Wir übernachteten auf der Insel Cucuruparu, auch Playa de la Tortuga

genannt, weil die Indianer von Uruana dort Schildkröteneier holen. Es

ist dieß einer der Punkte am Orinoco, deren Breite am genauesten

bestimmt ist. Das Glück wollte, daß ich drei Durchgänge von Sternen

durch den Meridian beobachten konnte. Ostwärts von der Insel ist die

Mündung des Caño de la Tortuga, der von den Bergen der Cerbatana

herunter kommt, an denen beständig Gewitterwolken hängen. Am südlichen

Ufer dieses Caño liegt die fast ganz eingegangene Mission San Miguel de

la Tortuga. Die Indianer versicherten uns, in der Nähe dieser kleinen

Mission gebe es eine Menge Fischottern mit sehr feinem Pelz, welche bei

den Spaniern perritos de agua, Wasserhunde heißen, und, was merkwürdiger

ist, Eidechsen (lagartos) mit zwei Füßen. Dieser ganze Landstrich

zwischen dem Rio Cuchivero und der Stromenge am Baragnan sollte einmal

von einem guten Zoologen besucht werden. Der Lagarto ohne Hinterbeine

ist vielleicht eine Art Siren, abweichend vom Siren lacertina in

Carolina. Wäre es ein Saurier, ein eigentlicher »Bimane« (Chirotes,

Cuvier), so hätten die Eingeborenen das Thier nicht mit einer Eidechse

verglichen. Außer den Arau-Schildkröten, von denen ich oben ausführlich

gesprochen,[^80] leben am Orinoco zwischen Uruana und Encaramada auch

Landschildkröten, die sogenannten Morocoi, in zahlloser Menge. In der

großen Sonnenhitze und Trockenheit stecken diese Thiere, ohne zu

fressen, unter Steinen oder in Löchern, die sie gegraben. Erst wenn sie

nach den ersten Regen spüren, daß die Erde feucht wird, kommen sie aus

ihrem Versteck hervor und fangen wieder an zu fressen. Die Terekays oder

Tajelus, Süßwasserschildkröten, haben dieselbe Lebensweise. Ich habe

schon oben vom Sommerschlaf mancher Thiere unter den Tropen

gesprochen.[^81] Die Eingeborenen kennen die Löcher, in denen die

Schildkröten im ausgetrockneten Boden schlafen, und graben sie 15—18

Zoll tief in Menge auf einmal aus. Nach Pater Gili, der solches mit

angesehen, ist dieß nicht gefahrlos, weil sich im Sommer häufig

Schlangen mit den Terekays eingraben.

Von der Insel Cucuruparu hatten wir bis zur Hauptstadt von Guyana,

gemeiniglich Angostura genannt, noch neun Tage zu fahren; es sind nicht

ganz 95 Meilen. Wir brachten die Nacht selten am Lande zu; aber die

Plage der Moskitos nahm merklich ab, je weiter wir hinab kamen. Am

8. Juni gingen wir bei einem Hofe (Hato de san Rafael del Capuchino),

dem Einfluß des Rio Apure gegenüber, ans Land. Ich konnte gute Breiten-

und Längenbeobachtungen machen. Ich hatte vor zwei Monaten auf dem

andern Ufer Stundenwinkel aufgenommen, und diese Bestimmungen waren

jetzt von Werth, um den Gang meines Chronometers zu controliren und die

Beobachtungsorte am Orinoco mit denen an der Küste von Venezuela in

Verbindung zu bringen. Die Lage dieses Hofes am Punkt, wo der Orinoco

aus der Richtung von Süd nach Nord in die von West nach Ost umbiegt, ist

sehr malerisch. Granitfelsen erheben sich wie Eilande auf den weiten

Prairien. Von ihrer Spitze sahen wir nordwärts die Llanos oder Steppen

von Calabozo sich bis zum Horizont ausbreiten. Da wir seit lange an den

Anblick der Wälder gewöhnt waren, machte diese Aussicht einen großen

Eindruck auf uns. Nach Sonnenuntergang bekam die Steppe ein graugrünes

Colorit, und da die Sehlinie nur durch die Krümmung der Erde abgebrochen

wird, so gingen die Sterne wie aus dem Schoße des Meeres auf und der

erfahrenste Seemann hätte glauben müssen, er stehe auf einer

Felsenküste, auf einem hinausspringenden Vorgebirge. Unser Wirth war ein

Franzose (François Doizan), der unter seinen zahlreichen Heerden lebte.

Er hatte seine Muttersprache verlernt, schien aber doch mit Vergnügen zu

hören, daß wir aus seiner Heimath kamen. Er hatte dieselbe vor vierzig

Jahren verlassen, und er hätte uns gerne ein paar Tage in seinem Hofe

behalten. Von den politischen Umwälzungen in Europa war ihm so gut wie

nichts zu Ohren gekommen. Er sah darin nur eine Empörung gegen den

Clerus und die Mönche; »diese Empörung,« sagte er, »wird fortdauern, so

lange die Mönche Widerstand leisten.« Bei einem Manne, der sein ganzes

Leben an der Grenze» der Missionen zugebracht, wo von nichts die Rede

ist als vom Streit zwischen der geistlichen und der weltlichen Gewalt,

war eine solche Ansicht ziemlich natürlich. Die kleinen Städte Caycara

und Cabruta sind nur ein paar Seemeilen vom Hofe, aber unser Wirth war

einen Theil des Jahres hindurch völlig abgeschnitten. Durch die

Ueberschwemmungen des Apure und des Orinoco wird der Capuchino zur Insel

und man kann mit den benachbarten Höfen nur zu Schiff verkehren. Das

Hornvieh zieht sich dann auf den höher gelegenen Landstrich, der

südwärts der Bergkette der Encaramada zuläuft.

Am 9. Juni Morgens begegneten uns eine Menge Fahrzeuge mit Waaren, die

mit Segeln den Orinoco und dann den Apure hinauffuhren. Es ist dieß eine

stark befahrene Handelsstraße zwischen Angostura und dem Hafen von

Torunos in der Provinz Varinas. Unser Reisebegleiter, Don Nicolas Sotto,

der Schwager des Statthalters von Varinas, schlug denselben Weg ein, um

zu seiner Familie zurückzukehren. Bei Hochwasser braucht man mehrere

Monate gegen die Strömung des Orinoco, des Apure und des Rio Santo

Domingo. Die Schiffsleute müssen ihre Fahrzeuge an Baumstämme binden und

sie am Tau den Fluß hinaufziehen. In den starken Krümmungen des Flusses«

kommen sie oft in ganzen Tagen nicht über zwei, dreihundert Toisen

vorwärts. Seit meiner Rückkehr nach Europa ist der Verkehr zwischen der

Mündung des Orinoco und den Provinzen am östlichen Abhang der Gebirge

von Merida, Pamplona und Santa Fe de Bogota ungleich lebhafter geworden,

und es ist zu erwarten, daß die lange Fahrt auf dem Orinoco, dem Apure,

der Portuguesa, dem Rio Santo Domingo, dem Orivante, Meta und Guaviare

durch Dampfschiffe abgekürzt wird. Man könnte, wie an den großen Strömen

in den Vereinigten Staaten, an den Ufern gefälltes Holz unter Schuppen

niederlegen. Solche Veranstaltung wäre um so nöthiger, da man sich in

den Ländern, die wir bereist, nicht leicht trockenes Holz verschafft,

wie man es zum starken Feuer unter dem Kessel einer Dampfmaschine

braucht.

Unterhalb San Rafael del Capuchino gingen wir rechts bei Villa Caycara,

an einer Bucht, Puerto Sedeñio genannt, ans Land. Es stehen hier ein

paar Häuser beisammen und diese führen den vornehmen Titel Villa. Alta

Gracia, Ciudad de la Piedra, Real Corona, Borbon, lauter Villas zwischen

dem Einfluß des Apure und Angostura, sind eben so elend. Ich habe oben

erwähnt, daß es bei den Präsidenten der Missionen und den Statthaltern

der Provinzen Brauch war, wenn eben der Grund zu einer Kirche gelegt

wurde, in Madrid für den Ort das Privilegium als Villa oder Ciudad

nachzusuchen. Man wollte damit das Ministerium glauben machen, daß

Bevölkerung und Wohlstand in den Colonien in rascher Zunahme begriffen

seyen. Bei Caycara, am »Cerro del Tirano,« sieht man Bilder von Sonne

und Mond, wovon oben die Rede war, eingehauen. »Das ist ein Werk der

Alten« (das heißt unserer Väter), sagen die Eingeborenen. Man

versichert, auf einem Fels weiter vom Ufer ab, Tecoma genannt, stehen

die symbolischen Figuren hundert Fuß hoch. Die Indianer kannten früher

einen Landweg von Caycara nach Demerary und Essequebo. Sind etwa die

Völker, welche die vom Reisenden Hortsmann beschriebenen Bilder

eingehauen, auf diesem Wege an den See Amucu gekommen?«

Caycara gegenüber, am nördlichen Ufer des Orinoco, liegt die Mission

Cabruta, die als vorgeschobener Posten gegen die Caraiben im Jahr 1740

vom Jesuiten Rotella angelegt wurde. Schon seit mehreren Jahrhunderten

hatten die Indianer an diesem Fleck ein Dorf Namens Cabritu. Als der

kleine Ort eine christliche Niederlassung wurde, glaubte man, derselbe

liege unter dem 5. Grad der Breite, also um 2°40′ weiter nach Süd, als

ich durch direkte Beobachtungen in San Rafael und an der Mündung des Rio

Apure gefunden. Man hatte damals keinen Begriff davon, welche Richtung

ein Landweg nach Nueva Valencia und Caracas haben müßte, von welchen

Orten man sich unendlich weit entfernt dachte. Ein Weib ist zu allererst

von Villa de San Juan Baptista del Pao über die Llanos nach Cabruta

gegangen. Pater Gili erzählt, Donna Maria Bargas habe mit solcher

Leidenschaft an den Jesuiten gehangen, daß sie es unternahm, auf eigene

Hand einen Weg in die Missionen zu suchen. Man wunderte sich nicht

wenig, als man sie in Cabruta von Norden her ankommen sah. Sie ließ sich

bei den Jüngern des heiligen Ignatius nieder und starb in ihren

Missionen am Orinoco. Von dieser Zeit an bevölkerte sich der südliche

Strich der Llanos ziemlich stark, und der Weg aus den Thälern von Aragua

über Calabozo nach San Fernando de Apure und nach Cabruta ist jetzt

stark begangen. Am letzteren Ort hatte auch im Jahr 1754 der

Befehlshaber der vielberufenen Grenzexpedition Werften angelegt und die

Fahrzeuge zum Transport der Truppen an den obern Orinoco bauen lassen.

Der kleine Berg nordöstlich von Cabruta ist sehr weit in den Steppen

sichtbar und dient den Reisenden als Landmarke.

Wir schifften uns Morgens in Caycara ein und fuhren mit der Strömung des

Orinoco zuerst am Einfluß des Rio Cuchivero, wohin eine alte Sage die

Aikeam-benanos oder Weiber ohne Männer[^82] versetzt, dann am kleinen

Dorf Alta Gracia, nach einer spanischen Stadt so genannt, vorüber. Hier

in der Nähe hatte Don Jose de Iturriaga den pueblo de Ciudad Real

angelegt, der noch auf den neuesten Karten vorkommt, obgleich der Ort

wegen der ungesunden Lage seit fünfzig Jahren gar nicht mehr besteht.

Unterhalb der Stelle, wo sich der Orinoco gegen Ost wendet, hat man

fortwährend zur rechten Hand Wälder, zur linken die Llanos oder Steppen

von Venezuela. Die Wälder, die sich am Strom hinziehen, sind indessen

nicht mehr so dicht, wie am obern Orinoco. Die Bevölkerung nimmt merkbar

zu, je näher man der Hauptstadt kommt; man trifft wenige Indianer mehr;

dagegen Weiße, Neger und Mischlinge. Der Neger sind nicht viele, und

leider ist hier, wie überall, die Armuth ihrer Herren daran Schuld, daß

sie nicht besser behandelt werden und ihr Leben nicht mehr geschont

wird. Ein Einwohner von Caycara, V—a, war vor Kurzem zu vierjährigem

Gefängniß und hundert Piastern Geldbuße verurtheilt worden, weil er in

der Zornwuth eine Negerin mit den Beinen an den Schweif seines Pferdes

gebunden und sie im vollen Galopp über die Savane geschleift hatte, bis

sie vor Schmerz den Geist aufgab. Mit Vergnügen bemerke ich, daß die

Audiencia allgemein getadelt wurde, weil sie eine so schändliche

Handlung nicht härter bestraft habe. Nur einige wenige Personen (und

zwar gerade die, welche sich für die aufgeklärtesten und klügsten

hielten) meinten, einen Weißen zu bestrafen, während die Schwarzen auf

St. Domingo in offenem Aufstand begriffen seyen, erscheine nicht als

staatsklug. Wenn Institutionen, die sich verhaßt gemacht haben, bedroht

sind, fehlt es nie an Leuten, die zu Aufrechthaltung derselben den Rath

geben, daran festzuhalten, wenn sie der Gerechtigkeit und der Vernunft

noch so offen widersprächen. Seit ich von diesen Ländern Abschied

genommen, hat der Bürgerkrieg den Sklaven die Waffen in die Hände

gegeben, und nach einer schrecklichen Erfahrung haben es die Einwohner

von Venezuela zu bereuen, daß sie nicht auf die Stimme Don Domingo

Tovars und anderer hochherziger Bürger gehört, die schon im Jahr 1795 im

Cabildo von Caracas sich laut gegen die weitere Einführung von Negern

ausgesprochen und Mittel, ihre Lage zu verbessern, in Vorschlag gebracht

haben.

Nachdem wir am 10. Juni auf einer Insel mitten im Strom (ich glaube auf

der, welche bei Pater Caulin Acaru heißt) die Nacht zugebracht, fuhren

wir an der Mündung des Rio Caura vorüber, der neben dem Aruy und Carony

der größte Nebenfluß des untern Orinoco von rechts her ist. Da ich

während meines Aufenthalts in den Missionen der Franciskaner viel

geographisches Material über den Caura sammeln konnte, habe ich eine

Specialkarte desselben entworfen.[^83] Alle christlichen Niederlassungen

befinden sich gegenwärtig nahe an der Mündung des Flusses, und die

Dörfer San Pedro, Aripao, Urbani und Guaraguaraico liegen nur wenige

Meilen hinter einander. Das erste ist das volkreichste und hat doch nur

250 Seelen; San Luis de Guaraguaraico ist eine Colonie freigelassener

oder flüchtiger Neger vom Essequebo und verdient Aufmunterung von Seiten

der Regierung. Die Versuche, die Sklaven an den Boden zu fesseln und sie

als Pächter der Früchte ihrer Arbeit als Landbauer genießen zu lassen,

sind höchst empfehlenswerth. Der zum großen Theil noch unberührte Boden

am Rio Caura ist ungemein fruchtbar; man findet dort Weiden für mehr als

15,000 Stücke Vieh; aber den armen Ansiedlern fehlt es gänzlich an

Pferden und an Hornvieh. Mehr als sechs Siebentheile der Uferstriche am

Caura liegen wüste oder sind in den Händen wilder, unabhängiger Stämme.

Das Flußbett wird zweimal durch Felsen eingeengt, und an diesen Stellen

sind die Raudales Mura und Para oder Paru; letzterer hat einen

Trageplatz, weil die Pirognen nicht darüber gehen können. Bei der

Grenzexpedition war am nördlichen Katarakt, dem von Mura, eine kleine

Schanze angelegt worden. Der Statthalter Don Manuel Centurion hatte

alsbald ein paar Häusern, welche spanische (das heißt nicht indianische)

Familien, Weiße und Mulatten, bei der Schanze gebaut, den Titel Ciudad

de San Carlos gegeben. Südlich vom Katarakt Para, gerade am Einfluß des

Erevato in den Caura, lag damals die Mission San Luis und von da führte

ein Landweg nach der Hauptstadt Angostura. Alle diese

Civilisationsversuche führten zu nichts. Oberhalb des Raudals von Mura

steht kein Dorf mehr, und die Eingeborenen haben so zu sagen das Land

wieder zurückerobert. Indessen kann das Thal des Caura wegen seines

reichen Ertrags, und wegen der leichten Verbindung mit dem Rio Ventuari,

dem Carony und Cuyuni, eines Tags von großer Bedeutung werden. Ich habe

oben auseinandergesetzt, wie wichtig die vier Flüsse sind, die von den

Gebirgen der Parime in den Orinoco gehen. In der Nähe der Mündung des

Caura, zwischen den Dörfern San Pedro de Alcantara und San Francisco de

Aripao, bildete sich im Jahr 1792 durch einen Erdfall und in Folge eines

Erdbebens ein kleiner See von 400 Toisen Durchmesser. Ein Stück Wald bei

Aripao senkte sich 80 bis 100 Fuß unter das Niveau des anstoßenden

Bodens. Die Bäume blieben mehrere Monate grün; man glaubte sogar, manche

haben noch unter Wasser Blätter getrieben. Diese Erscheinung verdient um

so mehr Beachtung, da der Boden dort wahrscheinlich Granit ist. Ich

bezweifle, daß die secundären Formationen der Llanos sich südwärts bis

zum Thale des Caura erstrecken.

Am 11. Juni landeten wir, um Sonnenhöhen aufzunehmen, am rechten

Orinocoufer beim Puerto de los Frailes, drei Meilen oberhalb Ciudad de

la Piedra. Der Punkt liegt unter 67°26′20″ der Länge oder 1°41′ ostwärts

vom Einfluß des Apure. Weiterhin zwischen den Villas de la Piedra und

Muitaco oder Real Corona kommt der Torno und der Höllenschlund, zwei

Punkte, die früher von den Schiffern gefürchtet wurden. Der Orinoco

ändert auf einmal seine Richtung; er fließt anfangs nach Ost, dann nach

Nord-Nord-West und endlich wieder nach Ost. Etwas oberhalb des Caño

Marapiche, der am nördlichen Ufer hereinkommt, theilt eine sehr lange

Insel den Fluß in zwei Arme. Wir fuhren ohne Schwierigkeit südwärts an

derselben vorbei; gegen Norden bildet eine Reihe kleiner, bei hohem

Wasser halb bedeckter Felsen Wirbel und Stromschnellen. Dieß heißt nun

Boca del Infierno und der Raudal von Camiseta. Durch Diego de Ordaz

(1531) und Alonzo de Hereras (1535) erste Expeditionen wurde diese

Stromsperre vielberufen. Die großen Katarakten von Atures und Maypures

kannte man damals noch nicht, und mit den plumpen Fahrzeugen

(vergantines), mit denen man eigensinnig den Strom hinauf wollte, war

sehr schwer über die Stromschnellen zu kommen. Gegenwärtig fährt man den

Orinoco zu jeder Jahreszeit von der Mündung bis zum Einfluß des Apure

und des Meta ohne Besorgniß auf und ab. Die einzigen Fälle auf dieser

Strecke sind die beim Torno oder Camiseta, bei Marimara und bei Cariven

oder Carichana Vieja.[^84] Keines dieser drei Hindernisse ist zu

fürchten, wenn man erfahrene indianische Steuerleute hat. Ich gehe auf

diese hydrographischen Angaben darum ein, weil die Verbindung zwischen

Angostura und den Ufern des Meta und des Apure, welche zum Ostabhang der

Cordilleren von Neu-Grenada führen, jetzt in politischer und

commercieller Beziehung von großem Belang ist. Die Fahrt auf dem untern

Orinoco von der Mündung bis zur Provinz Varinas ist allein wegen der

starken Strömung beschwerlich. Im Flußbett selbst sind nirgends stärkere

Hindernisse zu überwinden, als auf der Donau zwischen Wien und Linz.

Große Felsschwellen, eigentliche Wasserfälle kommen erst oberhalb des

Meta. Daher bildet auch der obere Orinoco mit dem Cassiquiare und dem

Rio Negro ein besonderes Flußsystem, das dem industriellen Leben in

Angostura und auf dem Küstenland von Caracas noch lange fremd bleiben

wird.

Ich konnte auf einer Insel mitten in der Boca del Infierno, wo wir

unsere Instrumente aufgestellt hatten, Stundenwinkel der Sonne

aufnehmen. Der Punkt liegt nach dem Chronometer unter 67°10′31″ der

Länge. Ich wollte die Inclination der Magnetnadel und die Intensität der

Kraft beobachten, aber ein Gewitterregen vereitelte den Versuch. Da der

Himmel Nachmittags wieder heiter wurde, schlugen wir unser Lager auf

einem breiten Gestade am südlichen Ufer des Orinoco, beinahe im Meridian

der kleinen Stadt Muitaco oder Real Corona, auf. Mittelst dreier Sterne

fand ich die Breite 8°0′26″, die Länge 67°5′19″. Als die Observanten im

Jahr 1752 ihre ersten Entradas auf das Gebiet der Caraiben machten,

bauten sie an diesem Punkt ein kleines Fort oder eine casa fuerte. Durch

den Umstand, daß die hohen Gebirge von Araguacais so nahe liegen, ist

Muitaco einer der gesundesten Orte am untern Drinoco. Hier schlug

Iturriaga im Jahr 1756 seinen Wohnsitz auf, um sich von den Strapazen

der Grenzexpedition zu erholen, und da er seine Genesung dem mehr heißen

als feuchten Klima zuschrieb, erhielt die Stadt oder vielmehr das Dorf

Real Corona den Namen pueblo del puerto sano. Weiterhin gegen Ost ließen

wir nordwärts den Einfluß des Rio Pao, südwärts den des Rio Arui.

Letzterer Fluß ist ziemlich bedeutend; er kommt in Raleghs Berichten

häufig vor. Lange ließen die Geographen den Aroy oder Arvi (Arui), den

Caroli (Carony) und den Coari (Caura) aus dem vielberufenen See Cassipa

entspringen, der später der laguna del Dorado Platz machte. Je weiter

wir abwärts kamen, desto langsamer wurde die Strömung des Orinoco. Ich

maß mehrmals am Ufer eine Linie ab, um zu bestimmen, wie viel Zeit

schwimmende Körper brauchten, um eine bekannte Strecke zurückzulegen.

Oberhalb Alta Gracia, beim Einfluß des Rio Ujape, hatte ich 2³⁄₁₀ Fuß in

der Secunde gefunden; zwischen Muitaco und Bomben war die

Geschwindigkeit nur noch 1⁷⁄₁₀ Fuß. Aus den barometrischen Messungen in

den benachbarten Steppen geht hervor, um wie wenig der Boden vom

69. Grad der Länge bis zur Ostküste von Guyana fällt. Muitaco war der

letzte Ort, wo wir am Ufer des Orinoco die Nacht unter freiem Himmel

zubrachten; wir fuhren noch zwei Nächte durch, ehe wir unser Reiseziel,

Angostura erreichten. Eine solche Fahrt auf dem Thalweg eines großen

Stroms ist ungemein bequem; man hat nichts zu fürchten außer den

natürlichen Flößen aus Bäumen, die der Fluß, wenn er austritt, von den

Ufern abreißt. In dunkeln Nächten scheitern die Piroguen an diesen

schwimmenden Eilanden wie an Sandbänken.

Nur schwer vermöchte ich das angenehme Gefühl zu schildern, mit dem wir

in Angostura, der Hauptstadt von spanisch Guyana, das Land betraten. Die

Beschwerden, denen man in kleinen Fahrzeugen zur See unterworfen ist,

sind nichts gegen das, was man auszustehen hat, wenn man unter einem

glühenden Himmel, in einem Schwarm von Moskitos, Monate lang in einer

Pirogue liegen muß, in der man sich wegen ihrer Unstetigkeit gar keine

Bewegung machen kann. Wir hatten in 75 Tagen auf den fünf großen Flüssen

Apure, Orinoco, Atabapo, Rio Negro und Cassiquiare 500 Meilen (20 auf

den Grad) zurückgelegt, und auf dieser ungeheuren Strecke nur sehr

wenige bewohnte Orte angetroffen. Obgleich nach unserem Leben in den

Wäldern unser Anzug nichts weniger als gewählt war, säumten wir doch

nicht, uns Don Felipe de Ynciarte, dem Statthalter der Provinz Guyana,

vorzustellen. Er nahm uns auf das Zuvorkommendste auf und wies uns beim

Sekretär der Intendanz unsere Wohnung an. Da wir aus fast menschenleeren

Ländern kamen, fiel uns das Treiben in einer Stadt, die keine 6000

Einwohner hat, ungemein auf. Wir staunten an, was Gewerbfleiß und Handel

dem civilisirten Menschen an Bequemlichkeiten bieten; bescheidene

Wohnräume kamen uns prachtvoll vor, wer uns anredete, erschien uns

geistreich. Nach langer Entbehrung gewähren Kleinigkeiten hohen Genuß,

und mit unbeschreiblicher Freude sahen wir zum erstenmal wieder

Weizenbrod auf der Tafel des Statthalters. Vielleicht brauchte ich nicht

bei Empfindungen zu verweilen, die Jedem, der weite Reisen gemacht hat,

wohl bekannt sind. Sich wieder im Schoße der Cultur zu wissen, ist ein

großer Genuß, aber er hält nicht lange an, wenn man für die Wunder der

Natur im heißen Erdstrich ein lebendiges Gefühl hat. Die überstandenen

Beschwerden sind bald vergessen, und kaum ist man auf der Küste, auf dem

von den spanischen Colonisten bewohnten Boden, so entwirft man den Plan,

wieder ins Binnenland zu gehen.

Ein schlimmer Umstand nöthigte uns, einen ganzen Monat in Angostura zu

verweilen. In den ersten Tagen nach unserer Ankunft fühlten wir uns matt

und schwach, aber vollkommen gesund. Bonpland fing an, die wenigen

Pflanzen zu untersuchen, welche er vor den Wirkungen des feuchten Klimas

hatte schützen können; ich war beschäftigt, Länge und Breite der

Hauptstadt[^85] zu bestimmen und die Inclination der Magnetnadel zu

beobachten. Aber nicht lange, so wurden wir in der Arbeit unterbrochen;

fast. am selben Tage befiel uns eine Krankheit, die bei meinem

Reisegefährten den Charakter eines ataktischen Fiebers annahm. Die Luft

war zur Zeit in Angostura vollkommen gesund, und da sich bei dem

einzigen Diener, den wir von Cumana mitgebracht, einem Mulatten, die

Vorboten desselben Uebels einstellten, so zweifelte unsere Umgebung, von

der wir aufs sorgfältigste gepflegt wurden, nicht daran, daß wir den

Keim des Typhus aus den feuchten Wäldern am Cassiquiare mitgebracht. Es

kommt häufig vor, daß sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst

dann äußern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen

anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die

Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben. Da unser Diener dem

heftigen Regen weit mehr als wir ausgesetzt gewesen war, entwickelte

sich die Krankheit bei ihm furchtbar rasch. Seine Kräfte lagen so

darnieder, daß man uns am neunten Tage seinen Tod meldete. Es war aber

nur eine mehrstündige Ohnmacht, auf die eine heilsame Krise eintrat. Zur

selben Zeit wurde auch ich von einem sehr heftigen Fieber befallen; man

gab mir mitten im Anfall ein Gemisch von Honig und Extract der China Vom

Rio Carony (Extractum corticis Angosturae). Es ist dieß ein Mittel, das

die Kapuziner in den Missionen höchlich preisen. Das Fieber wurde darauf

stärker, hörte aber gleich am andern Tage auf. Bonplands Zustand war

sehr bedenklich, und wir schwebten mehrere Wochen in der höchsten

Besorgniß. Zum Glück behielt der Kranke Kraft genug, um sich selbst

behandeln zu können. Er nahm gelindere, seiner Constitution

angemessenere Mittel als die China vom Rio Carony. Das Fieber war

anhaltend und wurde, wie fast immer unter den Tropen, durch eine

Complication mit Ruhr noch gesteigert. Während der ganzen schmerzhaften

Krankheit behielt Bonpland die Charakterstärke und die Sanftmuth, die

ihn auch in der schlimmsten Lage niemals verlassen haben. Mich

ängstigten trübe Ahnungen. Der Botaniker Löffling, ein Schüler Linné’s,

war nicht weit von Angostura, am Ufer des Carony, ein Opfer seines

Eifers für die Naturwissenschaft geworden. Wir hatten noch kein volles

Jahr im heißen Erdstrich zugebracht, und mein nur zu treues Gedächtniß

vergegenwärtigte mir alles, was ich in Europa über die Gefährlichkeit

der Luft in den Wäldern gelesen hatte. Statt den Orinoco hinaufzufahren,

hätten wir ein paar Monate im gemäßigten, gesunden Klima der Sierra

Nevada von Merida zubringen können. Den Weg über die Flüsse hatte ich

selbst gewählt, und in der Gefahr, in der mein Reisegefährte schwebte,

erblickte ich die unselige Folge dieser unvorsichtigen Wahl.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 13 / 29 段