erreicht hatte, nahm es einen weniger beunruhigenden Charakter an. Die
Entzündung des Darmcanals wich auf die Anwendung erweichender Mittel,
wozu Malvenarten dienten. Die Sida- und Melochia-Arten sind im heißen
Erdstrich ungemein wirksam. Indessen ging es mit der Wiedergenesung des
Kranken sehr langsam, wie immer bei noch nicht ganz acclimatisirten
Europäern. Die Regenzeit dauerte noch immer an, und an die Küste von
Cumana zurück mußten wir wieder über die Llanos, wo man auf
halbüberschwemmtem Boden selten ein Obdach und etwas anderes als an der
Sonne gedörrtes Fleisch zu essen findet. Um nicht Bonpland einem
gefährlichen Rückfall auszusetzen, beschlossen wir bis zum 10. Juli in
Angostura zu bleiben. Wir brachten diese Zeit zum Theil auf einer
Pflanzung[^86] in der Nachbarschaft zu, wo Mangobäume und
Brodfruchtbäume (Artocarpus incisa) gezogen werden. Letztere waren im
sechsten Jahr bereits über 40 Fuß hoch. Manche Artocarpusblätter, die
wir maßen, waren 3 Fuß lang und 18 Zoll breit, bei einem Gewächs aus der
Familie der Dicotyledonen eine sehr auffallende Größe.
Ich beschließe dieses Kapitel mit einer kurzen Beschreibung des
spanischen Guyana (Provincia de la Guayana), welche einen Theil der
alten Capitania general von Caracas ausmacht. Nachdem ich ausführlich
berichtet, was die Flüsse Apure, Orinoco, Atabapo, Rio Negro und
Cassiquiare an Momenten zur Geschichte unseres Geschlechts und an
Naturerzeugnissen bemerkenswerthes bieten, erscheint es von Werth, diese
zerstreuten Züge zusammenzufassen und ein allgemeines Bild eines Landes
zu entwerfen, das einer großen Zukunft entgegengeht und schon jetzt die
Augen Europas auf sich zieht. Ich beschreibe zuerst die Lage von
Angostura, der jetzigen Hauptstadt der Provinz, und verfolge dann den
Orinoco bis zum Delta, das er an seiner Mündung bildet. Ich entwickle
darauf den wahren Lauf des Rio Carony, an dessen fruchtbaren Ufern die
Mehrzahl der indianischen Bevölkerung der Provinz lebt, und beweise aus
der Geschichte der Geographie, wie die fabelhaften Seen entstanden sind,
die so lange unsere Karten verunziert haben.
Seit dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts haben hinter einander drei
Städte den Namen Santo Thome de la Guayana geführt. Die erste lag der
Insel Faxardo gegenüber beim Einfluß des Carony in den Orinoco; sie
wurde von den Holländern unter dem Befehl des Capitäns Adrian Janson im
Jahr 1579 zerstört. Die zweite, gegründet im Jahr 1591 von Antonio de
Berrio, etwa 12 Meilen ostwärts vom Einfluß des Carony, wehrte sich
muthig gegen Sir Walter Ralegh, den die spanischen Geschichtschreiber
der Eroberung nur unter dem Namen des Corsaren Reali kennen. Die dritte
Stadt, der jetzige Hauptort der Provinz, liegt 52 Meilen westwärts vom
Einfluß des Carony. Sie wurde im Jahr 1764 unter dem Statthalter Don
Juacquin Moreno de Mendoza angelegt, und man unterscheidet sie in den
officiellen Schriftstücken von der zweiten Stadt, die gewöhnlich die
Festung (el castillo oder las fortalezas) oder Alt-Guayana (Vieja
Guayana) heißt, als Santo Thome de la Nueva Guayana. Da dieser Name sehr
lang ist, so sagt man dafür im gemeinen Leben Angostura (Engpaß).[^87]
Die Bevölkerung dieser Länder weiß kaum, daß die Namen Santiago de Leon
und Santo Thome auf unsern Karten die beiden Hauptstädte von Venezuela
und Guyana bedeuten.
Angostura, dessen Länge und Breite ich nach astronomischen Beobachtungen
schon oben angegeben, lehnt sich an einen kahlen Hügel von
Hornblendeschiefer. Die Straßen sind gerade und laufen meist dem Strome
parallel. Viele Häuser stehen auf dem nackten Fels, und hier, wie in
Carichana und in manchen Missionen, glaubt man, daß durch die schwarzen
stark von der Sonne erhitzten Steinflächen die Luft ungesund werde. Für
gefährlicher halte ich die kleinen Lachen stehenden Wassers (lagunas y
anegadizos), die hinter der Stadt gegen Südost sich hinziehen. Die
Häuser in Angostura sind hoch, angenehm und meistens aus Stein. Diese
Bauart beweist, daß man sich hier zu Lande vor den Erdbeben nicht sehr
fürchtet; leider gründet sich aber diese Sicherheit keineswegs auf einen
Schluß aus zuverlässigen Beobachtungen. Im Küstenland von Neu-Andalusien
spürt man allerdings zuweilen sehr starke Stöße, die sich nicht über die
Llanos hinüber fortpflanzen. Von der furchtbaren Katastrophe in Cumana
am 4. Februar 1797 fühlte man in Angostura nichts, aber beim großen
Erdbeben vom Jahr 1766, das jene Stadt gleichfalls zerstörte, wurde der
Granitboden beider Orinocoufer bis zu den Katarakten von Atures und
Maypures erschüttert. Südlich von denselben spürt man zuweilen Stöße,
die sich auf das Becken des obern Orinoco und des Rio Negro beschränken.
Dieselben scheinen von einem vulkanischen Herd auszugehen, der von dem
auf den kleinen Antillen weit abliegt. Nach den Angaben der Missionäre
in Javita und San Fernando de Atabapo waren im Jahr 1798 zwischen dem
Guaviare und dem Rio Negro sehr starke Erdbeben, die nordwärts, Maypures
zu, nicht mehr gespürt wurden. Man kann nicht aufmerksam genug Alles
beachten, was die Gleichzeitigkeit der Bodenschwingungen und die
Unabhängigkeit derselben auf zusammenhängenden Landstrichen betrifft.
Alles weist darauf hin, daß die Bewegung sich nicht an der Oberfläche
fortpflanzt, sondern durch sehr tiefe Spalten, die in verschiedene Herde
auslaufen.
Die Umgebung der Stadt Angostura bietet wenig Abwechselung; indessen ist
die Aussicht auf den Strom, der einen ungeheuern von Südwest nach
Nordost laufenden Canal darstellt, höchst großartig. Nach einem langen
Streit über die Vertheidigung des Platzes und die Kanonenschußweite
wollte die Regierung genau wissen, wie breit der Strom bei dem Punkte
sey, welcher der Engpaß heißt, und wo ein Fels liegt (el Peñon), der bei
Hochwasser ganz bedeckt wird. Obgleich bei der Provinzialregierung ein
Ingenieur angestellt ist, hatte man wenige Monate vor meiner Ankunft in
Angostura aus Caracas Don Mathias Yturbur hergeschickt, um den Orinoco
zwischen der geschleiften Schanze San Gabriel und der Redoute San Rafael
messen zu lassen. Ich hörte in nicht zuverlässiger Weise, bei dieser
Messung haben sich etwas über 800 varas castellanas ergeben. Der
Stadtplan, welcher der großen Karte von Südamerika von la Cruz Olmedilla
beigegeben ist, gibt 940 an. Ich selbst habe den Strom zweimal sehr
genau trigonometrisch gemessen, einmal beim Engpaß selbst zwischen den
beiden Schanzen San Gabriel und San Rafael, und dann ostwärts von
Angostura auf dem großen Spaziergang (Alameda) beim Embarcadero del
ganado. Ich fand für den ersteren Punkt (als Minimum der Breite) 580
Toisen, für letzteren 490. Der Strom ist also hier noch immer vier bis
fünfmal breiter als die Seine beim Pflanzengarten, und doch heißt diese
Strecke am Orinoco eine Einschnürung, ein Engpaß. Nichts gibt einen
besseren Begriff von der Wassermasse der großen Ströme Amerikas als die
Dimensionen dieser sogenannten Engpässe. Der Amazonenstrom ist nach
meiner Messung beim Pongo de Rentema 217 Toisen, beim Pongo de
Manseriche, nach La Condamine, 25, und beim Engpaß Pauxis 900 Toisen
breit. Letzterer Engpaß ist also beinahe so breit als der Orinoco im
Engpaß beim Baraguan.[^88]
Bei Hochwasser überschwemmt der Strom die Kais, und es kommt vor, daß
Unvorsichtige in der Stadt selbst den Krokodilen zur Beute werden. Ich
sehe aus meinem Tagebuche einen Fall her, der während Bonplands
Krankheit vorgekommen. Ein Guayqueri-Indianer von der Insel Margarita
wollte seine Pirogue in einer Bucht anbinden, die nicht drei Fuß tief
war. Ein sehr wildes Krokodil, das immer in der Gegend herumstrich,
packte ihn beim Bein und schwamm vom Ufer weg, wobei es an der
Wasserfläche blieb. Das Geschrei des Indianers zog eine Menge Zuschauer
herbei. Man sah, wie der Unglückliche mit unerhörter Entschlossenheit
zuerst ein Messer in der Tasche seines Beinkleids suchte. Da er es nicht
fand, packte er den Kopf des Krokodils und stieß ihm die Finger in die
Augen. In den heißen Landstrichen Amerikas ist es Jedermann bekannt, daß
dieses mit einem harten, trockenen Schuppenpanzer bedeckte
fleischfressende Reptil an den wenigen weichen, nicht geschützten
Körpertheilen, wie an den Augen, den Achselhöhlen, den Naslöchern und
unterhalb des Unterkiefers, wo zwei Bisamdrüsen sitzen, sehr empfindlich
ist. Der Guayqueri ergriff das Mittel, durch das Mungo-Parks Neger und
das Mädchen in Uritucu, von denen oben die Rede war,[^89]sich gerettet;
aber er war nicht so glücklich wie sie, und das Krokodil machte den
Rachen nicht auf, um seine Beute fahren zu lassen. Im Schmerz tauchte
aber das Thier unter, ertränkte den Indianer, erschien wieder auf der
Wasserfläche und schleppte den Leichnam auf eine Insel dem Hafen
gegenüber. Ich kam im Moment an Ort und Stelle, wo viele Einwohner von
Angostura das schreckliche Ereigniß mit angesehen hatten.
Da das Krokodil vermöge des Baues seines Kehlkopfs, seines Zungenbeins
und der Faltung seiner Zunge seine Beute unter Wasser wohl packen, aber
nicht verschlingen kann, so verschwindet selten ein Mensch, ohne daß man
ganz nahe an der Stelle, wo das Unglück geschehen, nach ein paar Stunden
das Thier zum Vorschein kommen und am nächsten Ufer seine Beute
verschlingen sieht. Weit mehr Menschen, als man in Europa glaubt, werden
alljährlich Opfer ihrer Unvorsichtigkeit und der Gier der Reptilien. Es
kommt besonders in den Dörfern vor, deren Umgegend häufig überschwemmt
wird. Dieselben Krokodile halten sich lange am nämlichen Orte auf. Sie
werden von Jahr zu Jahr kecker, zumal, wie die Indianer behaupten, wenn
sie einmal Menschenfleisch gekostet haben. Die Thiere sind so schlau,
daß sie sehr schwer zu erlegen sind. Eine Kugel dringt nicht durch ihre
Haut, und der Schuß ist nur dann tödtlich, wenn er in den Rachen oder in
die Achselhöhle trifft. Die Indianer, welche sich selten der Feuerwaffen
bedienen, greifen das Krokodil mit Lanzen an, sobald es an starken,
spitzen eisernen Hacken, auf die Fleisch gesteckt ist und die mit einer
Kette an einem Baumstamm befestigt sind, angebissen hat. Man geht dem
Thier erst dann zu Leibe, wenn es sich lange abgemüht hat, um vom Eisen,
das ihm in der oberen Kinnlade steckt, loszukommen. Es ist nicht
wahrscheinlich, daß man es je dahin bringt, das Land von Krokodilen zu
säubern, da aus einem Labyrinth zahlloser Flüsse Tag für Tag neue
Schwärme vom Ostabhang der Anden über den Meta und den Apure an die
Küsten von spanisch Guyana herabkommen. Mit dem Fortschritt der Cultur
wird man es nur dahin bringen, daß die Thiere scheuer werden und
leichter zu verscheuchen sind.
Man erzählt rührende Fälle, wo afrikanische Sklaven ihr Leben aufs Spiel
setzten, um ihren Herren das Leben zu retten, die in den Rachen eines
Krokodils gerathen waren. Vor wenigen Jahren ergriff zwischen Uritucu
und der Mission de abaxo in den Llanos von Calabozo ein Neger auf das
Geschrei seines Herrn ein langes Messer (machette) und sprang in den
Fluß. Er stach dem Thiere die Augen aus und zwang es so, seine Beute
fahren zu lassen und sich unter dem Wasser zu verbergen. Der Sklave trug
seinen sterbenden Herrn ans Ufer, aber alle Versuche, ihn wieder zum
Leben zu bringen, blieben fruchtlos; er war ertrunken, denn seine Wunden
waren nicht tief. Das Krokodil scheint, wie der Hund, beim Schwimmen die
Kinnladen nicht fest zu schließen. Es braucht kaum erwähnt zu werden,
daß die Kinder des Verstorbenen, obgleich sie sehr arm waren, dem
Sklaven die Freiheit schenkten.
Für die Anwohner des Orinoco und seiner Nebenflüsse sind die Gefahren,
denen sie ausgesetzt sind, ein Gegenstand der täglichen Unterhaltung.
Sie haben die Sitten des Krokodils beobachtet, wie der Torero die Sitten
des Stiers. Sie wissen die Bewegungen des Thiers, seine Angriffsmittel,
den Grad seiner Keckheit gleichsam voraus zu berechnen. Sehen sie sich
angegriffen, so greifen sie mit der Geistesgegenwart und
Entschlossenheit, die den Indianern, den Zambos, überhaupt den Farbigen
eigen sind, zu all den Mitteln, die man sie von Kindheit auf kennen
gelehrt. In Ländern, wo die Natur so gewaltig und furchtbar erscheint,
ist der Mensch beständig gegen die Gefahr gerüstet. Wir haben oben
erwähnt, was das junge indianische Mädchen sagte, das sich selbst aus
dem Rachen des Krokodils losgemacht: »Ich wußte, daß es mich fahren
ließ, wenn ich ihm die Finger in die Augen drückte.« Dieses Mädchen
gehörte der dürftigen Volksklasse an, wo die Gewöhnung an physische Noth
die moralische Kraft steigert; es ist aber wahrhaft überraschend, wenn
man in von schrecklichen Erdbeben zerrütteten Ländern, auf der Hochebene
von Quito Frauen aus den höchsten Gesellschaftsklassen im Augenblick der
Gefahr dieselbe Kaltblütigkeit, dieselbe überlegte Entschlossenheit
entwickeln sieht.
Ich gebe zum Beleg dafür nur Ein Beispiel. Als am 4. Februar 1797 36,000
Indianer in wenigen Minuten ihren Tod fanden, rettete eine junge Mutter
sich und ihre Kinder dadurch, daß sie im Augenblick, wo der geborstene
Boden sie verschlingen wollte, ihnen zurief, die Arme auszustrecken. Als
man gegen das muthige Weib Verwunderung über eine so außerordentliche
Geistesgegenwart äußerte, erwiderte sie ganz einfach: »Ich habe von
Jugend auf gehört: überrascht dich das Erdbeben im Hause, so stelle dich
unter die Verbindungsthür zwischen zwei Zimmern; bist du im Freien und
fühlst du, daß der Boden unter dir sich aufthut, so strecke beide Arme
aus und suche dich an den Rändern der Spalte zu halten.« So ist der
Mensch in diesen wilden oder häufigen Zerrüttungen unterworfenen Ländern
gerüstet, den Thieren des Waldes entgegenzutreten, sich aus dem Rachen
der Krokodile zu befreien, sich aus dem Kampf der Elemente zu retten.
So oft in sehr heißen und nassen Jahren bösartige Fieber in Angostura
herrschen, streitet man darüber, ob die Regierung wohl gethan, die Stadt
von Vieja Guayana an den Engpaß zwischen der Insel Maruanta und dem
Einfluß des Rio Orocopiche zu verlegen. Man behauptet, der alten Stadt
seyen, da sie näher an der See gelegen, die kühlen Seewinde mehr zu gut
gekommen, und die große Sterblichkeit, die dort geherrscht, sey nicht
sowohl örtlichen Ursachen als der Lebensweise der Einwohner
zuzuschreiben gewesen. An den fruchtbaren, feuchten Ufern des Orinoco
unterhalb des Einflusses des Carony wachsen in überschwenglicher Menge
Wassermelonen (Patillas), Bananen und Papayas.[^90] Diese Früchte wurden
roh gegessen, sogar unreif, und da das Volk zugleich dem Genuß geistiger
Getränke übermäßig ergeben war, so nahm in Folge dieser unordentlichen
Lebensweise die Volkszahl Jahr um Jahr ab. In den Archiven von Caracas
liegen eine Menge Schriften, die davon handeln, daß die jeweilige
Hauptstadt von Guyana nothwendig verlegt werden müsse. Nach den mir
mitgetheilten Aktenstücken schlug man bald vor, wieder in die Fortaleza,
das heißt nach Vieja Guayana zu ziehen, bald die Hauptstadt ganz nahe an
der großen Mündung des Orinoco (zehn Meilen westwärts vom Cap Barima, am
Einfluß des Rio Acquire) anzulegen, bald sie 25 Meilen unterhalb
Angostura auf die schöne Savane zu stellen, auf der das Dorf San Miguel
liegt. Es war allerdings eine engherzige Politik, wenn die Regierung
glaubte, »zur besseren Vertheidigung der Provinz den Hauptort in der
ungeheuern Entfernung von 85 Meilen von der See anlegen zu müssen und
auf dieser Strecke keine Stadt erbauen zu dürfen, die den Einfällen des
Feindes bloßgestellt wäre«. Zu dem Umstand, daß europäische Fahrzeuge
den Orinoco sehr schwer bis Angostura hinaufkommen (weit schwerer als
auf dem Potomac bis Washington), kommt noch der andere für die
Agriculturindustrie sehr nachtheilige, daß der Mittelpunkt des Handels
oberhalb der Stelle liegt, wo die Ufer des Stroms den Fleiß des
Colonisten am meisten lohnen. Es ist nicht einmal richtig, daß die Stadt
Angostura oder Santo Thome de la Nueva Guayana da angelegt worden, wo im
Jahr 1764 das bebaute Land anfing; damals wie jetzt war die Hauptmasse
der Bevölkerung von Guyana in den Missionen der catalonischen Kapuziner
zwischen den Flüssen Carony und Cuyuni. Nun ist aber dieses Gebiet, das
wichtigste in der ganzen Provinz, wo sich der Feind Hülfsmittel aller
Art verschaffen kann, eben durch Vieja Guayana geschützt — oder man
nimmt dieß doch an — in keiner Weise aber durch die Werke der neuen
Stadt Angostura.
Die in Vorschlag gebrachte Stelle bei San Miguel liegt ein Stück
ostwärts vom Einfluß des Carony, also zwischen der See und dem
bevölkertsten Landstriche. Legt man den Hauptort der Provinz noch weiter
unten, ganz nahe am Ausfluß des Orinoco an, wie de Pons will, so hat man
weniger von der Nähe der Caraiben zu besorgen, die man sich leicht vom
Leibe hielte, als vom Umstand, daß der Feind über die kleinen westlichen
Mündungen des Orinoco, die Caños Macareo und Manamo, den Platz umgehen
und in das Innere der Provinz vordringen könnte. Bei einem Flusse,
dessen Delta schon 45 Meilen von der See den Anfang nimmt, kommen, wenn
es sich von der Anlage einer großen Stadt handelt, zwei Interessen ins
Spiel, die militärische Vertheidigung und die Rücksicht auf Handel und
Ackerbau. Der Handel verlangt, daß die Stadt so nahe als möglich bei der
großen Mündung, der Boca de Navios liege; aus dem Gesichtspunkt der
militärischen Sicherung stände sie besser oberhalb des Beginns des
Delta, westlich vom Punkt, wo der Caño Manamo vom Hauptstrom abgeht und
durch mannigfache Verzweigungen mit den acht kleinen Mündungen (Boca
chicas) zwischen der Insel Cangrejos und der Mündung des Rio Guarapiche
in Verbindung steht. Die Lage von Vieja wie von Nueva Guayana entspricht
der letzteren Bedingung. Die der alten Stadt hat noch den weiteren
Vortheil, daß sie in gewissem Grade die schönen Niederlassungen der
catalonischen Kapuziner am Carony deckt. Man könnte dieselben angreifen,
wenn man am rechten Ufer des Brazo Imataca ans Land ginge; aber die
Mündung des Carony, in der die Piroguen die Unruhe des Wassers von den
nahen Katarakten her (Salto de Carony) spüren, ist durch die Werke von
Alt-Guayana vertheidigt.
Ich bin bei dieser Erörterung ins Einzelne gegangen, weil diese dünn
bevölkerten Länder durch die politischen Ereignisse in neuester Zeit
große Wichtigkeit erhalten haben. Ich habe die verschiedenen Plane
besprochen, so weit ich bei meiner Lage und meinem Verhältniß zur
spanischen Regierung die Oertlichkeiten am untern Orinoco habe kennen
lernen. Es ist Zeit, daß man der in den spanischen und portugiesischen
Colonien herrschenden Sucht, Städte zu versetzen, wie Nomadenlager,
entgegentritt. Nicht als ob die Gebäude in Angostura zu bedeutend und zu
fest wären, als daß man an eine Zerstörung der Stadt denken könnte; bei
ihrer Lage am Fuße eines Felsens scheint sie sich schwer weiter
ausdehnen zu können; aber trotz dieser Uebelstände läßt man doch lieber
stehen, was seit fünfzig Jahren gediehen ist. Unmerklich verknüpft sich
mit der Existenz einer Hauptstadt, so klein sie auch seyn mag, das
Bewußtseyn gesicherter öffentlicher Zustände, und wenn das
Handelsinteresse eine theilweise Abänderung durchaus verlangt, so könnte
man ja später, während Angostura der Sitz der Verwaltung und der
Mittelpunkt der Geschäfte bliebe, näher an der großen Mündung des
Orinoco einen andern Hafen anlegen. So ist ja Guayra der Stapelplatz von
Caracas, und so mag eines Tags Vera Cruz der Hafen von Xalapa werden.
Die Fahrzeuge aus Europa und aus den Vereinigten Staaten, die mehrere
Monate in diesen Strichen verweilen, könnten, wenn sie wollten, bis
Angostura hinauf gehen, die andern nähmen ihre Ladung im Hafen zunächst
der Punta Barima ein, wo sich in Friedenszeit die Magazine, die
Seilerbahnen und die Werfte befanden. Zur Deckung des Landes zwischen
der Hauptstadt und dem Stapelplatz oder dem Puerto de la Boca grande
gegen einen feindlichen Einfall befestigte man die Ufer des Orinoco may
einem dem Terrain angepaßten Vertheidigungssystem, etwa bei Imataca oder
Zacupana, bei Barancas oder San Rafael (an der Stelle, wo der Caño
Manamo vom Hauptstrom abgeht), bei Vieja Guayana, bei der Insel Faxardo
(dem Einfluß des Carony gegenüber) und beim Einfluß des Mamo. In diese
Werke, die ohne große Kosten zu beschaffen wären, flüchteten sich auch
die Kanonierschaluppen, die an den Punkten stationirt sind, welche die
feindlichen Fahrzeuge, wenn sie gegen die Strömung heraufsegeln, in
Sicht haben müssen, um neue Schläge zu machen. Diese
Vertheidigungsmittel scheinen mir um so dringender geboten, da sie nur
zu lange vernachlässigt worden sind.[^91]
Die Nordküsten von Südamerika sind größtentheils durch eine Bergkette
gedeckt, die von West nach Ost streichend zwischen dem Uferstrich und
den Llanos von Neu-Andalusien, Barcelona, Venezuela und Varinas liegt.
Diese Küsten haben die Aufmerksamkeit des Mutterlandes wohl zu
ausschließlich in Anspruch genommen: dort liegen sechs feste Plätze mit
schönem, zahlreichem Geschütz, nämlich Carthagena, San Carlos de
Maracaybo, Porto Cabello, la Guayra, der Moro de Nueva Barcelona und
Cumana. Die Ostküsten von spanisch Amerika, die von Guyana und Buenos
Ayres sind niedrig und ohne Schutz; einem unternehmenden Feinde fällt es
nicht schwer, ins Innere des Landes bis zum Ostabbang der Cordilleren
von Neu-Grenada und Chili vorzudringen. Die Richtung des Rio de la
Plata,[^92] der durch den Uruguay, Parana und Paraguay gebildet wird,
nöthigt das angreifende Heer, wenn es ostwärts vordringen will, über die
Steppen (Pampas) bis Cordova oder Mendoza zu ziehen; aber nördlich vom
Aequator, in spanisch Guyana bietet der Lauf des Orinoco[^93] und seiner
beiden großen Nebenflüsse Apure und Meta in der Richtung eines
Parallelkreises eine Wasserstraße, auf der sich Munition und
Lebensmittel leicht fortbringen lassen. Wer Herr von Angostura ist,
dringt nach Gefallen nordwärts in die Steppen von Cumana, Barcelona und
Caracas, nordwestwärts in die Provinz Varinas, westwärts in die
Provinzen am Casanare bis an den Fuß der Gebirge von Pamplona, Tunja und
Santa Fe de Bogota vor. Zwischen der Provinz spanisch Guyana und dem
reichen, stark bevölkerten, gut angebauten Uferstrich liegen nur die
Niederungen am Orinoco, Apure und Meta. Die festen Plätze (Cumana, la
Guayra und Porto-Cabello) schützen diese Länder kaum vor einer Landung
an der Nordküste. An diesen Angaben über die Bodenbildung und die
gegenwärtige Vertheilung der festen Punkte mag es genügen. Man ersieht
daraus wohl hinlänglich, daß zur politischen Sicherung der vereinigten
Provinzen Caracas und Neu-Grenada eine Deckung der Orinocomündungen
unumgänglich ist, und daß spanisch Guyana, obgleich kaum urbar gemacht
und so dünn bevölkert, im Kampfe zwischen den Colonien und dem
Mutterlande eine große Bedeutung erlangt. Diese militärische Bedeutung
des Landes erkannte der berühmte Ralegh schon vor zweihundert Jahren. Im
Bericht über seine erste Expedition kommt er öfters daraus zurück, wie
leicht es der Königin Elisabeth wäre, »auf dem Orinoco und den zahllosen
Flüssen, die sich in denselben ergießen,« einen großen Theil der
spanischen Colonien zu erobern. Wir haben oben angeführt, daß Girolamo
Benzoni im Jahr 1545 die Revolutionen auf St. Domingo, »das in Kurzem
Eigenthum der Schwarzen werden müsse,« vorhersagte. Hier finden wir in
einem Werke, das 1596 erschien, einen Feldzugsplan, der sich durch
Ereignisse der jüngsten Zeit als ganz richtig erwiesen hat.