Das Gefühl des Hungers und das unbestimmte Schwächegefühl in Folge von

Nahrungsmangel und andern pathologischen Ursachen sind nicht zu

verwechseln. Das Gefühl des Hungers hört auf, lange bevor die Verdauung

vorüber oder der Chymus in Chylus verwandelt ist. Es hört auf entweder

weil die Nahrungsstoffe auf die Magenwände tonisch wirken, oder weil der

Verdauungsapparat mit Stoffen gefüllt ist, welche die Schleimhäute zu

reichlicher Absonderung des Magensaftes reizen. Diesem tonischen

Eindruck auf die Magennerven kann man die rasche heilsame Wirkung der

sogenannten nährenden Arzneimittel zuschreiben, der Chocolate und aller

Stoffe, die gelinde reizen und zugleich nähren. Für sich allein

gebraucht ist ein Nahrungsstoff (Stärkmehl, Gummi oder Zucker) zur

Assimilation und zum Ersatz der Verluste, welche der menschliche Körper

erlitten, weniger geeignet, weil es dabei an einem Nervenreiz fehlt. Das

Opium, das nicht nährt, wird in Asien mit Erfolg bei großer Hungersnoth

gebraucht: es wirkt als tonisches Mittel. Ist aber der Stoff, der den

Magen füllt, weder als ein Nahrungsmittel, das heißt als assimilirbar,

noch als ein tonischer Nervenreiz zu betrachten, so rührt die

Beschwichtigung des Hungers wahrscheinlich von der reichlichen

Absonderung des Magensaftes her. Wir berühren hier ein Gebiet der

Physiologie, auf dem noch Manches dunkel ist. Der Hunger wird

beschwichtigt, das unangenehme Gefühl der Leere hört auf, so bald der

Magen angefüllt ist. Man sagt, der Magen müsse Ballast haben; in allen

Sprachen gibt es figürliche Ausdrücke für die Vorstellung, daß eine

mechanische Ausdehnung des Magens ein angenehmes Gefühl verursacht. Zum

Theil noch in ganz neuen physiologischen Werken ist von der

schmerzhaften Zusammenziehung des Magens im Hunger, von der Reibung der

Magenwände an einander, von der Wirkung des sauren Magensaftes auf das

Gewebe der Verdauungsorgane die Rede. Bichats Beobachtungen, besonders

aber Magendies interessante Versuche widersprechen diesen veralteten

Vorstellungen. Nach 24-, 48-, sogar 60stündiger Entziehung aller

Nahrungsmittel beobachtet man noch keine Zusammenziehung des Magens;

erst am vierten und fünften Tag scheinen die Dimensionen des Organs

etwas abzunehmen. Je länger die Nahrungsentziehung dauert, desto mehr

vermindert sich der Magensaft. Derselbe häuft sich keineswegs an, er

wird vielmehr wahrscheinlich wie ein Nahrungsmittel verdaut. Läßt man

Katzen oder Hunde einen unverdaulichen Körper, zum Beispiel einen

Kiesel, schlucken, so wird in die Magenhöhle in Menge eine schleimigte,

saure Flüssigkeit ausgesondert, die nach ihrer Zusammensetzung dem

menschlichen Magensaft nahe steht. Nach diesen Thatsachen scheint es mir

wahrscheinlich, daß, wenn der Mangel an Nahrungsstoff die Otomaken und

die Neu-Caledonier antreibt, einen Theil des Jahres hindurch Thon und

Speckstein zu verschlingen, diese Erden im Verdauungsapparat dieser

Menschen eine vermehrte Absonderung der eigenthümlichen Säfte des Magens

und der Bauchspeicheldrüse zur Folge haben. Meine Beobachtungen am

Orinoco wurden in neuester Zeit durch direkte Versuche zweier

ausgezeichneter junger Physiologen, Hippolyt Cloquet und Breschet,

bestätigt. Sie ließen sich hungrig werden und aßen dann fünf Unzen eines

grünlich silberfarbigen, blättrigen, sehr biegsamen Talks, und eine

Nahrung, an welche ihre Organe so gar nicht gewöhnt waren, verursachte

ihnen keine Beschwerde. Bekanntlich werden im Orient Bolus und

Siegelerde von Lemnos, die Thon mit Eisenoxyd sind, noch jetzt stark

gebraucht. In Deutschland streichen die Arbeiter in den Sandsteinbrüchen

am Kiffhäuser, statt der Butter, einen sehr seinen Thon, den sie

Steinbutter[^72] nennen, auf ihr Brod. Derselbe gilt bei ihnen für sehr

sättigend und leicht verdaulich.

Wenn einmal in Folge der Aenderungen, welche der Verfassung der

spanischen Colonien bevorstehen, die Missionen am Orinoco häufiger von

unterrichteten Reisenden besucht werden, so wird man genau ermitteln,

wie viele Tage die Otomaken leben können, ohne neben der Erde wirklichen

thierischen oder vegetabilischen Nahrungsstoff zu sich zu nehmen. Es ist

eine bedeutende Menge Magensaft und Saft der Bauchspeicheldrüse

erforderlich, um eine solche Masse Thon zu verdauen oder vielmehr

einzuhüllen und mit dem Koth auszutreiben. Daß die Absonderung dieser

Säfte, welche bestimmt sind, sich mit dem Thymus zu verbinden, durch den

Thon im Magen und im Darm gesteigert wird, ist leicht zu begreifen; wie

kommt es aber, daß eine so reichliche Secretion, die dem Körper

keineswegs neue Bestandtheile zuführt, sondern nur Bestandtheile, die

auf andern Wegen bereits da sind, anderswohin schafft, auf die Länge

kein Gefühl der Erschöpfung zur Folge hat? Die vollkommene Gesundheit,

deren die Otomaken genießen, so lange sie sich wenig Bewegung machen und

sich auf so ungewöhnliche Weise nähren, ist eine schwer zu erklärende

Erscheinung. Man kann sie nur einer durch lange Geschlechtsfolge

erworbenen Gewöhnung zuschreiben. Der Verdauungsapparat ist sehr

verschieden gebaut, je nachdem die Thiere ausschließlich von Fleisch

oder von Pflanzenstoff leben; wahrscheinlich ist auch der Magensaft

verschieden, je nachdem er thierische oder vegetabilische Substanzen zu

verdauen hat, und doch bringt man es allmählig dahin, daß

Pflanzenfresser und Fleischfresser ihre Kost vertauschen, daß jene

Fleisch, diese Körner fressen. Der Mensch kann sich daran gewöhnen,

ungemein wenig Nahrung zu sich zu nehmen, und zwar ohne Sehmerzgefühl,

wenn er tonische oder reizende Mittel anwendet (verschiedene

Arzneimittel, kleine Mengen Opium, Betel, Tabak, Cocablätter), oder wenn

er von Zeit zu Zeit den Magen mit erdigen, geschmacklosen, für sich

nicht nährenden Stoffen anfüllt. Gleich dem wilden Menschen verschlucken

auch manche Thiere im Winter aus Hunger Thon oder zerreiblichen

Speckstein, namentlich die Wölfe im nordöstlichen Europa, die

Rennthiere, und, nach Patrins Beobachtung, die Rehe in Sibirien. Am

Jenisei und Amur brauchen die russischen Jäger einen Thon, den sie

Felsbutter nennen, als Köder. Die Thiere wittern den Thon von weitem,

sie riechen ihn gerne, wie die Weiber in Spanien und Portugal den

Bucaros-Thon,[^73] die sogenannten wohlriechenden Erden (tierras

olorosas). Brown erzählt in seiner Geschichte von Jamaica, die Krokodile

in Südamerika verschlingen kleine Steine oder Stücke sehr harten Holzes,

wenn die Seen, in denen sie leben, ausgetrocknet sind oder sie sonst

keine Nahrung finden. Im Magen eines eilf Fuß langen Krokodils, das

Bonpland und ich in Batallez am Magdalenenstrom zergliederten, fanden

wir halbverdaute Fische und runde, drei bis vier Zoll starke

Granitstücke. Es ist nicht anzunehmen, daß die Krokodile diese Steine

zufällig verschlucken, denn wenn sie die Fische unten im Strome packen,

ruht ihre untere Kinnlade nicht auf dem Boden. Die Indianer haben die

abgeschmackte Idee ausgeheckt, diese trägen Thiere machen sich gerne

schwerer, um leichter zu tauchen. Ich glaube vielmehr, sie nehmen große

Kiesel in den Magen auf, um dadurch eine reichliche Absonderung des

Magensaftes herbeizuführen. Magendies Versuche sprechen für diese

Auffassung. Was die Gewohnheit der körnerfressenden Vögel, namentlich

der hühnerartigen und der Strauße betrifft, Sand und kleine Steine zu

verschlucken, so hat man sie bisher dem instinktmäßigen Trieb der Thiere

zugeschrieben, die Zerreibung der Nahrung in ihrem dicken Muskelmagen zu

beschleunigen.

Wir haben oben gesehen, daß Negerstämme am Gambia Thon unter ihren Reis

mischen; vielleicht hatten früher manche Familien der Otomaken den

Brauch, Mais und andere mehligte Samen in ihrer Poya »faulen« zu lassen,

um Erde und stärkemehlhaltigen Stoff zugleich zu genießen; vielleicht

ist es eine unklare Beschreibung einer solchen Zubereitung, wenn Pater

Gumilla im ersten Band seines Werkes behauptet, »die Guamos und Otomacos

nähren sich nur deßhalb von Erde, weil dieselbe mit substancia del maiz

und Kaimanfett getränkt sey.« Ich habe schon oben erwähnt, daß weder der

gegenwärtige Missionär in Uriana, noch Fray Juan Gonzales, der lange in

diesen Ländern gelebt, von dieser Vermengung thierischen und

vegetabilischen Stoffes mit der Poya etwas wissen. Vielleicht hat Pater

Gumilla die Zubereitung der Erde, welche die Eingeborenen essen, mit

einem andern Brauche derselben verwechselt (von dem sich Bonpland an Ort

und Stelle überzeugte), nämlich die Bohnen einer Mimosenart in den Boden

zu graben, dieselben sich zersetzen zu lassen und ein weißes,

schmackhaftes, aber schwer verdauliches Brod daraus zu bereiten. Die

Poyakugeln, die wir dem Wintervorrath der Indianer entnommen,

enthielten, ich wiederhole es, keine Spur von thierischem Fett oder von

Stärkmehl. Gumilla ist einer der leichtgläubigsten Reisenden, die wir

kennen und so sieht man sich fast versucht, an Umstände zu glauben, die

er meint läugnen zu müssen. Zum Glück nimmt der Jesuit im zweiten Band

seines Werkes großentheils wieder zurück, was er im ersten behauptet: er

zweifelt jetzt nicht daran, »daß das Brod der Otomacos und Guamos

wenigstens (a lo menos) zur Hälfte Thon enthält; er versichert, Kinder

und Erwachsene essen, ohne Schaden für die Gesundheit, nicht nur dieses

Brod, sondern auch große Massen reinen Thon (muchos terrones de pura

greda).« Er sagt weiter, wer davon den Magen beschwert fühle, führe ein

paar Tage mit Krokodilfett ab, und dieses Fett bringe ihnen die Eßlust

wieder, so daß sie von neuem bloße Erde essen können. Ich bezweifle, daß

die Manteca de Caiman ein Abführmittel ist, da sie aber sehr flüssig

ist, so mag sie die Erde, die nicht mit dem Koth weggeschafft worden

ist, einhüllen helfen. So viel ist gewiß, daß die Guamos wenn nicht das

Fett, so doch das Fleisch des Krokodils, das uns weiß und ohne

Bisamgeruch schien, sehr gerne essen. In Sennaar ist dasselbe, nach

Burckhardt, gleichfalls gesucht und wird auf dem Markt verkauft.

Ich kann hier Fragen nicht unberührt lassen, die in mehreren

Abhandlungen, zu denen meine Reise auf dem Orinoco Anlaß gegeben,

besprochen worden sind. Leschenaut wirft die Frage auf, ob nicht der

Gebrauch des Ampo (des javanischen Thons) dadurch gute Dienste leisten

könnte, daß er augenblicklich den Hunger beschwichtigt, wenn man keine

Nahrungsmittel hat oder zu ungesunden, schädlichen, wenn auch

organischen Substanzen greifen müßte. Ich glaube, bei Versuchen über die

Folgen langer Entziehung der Nahrung würde sich zeigen, daß ein Thier,

das man (nach der Art der Otomaken) Thon verschlucken ließe, weniger zu

leiden hätte als ein anderes, in dessen Magen man gar keine Nahrung

brächte. Ein italienischer Physiolog hebt hervor, wie wenig

phosphorsaure Kalk- und Bittererde, Kieselerde, Schwefel, Natron, Fluor,

Eisen und Mangan, und dagegen wie viel Kohlensäure, Sauerstoff,

Stickstoff und Wasserstoff in den festen und flüssigen Theilen des

menschlichen Körpers enthalten sey, und fragt, ob die Athmung nicht als

ein fortwährender Ernährungsakt zu betrachten sey, während der

Verdauungsapparat mit Lehm gefüllt ist? Die chemische Analyse der

eingeathmeten und der ausgeathmeten Luft spricht nicht für diese

Annahme. Der Verlust einer sehr kleinen Menge Stickstoff ist schwer zu

ermitteln, und es ist anzunehmen, daß sich die Funktion des Athmens im

Allgemeinen darauf beschränkt, Kohlenstoff und Wasserstoff dem Körper zu

entziehen.

Ein befeuchtetes Gemische von phosphorsaurem und kohlensaurem Kalk kann

nicht nährend seyn, wie gleichfalls stickstofflose, aber dem organischen

Reich angehörende Substanzen (Zucker, Gummi, Stärkmehl). Unsere

Verdauungsapparate sind gleichsam galvanische Säulen, die nicht alle

Substanzen zerlegen. Die Assimilation hört auf, nicht allein weil die

Stoffe, die in den Magen gelangen, keine Elemente enthalten, die mit

denen, aus welchen der menschliche Körper besteht, übereinkommen,

sondern auch weil die Verdauung (die chemische Zersetzung) nicht alle

Verbindungen ohne Unterschied in ihren Bereich zieht. Beschäftigt man

sich übrigens mit solchen allgemeinen physiologischen Problemen, so

fragt man sich unwillkürlich, wie es mit der Gesellschaft, oder vielmehr

mit dem Menschengeschlecht stände, wenn der Mensch keine Produkte der

Organisation und der Lebenskraft als Nahrungsmittel nöthig hätte. Keine

Gewöhnung kann die Art und Weise der Ernährung wesentlich abändern. Wir

werden niemals Erde verdauen und assimiliren lernen; seit aber

Gay-Lussacs und Thenards wichtige Forschungen uns belehrt haben, daß das

härteste Holz und das Stärkmehl sich nur dadurch unterscheiden, daß die

Verhältnisse zwischen Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlenstoff dort und

hier ein klein wenig anders sind, wie sollte man da bestreiten, daß es

der Chemie noch gelingen könnte, jene ungeheuren vegetabilischen Massen,

jene Gewebe verhärteter Fasern, aus denen die Stämme unserer Waldbäume

bestehen, in Nahrungsstoff zu verwandeln? Von Belang könnte eine solche

Entdeckung nur werden, wenn das Verfahren einfach und nicht kostspielig

wäre; unter dieser, allerdings keineswegs wahrscheinlichen Voraussetzung

müßten aber dadurch in der ganzen Verfassung des Gesellschaftskörpers,

im Taglohn, in der Vertheilung der Bevölkerung über die Erdoberfläche

die größten Veränderungen eintreten. Einerseits würde der Mensch damit

unabhängiger, andererseits wäre die nothwendige Folge, daß die Bande der

Gesellschaft sich lösten und die Grundlagen des Gewerbfleißes und der

Cultur untergraben würden.

Das kleine Dorf Uruana ist schwerer zu regieren als die meisten andern

Missionen. Die Otomaken sind ein unruhiges, lärmendes, in seinen

Leidenschaften ungezügeltes Volk. Nicht nur sind sie dem Genuß der

gegohrenden Getränke aus Manioc und Mais und des Palmweins im Uebermaß

ergeben, sie versetzen sich auch noch in einen eigenthümlichen Zustand

von Rausch, man könnte fast sagen von Wahnsinn, durch den Gebrauch des

Niopo-Pulvers.[^74] Sie sammeln die langen Schoten einer Mimosenart, die

wir unter dem Namen Acacia Niopo bekannt gemacht haben; sie reißen sie

in Stücke, feuchten sie an und lassen sie gähren. Wenn die durchweichten

Samen anfangen schwarz zu werden, kneten sie dieselben wie einen Teig,

mengen Maniocmehl und Kalk, der aus der Muschel einer Ampullaria

gebrannt wird, darunter und setzen die Masse auf einem Rost von hartem

Holz einem starken Feuer aus. Der erhärtete Teig bildet kleine Kuchen.

Will man sich derselben bedienen, so werden sie zu seinem Pulver

zerrieben und dieses auf einen fünf bis sechs Zoll breiten Teller

gestreut. Der Otomake hält den Teller, der einen Stiel hat, in der

rechten Hand und zieht das Niopo durch einen gabelförmigen Vogelknochen,

dessen zwei Enden in die Naslöcher gesteckt sind, in die Nase. Der

Knochen, ohne den der Otomake diese Art Schnupftaback nicht nehmen zu

können meinte, ist sieben Zoll lang und es schien mir der

Fußwurzelknochen eines großen Stelzenläufers zu seyn. Ich habe das Niopo

sammt dem ganzen seltsamen Apparat Fourcroy in Paris übermacht. Das

Niopo ist so reizend, daß ganz wenig davon heftiges Niesen verursacht,

wenn man nicht daran gewöhnt ist. Pater Gumilla sagt, »dieses

Teufelspulver der Otomaken, das von einem baumartigen Tabak komme,

berausche sie durch die Naslöcher (emboracha por las narices), raube

ihnen auf einige Stunden die Vernunft und mache sie im Gefechte rasend.«

Die Samen, Säfte und Wurzeln der Familie der Schotengewächse haben

auffallend verschiedene chemische und arzneiliche Eigenschaften; wenn

aber auch der Saft der Frucht der Mimosa nilotica stark adstringirend

ist, so ist doch nicht wohl zu glauben, daß die Schote der Acacia Niopo

dem Tabak der Otomaken zunächst seine reizende Eigenschaft verleiht.

Dieselbe rührt vielmehr vom frischgebrannten Kalk her. Wir haben oben

gesehen, daß die Bergbewohner in den Anden von Popayan und die Guajiros,

die zwischen dem See Maracaybo und dem Rio la Hacha umherziehen, auch

Kalk verschlucken, und zwar als Reizmittel, um die Absonderung des

Speichels und des Magensaftes zu befördern.

Dadurch, daß die umständliche Vorrichtung, deren sich die Otomaken zum

Aufziehen des Niopopulvers bedienen, durch mich nach Europa kam, wurden

die Gelehrten auf einen ähnlichen Brauch aufmerksam gemacht, den La

Condamine am obern Maragnon beobachtet hat. Die Omaguas, deren Name

durch ihre Züge zur Entdeckung des Dorado vielberufen ist, haben

denselben Teller, dieselben hohlen Vogelknochen, durch die sie ihr

Curupapulver in die Nase ziehen. Der Samen, von dem dieses Pulver kommt,

ist ohne Zweifel auch eine Mimose; denn die Otomaken nennen, dem Pater

Gili, zufolge, noch jetzt, 260 Meilen vom Amazonenstrom, die Acacia

Niopo Curupa. Seit meinen neuerlichen geographischen Untersuchungen über

den Schauplatz der Thaten Philipps von Hutten und über die wahre Lage

der Provinz Papamene[^75] oder der Omaguas hat die Vermuthung einer

früheren Verbindung zwischen den Otomaken am Orinoco und den Omaguas am

Amazonenstrom an Bedeutung und Wahrscheinlichkeit gewonnen. Erstere

kamen vom Rio Meta, vielleicht aus dem Lande zwischen diesem Fluß und

dem Guaviare; letztere wollen selbst in großer Anzahl über den Rio

Japura, vom östlichen Abhang der Anden von Neu-Grenada her, an den

Maragnon gekommen seyn. Nun scheint aber das Land der Omaguas, das die

Abenteurer von Coro und Tocuyo vergeblich zu erobern suchten, gerade

zwischen dem Guayavero, der in den Guaviare fällt, und dem Caqueta zu

liegen, der weiter unten Japura heißt. Allerdings besteht ein

auffallender Gegensatz zwischen der jetzigen Versunkenheit der Otomaken

und der früheren Civilisation der Omaguas; vielleicht waren aber nicht

alle Unterabtheilungen dieser Nation in der Cultur gleich

vorgeschritten, und an Beispielen, daß Stämme völlig versinken können,

ist die Geschichte unseres Geschlechts leider nur zu reich. Zwischen

Otomaken und Omaguas läßt sich noch eine weitere Uebereinstimmung

bemerklich machen. Beide sind unter den Völkerschaften am Orinoco und am

Amazonenstrom deßhalb berufen, weil sie vom Cautschuc oder der verdicken

Milch der Euphorbiaceen und Urticeen so ausgedehnten Gebrauch machen.

Der eigentliche krautartige Tabak,[^76] denn die Missionäre nennen das

Niopo oder Curupa »Baumtabak,« wird seit unvordenklicher Zeit von allen

eingeborenen Völkern am Orinoco gebaut; man fand auch bei der Eroberung

die Sitte des Rauchens in beiden Amerikas gleich verbreitet. Die

Tamanaken und Maypuren in Guyana umwickeln die Cigarren mit Mais, wie

bereits die Mexikaner vor Cortes Ankunft gethan. Nach diesem Vorgang

nehmen die Spanier statt Maisblättern Papier. Die armen Indianer in den

Wäldern am Orinoco wissen so gut als die großen Herren am Hofe

Montezumas, daß der Tabaksrauch ein vortreffliches Narcoticum ist; sie

bedienen sich desselben nicht nur, um ihre Siesta zu halten, sondern

auch um sich in den Zustand von Quietismus zu versetzen, den sie ein

»Träumen mit offenen Augen«, »Träumen bei Tag« nennen. In allen

amerikanischen Missionen wird jetzt, wie mir schien, ungemein wenig

Tabak verbraucht, und in Neuspanien rauchen die Eingeborenen, die fast

sämmtlich von der untersten Classe des aztekischen Volkes abstammen, zum

großen Leidwesen des Fiscus, gar nicht. Pater Gili versichert, den

Indianern am untern Orinoco sey die Sitte des Tabakkauens unbekannt. Ich

möchte die Richtigkeit dieser Behauptung bezweifeln; denn die Sercucumas

am Erevato und Caura, Nachbarn der weißlichten Paparitos, verschlucken,

wie man mir sagte, zerhackten und mit andern stark reizenden Säften

getränkten Tabak, wenn sie sich zum Gefechte anschicken. Von den vier

Nicotianaarten, die in Europa gebaut werden (N. tabacum, N. rustica, N.

paniculata, und N. glutinosa) sahen wir nur die beiden letzteren wild;

aber Nicotiana lolaxensis und N. Audicola, die ich in 1850 Toisen

Meereshöhe auf dem Rücken der Anden gefunden, stehen Nicotiana tabacum

und rustica sehr nahe. Die ganze Gattung ist übrigens fast

ausschließlich amerikanisch und die meisten Arten schienen mir dem

gebirgigten und gemäßigten Landstrich unter den Tropen anzugehören.

Weder aus Virginien noch aus Südamerika, wie irrthümlich in mehreren

agronomischen und botanischen Schriften steht, sondern aus der

mexicanischen Provinz Yucatan ist um das Jahr 1559 der erste Tabakssamen

nach Europa gekommen.[^77]Der Mann, der die Fruchtbarkeit der Ufer des

Orinoco am lautesten gepriesen, der berühmte Ralegh, hat auch die Sitte

des Rauchens unter den« nordischen Völkern am meisten befördert. Bereits

am Schluß des sechzehnten Jahrhunderts beschwerte man sich in England

bitter über »diese Nachahmung der Gebräuche eines barbarischen Volkes«

Man fürchtete bei dem überhandnehmenden Tabakrauchen, »ne Anglorum

corpora in barbarorum naturam degenerent.«[^78]

Wenn sich die Otomaken in Uruana durch den Genuß des Niopo (ihres

Baumtabaks) und gegohrener Getränke in einen Zustand von Trunkenheit

versetzt haben, der mehrere Tage dauert, so bringen sie einander um,

ohne sich mit Waffen zu schlagen. Die bösartigsten vergiften sich den

Daumennagel mit Curare, und nach der Aussage der Missionäre kann der

geringste Ritz mit diesem vergifteten Nagel tödtlich werden, wenn das

Curare sehr stark ist und unmittelbar in die Blutmasse gelangt. Begehen

die Indianer bei Nacht in Folge eines Zanks einen Todtschlag, so werfen

sie den Leichnam in den Fluß, weil sie fürchten, es möchten Spuren der

erlittenen Gewalt an ihm zu bemerken seyn. »So oft ich,« äußerte Pater

Bueno gegen uns, »die Weiber an einer andern Stelle des Ufers als

gewöhnlich Wasser schöpfen sehe, vermuthe ich, daß ein Mord in meiner

Mission begangen worden.«

Wir fanden in Uruana in den Hütten der Indianer denselben

vegetabilischen Stoff (yesca de hormigas, Ameisenzunder), den wir bei

den großen Katarakten hatten kennen lernen und den man zum Blutstillen

braucht. Dieser Zunder, der weniger uneigentlich Ameisennester hieße,

ist in einem Lande, dessen Bewohner nichts weniger als friedfertig sind,

sehr gesucht. Eine neue schön smaragdgrüne Art Ameisen (Formica

spinicollis) sammelt auf den Blättern einer Melastomenart zu ihrem Nest

einen baumwollenartigen, gelbbraunen, sehr zart anzufühlenden Flaum. Ich

glaube, daß der »Yesca oder Ameisenzunder« vom obern Orinoco (das Thier

kommt, wie versichert wird, nur südlich von Apures vor) einmal ein

Handelsartikel werden kann. Der Stoff ist weit vorzüglicher als die

»Ameisennester« von Cayenne, die man in Europa in den Hospitälern

verwendet, die aber schwer zu bekommen sind.

Ungern schieden wir (am 7. Juni) vom Pater Ramon Bueno. Unter den zehn

Missionären, die wir auf dem ungeheuren Gebiete von Guyana kennen

gelernt, schien mir nur er auf alle Verhältnisse der eingeborenen

Völkerschaften zu achten. Er hoffte in Kurzem nach Madrid zurückkehren

und das Ergebniß seiner Untersuchungen über die Bilder und Züge auf den

Felsen bei Uruana bekannt machen zu können.

In den Ländern, die wir eben bereist, zwischen dem Meta, Arauca und

Apure, fand man bei den ersten Entdeckungszügen an den Orinoco, z. B.

bei dem des Alonzo de Herrera im Jahr 1535, stumme Hunde, von den

Eingeborenen Maios und Auries genannt. Dieser Umstand ist in mehr als

Einer Beziehung interessant. Was auch Pater Gili sagen mag, es

unterliegt keinem Zweifel, daß der Hund in Südamerika einheimisch ist.

Die verschiedenen indianischen Sprachen haben Namen für das Thier, die

nicht wohl von europäischen Sprachen herkommen können. Das Wort Auri,

das Alonzo de Herrera vor dreihundert Jahren nannte, kommt noch jetzt im

Maypurischen vor. Die Hunde, welche wir am Orinoco gesehen, mögen von

denen abstammen, welche die Spanier an die Küsten von Caracas gebracht;

aber nichts desto weniger steht fest, daß es vor der Eroberung in Peru,

Neu-Grenada und Guyana eine unsern Schäferhunden ähnliche Hunderace gab.

Der Allco der Eingeborenen in Peru, und fast alle Hunde, die wir in den

wildesten Strichen von Südamerika angetroffen, bellen häufig; die

ältesten Geschichtschreiber sprechen aber alle von stummen Hunden

(perros mudos). Es gibt noch dergleichen in Canada, und, was mir sehr zu

beachten scheint, die stumme Spielart wurde in Mexico und am Orinoco

vorzugsweise gegessen. Ein sehr unterrichteter Reisende, Giesecke, der

sechs Jahre in Grönland gelebt hat, versicherte mich, die Hunde der

Eskimos, die beständig in freier Luft sind und sich Winters in den

Schnee graben, bellen auch nicht, sondern heulen wie die Wölfe.[^79]

Gegenwärtig ist der Gebrauch, Hundefleisch zu essen, am Orinoco ganz

unbekannt; da aber diese Sitte im östlichen Asien ganz allgemein ist,

scheint mir der Beweis, daß dieselbe früher in den heißen Strichen von

Guyana und auf der Hochebene von Mexiko zu Hause war, von großem Belang

für die Völkergeschichte. Ich bemerke auch, daß auf den Grenzen der

Provinz Durango, am nördlichen Ende von Neuspanien, die

Cumanches-Indianer noch jetzt große Hunde, die sie auf ihren Zügen

begleiten, mit ihren Zelten aus Büffelfellen beladen. Bekanntlich dient

auch am Sklavensee und in Sibirien der Hund gewöhnlich als Last- und

Zugthier. Ich hebe solche Züge von Uebereinstimmung in den Sitten der

Völker absichtlich hervor; sie erhalten einiges Gewicht, wenn sie nicht

für sich allein dastehen, und Aehnlichkeiten im Sprachbau, in der

Zeitrechnung, im Glauben und den gottesdienstlichen Gebräuchen dazu

kommen.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 12 / 29 段