Bei der Fahrt auf dem Fluß, ob nun die Schiffe durch die Boca de Navios

einlaufen oder sich durch das Labyrinth der bocas chicas wagen, sind

besondere Vorsichtsmaßregeln erforderlich, je nachdem das Bett voll oder

der Wasserstand sehr tief ist. Die Regelmäßigkeit, mit der der Orinoco

zu bestimmten Zeiten anschwillt, war von jeher für die Reisenden ein

Gegenstand der Verwunderung, wie ja auch das Austreten des Nils für die

Philosophen des Alterthums ein schwer zu lösendes Problem war. Der

Orinoco und der Nil laufen, der Richtung des Ganges, Indus, Rio de la

Plata und Euphrat entgegen, von Süd nach Nord; aber die Quellen des

Orinoco liegen um 5 bis 6 Grad näher am Aequator als die des Nil. Da uns

die zufälligen Wechsel im Luftkreise täglich so stark auffallen, wird

uns die Anschauung schwer, daß in großen Zeiträumen die Wirkungen dieses

Wechsels sich gegenseitig ausgleichen sollen, daß in einer langen Reihe

von Jahren die Unterschiede im durchschnittlichen Betrag der Temperatur,

der Feuchtigkeit und des Luftdrucks von Monat zu Monat ganz unbedeutend

sind, und daß die Natur, trotz der häufigen partiellen Störungen, in der

Reihenfolge der meteorologischen Erscheinungen einen festen Typus

befolgt. Die großen Ströme sammeln die Wasser, die auf einer mehrere

tausend Quadratmeilen großen Erdfläche niederfallen, in Einen Behälter.

So ungleich auch die Regenmenge seyn mag, die im Lauf der Jahre in

diesem oder jenem Thale fällt, auf den Wasserstand der Ströme von langem

Lauf haben dergleichen locale Wechsel so gut wie keinen Einfluß. Die

Anschwellungen sind der Ausdruck des mittleren Feuchtigkeitsstandes im

ganzen Becken; sie treten Jahr für Jahr in denselben Verhältnissen auf,

weil ihr Anfang und ihre Dauer eben auch vom Durchschnitt der scheinbar

sehr veränderlichen Epochen des Eintritts und des Endes der Regenzeit

unter den Breiten, durch welche der Hauptstrom und seine Nebenflüsse

laufen, abhängig sind. Es folgt daraus, daß die periodischen

Schwankungen im Wasserstand der Ströme, gerade wie die unveränderliche

Temperatur der Höhlen und der Quellen, sichtbar darauf hinweisen, daß

Feuchtigkeit und Wärme auf einem Striche von beträchtlichem Flächenraum

von einem Jahr zum andern regelmäßig vertheilt sind. Dieselben machen

starken Eindruck auf die Einbildungskraft des Volks, wie ja Ordnung in

allen Dingen überrascht, wo die ersten Ursachen schwer zu erfassen sind,

wie ja die Durchschnittstemperaturen aus einer langen Reihe von Monaten

und Jahren den in Verwunderung setzen, der zum erstenmal eine Abhandlung

über klimatische Verhältnisse zu Gesicht bekommt. Ströme, die ganz in

der heißen Zone liegen, zeigen in ihren periodischen Bewegungen die

wundervolle Regelmäßigkeit, die einem Erdstrich eigen ist, wo derselbe

Wind fast immer Luftschichten von derselben Temperatur herführt, und wo

die Declinationsbewegung der Sonne jedes Jahr zur selben Zeit mit der

elektrischen Spannung, mit dem Aufhören der Seewinde und dem Eintritt

der Regenzeit eine Störung des Gleichgewichts verursacht.[^101] Der

Orinoco, der Rio Magdalena und der Congo oder Zaire sind die einzigen

großen Ströme im Aequinoctialstrich des Erdballs, die in der Nähe des

Aequators entspringen und deren Mündung in weit höherer Breite, aber

noch innerhalb der Tropen liegt. Der Nil und der Rio de la Plata laufen

in zwei entgegengesetzten Halbkugeln aus der heißen in die gemäßigte

Zone.[^102] So lange man den Rio Paragua bei Esmeralda mit dem Rio

Guaviare verwechseln und die Quellen des Orinoco südwestwärts am

Ostabhang der Anden suchte, schrieb man das Steigen des Stroms dem

periodischen Schmelzen des Schnees zu. Dieser Schluß war so unrichtig,

als wenn man früher den Nil durch das Schneewasser aus Abyssinien

austreten ließ. Die Cordilleren von Neu-Grenada, in deren Nähe die

westlichen Nebenflüsse des Orinoco, der Guaviare, der Meta und der Apure

entspringen, reichen, mit einziger Ausnahme der Paramos von Chita und

Mucuchies, so wenig zu der Grenze des ewigen Schnees hinauf als die

abyssinischen Alpen. Schneeberge sind im heißen Erdstrich weit seltener,

als man gewöhnlich glaubt; und die Schneeschmelze, die in keiner

Jahreszeit bedeutend ist, wird zur Zeit der Hochwasser des Orinoco

keineswegs stärker. Die Quellen dieses Stroms liegen (ostwärts von

Esmeralda) in den Gebirgen der Parime, deren höchste Gipfel nicht über

1200 bis 1300 Toisen hoch sind, und von Grita bis Neiva (von 7½ bis

3 Grad der Breite) hat der östliche Zweig der Cordillere viele Paramos

von 1800 bis 1900 Toisen Höhe, aber nur Eine Gruppe von Nevados, das

heißt Bergen, höher als 2400 Toisen, und zwar die fünf Pichacos de

Chita. In den schneelosen Paramos von Cundinamarca entspringen die drei

großen Nebenflüsse des Orinoco von Westen her. Nur kleinere Nebenflüsse,

die in den Meta und Apure fallen, nehmen einige aguas de nieve auf, wie

der Rio Casanare, der vom Nevado de Chita, und der Rio de Santo Domingo,

der von der Sierra Nevada de Merida herunterkommt und durch die Provinz

Varinas läuft.

Die Ursache des periodischen Austretens des Orinoco wirkt in gleichem

Maaße auf alle Flüsse, die im heißen Erdstrich entspringen. Nach der

Frühlings- Tag- und Nachtgleiche verkündet das Aufhören der Seewinde den

Eintritt der Regenzeit. Das Steigen der Flüsse, die man als natürliche

Regenmesser betrachten kann, ist der Regenmenge, die in den

verschiedenen Landstrichen fällt, proportional. Mitten in den Wäldern am

obern Orinoco und Rio Negro schienen mir über 90 bis 100 Zoll Regen im

Jahr zu fallen.[^103] Die Eingeborenen unter dem trüben Himmel von

Esmeralda und am Atabapo wissen daher auch ohne die geringste Kenntniß

von der Physik, so gut wie einst Eudoxus und Eratosthenes,[^104] daß das

Austreten großer Ströme allein vom tropischen Regen herrührt. Der

ordnungsmäßige Verlauf im Steigen und Fallen des Orinoco ist folgender.

Gleich nach der Frühlings- Tag- und Nachtgleiche (das Volk nimmt den 25.

März an) bemerkt man, daß der Fluß zu steigen anfängt, Anfangs nur um

einen Zoll in vierundzwanzig Stunden; im April fällt der Fluß zuweilen

wieder; das Maximum des Hochwassers erreicht er im Juli, bleibt voll (im

selben Niveau) vom Ende Juli bis zum 25. August, und fällt dann

allmählich, aber langsamer, als er gestiegen. Im Januar und Februar ist

er auf dem Minimum. In beiden Welten haben die Ströme der nördlichen

heißen Zone ihre Hochwasser ungefähr zur selben Zeit. Ganges, Niger und

Gambia erreichen wie der Orinoco ihr Maximum im August.[^105] Der Nil

bleibt um zwei Monate zurück, sey es in Folge gewisser localer

klimatischer Verhältnisse in Abyssinien, sey es wegen der Länge seines

Laufs vom Lande Berber oder vom 17. Breitengrad bis zur Theilung am

Delta. Die arabischen Geographen behaupten, in Sennaar und Abyssinien

steige der Nil schon im April (ungefähr wie der Orinoco); in Cairo wird

aber das Steigen erst gegen das Sommersolstitium merklich und der

höchste Wasserstand tritt Ende September ein.[^106] Aus diesem erhält

sich der Fluß bis Mitte October; das Minimum fällt in April und Mai,

also in eine Zeit, wo in Guyana die Flüsse schon wieder zu steigen

anfangen. Aus dieser raschen Uebersicht ergibt sich, daß, wenn auch die

Form der natürlichen Canäle und locale klimatische Verhältnisse eine

Verzögerung herbeiführen, die große Erscheinung des Steigens und Fallens

der Flüsse in der heißen Zone sich überall gleich bleibt. Auf den beiden

Thierkreisen, die man gewöhnlich den tartarischen und chaldäischen oder

egyptischen nennt (auf dem Thierkreis, der das Bild der Ratte, und auf

dem, der die Bilder der Fische und des Wassermanns hat) beziehen sich

besondere Constellationen auf die periodischen Ueberschwemmungen der

Flüsse. Wahre Cykeln, Zeiteintheilungen, wurden allmählig zu Theilungen

des Raums; da aber die physikalische Erscheinung der Ueberschwemmungen

eine so allgemeine ist, so konnte der Thierkreis, der durch die Griechen

auf uns gekommen und der durch das Vorrücken der Tag- und Nachtgleichen

ein geschichtliches Denkmal von hohem Alter wird, weit von Theben und

dem heiligen Nilthal entstanden seyn. Auf den Thierkreisen der neuen

Welt, z. B. auf dem mexicanischen, kommen auch Zeichen für Regen und

Ueberschwemmung vor, die dem Chu (der Ratte) des chinesischen und

tibetanischen Cyclus der Tse und den Fischen und dem Wassermann des

zwölftheiligen Thierkreises entsprechen. Diese zwei mexicanischen

Zeichen sind das Wasser (atl) und der Cipactli, das Seeungeheuer mit

einem Horn. Dieses Thier ist zugleich die Fischgazelle der Hindus, der

Steinbock unseres Thierkreises, der Deucalion der Griechen und der Noah

(Coxcox) der Azteken. So finden wir denn die allgemeinen Ergebnisse der

vergleichenden Hydrographie schon aus den astrologischen Denkmälern, in

den Zeiteintheilungen und den religiösen Ueberlieferungen von Völkern,

die geographisch und dem Grad ihrer Geistesbildung nach am weitesten

auseinander liegen.

Da die Aequatorialregen auf den Niederungen eintreten, wenn die Sonne

durch das Zenith des Ortes geht, das heißt wenn ihre Declination der

Zone zwischen dem Aequator und einem der Wendekreise gleichnamig wird,

so fällt das Wasser im Amazonenstrom, während es im Orinoco merklich

steigt. In einer sehr scharfsinnigen Erörterung über den Ursprung des

Rio Congo hat man die Physiker bereits auf die Modificationen aufmerksam

gemacht, welche das periodische Steigen im Laufe eines Flusses erleiden

muß, bei dem Quellen und Mündung nicht auf derselben Seite der

Aequinoctiallinie liegen. Bei den hydraulischen Systemen des Orinoco und

des Amazonenstromes verwickeln sich die Umstände in noch auffallenderer

Weise. Sie sind durch den Rio Negro und den Cassiquiare, einen Arm des

Orinoco, verbunden, und diese Verbindung bildet zwischen zwei großen

Flußbecken eine schiffbare Linie, über welche der Aequator läuft. Der

Amazonenstrom hält nach Angaben, die mir an den Ufern desselben gemacht

worden, die Epochen des Steigens und Fallens lange nicht so regelmäßig

ein, als der Orinoco; indessen fängt er meist im December an zu steigen

und erreicht sein Maximum im März. Mit dem Mai fällt er wieder und im

Juli und August, also zur Zeit, wo der untere Orinoco das Land weit und

breit überschwemmt, ist sein Wasser stand im Minimum. Da in Folge der

allgemeinen Bodenbildung kein südamerikanischer Fluß von Süd nach Nord

über den Aequator laufen kann, so äußern die Ueberschwemmungen des

Orinoco Einfluß auf den Amazonenstrom, durch die des letzteren dagegen

erleiden die Oscillationen des Orinoco keine Störung in ihrem Gang. Aus

diesen Verhältnissen ergibt sich, daß beim Amazonenstrom und dem Orinoco

die concaven und die convexen Spitzen der Curve, welche der steigende

und fallende Wasserstand beschreibt, einander sehr regelmäßig

entsprechen, da sie den sechsmonatlichen Unterschied bezeichnen, der

durch die Lage der Ströme in entgegengesetzten Hemisphären bedingt wird.

Nur dauert es beim Orinoco nicht so lange, bis er zu steigen anfängt; er

steigt merklich, sobald die Sonne über den Aequator gegangen ist; der

Amazonenstrom dagegen wächst erst zwei Monate nach dem Aequinoctium.

Bekanntlich tritt in den Wäldern nördlich von der Linie der Regen früher

ein, als in den nicht so stark bewaldeten Niederungen der südlichen

heißen Zone. Zu dieser örtlichen Ursache kommt eine andere, die

vielleicht auch im Spiel ist, wenn der Nil so spät steigt. Der

Amazonenstrom erhält einen großen Theil seiner Gewässer von der

Cordillere der Anden, wo, wie überall in den Gebirgen, die Jahreszeiten

einen eigenthümlichen, dem der Niederungen meist entgegengesetzten Typus

haben.

Das Gesetz des Steigens und Fallens des Orinoco ist in Bezug auf das

räumliche Moment oder die Größe der Schwankungen schwerer zu ermitteln

als hinsichtlich des Zeitlichen, des Eintretens der Maxima und Minima.

Da meine eigenen Messungen des Wasserstandes sehr unvollständig sind,

theile ich Schätzungen, die sehr stark von einander abweichen, nur unter

allem Vorbehalt mit. Die fremden Schiffer nehmen an, daß der untere

Orinoco gewöhnlich um 90 Fuß steige; Pons, der bei seinem Aufenthalt in

Caracas im Allgemeinen sehr genaue Notizen gesammelt hat, bleibt bei 13

Faden stehen. Der Wasserstand wechselt natürlich nach der Breite des

Betts und der Zahl der Nebenflüsse, die in den Hauptstamm des Stroms

hereinkommen. Der Nil steigt in Oberegypten um 30 bis 35, bei Cairo um

25, an der Nordseite des Delta um 4 Fuß. Bei Angostura scheint der Strom

im Durchschnitt nicht über 24 oder 25 Fuß zu steigen. Es liegt hier

mitten im Fluß eine Insel, wo man den Wasserstand so bequem beobachten

könnte, wie am Nilmesser (Megyas) an der Spitze der Insel Rudah. Ein

ausgezeichneter Gelehrter, der sich in neuester Zeit am Orinoco

aufgehalten hat, Zea, wird meine Beobachtungen über einen so wichtigen

Punkt ergänzen: Das Volk glaubt, alle 25 Jahre steige der Orinoco um

drei Fuß höher als sonst; auf diesen Cyclus ist man aber keineswegs

durch genaue Messungen gekommen. Aus den Zeugnissen des Alterthums geht

hervor, daß die Niveauschwankungen des Nil nach Höhe und Dauer seit

Jahrtausenden sich gleich geblieben sind. Es ist dieß ein sehr

beachtenswerther Beweis, daß der mittlere Feuchtigkeits- und

Wärmezustand im weiten Nilbecken sich nicht verändert. Wird diese

Stetigkeit der physikalischen Erscheinungen, dieses Gleichgewicht der

Elemente sich auch in der neuen Welt erhalten, wenn einmal die Cultur

ein paar hundert Jahre alt ist? Ich denke, man kann die Frage bejahen,

denn alles, was die Gesammtkraft des Menschen vermag, kann auf die

allgemeinen Ursachen, von denen das Klima Guyanas abhängt, keinen

Einfluß äußern.

Nach der Barometerhöhe von San Fernando de Apure finde ich, daß der Fall

des Apure und untern Orinoco von dieser Stadt bis zur Boca de Navios

3½ Zoll auf die Seemeile von 930 Toisen beträgt.[^107] Man könnte sich

wundern, daß bei einem solchen kaum merklichen Fall die Strömung so

stark ist; ich erinnere aber bei dieser Gelegenheit daran, daß nach

Messungen, die von Hastings angeordnet worden, der Ganges auf einer

Strecke von 60 Seemeilen (die Krümmungen eingerechnet) auch nur 4 Zoll

auf die Meile fällt und daß die mittlere Geschwindigkeit dieses Stroms

in der trockenen Jahreszeit 3, in der Regenzeit 6 bis 8 Seemeilen in der

Stunde beträgt. Die Stärke der Strömung hängt also, beim Ganges wie beim

Orinoco, nicht sowohl vom Gefälle des Bettes ab, als von der starken

Anhäufung des Wassers im obern Stromlauf in Folge der starken

Regenniederschläge und der vielen Zuflüsse. Schon seit 250 Jahren sitzen

europäische Ansiedler an den Mündungen des Orinoco, und in dieser langen

Zeit haben sich, nach einer von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzten

Ueberlieferung, die periodischen Oscillationen des Stroms (der

Zeitpunkt, wo er zu steigen anfängt und der höchste Wasserstand) sich

nie um mehr als 12 bis 15 Tage verzögert.

Wenn Fahrzeuge mit großem Tiefgang im Januar und Februar mit dem Seewind

und der Fluth nach Angostura hinaufgehen, so laufen sie Gefahr, auf dem

Schlamm aufzufahren. Die Wasserstraße ändert sich häufig nach Breite und

Richtung; bis jetzt aber bezeichnet noch nirgends eine Bake die

Anschwemmungen, die sich überall im Fluß bilden, wo das Wasser seine

ursprüngliche Geschwindigkeit verloren hat. Südlich vom Cap Barima

besteht sowohl über den Fluß dieses Namens als über den Rio Moroca und

mehrere Esteres (aestuaria) eine Verbindung mit der englischen Colonie

am Essequebo. Man kann mit kleinen Fahrzeugen bis zum Rio Poumaron, an

dem die alten Niederlassungen Zeland und Middelburg liegen, ins Land

hinein kommen. Diese Verbindung hatte früher für die Regierung in

Caracas nur darum einige Wichtigkeit, weil dadurch dem Schleichhandel

Vorschub geleistet wurde; seit aber Berbice, Demerary und Essequebo

einem mächtigeren Nachbar in die Hände gefallen sind, betrachten die

Hispano-Amerikaner dieselbe aus dem Gesichtspunkt der Sicherheit der

Grenze. Flüsse, die der Küste parallel laufen und nur 5 bis 6 Seemeilen

davon entfernt bleiben, sind dem Uferstrich zwischen dem Orinoco und dem

Amazonenstrom eigenthümlich.

Zehn Meilen von Cap Barima theilt sich das große Bett des Orinoco zum

erstenmal in zwei 2000 Toisen breite Arme; dieselben sind unter den

indianischen Namen Zacupana und Imataca bekannt. Der erstere,

nördlichere, steht westwärts von den Inseln Cangrejos und Burro mit den

bocas chicas Lauran, Nuina und Mariusas in Verbindung. Die Insel Burro

verschwindet beim Hochwasser, ist also leider nicht zu befestigen. Das

südliche Ufer des brazo Imataca ist von einem Labyrinth kleiner

Wasserrinnen zerschnitten, in welche sich der Rio Imataca und der Rio

Aquire ergießen. Auf den fruchtbaren Savanen zwischen dem Imataca und

dem Cuyuni erhebt sich eine lange Reihe Granithügel, Ausläufer der

Cordillere der Parime, die südlich von Angostura den Horizont begrenzt,

die vielberufenen Katarakten des Rio Carony bildet und dem Orinoco beim

Fort Vieja Guayana wie ein vorgeschobenes Cap nahe rückt. Die

volkreichen Missionen der Caraiben und Guayanos unter der Obhut der

catalonischen Kapuziner liegen den Quellen des Imataca und des Aquire

zu. Am weitesten gegen Ost liegen die Missionen Miamu, Cumamu und Palmar

auf einem bergigten Landstrich, der sich gegen Tupuquen, Santa Maria und

Villa de Upata hinzieht. Geht man den Rio Aquire hinauf und über die

Weiden gegen Süd, so kommt man zur Mission Belem de Tumeremo und von da

an den Zusammenfluß des Curumu mit dem Rio Cuyuni, wo früher der

spanische Posten oder destacamento de Cuyuni lag. Ich mache diese

einzelnen topographischen Angaben, weil der Rio Cuyuni oder Cuduvini auf

eine Strecke von 2½ bis 3 Längegraden dem Orinoco parallel von Ost nach

West läuft, und eine vortreffliche natürliche Grenze zwischen dem Gebiet

von Caracas und englisch Guyana abgibt.

Die beiden Arme des Orinoco, der Zacupana und Imataca, bleiben 14 Meilen

weit getrennt; weiter oben findet man die Gewässer des Stroms in Einem

sehr breiten Bett beisammen. Dieses Stromstück ist gegen 8 Meilen lang;

an seinem westlichen Ende erscheint eine zweite Gabelung, und da die

Spitze des Deltas im nördlichen Arm des gegebenen Flusses liegt, so ist

dieser Theil des Orinoco für die militärische Vertheidigung des Landes

von großer Bedeutung. Alle Canäle, die den bocas chicas zulaufen,

entspringen am selben Punkt aus dem Stamme des Orinoco. Der Arm (Caño

Manamo), der beim Dorfe San Rafael abgeht, verzweigt sich erst nach

einem Lauf von 3 bis 4 Meilen, und ein Werk, das man oberhalb der Insel

Chaguanes anlegte, würde Angostura gegen einen Feind decken, der durch

eine der bocas chicas eindringen wollte. Zu meiner Zeit lagen die

Kanonierschaluppen östlich von San Rafael, am nördlichen Ufer des

Orinoco. Diesen Punkt müssen die Fahrzeuge in Sicht bekommen, die durch

die nördliche Wasserstraße bei San Rafael, welche die breiteste, aber

seichteste ist, nach Angostura hinaufsegeln.

Sechs Meilen oberhalb des Punktes, wo der Orinoco einen Zweig an die

bocas chicas abgibt, liegt das alte Fort (los castillos de la Vieja oder

Antigua Guayana), das im sechzehnten Jahrhundert zuerst angelegt wurde.

An diesem Punkt liegen viele felsigte Eilande im Strom, der hier gegen

650 Toisen breit seyn soll. Die Stadt ist fast ganz zerstört, aber die

Werke stehen noch und verdienen alle Aufmerksamkeit von Seiten der

Regierung von Terra Firma. In der Batterie auf einem Hügel nordwestwärts

von der alten Stadt hat man eine prachtvolle Aussicht. Bei Hochwasser

ist die alte Stadt ganz von Wasser umgeben. Lachen, die in den Orinoco

münden, bilden natürliche Bassins für Schiffe, welche auszubessern sind.

Hoffentlich, wenn der Frieden diesen schönen Ländern wieder geschenkt

ist und keine engherzige Staatskunst mehr den Fortschritt der Industrie

hemmt, werden sich Werften an diesen Lachen bei Vieja Guayana erheben.

Kein Strom nach dem Amazonenstrom kann aus den Wäldern, durch die er

läuft, so prächtiges Schiffsbauholz liefern. Diese Hölzer aus den großen

Familien der Laurineen, der Guttiferen, der Rutaceen und der baumartigen

Schotengewächse bieten nach Dichtigkeit, specifischer Schwere und mehr

oder weniger harziger Beschaffenheit alle nur wünschenswerthen

Abstufungen. Was im Lande allein fehlt, das ist ein leichtes,

elastisches Mastholz mit parallelen Fasern, wie die Nadelhölzer der

gemäßigten Landstriche und der hohen Gebirge unter den Tropen es

liefern.

Ist man an den Werken von Vieja Guayana vorbei, so wird der Orinoco

wieder breiter. Hinsichtlich des Anbaus des Landes zeigen beide Ufer

einen auffallenden Contrast. Gegen Nord sieht man nur den öden Strich

der Provinz Cumana, die unbewohnten Steppen (Llanos), die sich bis

jenseits der Quellen des Rio Maine, dem Plateau oder der Mesa von

Guanipa zu, erstrecken. Südwärts sieht man drei volkreiche Dörfer, die

zu den Missionen am Carony gehören, San Miguel de Uriala, San Felix und

San Joaquin. Letzteres Dorf, am Carony unmittelbar unterhalb des großen

Katarakts gelegen, gilt für den Stapelplatz der catalonischen Missionen.

Fährt man weiter gegen West, so hat der Steuermann zwischen der Mündung

des Carony und Angostura die Klippen Guarampo, die Untiefe des Mamo und

die Piedra del Rosario zu vermeiden. Ich habe nach dem umfangreichen

Material, das ich mitgebracht, und nach den astronomischen

Untersuchungen, deren Hauptergebnisse ich oben mitgetheilt, eine Karte

des Landes zwischen dem Delta des Orinoco, dem Carony und dem Cuyuni

entworfen. Es ist dieß der Theil von Guyana, der wegen der Nähe der

Küste eines Tags für europäische Ansiedler die meiste Anziehungskraft

haben wird.

In ihrem gegenwärtigen Zustande steht die ganze Bevölkerung dieser

großen Provinz, mit Ausnahme einiger spanischer Kirchspiele (Pueblos y

villas de Espanoles), unter der Regierung zweier Mönchsorden. Schätzt

man die Zahl der Einwohner von Guyana, die nicht in wilder

Unabhängigkeit leben, auf 35,000, so leben etwa 24,000 in den Missionen

und sind dem unmittelbaren Einfluß des weltlichen Arms so gut wie

entzogen. Zur Zeit meiner Reise hatte das Gebiet der Franciskaner von

der Congregation der Observanten 7300 Einwohner, das der Capuchinos

catalanes 17,000; ein auffallendes Mißverhältniß, wenn man bedenkt, wie

klein letzteres Gebiet ist gegenüber den ungeheuren Uferstrecken am

obern Orinoco, Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro. Aus diesen Angaben

geht hervor, daß gegen zwei Drittheile der Bevölkerung einer Provinz von

16,800 Meilen Flächeninhalt zwischen dem Rio Imataca und der Stadt Santo

Thome de Angostura auf einem 55 Meilen langen und 30 Meilen breiten

Strich zusammengedrängt sind. Diese beiden mönchischen Regierungen sind

den Weißen gleich unzugänglich und bilden einen status in statu. Ich

habe bisher nach meinen eigenen Beobachtungen die der Observanten

beschrieben, und es bleibt mir jetzt noch übrig mitzutheilen, was ich

über das andere Regiment, das der catalonischen Kapuziner, in Erfahrung

gebracht. Verderbliche bürgerliche Zwiste und epidemische Fieber haben

in den letzten Jahren den Wohlstand der Missionen am Carony, nachdem er

lange im Zunehmen gewesen, heruntergebracht; aber trotz dieser Verluste

ist der Landstrich, den wir besuchen wollen, noch immer

nationalökonomisch sehr interessant.

Die Missionen der catalonischen Kapuziner hatten im Jahr 1804 zum

wenigsten 60,000 Stücke Vieh auf den Savanen, die sich vom östlichen

Ufer des Carony und Paragua bis zu den Ufern des Imataca, Curumu und

Cuyuni erstrecken; sie grenzen gegen Südost an das englische Guyana oder

die Colonie Essequebo, gegen Süd, an den öden Ufern des Paragua und

Paraguamusi hinauf und über die Cordillere von Pacaraimo, laufen sie bis

zu den portugiesischen Niederlassungen am Rio Branco. Dieser ganze

Landstrich ist offen, voll schöner Savanen, ganz anders als das Land,

über das wir am obern Orinoco gekommen sind. Undurchdringlich werden die

Wälder erst dem Süden zu, gegen Nord sind Wiesgründe, von bewaldeten

Hügeln durchschnitten. Die malerischsten Landschaften sind bei den

Fällen des Carony und in der 250 Toisen hohen Bergkette zwischen den

Neben- flüssen des Orinoco und denen des Cuyuni. Hier liegen Villa de

Upata, der Hauptort der Missionen, Santa Maria und Cupapui. Auf kleinen

Hochebenen herrscht ein gesundes, gemäßigtes Klima; Cacao, Reis,

Baumwolle, Indigo und Zucker wachsen überall in Fülle, wo der

unberührte, mit dicker Grasnarbe bedeckte Boden beackert wird. Die

ersten christlichen Niederlassungen reichen, glaube ich, nicht über das

Jahr 1721 hinauf. Die Elemente der gegenwärtigen Bevölkerung sind drei

indianische Völkerschaften, die Guayanos, die Caraiben und die Guaicas.

Letztere sind ein Gebirgsvolk und lange nicht von so kleinem Wuchse, wie

die Guaicas, die wir in Esmeralda getroffen[^108] Sie sind schwer an die

Scholle zu fesseln und die drei jüngsten Missionen, in denen sie

beisammen lebten, Cura, Curucuy und Arechica, find bereits wieder

eingegangen. Von den Guayanos erhielt im sechzehnten Jahrhundert diese

ganze weite Provinz ihren Namen; sie sind nicht so intelligent, aber

sanftmüthiger, und leichter, wenn nicht zu civilisiren, doch zu

bändigen, als die Caraiben. Ihre Sprache scheint zum großen Stamm der

caraibischen und tamanakischen Sprachen zu gehören. Sie ist mit

denselben in den Wurzeln und grammatischen Formen verwandt, wie unter

sich Sanscrit, Persisch, Griechisch und Deutsch. Bei etwas, das seinem

Wesen nach unbestimmt ist, lassen sich nicht leicht feste Formen

aufstellen, und man verständigt sich sehr schwer über die Unterschiede

zwischen Dialekt, abgeleiteter Sprache und Stammsprache. Durch die

Jesuiten in Paraguay kennen wir in der südlichen Halbkugel eine andere

Horde Guayanos, die in den dichten Wäldern am Parana leben. Obgleich

sich nicht in Abrede ziehen läßt, daß die Völker, die nördlich und

südlich vom Amazonenstrom hausen, durch weite Wanderzüge in gegenseitige

Verbindung getreten sind, so möchte ich doch nicht entscheiden, ob jene

Guayanos am Parana und Uragay mit denen am Carony mehr gemein haben, als

einen gleichlautenden Namen, was auf einem Zufall beruhen kann.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 16 / 29 段