Bergen bei Santa Maria, der Mission San Miguel und dem östlichen Ufer
des Carony, von San Buenaventura bis Guri und dem Stapelplatz San
Joaquin, auf einem Landstrich von nur 460 Quadratmeilen beisammen. Gegen
Ost und Süd sind die Savanen fast gar nicht bewohnt; dort liegen nur
weit zerstreut die Missionen Belem, Tumuremo, Tupuquen, Puedpa und Santa
Clara. Es wäre zu wünschen, daß der Boden vorzugsweise abwärts von den
Flüssen bebaut würde, wo das Terrain höher und die Luft gesunder ist.
Der Rio Carony, ein herrlich klares, an Fischen armes Wasser, ist von
Villa de Barceloneta an, die etwas über dem Einfluß des Paragua liegt,
bis zum Dorfe Guri frei von Klippen. Weiter nordwärts schlängelt er sich
zwischen zahllosen Eilanden und Felsen durch, und nur die kleinen Canoes
der Caraiben wagen sich in diese Raudales oder Stromschnellen des Carony
hinein. Zum Glück theilt sich der Fluß häufig in mehrere Arme, so daß
man denjenigen wählen kann, der nach dem Wasserstand am wenigsten Wirbel
und Klippen über dem Wasser hat. Der große Salto, vielberufen wegen der
malerischen Reize der Landschaft, liegt etwas oberhalb des Dorfes
Aguacagua oder Carony, das zu meiner Zeit eine Bevölkerung von 700
Indianern hatte. Der Wasserfall soll 15—20 Fuß hoch seyn, aber die
Schwelle läuft nicht über das ganze mehr als 300 Fuß breite Flußbett.
Wenn sich einmal die Bevölkerung mehr gegen Ost ausbreitet, so kann sie
die kleinen Flüsse Imataca und Aquire benützen, die ziemlich gefahrlos
zu befahren sind. Die Mönche, die gern einsam hausen, um sich der
Aufsicht der weltlichen Macht zu entziehen, wollten sich bis jetzt nicht
am Orinoco ansiedeln. Indessen können die Missionen am Carony nur auf
diesem Fluß oder auf dem Cuyuni und dem Essequebo ihre Produkte
ausführen. Der letztere Weg ist noch nicht versucht worden, obgleich an
einem der bedeutendsten Nebenflüsse des Cuyuni, am Rio Juruario, bereits
mehrere christliche Niederlassungen liegen. Dieser Nebenfluß zeigt bei
Hochgewässer die merkwürdige Erscheinung einer Gabelung; er steht dann
über den Juraricuima und den Aurapa mit dem Rio Carony in Verbindung, so
daß der Landstrich zwischen dem Orinoco, der See, dem Cuyuni und dem
Carony zu einer wirklichen Insel wird. Furchtbare Stromschnellen
erschweren die Schifffahrt auf dem obern Cuyuni; man hat daher in der
neuesten Zeit versucht, einen Weg in die Colonie Essequebo viel weiter
gegen Südost zu bahnen, wobei man an den Cuyuni weit unterhalb der
Mündung des Cucumu käme.
In diesem ganzen südlichen Landstrich ziehen Horden unabhängiger
Caraiben umher, die schwachen Reste des kriegerischen Volksstammes, der
sich bis zu den Jahren 1733 und 1735 den Missionären so furchtbar
machte, um welche Zeit der ehrwürdige Bischof Gervais de Labrid,[^109]
Canonicus des Metropolitancapitels zu Lyon, der Pater Lopez und mehrere
andere Geistliche von den Caraiben erschlagen wurden. Dergleichen
Unfälle, die früher ziemlich häufig vorkamen, sind jetzt nicht mehr zu
befahren, weder in den Missionen am Carony noch in denen am Orinoco;
aber die unabhängigen Caraiben sind wegen ihres Verkehrs mit den
holländischen Colonisten am Essequebo für die Regierung von Guyana noch
immer ein Gegenstand des Mißtrauens und des Hasses. Diese Stämme leisten
dem Schleichhandel an den Küsten und durch die Canäle oder Esteres
zwischen dem Rio Barima und dem Rio Moroca Vorschub; sie treiben den
Missionären das Vieh weg und verleiten die neubekehrten Indianer (die
unter der Glocke leben), wieder in den Wald zu laufen. Die freien Horden
haben überall den natürlichen Trieb, sich den Fort- schritten der Cultur
und dem Vordringen der Weißen zu widersetzen. Die Caraiben und Aruacas
verschaffen sich in Essequebo und Demerary Feuergewehre, und als der
Handel mit amerikanischen Sklaven (poitos) in Blüthe stand, betheiligten
sich Abenteurer von holländischem Blut an den Einfällen an den Paragua,
Erevato und Ventuario. Die Menschenjagd wurde an diesen Flüssen
betrieben, wie wahrscheinlich noch jetzt am Senegal und Gambia. In
beiden Welten haben die Europäer dieselben Kunstgriffe gebraucht,
dieselben Unthaten begangen, um einen Handel zu treiben, der die
Menschheit schändet. Die Missionäre am Carony und Orinoco schreiben
alles Ungemach, das sie von den freien Caraiben zu erdulden haben, dem
Hasse ihrer Nachbarn, der calvinistischen Prädicanten am Essequebo, zu.
Ihre Schriften sind daher auch voll Klagen über die secta diabolica de
Calvins y de Lutero und gegen die Ketzer in holländisch Guyana, die sich
zuweilen herausnehmen, das Missionswesen zu treiben und Keime der
Gesittung unter den Wilden ausstreuen zu wollen.
Unter allen vegetabilischen Erzeugnissen dieses Landes ist durch die
Betriebsamkeit der catalonischen Kapuziner der Baum, von dem die Cortex
Angosturae kommt, fälschlich »China von Carony« genannt, am berühmtesten
geworden. Wir haben ihn zuerst als eine neue von der Cinchona ganz
verschiedene Gattung der Familie der Meliaceen bekannt gemacht. Früher
meinte man, dieses wirksame Arzneimittel aus Südamerika komme von der
Brucea ferruginea, die in Abyssinien wächst, von der Magnolia glauca und
der Magnolia Plumieri. Während der schweren Krankheit meines
Reisegefährten schickte Navago einen vertrauten Mann in die Missionen am
Carony und ließ uns durch die Kapuziner in Upata blühende Zweige des
Baumes verschaffen, den wir wünschten beschreiben zu können. Wir bekamen
sehr schöne Exemplare, deren 18 Zoll lange Blätter einen sehr angenehmen
aromatischen Geruch verbreiteten. Wir sahen bald, daß der Cuspare (dieß
ist der indianische Name der Cascarilla oder der Corteza del Angostura)
eine neue Gattung bildet; und bei Uebersendung von Orinocopflanzen an
Willdenow ersuchte ich diesen, die Gattung nach Bonpland zu benennen.
Der jetzt unter dem Namen Bonplandia trifoliata bekannte Baum wächst 5
bis 6 Meilen vom östlichen Ufer des Carony am Fuß der Hügel, welche die
Missionen Copapui, Upata und Alta Gracia einschließen. Die Caraiben
gebrauchen einen Aufguß der Rinde des Cuspare als ein stärkendes Mittel.
Bonpland hat denselben Baum westwärts von Cumana im Meerbusen Santa Fe
entdeckt, und dort kann er für Neu-Andalusien ein Ausfuhrartikel werden.
Die catalonischen Mönche bereiten ein Extrakt aus der Cortex Angosturae,
das sie in die Klöster ihrer Provinz versenden und das im nördlichen
Europa bekannter zu seyn verdiente. Hoffentlich wird die gegen Fieber
und Ruhr so wirksame Rinde der Bonplandia auch ferner angewendet,
obgleich man unter dem Namen »falsche Angostura« eine andere Rinde
eingeführt hat, die mit jener häufig verwechselt wird. Diese »falsche
Angostura« oder »Angostura pseudo-ferruginosa« kommt, wie man behauptet,
von der Brucea antidysenterica; sie wirkt sehr stark auf die Nerven,
bringt heftige Anfälle von Starrkrampf hervor und enthält nach
Pelletiers und Caventous Versuchen ein eigenthümliches Alcali, das mit
dem Morphium und dem Strychnin Aehnlichkeit hat. Der Baum, von dem die
ächte Cortex Angosturae kommt, ist nicht sehr häufig, und es erscheint
daher als wünschenswerth, daß man ihn anpflanzt. Die catalonischen
Ordensleute sind ganz dazu geeignet, diesen Culturzweig in Aufnahme zu
bringen. Sie sind haushälterischer, betriebsamer und rühriger als die
andern Missionäre. Bereits haben sie in einigen Dörfern Gerbereien und
Baumwollenspinnereien angelegt, und wenn sie fortan die Indianer der
Früchte ihrer Arbeit genießen lassen, so finden sie sicher an der
eingeborenen Bevölkerung kräftige Unterstützung. Da hier die Mönche auf
kleinem Gebiet beisammen leben, fühlen sie ihre politische Bedeutung,
und sie haben zu wiederholten malen der weltlichen Gewalt, wie der des
Bischofs Widerstand geleistet. Die Statthalter in Angostura haben mit
sehr ungleichem Erfolg mit ihnen gekämpft, je nachdem das Ministerium in
Madrid sich der kirchlichen Hierarchie gefällig erzeigen wollte oder
ihre Macht zu beschränken suchte. Im Jahr 1768 ließ Don Manuel Centurion
den Missionären über 20,000 Stücke Vieh wegnehmen und sie unter die
dürftigsten Einwohner vertheilen. Diese auf ziemlich ungesetzliche Weise
geübte Freigebigkeit hatte wichtige Folgen. Der Statthalter wurde auf
die Klage der catalonischen Mönche abgesetzt, obgleich er das Gebiet der
Missionen gegen Süd bedeutend erweitert und über dem Zusammenfluß des
Carony mit dem Paragua die Villa Barceloneta und bei der Vereinigung des
Paragua mit dem Paraguamusi die Ciudad Guirior gegründet hatte. Seit
jener Zeit bis auf die politischen Stürme, welche gegenwärtig in den
spanischen Colonien toben, vermied die bürgerliche Behörde sorgfältig
jede Einmischung in die Angelegenheiten der Kapuziner. Man gefällt sich
darin, ihren Wohlstand zu übertreiben, wie man früher bei den Jesuiten
in Paraguay gethan.
Die Missionen am Carony vereinigen in Folge der Bodenbildung[^110] und
des Wechsels von Savanen und Ackerland die Vorzüge der Llanos von
Calabozo und der Thäler von Aragua. Der wahre Reichthum des Landes
beruht auf der Viehzucht und dem Bau von Colonialprodukten. Es ist zu
wünschen, daß hier, wie in der schönen, fruchtbaren Provinz Venezuela,
die Bevölkerung dem Landbau treu bleibt und nicht so bald darauf
ausgeht, Erzgruben zu suchen. Deutschlands und Mexikos Beispiel beweist
allerdings, daß Bergbau und eine blühende Landwirthschaft keineswegs
unverträglich sind; aber nach Volkssagen kommt man über die Ufer des
Carony zum See Dorado und zum Palast des vergoldeten Mannes,[^111] und
da dieser See und dieser Palast ein Localmythus sind, so wäre es
gefährlich Erinnerungen zu wecken, die sich allmählig zu verwischen
beginnen. Man hat mich versichert, noch bis zum Jahr 1760 seyen die
freien Caraiben zum Cerro de Pajarcima, einem Berg südlich von Vieja
Guyana gekommen, um das verwitterte Gestein auszuwaschen. Der dabei
gewonnene Goldstaub wurde in Calebassen der Crescentia Cujete aufbewahrt
und in Essequebo an die Holländer verkauft. Noch später mißbrauchten
mexicanische Bergleute die Leichtgläubigkeit des Intendanten von
Caracas, Don Jose Avalo, und legten mitten in den Missionen am Carony,
bei der Villa Upata in den Cerros del Potrero und Chirika große
Hüttenwerke an. Sie erklärten, die ganze Gebirgsart sey goldhaltig und
man baute Werkstätten und Schmelzöfen. Nachdem man beträchtliche Summen
verschleudert, zeigte es sich, daß die Kiese keine Spur von Gold
enthielten. Diese Versuche, so fruchtlos sie waren, riefen den alten
Aberglauben[^112] wach, daß in Guyana »jedes glänzende Gestein una madre
del oro sey.« Man begnügte sich nicht damit, Glimmerschiefer zu
schmelzen; bei Angostura zeigte man mir Schichten von Hornblendeschiefer
ohne fremdartige Beimengung, die man unter dem wunderlichen Namen:
schwarzes Golderz, oro negro, ausbeutete.
Zur Vervollständigung der Beschreibung des Orinoco theile ich an dieser
Stelle die Hauptergebnisse meiner Untersuchungen über den Dorado, über
das weiße Meer oder Laguna Parime und die Quellen des Orinoco mit, wie
sie auf den neuesten Karten gezeichnet sind. Die Vorstellung von einem
überschwenglich reichen Goldlande war seit dem Ende des sechzehnten
Jahrhunderts mit der andern verbunden, daß ein großer Binnensee den
Orinoco, Rio Branco und den Rio Essequebo zugleich mit Wasser speise.
Ich glaube durch genauere Kenntniß der Oertlichleiten, durch langes,
mühsames Studium der spanischen Schriftsteller, die vom Dorado handeln,
besonders aber durch Vergleichung sehr vieler alten, chronologisch
geordneten Karten den Quellen dieses Irrthums auf die Spur gekommen zu
seyn. Allen Mährchen liegt etwas Wirkliches zu Grunde; das vom Dorado
gleicht den Mythen des Alterthums, die bei ihrer Wanderung von Land zu
Land immer den verschiedenen Oertlichkeiten angepaßt wurden. Um Wahrheit
und Irrthum zu unterscheiden, braucht man in den Wissenschaften meistens
nur die Geschichte der Vorstellungen und ihre allmählige Entwicklung zu
verfolgen. Die Untersuchung, mit der ich dieses Kapitel beschließe, ist
nicht allein deßhalb von Belang, weil sie Licht verbreitet über die
Vorgänge bei der Eroberung und über die lange Reihe unglücklicher
Expeditionen, die unternommen worden, um den Dorado zu suchen, und deren
letzte (man schämt sich, es sagen zu müssen) in das Jahr 1775 fällt;
neben diesem rein historischen Interesse haben sie noch ein anderes
unmittelbareres und allgemeineres: sie können dazu dienen, die
Geographie von Südamerika zu berichtigen, und auf den Karten, die
gegenwärtig erscheinen, die großen Seen und das seltsame Flußnetz
auszumerzen, die wie auf gerathewohl zwischen dem 60. und 69. Längengrad
eingezeichnet werden. In Europa glaubt kein Mensch mehr an die Schätze
in Guyana und an das Reich des großen Patiti. Die Stadt Manoa und ihre
mit massiven Goldplatten bedeckten Paläste sind längst verschwunden;
aber der geographische Apparat, mit dem die Sage vom Dorado aufgeputzt
war, der See Parime, in dem sich, wie im See bei Mexiko, so viele
herrliche Gebäude spiegelten, wurde von den Geographen gewissenhaft
beibehalten. Im Laufe von drei Jahrhunderten erlitten dieselben Sagen
verschiedene Umwandlungen; aus Unkenntniß der amerikanischen Sprachen
hielt man Flüsse für Seen und Trageplätze für Flußverzweigungen; man
rückte einen See (den Cassipa) um 5 Breitegrade zu weit nach Süd,
während man einen andern (den Parime oder Dorado) hundert Meilen weit
weg vom westlichen Ufer des Rio Branco auf das östliche versetzte. Durch
solch mancherlei Umwandlungen ist das Problem, das uns hier vorliegt,
weit verwickelter geworden, als man gewöhnlich glaubt. Der Geographen,
welche bei Entwerfung einer Karte die drei Fundamentalpunkte, die Maße,
die Vergleichung der beschreibenden Schriften und die etymologische
Untersuchung der Namen immer im Auge haben, sind sehr wenige. Fast alle
seit 1775 erschienenen Karten von Südamerika sind, was das Binnenland
zwischen den Steppen von Venezuela und dem Amazonenstrom, zwischen dem
Ostabhang der Anden und den Küsten von Cayenne betrifft, reine Copien
der großen spanischen Karte des la Cruz Olmedilla. Eine Linie darauf,
welche den Landstrich bezeichnet, den Don Jose Solano entdeckt und durch
seine Truppen und Emissäre zur Ruhe gebracht haben wollte, hielt man für
den Weg, den der Commissär zurückgelegt, während er nie über San
Fernando de Atabapo, das 160 Meilen vom angeblichen See Parime liegt,
hinausgekommen ist. Man versäumte es, das Werk des Pater Caulin zu Rathe
zu ziehen, des Geschichtschreibers von Solanos Expedition, der nach den
Angaben der Indianer sehr klar auseinandersetzt, »wie der Name des
Flusses Parime das Mährchen vom Dorado und einem Binnenmeer veranlaßt
hat«. Ganz unbenützt ließ man ferner eine Karte vom Orinoco, die drei
Jahre jünger ist als die von la Cruz; und die von Surville nach dem
ganzen zuverlässigen wie hypothetischen Material in den Archiven des
Despacho universal de Indias gezeichnet wurde. Die Fortschritte der
Geographie, soweit sie sich auf den Karten zu erkennen geben, sind weit
langsamer, als man nach der Menge brauchbarer Resultate, die in den
Literaturen der verschiedenen Völker zerstreut sind, glauben sollte.
Astronomische Beobachtungen, topographische Nachweisungen häufen sich
viele Jahre lang an, ohne daß sie benützt werden, und aus sonst sehr
lobenswerthem Conservatismus wollen die Kartenzeichner oft lieber nichts
Neues bringen, als einen See, eine Bergkette oder ein Flußnetz opfern,
die man nun einmal seit Jahrhunderten eingezeichnet hat.
Da die fabelhaften Sagen vom Dorado und vom See Parime nach dem
Charakter der Länder, denen man sie anpassen wollte, verschiedentlich
gewendet worden sind, so ist herauszufinden, was daran richtig seyn mag
und was rein chimärisch ist. Um nicht zu sehr ins Einzelne zu gehen, was
besser der »Analyse des geographischen Atlas« vorbehalten bleibt, mache
ich den Leser vor allem auf die Oertlichkeiten aufmerksam, welche zu
verschiedenen Zeiten der Schauplatz der Expeditionen zur Entdeckung des
Dorado gewesen. Hat man sich mit der Physiognomie des Landes und mit den
örtlichen Umständen, wie wir sie jetzt zu beschreiben im Stande sind,
bekannt gemacht, so wird einem klar, wie die verschiedenen
Voraussetzungen auf unsern Karten nach und nach entstehen und einander
modificiren konnten. Um einen Irrthum zu berichtigen, hat man nur die
wechselnden Gestalten zu betrachten, unter denen er zu verschiedenen
Zeiten aufgetreten ist.
Bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war das ungeheure Gebiet
zwischen den Bergen von französisch Guyana und den Wäldern am obern
Orinoro, zwischen den Quellen des Rio Carony und dem Amazonenstrom (von
0 bis 4 Grad nördlicher Breite und vom 57. bis 68. Grad der Länge) so
wenig bekannt, daß die Geographen nach Gefallen Seen, Flußverbindungen,
mehr oder weniger hohe Berge einzeichnen konnten. Sie haben sich dieser
Freiheit in vollem Maße bedient, und die Lage der Seen, wie der Lauf und
die Verzweigungen der Flüsse wurden so verschiedenartig dargestellt, daß
es nicht zu wundern wäre, wenn sich unter den zahllosen Karten ein paar
fänden, die das Richtige getroffen hätten. Heutzutage ist das Feld der
Hypothesen sehr bedeutend kleiner geworden. Die Länge von Esmeralda am
obern Orinoco ist von mir bestimmt; weiter nach Ost, mitten in den
Niederungen der Parime (ein unbekanntes Land, wie Wangara und Dar-Saley
in Afrika), ist ein 20 Meilen breiter Strich von Nord nach Süd an den
Ufern des Rio Carony und des Rio Branca) hin, unter dem 63. Grad der
Länge, bereits begangen. Es ist dieß der gefährliche Weg, den Don
Antonio Santos von Santo Thome de Angostura an den Rio Negro und den
Amazonenstrom eingeschlagen, derselbe, auf dem in neuester Zeit
Ansiedler aus Surinam mit den Bewohnern von Gran-Para verkehrt
haben.[^113] Dieser Weg schneidet die terra incognita der Parime in zwei
ungleiche Stücke; zugleich setzt er den Quellen des Orinoco Grenzen, so
daß man dieselben nicht mehr nach Belieben gegen Ost schieben kann, weil
sonst das Bett des obern Orinoco, der von Ost nach West läuft, über das
Bett des Rio Branco liefe, der von Nord nach Süd fließt. Verfolgt man
den Rio Branco oder den Streifen Bauland, der zur Capitania general von
Gran-Para gehört, so sieht man Seen, die von den Geographen zum Theil
aus der Luft gegriffen, zum Theil vergrößert sind, zwei gesonderte
Gruppen bilden. Die erste derselben begreift die Seen, die man zwischen
Esmeralda und den Rio Branco verlegt, zur zweiten gehören die, welche
man auf dem Landstrich zwischen dem Rio Branco und den Bergen von
französisch und holländisch Guyana einander gegenüber liegen läßt. Aus
dieser Uebersicht ergibt sich, daß die Frage, ob es ostwärts vom Rio
Branco einen See Parime gibt, mit der Frage nach den Quellen des Orinoco
gar nichts zu thun hat.
Außer dem eben bezeichneten Landstrich (dem Dorado de la Parime, durch
den der Rio Branco läuft) gibt es 260 Meilen gegen West am Ostabhang der
Cordilleren der Anden ein anderes Land, das in den Expeditionen zur
Aufsuchung des Dorado ebenso berufen ist. Es ist dieß das Mesopotamien
zwischen dem Caqueta, dem Rio Negro, dem Uaupes und dem Jurubesh, von
dem ich oben ausführlich gesprochen,[^114] der Dorado der Omaguas, wo
der See Manoa des Pater Acuña, die laguna de oro der Guanes-Indianer und
das Goldland liegen, aus dem Pater Fritz gegen das Ende des siebzehnten
Jahrhunderts in seiner Mission am Amazonenstrom Goldbleche erhalten hat.
Die ersten und zumal berühmtesten Unternehmungen zur Auffindung des
Dorado waren gegen den Ostabhang der Anden von Neu-Grenada gerichtet.
Voll Verwunderung über den Bericht eines Indianers aus Tacunga von den
Schätzen des Königs oder Zague von »Cundirumarca,« schickte Sebastian de
Belalcazar im Jahr 1535 die Hauptleute Añasco und Ampudia aus, das valle
del Dorado zu suchen, das zwölf Tagereisen von Guallabamba, also in den
Gebirgen zwischen Pasto und Popayan liegen sollte. Die Nachrichten,
welche Pedro de Añasco von den Eingeborenen eingezogen, in Verbindung
mit den späteren Mittheilungen des Diaz de Pineda (1536), der die
Provinzen Quixos und Canela zwischen dem Rio Napo und dem Rio Pastaca
entdeckt hatte, brachten auf die Vorstellung, daß östlich von den
Nevados von Tunguragua, Cayambe und Popayan »weite Ebenen liegen, reich
an edlen Metallen, wo die Eingeborenen Rüstungen aus massivem Golde
trügen«. Als man nun diese Schätze aufsuchte, entdeckte Gonzalo Pizarro
(1539) zufällig den amerikanischen Zimmtbaum (Laurus cinnamomoides) und
gelangte Francisco de Orellana über den Napo hinunter in den
Amazonenstrom. Von da an wurden zu gleicher Zeit von Venezuela,
Neu-Grenada, Quito und Peru, ja von Brasilien und vom Rio de la Plata
aus Expeditionen zur Eroberung des Dorado unternommen. Am längsten haben
sich die Züge in das Land südlich vom Guaviare, Rio Fragua und Caqueta
im Gedächtniß erhalten, und durch sie vor allen hat das Mährchen von den
Schätzen der Manaos, der Omaguas und Guaypes, wie von der Existenz der
Lagunas de oro und der Stadt des vergoldeten Königs (der große Patiti,
der große Moxo, der große Paru oder Enim) Verbreitung gefunden. Da
Orellana zwischen den Nebenflüssen des Jupura und des Rio Negro
Götzenbilder von massivem Golde gefunden hatte, so glaubte man an ein
Goldland zwischen dem Papamene und dem Guaviare. Seine Erzählung und die
Reiseberichte Jorge’s de Espira (Georg von Speier), Hernans Perez de
Guezada und Felipe’s de Urre (Philipp von Hutten) verrathen, neben
vielen Uebertreibungen, genaue Localkenntnisse. Betrachtet man sie rein
aus geographischem Gesichtspunkt, so sieht man, daß das Bestreben der
ersten Conquistadoren fortwährend dahin ging, zum Landstrich zwischen
den Quellen des Rio Negro, des Uaupes (Guape) und des Jupura oder
Caqueta zu gelangen. Diesen Landstrich haben wir oben, zum Unterschied
vom Dorado der Parime, den Dorado der Omaguas genannt. Allerdings hieß
alles Land zwischen dem Amazonenstrom und dem Orinoco im Allgemeinen
»Provincias del Dorado;« aber auf diesem ungeheuern, mit Wäldern,
Savanen und Gebirgen bedeckten Raum strebte man, wenn man den großen See
mit goldreichen Ufern und den vergoldeten König suchte, doch immer nur
zwei Punkten zu, nordöstlich und südwestlich vom Rio Negro, nämlich der
Parime (dem Isthmus zwischen dem Carony, Essequebo und Rio Branco) und
den alten Wohnplätzen der Manaos an den Ufern des Jurubesh. Die Lage des
letzteren Landstrichs, der in der Geschichte der »Eroberung« vom Jahr
1535 bis zum Jahr 1560 vielberufen war, habe ich oben angegeben; ich
habe nun noch von der Bodenbildung zwischen den spanischen Missionen am
Carony und den portugiesischen am Rio Branco zu sprechen. Es ist dieß
das Land in der Nähe des obern Orinoco, Esmeraldas und von holländisch
und französisch Guyana, das am Ende des sechzehnten Jahrhunderts Raleghs
Unternehmungen und übertriebene Berichte in so hellem Glanze strahlen
ließen.
In Folge des Laufs des Orinoco, indem er nach einander erst gegen West,
dann gegen Nord und endlich gegen Ost fließt, liegt seine Mündung fast
im selben Meridian wie seine Quellen; geht man daher von Alt-Guayana
gegen Süd, so kommt man über das ganze Land, in das die Geographen nach
einander ein Binnenmeer (Mar blanco) und die verschiedenen Seen
versetzen, die mit der Sage vom Dorado der Parime verknüpft sind. Zuerst
kommt man an den Rio Carony, zu dem zwei fast gleich starke Zweige
zusammentreten, der eigentliche Carony und der Rio Paragua. Die
Missionäre von Piritu nennen letzteren Fluß einen See (laguna). Er ist
voll Klippen und kleiner Wasserfälle; »da er aber über ein völlig ebenes
Land läuft, tritt er zugleich häufig sehr stark aus und man kann sein
eigentliches Bett (su verdadera caxa) kaum erkennen«. Die Eingeborenen
nennen ihn Paragua oder Parava, was auf caraibisch Meer oder großer See
bedeutet. Diese örtlichen Verhältnisse und diese Benennung sind ohne
Zweifel die Veranlassung geworden, daß man aus dem Rio Paragua, einem
Nebenfluß des Carony, einen See gemacht und denselben Cassipa genannt
hat, nach den Cassipagotos, die in der Gegend wohnten. Ralegh gab diesem
Wasserbecken 13 Meilen Breite, und da alle Seen der Parime Goldsand
haben müssen, so ermangelt er nicht zu versichern, wenn Sommers das
Wasser falle, finde man daselbst Goldgeschiebe von bedeutenden Gewicht.