis
zum valle de la inundacion.
Wir haben oben gesehen, daß die Spanier den Rio Paragua oder Parava, der
in den Carony fällt, für einen See hielten, weil das Wort Parava Meer,
See, Fluß bedeutet. Ebenso scheint Parime großes Wasser im Allgemeinen
zu bedeuten, denn die Wurzel par kommt in caraibischen Benennungen von
Flüssen, Lachen, Seen und Meeren Vor. Im Arabischen und im Persischen
dienen ebenso bahr und deria gleichmäßig zur Bezeichnung des Meeres, der
Seen und der Flüsse, und dieser Brauch, der sich bei vielen Völkern in
beiden Welten findet, hat auf den alten Karten Seen in Flüsse und Flüsse
in Seen umgewandelt. Zur Bekräftigung des eben Gesagten führe ich einen
sehr achtbaren Zeugen auf, Pater Caulin. »Als ich,« sagt dieser
Missionär, der sich länger als ich am untern Orinoco aufgehalten hat,
»die Indianer fragte, was denn die Parime sey, so erwiederten sie, es
sey nichts als ein Fluß, der aus einer Bergkette komme, an deren anderem
Abhang der Essequebo entspringe.« Caulin weiß nichts vom See Amucu, und
erklärt den Glauben an ein Binnenmeer nur aus den Ueberschwemmungen der
Ebenen, a las inundaciones dilatadas per los bajos del pays.[^116] Ihm
zufolge rühren alle Mißgriffe der Geographen von dem leidigen Umstand
her, daß alle Flüsse in Guyana an ihren Mündungen andere Namen haben als
an ihren Quellen. »Ich zweifle nicht,« sagt er weiter, »daß einer der
obern Zweige des Rio Branco derselbe Rio Parime ist, den die Spanier für
einen See gehalten haben (a quien suponian laguna).« Diese Notizen hatte
der Geschichtschreiber der Grenzexpedition an Ort und Stelle gesammelt,
und er hätte wohl nicht geglaubt, daß la Cruz und Surville richtige
Begriffe und alte Vorstellungen vermengen und auf ihren Karten das Mar
Dorado oder Mar Blanco wieder zum Vorschein bringen würden. So kommt es,
daß, obgleich ich seit meiner Rückkehr aus Amerika vielfach den Beweis
geführt, daß ein Binnenmeer, aus dem der Orinoco entspränge, gar nicht
existirt, in neuester Zeit unter meinem Namen eine Karte[^117]
erschienen ist, auf der die Laguna de Parime wiederum auftritt.
Aus allem Bisherigen geht hervor: 1) daß die Laguna Rupunuwini oder
Parime aus Raleghs Reise und auf den Karten des Hondius ein chimärischer
See ist, zu dem der See Amucu und die häufigen Ueberschwemmungen der
Nebenflüsse des Uraricuera Veranlassung gegeben; 2) daß die Laguna
Parime auf Survilles Karte der See Amucu ist, aus dem der Rio Pirara und
(zugleich mit dem Mahu, dem Tacutu, dein Uraricuera oder dem eigentlich
sogenannten Rio Parime) der Rio Branco entspringt; 3) daß die Laguna
Parime des la Cruz eine eingebildete Erweiterung des Rio Parime (der mit
dem Orinoco verwechselt wird) unterhalb der Vereinigung des Mahu mit dem
Xurumu ist. Von der Mündung des Mahu bis zu der des Tacutu beträgt die
Entfernung kaum 0°40′; la Cruz macht 7 Breitengrade daraus. Er nennt das
obere Stück des Rio Branco (in das der Mahu fällt) Orinoco oder Puruma.
Dieß ist ohne allen Zweifel der Xurumu, ein Nebenfluß des Tacutu, der
den Einwohnern des benachbarten Forts San Joaquim wohl bekannt ist. Alle
Namen, die in der Sage vom Dorado vorkommen, finden sich unter den
Nebenflüssen des Rio Branco. Geringfügige örtliche Verhältnisse und die
Erinnerung an den Salzsee in Mexico, zumal aber an den See Manoa im
Dorado der Omaguas wirkten zusammen zur Ausmalung eines Bildes, das der
Einbildungskraft Raleghs und seiner beiden Unterbefehlshaber, Keymis und
Masham, den Ursprung verdankt. Nach meiner Ansicht lassen sich die
Ueberschwemmungen des Rio Branco höchstens mit denen des Red River in
Louisiana zwischen Natchitotches und Cados vergleichen, keineswegs aber
mit der Laguna de los Xarayes, die eine periodische Ausbreitung des Rio
Paraguay ist.[^118]
Wir haben im Bisherigen ein weißes Meer besprochen, durch das man den
Hauptstamm des Rio Branco laufen läßt, und ein zweites,[^119] das man
ostwärts von diesem Flusse setzt, und das mit demselben mittelst des
Caño Pirara zusammenhängt. Noch gibt es einen dritten See,[^120] den man
westwärts vom Rio Branco verlegt, und über den ich erst kürzlich
interessante Angaben im handschriftlichen Tagebuch des Chirurgen
Hortsmann gefunden habe. »Zwei Tagereisen unterhalb des Einflusses des
Mahu (Tacutu) in den Rio Parime (Uraricuera) liegt auf einem Berggipfel
ein See, in dem dieselben Fische vorkommen, wie im Rio Parime; aber die
Wasser des ersteren sind schwarz, die des letzteren weiß.« Hat nun nicht
vielleicht Surville nach einer dunkeln Kunde von diesem Wasserbecken auf
der Karte, die er zu Pater Caulins Werk entworfen, sich einen 10 Meilen
langen Alpensee ausgedacht, bei dem (gegen Ost) der Orinoco und der
Idapa, ein Nebenfluß des Rio Negro, zumal entspringen? So unbestimmt die
Angabe des Chirurgen aus Hildesheim lautet, so läßt sich doch unmöglich
annehmen, daß der Berg, auf dessen Gipfel sich ein See befindet,
nördlich vom Parallel von 2°½, liege, und diese Breite kommt ungefähr
mit der des Cerro Unturan überein. Es ergibt sich daraus, daß Hortsmanns
Alpsee, der d’Anvilles Aufmerksamkeit entgangen ist, und der vielleicht
mitten in einer Berggruppe liegt, nordöstlich vom Trageplatz zwischen
dem Idapa und Mavaca und südöstlich vom Orinoco, oberhalb Esmeralda, zu
suchen ist.
Die meisten Geschichtschreiber, welche die ersten Jahrhunderte nach der
Eroberung beschrieben haben, schienen der festen Ansicht, daß die Namen
Provincias und Pais del Dorado ursprünglich jeden goldreichen Landstrich
bedeuteten. Sie vergessen den etymologischen Sinn des Wortes Dorado (der
Vergoldete) und bemerken nicht, daß diese Sage ein Localmythus ist, wie
ja auch fast alle Mythen der Griechen, Hindus und Perser. Die Geschichte
vom vergoldeten Mann ist ursprünglich in den Anden von Neu-Grenada zu
Hause, besonders aus den Niederungen am Ostabhange derselben; nur
allmählig, wie ich oben gezeigt, sieht man sie 300 Meilen gegen
Ost-Nord-Ost von den Quellen des Caqueta an die des Rio Branco und des
Essequebo herüberrücken. Man hat in verschiedenen Gegenden von
Südamerika bis zum Jahr 1536 Gold gesucht, ohne daß das Wort Dorado
ausgesprochen worden wäre, und ohne daß man an die Existenz eines andern
Mittelpunktes der Cultur und der Schätze als das Reich der Inca von
Cuzco geglaubt hätte. Länder, aus denen gegenwärtig auch nicht die
kleinste Menge edlen Metalls in den Handel kommt, die Küste von Paria,
Terra Firma (Castilla del Oro), die Berge von St. Martha und die
Landenge Darien waren damals so vielberufen, wie in neuerer Zeit der
goldhaltige Boden in Senora, Choco und Brasilien.
Diego de Ordaz (1531) und Alonzo de Herera (1535) zogen auf ihren
Entdeckungsreisen an den Ufern des untern Orinoco hin. Ersterer ist der
berüchtigte Conquistador von Mexico, der sich rühmte, Schwefel aus dem
Krater des Pics Popocatepetl geholt zu haben, und dem Karl V. die
Erlaubniß ertheilte, einen brennenden Vulkan im Wappen zu führen. Ordaz
war zum Adelantado allen Landes ernannt worden, das er zwischen
Brasilien und Venezuela erobern könnte, und das damals das Land der
deutschen Compagnie der Welser (Belzares) hieß, und er ging auf seinem
Zuge von der Mündung des Amazonenstromes aus. Er sah dort in den Händen
der Eingeborenen »faustgroße Smaragde«. Es waren ohne Zweifel Stücke
Saussurit, von dem dichten Feldspath, den wir vom Orinoco
zurückgebracht, und den La Condamine an der Mündung des Rio Topayos in
Menge angetroffen.[^121] Die Indianer sagten Diego de Ordaz, »wenn er so
und so viele Sonnen gegen West hinauffahre, komme er an einen großen
Fels (peña) von grünem Gestein«; bevor er aber diesen vermeintlichen
Smaragdberg (Euphotitgestein?) erreichte, machte ein Schiffbruch allen
weiteren Entdeckungen ein Ende. Mit genauer Noth retteten sich die
Spanier in zwei kleinen Fahrzeugen. Sie eilten, aus der Mündung des
Amazonenstroms hinauszukommen, und die Strömungen, die in diesen
Strichen stark nach Nordwest gehen, führten Ordaz an die Küste von Paria
oder auf das Gebiet des Caziken von Yuripari (Uriapari, Viapari). Sedeño
hatte die Casa fuerte de Paria gebaut, und da dieser Posten ganz nahe an
der Mündung des Orinoco lag, beschloß der mexikanische Conquistador,
eine Expedition auf diesem großen Strom zu versuchen. Er hielt sieh
zuerst in Carao (Caroa, Carora) auf, einem großen indianischen Dorf, das
mir etwas ostwärts vom Einfluß des Carony gelegen zu haben scheint; er
fuhr sofort nach Cabruta (Cabuta, Cabritu) hinauf und an den Einfluß des
Meta (Metacuyu), wo er mit großen Fährlichkeiten seine Fahrzeuge über
den Raudal von Cariven schaffte. Wir haben oben gesehen, daß das Bett
des Orinoco bei der Einmündung des Meta voll Klippen ist. Die
Aruacas-Indianer, die Ordaz als Wegweiser dienten, riethen ihm, den Meta
hinaufzufahren; sie versicherten ihn, weiter gegen West finde er
bekleidete Menschen und Gold in Menge. Ordaz wollte lieber auf dem
Orinoco weiterfahren, aber die Katarakten bei Tabaje (vielleicht sogar
die bei Atures) nöthigten ihn, seine Entdeckungen aufzugeben.
Auf diesem Zuge, der lange vor den des Orellana fällt und also der
bedeutendste war, den die Spanier bis dahin auf einem Strome der neuen
Welt unternommen, hörte man zum erstenmal den Namen Orinoco aussprechen.
Ordaz, der Anführer der Expedition, versichert, von der Mündung bis zum
Einfluß des Meta heiße der Strom Uriaparia, oberhalb dieses Einflusses
aber Orinucu. Dieses Wort (ähnlich gebildet wie die Worte Tamanacu,
Otomacu, Sinarucu) gehört wirklich der tamanakischen Sprache an, und da
die Tamanacas süd-östlich von Encaramada wohnen, so ist es natürlich,
daß die Conquistadoren den jetzigen Namen des Stromes erst in der Nähe
des Rio Meta zu hören bekamen. Auf diesem Nebenfluß erhielt Diego de
Ordaz von den Eingeborenen die erste Kunde von civilisirten Völkern,
welche auf den Hochebenen der Anden von Neu-Grenada wohnten, »von einem
gewaltigen, einäugigen Fürsten und von Thieren, kleiner als Hirsche, auf
denen man aber reiten könne, wie die Spanier auf den Pferden.« Ordaz
zweifelte nicht, daß diese Thiere Llamas oder Ovejas del Peru seyen.
Soll man annehmen, daß die Llamas, die man in den Anden vor dem Pflug
und als Lastthiere, aber nicht zum Reiten brauchte, früher nördlich und
östlich von Quito verbreitet gewesen? Ich finde wirklich, daß Orellana
welche am Amazonenstrom gesehm hat, oberhalb des Einflusses des Rio
Negro, also in einem Klima, das von dem der Hochebene der Anden
bedeutend abweicht. Das Mährchen von einem auf Llamas berittenen Heere
von Omaguas mußte dazu dienen, den Bericht der Begleiter Felipes de Urre
über ihren ritterlichen Zug an den obern Orinoco auszuschmücken.
Dergleichen Sagen sind äußerst beachtenswerth, weil sie darauf
hinzuweisen scheinen, daß die Hausthiere Quitos und Perus bereits
angefangen hatten von den Cordilleren herabzukommen und sich allmählig
in den östlichen Landstrichen von Südamerika zu verbreiten.
Im Jahr 1533 wurde Herera, der Schatzmeister bei Diegos de Ordaz
Expedition, vom Statthalter Geronimo de Ortal mit der weiteren
Erforschung des Orinoco und des Meta beauftragt. Er brachte zwischen
Punta Barima und dem Einfluß des Carony fast dreizehn Monate mit dem Bau
platter Fahrzeuge und den nothwendigen Zurüstungen zu einer langen Reise
hin. Man liest nicht ohne Verwunderung die Erzählung dieser kühnen
Unternehmungen, wobei man drei, vierhundert Pferde einschiffte, um sie
ans Land zu setzen, so oft die Reiterei am einen oder dem andern Ufer
etwas ausrichten konnte. Wir finden bei Hereras Expedition dieselben
Stationen wieder, die wir bereits kennen gelernt: die Feste Paria, das
indianische Dorf Uriaparia (wahrscheinlich unterhalb Imataca an einem
Punkt, wo sich die Spanier wegen der Ueberschwemmung des Delta kein
Brennholz verschaffen konnten), Caroa in der Provinz Carora, die Flüsse
Caranaca (Caura?) und Caxavana (Cuchivero?), das Dorf Cabritu (Cabruta)
und den Raudal am Einfluß des Meta. Da der Rio Meta sehr berühmt war,
weil seine Quellen und seine Nebenflüsse den goldhaltigen Cordilleren
von Neu-Grenada (Cundinamarca) nahe liegen, so versuchte er ihn
hinaufzufahren. Er fand daselbst civilisirtere Völker als am Orinoco,
die aber das Fleisch stummer Hunde aßen.[^122] In einem Gefecht wurde
Herera durch einen mit Curaresaft (Yierva) vergifteten Pfeile getödtet;
sterbend ernannte er Alvaro de Ordaz zu seinem Stellvertreter. Dieser
führte (1535) die Trümmer der Expedition nach der Feste Paria zurück,
nachdem er vollends die wenigen Pferde eingebüßt, die einen
achtzehnmonatlichen Feldzug ausgehalten.
Dunkle Gerüchte über die Schätze der Völker am Meta und andern
Nebenflüssen am Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada veranlaßten
nacheinander, in den Jahren 1535 und 1536, Geronimo de Ortal, Nicolaus
Federmann und Jorge de Espira (Georg von Speier) zu Expeditionen auf
Landwegen gegen Süd und Südwest. Vom Vorgebirge Paria bis zum Cabo de la
Vela hatte man schon seit den Jahren 1498 und 1500 in den Händen der
Eingeborenen kleine gegossene Goldbilder gesehen. Die Hauptmärkte für
diese Amulette, die den Weibern als Schmuck dienten, waren die Dörfer
Curiana (Coro) und Cauchieto (beim Rio la Hacha). Die Gießer in
Cauchieto erhielten das Metall aus einem Bergland weiter gegen Süden.
Die Expeditionen des Ordaz und des Herera hatten das Verlangen, diese
goldreichen Landstriche zu erreichen, natürlich gesteigert. Georg von
Speier brach (1535) von Coro auf und zog über die Gebirge von Merida an
den Apure und Meta. Er ging über diese beiden Flüsse nahe bei ihren
Quellen, wo sie noch nicht breit sind. Die Indianer erzählten ihm,
weiter vorwärts ziehen weiße Menschen auf den Ebenen umher. Speier, der
sich nahe am Amazonenstrom glaubte, zweifelte nicht, daß diese
umherziehenden Spanier Schiffbrüchige von der Expedition des Ordaz
seyen. Er zog über die Savanen von San Juan de los Llanos, die reich an
Gold seyn sollten, und blieb lange in einem indianischen Dorf, Pueblo de
Nuestra Señora, später Fragua genannt, südöstlich vom Paramo de la Suma
Paz. Ich war am Westabhang dieses Bergstocks, in Fusagasuga, und hörte,
die Ebenen gegen Ost am Fuß der Berge seyen noch jetzt bei den
Eingeborenen wegen ihres Reichthums berufen. Im volkreichen Dorfe Fragua
fand Speier eine Casa del Sol (Sonnentempel) und ein Jungfrauenkloster,
ähnlich denen in Peru und Neu-Grenada. Hatte sich hier der Cultus gegen
Ost ausgebreitet, oder sind etwa die Ebenen bei San Juan die Wiege
desselben? Nach der Sage war allerdings Bochica, der Gesetzgeber von
Neu-Grenada und Oberpriester von Iraca, von den Ebenen gegen Ost auf das
Plateau von Bogota herausgekommen. Da aber Bochica in Einer Person Sohn
und Sinnbild der Sonne ist, so kann seine Geschichte rein astrologische
Allegorien enthalten. Auf seinem weiteren Zuge nach Süd ging Speier über
die zwei Zweige des Guaviare, den Ariare und Guayavero, und gelangte ans
Ufer des großen Rio Papamene[^123] oder Caqueta. Der Widerstand, den er
ein ganzes Jahr lang in der Provinz los Choques fand, machte dieser
denkwürdigen Expedition ein Ende (1537), Nicolaus Federmann und Geronimo
de Ortal verfolgten von Macarapana und der Mündung des Rio Neveri aus
Jorges de Espira Spuren. Ersterer suchte Gold im großen Magdalenenstrom,
letzterer wollte einen Sonnentempel am Ufer des Meta entdecken. Da man
die Landessprache nicht verstand, sah man am Fuße der Cordilleren
überall einen Abglanz der großartigen Tempel von Iraca (Sogamozo), dem
damaligen Mittelpunkt der Cultur in Cundinamarca.