In den ersten Jahren nach der Gründung stand die Stadt Angostura in

keinem unmittelbaren Verkehr mit dem Mutterland. Die Einwohner

beschränkten sich darauf, dürres Fleisch und Tabak auf die Antillen und

über den Rio Cuyuni in die holländische Provinz am Essequebo zu

schmuggeln. Man erhielt unmittelbar aus Spanien weder Wein, noch Oel,

noch Mehl, die drei gesuchtesten Einfuhrartikel. Im Jahr 1771 schickten

einige Handelsleute die erste Goelette nach Cadix, und seitdem wurde der

direkte Tauschhandel mit den andalusischen und catalonischen Hafen sehr

lebhaft. Seit 1785 nahm die Bevölkerung von Angostura,[^94] nachdem sie

lange sehr zurückgeblieben war, stark zu; indessen war sie bei meinem

Aufenthalt in Guyana noch weit hinter der Bevölkerung der nächsten

englischen Stadt Stabrock zurück. Die Mündungen des Orinoco haben etwas

vor allen Hafen von Terra Firma voraus: man verkehrt aus denselben am

raschesten mit der spanischen Halbinsel. Man fährt zuweilen von Cadix

zur Punta Barima in 18 bis 20, und nach Europa zurück in 30 bis 35

Tagen. Da diese Mündungen unter dem Winde aller Inseln liegen, so können

die Schiffe von Angostura einen vortheilhafteren Verkehr mit den

Colonien auf den Antillen unterhalten als Guayra und Porto Cabello. Die

Handelsleute in Caracas sehen daher auch immer mit eifersüchtigen

Blicken auf die Fortschritte der Industrie in spanisch Guyana, und da

Caracas bisher der höchste Regierungssitz war, so wurde der Hafen von

Angostura noch weniger begünstigt als die Häfen von Cumana und Nueva

Barcelona. Der innere Verkehr ist am lebhaftesten mit der Provinz

Varinas. Aus derselben kommen nach Angostura Maulthiere, Cacao, Indigo,

Baumwolle und Zucker, und sie erhält dafür »Generos,« das heißt

europäische Manufakturprodukte. Ich sah lange Fahrzeuge (Lanchas)

abgehen, deren Ladung auf acht bis zehntausend Piaster geschätzt wurde.

Diese Fahrzeuge fahren zuerst den Orinoco bis Cabruta, dann den Apure

bis San Vicente, endlich den Rio Santo Domingo bis Torunos hinauf,

welches der Stapelplatz von Varinas Nuevas ist. Die kleine Stadt San

Fernando de Apure, die ich oben beschrieben,[^95] dient als Niederlage

bei diesem Flußhandel, der durch die Einführung der Dampfschifffahrt

noch weit bedeutender werden kann.

Das linke Ufer des Orinoco und alle Mündungen des Stroms, mit Ausnahme

der Boca de Navios, gehören zu der Provinz Cumana. Dieser Umstand hat

schon lange Anlaß zum Projekt gegeben, Angostura gegenüber (da wo

gegenwärtig die Batterie San Rafael steht) eine neue Stadt zu gründen,

um vom Gebiet der Provinz Cumana selbst, und ohne über den Orinoco sehen

zu müssen, die Maulthiere und das dürre Fleisch der Llanos ausführen zu

können. Kleinlichte Eifersüchteleien, wie sie immer zwischen zwei

benachbarten Regierungen im Schwange sind, werden diesem Plane Vorschub

leisten; aber beim gegenwärtigen Zustand des Ackerbaus im Lande ist zu

wünschen, daß er noch lange vertagt bleibt. Warum sollte man an den

Ufern des Orinoco zwei concurrirende Städte bauen, die kaum 400 Toisen

auseinander lägen?

Ich habe im Bisherigen das Land beschrieben, das wir auf einer 500

Meilen langen Flußfahrt durchzogen; es bleibt jetzt nur noch das kleine

3,52 Längengrade betragende Stück zwischen der gegenwärtigen Hauptstadt

und Mündung des Orinoco übrig. Eine genaue Kenntniß des Delta und des

Laufs des Rio Carony ist für die Hydrographie und den europäischen

Handel von gleichem Belang. Um den Flächenraum und die Bildung eines von

Flußarmen durchschnittenen und periodischen Ueberschwemmungen

unterworfenen Landes beurtheilen zu können, hatte ich die astronomische

Lage der Punkte, wo die Spitze und die äußersten Arme des Delta liegen,

zu ermitteln. Churruca, der mit Don Juacquin Fidalgo den Auftrag hatte,

die Nordküsten von Terra Firma und die Antillen aufzunehmen, hat Länge

und Breite der Boca de Manamo, der Punta Baxa und von Vieja Guayana

bestimmt. Aus Espinosas Denkschriften kennen wir die wahre Lage der

Punta Barima, und ich glaube daher, wenn ich nach den Punkten Puerto

España auf der Insel Trinidad und dem Schloß San Antonio bei Cumana

(Punkten, welche durch meine eigenen Beobachtungen und durch Oltmanns

scharfsinnige Untersuchungen gegeben sind) eine Reduction vornehme und

dadurch die absoluten Längen näher bestimme, hinlänglich genaue Angaben

machen zu können. Es ist wünschenswerth, daß einmal auf einer

ununterbrochenen Fahrt auf chronometrischem Wege die

Meridianunterschiede zwischen Puerto España und den kleinen Mündungen

des Orinoco, zwischen San Rafael (der Spitze des Delta) und Santo Thome

de Angostura bestimmt werden.

Die ganze Ostküste von Südamerika vom Cap San Roque, und besonders vom

Hafen von Maranham bis zum Gebirgsstock von Paria ist so niedrig, daß,

nach meiner Ansicht, das Delta des Orinoco und seine Bodenbildung nicht

wohl den Anschwemmungen Eines Stromes zugeschrieben werden kann. Ich

will nach der Aussage der Alten nicht in Abrede ziehen, daß das Nildelta

einst ein Busen des Mittelmeers war, der allmählig durch Anschwemmung

ausgefüllt wurde. Es begreift sich leicht, daß sich an der Mündung aller

großen Ströme da, wo die Geschwindigkeit der Strömung rasch abnimmt,

eine Bank, ein Eiland bildet, daß sich Material absetzt, das nicht

weiter geschwemmt werden kann. Es ist ebenso begreiflich, daß der Fluß,

da er um diese Bank herum muß, sich in zwei Arme spaltet, und daß die

Anschwemmungen, da sie an der Spitze des Delta einen Stützpunkt finden,

sich immer weiter ausbreiten, während die Flußarme aus einander weichen.

Der Vorgang bei der ersten Gabelung wiederholt sich bei jedem einzelnen

Stromstück, so daß die Natur durch denselben Proceß ein Labyrinth

kleiner gegabelter Canäle hervorbringen kann, die sich im Laufe der

Jahrhunderte, je nach der Stärke und der Richtung der Hochgewässer,

ausfüllen oder vertiefen. Auf diese Weise hat sich unzweifelhaft der

Hauptstamm des Orinoco 25 Meilen westwärts von der Boca de Ravios in

zwei Arme, den von Zacupana und den von Imataca, getheilt. Das Netz

kleinerer Zweige dagegen, die gegen Nord vom Flusse abgehen und deren

Mündungen bocas chicas (die kleinen Mündungen) heißen, scheint mir eine

Erscheinung, die ganz mit der Bildung der Deltas von Nebenflüssen

übereinkommt.[^96] Wenn mehrere hundert Meilen von der Küste ein Fluß

(z. B. der Apure oder Jupura) sich mittelst einer Menge von Zweigen mit

einem andern Fluß verbindet, so sind diese mannigfachen Gabelungen nur

Rinnen in einem völlig ebenen Boden. Ebenso verhält es sich mit den

oceanischen Deltas überall, wo bei allgemeinen Ueberfluthungen in

Zeiten, bevor Orinoco und Amazonenstrom bestanden, die Küsten mit

erdigen Niederschlägen bedeckt wurden. Ich bezweifle, daß alle

oceanischen Deltas einst Meerbusen, oder, wie einige neuere Geographen

sich ausdrücken, negative Deltas waren. Wem einmal die Mündungen des

Ganges, des Indus, des Senegal, der Donau, des Amazonenstroms, des

Orinoco und des Mississippi geologisch genauer untersucht sind, wird

sich zeigen, daß nicht alle denselben Ursprung haben; man wird dann

zwischen Küsten unterscheiden, die in Folge der sich häufenden

Anschwemmungen rasch in die See hinaus vorrücken, und Küsten, die sich

innerhalb des allgemeinen Umrisses der Continente halten; man wird

unterscheiden zwischen einem, von einem gegabelten Strom gebildeten

Landstrich, und den von ein paar Seitenarmen durchzogenen Niederungen,

die zu einem aufgeschwemmten Lande gehören, das mehrere tausend

Quadratmeilen Flächenraum hat.

Das Delta des Orinoco zwischen der Insel Cangrejos und der Boca de

Manamo (der Landstrich, wo die Guaraons wohnen) läßt sich mit der Insel

Marajo oder Joanes an der Mündung des Amazonenstroms vergleichen. Dort

liegt das aufgeschwemmte Land nördlich, hier südlich vom Hauptstamm des

Stroms. Aber die Insel Joanes schließt sich nach ihrer Form der

allgemeinen Bodenbildung in der Provinz Maranhao gerade so an, wie die

Küste bei den Bocas chicas des Orinoco den Küsten am Rio Essequebo und

am Meerbusen von Paria. Nichts weist darauf hin, daß einmal letzterer

Meerbusen südwärts von der Boca de Manamo bis Vieja Guayana ins Land

hinein gereicht, oder daß der Amazonenstrom die ganze Bucht zwischen

Villa Vistosa und Gran Para mit seinen Gewässern gefüllt hat. Nicht

Alles, was an den Flüssen liegt, ist ihr Werk. Meist haben sie sich in

aufgeschwemmtem Land ein Bett gegraben, aber diese Anschwemmungen sind

von höherem geologischem Alter, hängen mit den großen Umwälzungen

zusammen, die unser Planet erlitten. Es ist zu ermitteln, ob zwischen

den gegabelten Zweigen eines Flusses der Schlick nicht auf einer Schicht

von Geschieben liegt, wie man sie sehr weit vom fließenden Wasser

findet. Die Arme des Orinoco weichen auf 47 Seemeilen auseinander; es

ist dieß die Breite des oceanischen Deltas zwischen Punta Barima und der

am weitesten nach West gelegenen Boca chica. Dieser Landstrich ist bis

jetzt nicht genau aufgenommen, und so kennt man auch nicht die Zahl der

Mündungen. Nach der gemeinen Annahme hat der Orinoco ihrer sieben, und

dieß erinnert an die im Alterthum so berufenen septem ostia Nili. Aber

das egyptische Delikt war nicht immer auf diese Zahl beschränkt, und an

den überschwemmten Küsten von Guyana kann man wenigstens elf ganz

ansehnliche Mündungen zählen. Nach der Boca de Navios, welche die

Schiffer an der Punta Barima erkennen, sind vom größten Werth für die

Schifffahrt die Bocas Mariusas, Macareo, Pedernales und Manamo grande.

Der Strich des Deltas westwärts von der Boca Macareo wird von den

Gewässern des Meerbusens von Paria oder Golfo triste bespült. Dieses

Becken wird durch die Ostküste der Provinz Cumana und die Westküste der

Insel Trinidad gebildet; es steht mit dem Meer der Antillen durch die

vielberufenen Bocas de Dragos (Mündungen des Drachen) in Verbindung,

welche die Küstenpiloten seit Christoph Columbus Zeit ziemlich

uneigentlich als die Mündungen des Orinoco betrachten.

Will ein Schiff von der hohen See her in die Hauptmündung des Orinoco,

die Boca de Navios einlaufen, so muß es die Punta Barima in Sicht

bekommen. Das rechte, südliche Ufer ist das höhere; es kommt auch nicht

weit davon landeinwärts, zwischen dem Caño Barima, dem Aquire und dem

Cuyuni, das Granitgestein auf dem morastigen Boden zu Tage. Das linke

oder nördliche Stromufer, welches über das Delta bis zur Boca de

Mariusas und der Punta Baxa läuft, ist ganz niedrig; man erkennt es von

weitem nur an den Gruppen von Mauritiapalmen, welche die Landschaft

zieren. Der Baum ist der Sagobaum dieses Landstrichs;[^97] man gewinnt

daraus das Mehl zum Yurumabrod, und die Mauritia ist keineswegs eine

»Küstenpalme«, wie Chamaerops humilis, wie der gemeine Cocosbaum und

Commersons Lodoicea, sondern geht, als »Sumpfpalme«, bis zu den Quellen

des Orinoco hinauf.[^98] Während der Ueberschwemmungen nehmen sich diese

Mauritiabüsche wie ein Wald aus, der aus dem Wasser taucht. Der

Schiffer, wenn er bei Nacht durch die Canäle des Orinocodeltas fährt,

sieht mit Ueberraschung die Wipfel der Palmen von großen Feuern

beleuchtet. Dieß sind die an den Baumästen aufgehängten Wohnungen der

Guaraons (Raleghs Tivitivas und Uarauetis). Diese Völkerschaften spannen

Matten in der Luft aus, füllen sie mit Erde und machen auf einer

befeuchteten Thonschicht ihr Haushaltungsfeuer an. Seit Jahrhunderten

verdanken sie ihre Freiheit und politische Unabhängigkeit dem unfesten,

schlammigten Boden, auf dem sie in der trockenen Jahreszeit umherziehen

und auf dem nur sie sicher gehen können, ihrer Abgeschiedenheit auf dem

Delta des Orinoco, ihrem Leben auf den Bäumen, wohin religiöse

Schwärmerei schwerlich je amerikanische Styliten[^99] treibt. Ich habe

schon anderswo bemerkt, daß die Mauritiapalme, der »Lebensbaum« der

Missionäre, den Guaraons nicht nur beim Hochwasser des Orinoco eine

sichere Behausung bietet, sondern ihnen in seinen schuppigten Früchten,

in seinem mehligten Mark, in seinem zuckerreichen Saft, endlich in den

Fasern seiner Blattstiele, Nahrungsmittel, Wein und Schnüre zu Stricken

und Hängematten gibt. Gleiche Gebräuche wie bei den Indianern auf dem

Delta des Orinoco herrschten früher im Meerbusen von Darien (Uraba) und

auf den meisten zeitweise unter Wasser stehenden Landstrichen zwischen

dem Guarapiche und der Mündung des Amazonenstroms. Es ist sehr

merkwürdig, auf der niedrigsten Stufe menschlicher Cultur das Leben

einer ganzen Völkerschaft an eine einzige Palmenart gekettet zu sehen,

Insekten gleich, die sich nur von Einer Blüthe, vom selben Theil eines

Gewächses nähren.

Es ist nicht zu verwundern, daß die Breite der Hauptmündung des Orinoco

(Boca de Navios) so verschieden geschätzt wird. Die große Insel

Cangrejos ist nur durch einen schmalen Canal von dem unter Wasser

stehenden Boden getrennt, der zwischen den Bocas Nuina und Mariusas

liegt, so daß 20 oder 14 Seemeilen (zu 950 Toisen) herauskommen, je

nachdem man (in einer der Strömung entgegengesetzten Richtung) von der

Punta Barima zum nächsten gegenüberliegenden Ufer, oder von derselben

Punta zum östlichen Theil der Insel Cangrejos mißt. Ueber die

Wasserstraße läuft eine Sandbank, eine Barre, in 17 Fuß Tiefe; man gibt

derselben eine Breite von 2500 bis 2800 Toisen. Wie beim Amazonenstrom,

beim Nil und allen Flüssen, die sich in mehrere Arme theilen, ist auch

beim Orinoco die Mündung nicht so groß, als man nach der Länge seines

Laufes und nach der Breite, die er noch mehrere hundert Meilen weit im

Lande hat, vermuthen sollte. Man weiß nach Malaspinas Aufnahme, daß der

Rio de la Plata von Punta del Este bei Maldonado bis zum Cabo San

Antonio über 124 Seemeilen (41,3 französische Lieues) breit ist; fährt

man aber nach Buenos Ayres hinauf, so nimmt die Breite so rasch ab, daß

sie Colonia del Sacramento gegenüber nur noch 21 Seemeilen beträgt. Was

man gemeiniglich die Mündung des Rio de la Plata heißt, ist eben ein

Meerbusen, in den sich der Uruguay und der Parana ergießen, zwei Flüsse,

die nicht so breit sind wie der Orinoco. Um die Größe der Mündung des

Amazonenstroms zu übertreiben, rechnet man die Inseln Marajo und Caviana

dazu, so daß von Punta Tigioca bis zu Cabo del Norte die ungeheure

Breite von 3½ Grad oder 70 französischen Meilen herauskommt; betrachtet

man aber näher das hydraulische System des Canals Tagypuru, des Rio

Tocantins, des Amazonenstroms und des Araguari, die ihre ungeheuren

Wassermassen vereinigen, so sieht man, daß diese Schätzung rein aus der

Luft gegriffen ist. Zwischen Macapa und dem westlichen Ufer der Insel

Marajo (Ilha de Joanes) ist der eigentliche Amazonenstrom in zwei Arme

getheilt, die zusammen nur 32 Seemeilen (11 Lieues) breit sind. Weiter

unten läuft das Nordufer der Insel Marajo in der Richtung eines

Parallels fort, während die Küste von portugiesisch Guyana zwischen

Macapa und Cabo del Norte von Süd nach Nord streicht. So kommt es, daß

der Amazonenstrom bei den Inseln Maxiana und Caviana, da wo die Gewässer

des Stroms und die des atlantischen Oeeans zuerst auf einander stoßen,

einen gegen 40 Seemeilen breiten Meerbusen bildet. Der Orinoco steht

noch mehr hinsichtlich der Länge des Laufs als der Breite im Binnenlande

dem Amazonenstrom nach, er ist ein Fluß zweiter Ordnung; man darf aber

nicht vergessen, daß alle diese Eintheilungen nach der Länge des Laufs

oder der Breite der Mündungen sehr willkürlich sind. Die Flüsse der

britannischen Inseln laufen in Meerbusen oder Süßwasserseen aus, in

denen durch die Ebbe und Fluth des Meeres die Wasser periodisch hin und

hergetrieben werden; sie weisen uns deutlich darauf hin, daß man die

Bedeutung eines hydraulischen Systems nicht einzig nach der Breite der

Mündungen schätzen darf. Jede Vorstellung von relativer Größe ist

schwankend, so lange man nicht durch Messung der Geschwindigkeit und des

Flächenraums von Querschnitten die Wassermassen vergleichen kann. Leider

sind Ausnahmen der Art an Bedingungen geknüpft, die der einzelne

Reisende nicht erfüllen kann. So muß man das ganze Flußbett sondiren

können, und zwar in verschiedenen Jahreszeiten. Da scheinbar sehr breite

Flüsse meist nicht sehr tiefe, von mehreren parallelen Rinnen

durchzogene Becken sind[^100] so führen sie auch weit weniger Wasser,

als man auf den ersten Blick glaubt. Zwischen dem Maximum und dem

Minimum des Wasserstandes während der großen Ueberschwemmungen und in

der trockenen Jahreszeit kann die Wassermasse um das Fünfzehn- bis

Zwanzigfache größer oder kleiner seyn.

Sobald man Punta Barima umsegelt hat und in das Bett des Orinoco selbst

eingelaufen ist, findet man dieses nur 3000 Toisen breit. Höhere Angaben

beruhen auf dem Versehen, daß die Steuerleute den Fluß auf einer Linie

messen, die nicht senkrecht auf die Richtung der Strömung gezogen ist.

Die Insel Cangrejos zu befestigen, bei der das Wasser vier bis fünf

Faden tief ist, wäre unnütz; die Fahrzeuge wären hier außerhalb

Kanonenschußweite. Das Labyrinth von Canälen, die zu den kleinen

Mündungen führen, wechselt Tag für Tag nach Gestalt und Tiefe. Viele

Steuerleute sind der festen Ansicht, die Caños Cocuina, Pedernales und

Macareo, durch welche der Küstenhandel mit der Insel Trinidad getrieben

wird, seyen in den letzten Jahren tiefer geworden und der Strom ziehe

sich immer mehr von der Boca de Navios weg und wende sich mehr nach

Nordwest. Vor dem Jahr 1760 wagten sich Fahrzeuge mit mehr als 10 bis 12

Fuß Tiefgang selten in die kleinen Canäle des Delta. Gegenwärtig scheut

man die »kleinen Mündungen« des Okinoco fast gar nicht mehr, und

feindliche Schiffe, welche nie diese Striche befahren haben, finden an

den Guaraons willige, geübte Wegweiser. Die Civilisirung dieser

Völkerschaft, deren Wohnsitze sich zum Orinoco verhalten wie die der

Nhengahybas oder Igaruanas zum Amazonenstrom, ist für jede Regierung,

die am Orinoco Herr bleiben will, von großem Belang.

Ebbe und Fluth sind im April, beim tiefsten Wasserstand, bis über

Angostura hinauf zu spüren, also mehr als 85 Meilen landeinwärts. Beim

Einfluß des Carony, 60 Meilen von der Küste, steigt das Wasser durch

Stauung um einen Fuß drei Zoll. Diese Schwingungen der Wasserfläche,

diese Unterbrechung des Laufs sind nicht mit der aufsteigenden Fluth zu

verwechseln. Bei der großen Mündung des Orinoco an Cap Barima beträgt

die Fluthhöhe 2 bis 3 Fuß, dagegen weiter gegen Nordwest, im Golfo

triste, zwischen der Boca Pedernales, dem Rio Guarapiche und der

Westküste von Trinidad, 7 bis 8, sogar 10 Fuß. So viel macht auf einer

Strecke von 30 bis 40 Meilen der Einfluß des Umrisses der Küsten aus,

sowie der Umstand, daß die Gewässer durch die Bocas de Dragos langsamer

abfließen. Wenn man in ganz neuen Werken angegeben findet, der Orinoco

verursache 2 bis 3 Grad in die hohe See hinaus besondere Strömungen, die

Farbe des Seewassers verändere sich dadurch und im Golfo triste sey

süßes Wasser (Gumillas Mar dulce), so sind das lauter Fabeln. Die

Strömung geht an dieser ganzen Küste von Cap Orange an nach Nordwest,

und der Einfluß der süßen Gewässer des Orinoco auf die Stärke dieser

allgemeinen Strömung, auf die Durchsichtigkeit und die Farbe des

Meerwassers bei reflektirtem Licht ist selten weiter als 3 bis 4 Meilen

nordostwärts von der Insel Cangrejos zu spüren. Das Wasser im Golfo

triste ist gesalzen, nur weniger als im übrigen Meer der Antillen wegen

der kleinen Mündungen des Orinocodelta und der Wassermasse, welche der

Rio Guarapiche hineinbringt. Aus denselben Gründen gibt es keine

Salzwerke an diesen Küsten, und ich habe in Angostura Schiffe aus Cadix

ankommen sehen, die Salz, ja, was für die Industrie in den Colonien

bezeichnend ist, Backsteine zum Bau der Hauptkirche geladen hatten.

Den Umstand, daß die unbedeutende Fluth an der Küste im Bette des

Orinoco und des Amazonenstroms so ungemein weit aufwärts zu spüren ist,

hat man bis jetzt als einen sichern Beweis angesehen, daß beide Ströme

auf einer Strecke von 85 und 200 Meilen nur um wenige Fuß fallen können.

Dieser Beweis erscheint aber durchaus nicht als stichhaltig, wenn man

bedenkt, daß die Stärke der sich fortpflanzenden Schwankungen im Niveau

von vielen örtlichen Umständen abhängig ist, von der Form, den

Krümmungen und der Zahl der in einander mündenden Canäle, vom Widerstand

des Grundes, auf dem die Fluthwelle herauskommt, vom Abprallen des

Wassers an den gegenüberliegenden Ufern und von der Einschnürung des

Stroms in einem Engpaß. Ein gewandter Ingenieur, Bremontier, hat in

neuester Zeit dargethan, daß im Bett der Garonne die Fluthwellen wie auf

einer geneigten Ebene weit über das Niveau der See an der Mündung des

Flusses hinaufgehen. Im Orinoco kommen die ungleich hohen Fluthen von

Punta Barima und vom Golfo triste in ungleichen Intervallen durch die

große Wasserstraße der Boca de Navios und durch die engen, gewundenen,

zahlreichen bocas chicas herauf. Da diese kleinen Canäle am selben

Punkt, bei San Rafael, vom Hauptstamm abgehen, so wäre es von Interesse,

die Verzögerung des Eintritts der Fluth und die Fortpflanzung der

Fluthwellen im Bett des Orinoco oberhalb und unterhalb San Rafael, auf

der See bei Cap Barima und im Golfo triste bei der Boca Manamo zu

beobachten. Die Wasserbaukunst und die Theorie der Bewegung von

Flüssigkeiten in engen Canälen müßten beide Nutzen aus einer Arbeit

ziehen, für welche der Orinoco und der Amazonenstrom besonders günstige

Gelegenheit boten.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 15 / 29 段