der Insel Panumana aufzuschlagen· Mit Vergnügen erkannten wir die Plätze
wieder, wo wir bei der Fahrt den Orinoco hinauf botanisirt hatten. Wir
untersuchten noch einmal am Ufer die kleine Sandsteinformation, die
unmittelbar dem Granit aufgelagert ist. Das Vorkommen ist dasselbe wie
beim Sandstein, den mein unglücklicher Landsmann Burckhardt an der
Grenze von Nubien dem Granit von Syene aufgelagert gesehen hat. Wir
fuhren, ohne sie zu betreten, an der neuen Mission San Borja vorüber und
hörten einige Tage darauf mit Bedauern, die kleine Colonie von
Guahibos-Indianern sey al monte gelaufen, da sie sich eingebildet, wir
wollen sie fortschleppen und als Poitos, das heißt als Sklaven
verkaufen.[^67] Nachdem wir durch die Stromschnellen Tabaje und den
Raudal Cariven am Einfluß des großen Rio Meta gegangen, langten wir
wohlbehalten in Carichana an. Der Missionär, Fray Jose Antonio de Torre,
nahm uns mit der herzlichen Gastfreundschaft auf, die er uns schon bei
unserem ersten Aufenthalt hatte zu Theil werden lassen. Zu
astronomischen Beobachtungen war der Himmel nicht günstig; in den großen
Katarakten hatten wir wieder welche gemacht, aber von dort bis zum
Einfluß des Apure mußte man darauf verzichten. In Carichana konnte
Bonpland zu seiner Befriedigung eine neun Fuß lange Seekuh seciren. Es
war ein Weibchen und ihr Fleisch glich dem Rindfleisch. Ich habe oben
vom Fang dieses grasfressenden Wassersäugethiers gesprochen.[^68] Die
Piraoas, von denen einige Familien in der Mission Carichana leben,
verabscheuen dieses Thier so sehr, daß sie sich versteckten um es nicht
anrühren zu müssen, als es in unsere Hütte geschafft wurde. Sie
behaupten, »die Leute ihres Stammes sterben unfehlbar, wenn sie davon
essen«. Dieses Vorurtheil ist desto auffallender, da die Nachbarn der
Pitaoas, die Guamos und Otomacos, nach dem Seekuhfleisch sehr lüstern
sind. Wir werden bald sehen, daß in diesem Gewirre von Völkerschaften
das Fleisch des Krokodils bald verabscheut, bald stark gesucht ist.
Ich erwähne hier eines wenig bekannten Umstandes, als Beitrag zur
Geschichte der Seekuh. Südlich vom Meerbusen von Xagua auf Cuba, mehrere
Seemeilen von der Küste, sind Quellen süßen Wassers mitten im Meer. Man
erklärt sich dieselben aus einem hydrostatischen Druck von den hohen
Gebirgen von Trinidad herab durch unterirdische Canäle. Kleine Fahrzeuge
nehmen in diesem Strich zuweilen Wasser ein, und was sehr merkwürdig
ist, große Seekühe halten sich dort auf. Ich habe die Forscher bereits
darauf aufmerksam gemacht, daß die Krokodile aus den Flußmündungen weit
in die See hinausgehen. Bei den alten Umwälzungen unseres Planeten mögen
ähnliche Umstände das sonderbare Gemenge von Knochen und von
Versteinerungen, die der See, und solchen, die dem süßen Wasser
angehören, wie es in manchen neuen Formationen vorkommt, verursacht
haben.
Der Aufenthalt in Carichana kam uns sehr zu statten, um uns von unsern
Strapazen zu erholen. Bonpland trug den Keim einer schweren Krankheit in
sich; er hätte dringend der Ruhe bedurft, da aber das
Nebenfluß-Delta[^69] zwischen dem Horeda und dem Paruasi mit dem
üppigsten Pflanzenwuchse bedeckt ist, konnte er der Lust nicht
widerstehen, große botanische Excursionen zu machen, und wurde den Tag
über mehrere male durchnäßt. Im Hause des Missionärs wurde für alle
unsere Bedürfnisse zuvorkommend gesorgt; man verschaffte uns Maismehl,
sogar Milch. Die Kühe geben in den Niederungen der heißen Zone reichlich
Milch, und es fehlt nirgends daran, wo es gute Weiden gibt. Ich erwähne
dieß ausdrücklich, weil in Folge örtlicher Verhältnisse im indischen
Archipelagus das Vorurtheil verbreitet ist, als ob ein heißes Klima auf
die Milchabsonderung ungünstig wirkte. Es begreift sich, daß die
Eingeborenen des neuen Continents sich aus der Milch nicht viel machen,
da das Land ursprünglich keine Thiere hatte, welche Milch geben; aber
billig wundert man sich, daß die ungeheure chinesische Bevölkerung, die
doch großentheils außerhalb der Tropen unter denselben Breiten wie die
nomadischen Stämme in Centralasien lebt, eben so gleichgültig dagegen
ist. Wenn die Chinesen einmal ein Hirtenvolk waren, wie geht es zu, daß
sie Sitten und einem Geschmack, die ihrem früheren Zustande so ganz
angemessen sind, ungetreu geworden? Diese Fragen scheinen mir von großer
Bedeutung sowohl für die Geschichte der Völker von Ostasien als
hinsichtlich der alten Verbindungen die, wie man glaubt, zwischen diesem
Welttheil und dem nördlichen Mexico stattgefunden haben können.
Wir fuhren in zwei Tagen den Orinoco von Carichana zur Mission Uruana
hinab, nachdem wir wieder durch den vielberufenen Engpaß beim Baraguan
gegangen[^70] Wir hielten öfters an, um die Geschwindigkeit des Stroms
und seine Temperatur an der Oberfläche zu messen. Letztere betrug 27°4,
die Geschwindigkeit 2 Fuß in der Secunde (62 Toisen in 3 Minuten 6
Secunden), an Stellen, wo das Bett des Orinoco über 12,000 Fuß breit und
10 bis 12 Faden tief war. Der Fall des Flusses ist allerdings von den
Katarakten bis Angostura höchst unbedeutend,[^71] und ohne barometrische
Messung ließe sich der Höhenunterschied ungefähr schätzen, wenn man von
Zeit zu Zeit die Geschwindigkeit und die Breite und Tiefe des
Stromstücks mäße. In Uruana konnten wir einige Sternbeobachtungen
machen. Ich fand die Breite der Mission gleich 7°8′, da aber die
verschiedenen Sterne abweichende Resultate gaben, blieb sie um mehr als
eine Minute unsicher. Die Moskitoschicht am Boden war so dicht, daß ich
mit dem Richten des künstlichen Horizonts nicht fertig werden konnte,
und ich bedauerte, nicht mit einem Quecksilberhorizont versehen zu seyn.
Am 7. Juni erhielt ich durch gute absolute Sonnenhöhen eine Länge von
69°40′. Seit Esmeralda waren wir um 1 Grad 17 Minuten gegen West
vorgerückt, und diese chronometrische Bestimmung verdient volles
Zutrauen, weil wir auf dem Hin- und dem Herweg, in den großen Katarakten
und an den Mündungen des Atabapo und des Apure beobachtet hatten.
Die Mission Uruana ist ungemein malerisch gelegen; das kleine
indianische Dorf lehnt sich an einen hohen Granitberg. Ueberall steigen
Felsen wie Pfeiler über dem Walde auf und ragen über die höchsten
Baumwipfel empor. Nirgends nimmt sich der Orinoco majestätischer aus als
bei der Hütte des Missionärs Fray Ramon Bueno. Er ist hier über 2600
Toisen breit und läuft gerade gegen Ost, ohne Krümmung, wie ein
ungeheurer Canal. Durch zwei lange, schmale Inseln (Isla de Uruana und
Isla vieja de la Manteca) wird das Flußbett noch ausgedehnter; indessen
laufen die Ufer parallel und man kann nicht sagen, der Orinoco theile
sich in mehrere Arme.
Die Mission ist von Otomacos bewohnt, einem versunkenen Stamm, an dem
man eine der merkwürdigsten physiologischen Erscheinungen beobachtet.
Die Otomaken essen Erde, das heißt sie verschlingen sie mehrere Monate
lang täglich in ziemlich bedeutender Menge, um den Hunger zu
beschwichtigen, ohne daß ihre Gesundheit dabei leidet. Diese
unzweifelhafte Thatsache hat seit meiner Rückkehr nach Europa lebhaften
Widerspruch gefunden, weil man zwei ganz verschiedene Sätze: Erde essen,
und sich von Erde nähren, zusammenwarf. Wir konnten uns zwar nur einen
einzigen Tag in Uruana aufhalten, aber dieß reichte hin, um die
Bereitung der Poya (der Erdkugeln) kennen zu lernen, die Vorräthe,
welche die Eingeborenen davon angelegt, zu untersuchen und die Quantität
Erde, die sie in 24 Stunden verschlingen, zu bestimmen. Uebrigens sind
die Otomaken nicht das einzige Volk am Orinoco, bei dem Thon für ein
Nahrungsmittel gilt. Auch bei den Guamos findet man Spuren von dieser
Verirrung des Nahrungstriebs, und zwischen den Einflüssen des Meta und
des Apure spricht Jedermann von der Geophagie als von etwas
Altbekanntem. Ich theile hier nur mit, was wir mit eigenen Augen gesehen
oder aus dem Munde des Missionärs vernommen, den ein schlimmes Geschick
dazu verurtheilt hat, zwölf Jahre unter dem wilden, unruhigen Volke der
Otomaken zu leben.
Die Einwohner von Uruana gehören zu den Savanenvölkern (Indios
andantes), die schwerer zu civilisiren sind als die Waldvölker (Indios
del monte), starke Abneigung gegen den Landbau haben und fast
ausschließlich von Jagd und Fischfang leben. Es sind Menschen von sehr
starkem Körperbau, aber häßlich, wild, rachsüchtig, den gegohrenen
Getränken leidenschaftlich ergeben. Sie sind im höchsten Grad »omnivore
Thiere«; die andern Indianer, die sie als Barbaren ansehen, sagen daher
auch, »nichts sey so ekelhaft, das ein Otomake nicht esse.« So lange das
Wasser im Orinoco und seinen Nebenflüssen tief steht, leben die Otomaken
von Fischen und Schildkröten. Sie schießen jene mit überraschender
Fertigkeit mit Pfeilen, wenn sie sich an der Wasserfläche blicken
lassen. Sobald die Anschwellungen der Flüsse erfolgen, die man in
Südamerika wie in Aegypten und Nubien irrthümlich dem Schmelzen des
Schnees zuschreibt, und die in der ganzen heißen Zone periodisch
eintreten, ist es mit dem Fischfang fast ganz vorbei. Es ist dann so
schwer, in den tiefen Flüssen Fische zu bekommen, als auf offener See.
Die armen Missionäre am Orinoco haben gar oft keine, weder an Fasttagen,
noch an Nichtfasttagen, obgleich alle jungen Indianer im Dorf
verpflichtet sind, »für das Kloster zu fischen«. Zur Zeit der
Ueberschwemmungen nun, die zwei bis drei Monate dauern, verschlingen die
Otomaken Erde in unglaublicher Masse. Wir fanden in ihren Hütten
pyramidalisch aufgesetzte, 3—4 Fuß hohe Kugelhaufen; die Kugeln hatten
3—4 Zoll im Dnrchmesser. Die Erde, welche die Otomaken essen, ist ein
sehr feiner, sehr fetter Letten; er ist gelbgrau, und da er ein wenig am
Feuer gebrannt wird, so sticht die harte Kruste etwas ins Rothe, was vom
darin enthaltenen Eisenoxyd herrührt. Wir haben von dieser Erde, die wir
vom Wintervorrath der Indianer genommen, mitgebracht. Daß sie
specksteinartig sey und Magnesia enthalte, ist durchaus unrichtig.
Vauquelin fand keine Spur davon darin, dagegen mehr Kieselerde als
Alaunerde und 3—4 Procent Kalk.
Die Otomaken essen nicht jede Art Thon ohne Unterschied; sie suchen die
Alluvialschichten auf, welche die fetteste, am feinsten anzufühlende
Erde enthalten. Ich fragte den Missionär, ob man den befeuchteten Thon
wirklich, wie Pater Gumilla behauptet, die Art von Zersetzung
durchmachen lasse, wobei sich Kohlensäure und Schwefelwasserstoff
entwickeln, und die in allen Sprachen faulen heißt; er versicherte uns
aber, die Eingeborenen lassen den Thon niemals faulen, und vermischen
ihn auch weder mit Maismehl, noch mit Schildkrötenöl oder Krokodilfett.
Wir selbst haben schon am Orinoco und nach unserer Heimkehr in Paris die
mitgebrachten Kugeln untersucht und keine Spur einer organischen, sey es
mehligten oder öligten Substanz darin gefunden. Dem Wilden gilt Alles
für nahrhaft, was den Hunger beschwichtigt; fragt man daher den
Otomaken, von was er in den zwei Monaten, wo der Fluß am vollsten ist,
lebe, so deutet er auf seine Lettenkugeln. Er nennt sie seine
Hauptnahrung, denn in dieser Zeit bekommt er nur selten eine Eidechse,
eine Farnwurzel, einen todten Fisch, der auf dem Wasser schwimmt. Ißt
nun der Indianer zwei Monate lang Erde aus Noth (und zwar ¾ bis ⁵⁄₄
Pfund in vierundzwanzig Stunden), so läßt er sie sich doch auch das
übrige Jahr schmecken. In der trockenen Jahreszeit, beim ergiebigsten
Fischfang, reibt er seine Poyaklöße und mengt etwas Thon unter seine
Speisen. Das Auffallendste ist, daß die Otomaken nicht vom Fleische
fallen, solange sie Erde in so bedeutender Menge verzehren. Sie sind im
Gegentheil sehr kräftig und haben keineswegs einen gespannten,
aufgetriebenen Bauch. Der Missionär Fray Ramon Bueno versichert, er habe
nie bemerkt, daß die Gesundheit der Eingeborenen während der
Ueberschwemmung des Orinoco eine Störung erlitten hätte.
Das Thatsächliche, das wir ermitteln konnten, ist ganz einfach
Folgendes. Die Otomaken essen mehrere Monate lang täglich dreiviertel
Pfund am Feuer etwas gehärteten Letten, ohne daß ihre Gesundheit dadurch
merklich leidet. Sie netzen die Erde wieder an, bevor sie sie
verschlucken. Es ließ sich bis jetzt nicht genau ermitteln, wie viel
nährende vegetabi- lische oder thierische Substanz sie während dieser
Zeit in der Woche zu sich nehmen; so viel ist aber sicher, sie selbst
schreiben ihr Gefühl der Sättigung dem Letten zu und nicht den
kümmerlichen Nahrungsmitteln, die sie von Zeit zu Zeit daneben genießen.
Keine physiologische Erscheinung steht für sich allein da, und so wird
es nicht ohne Interesse seyn, wenn ich mehrere ähnliche Erscheinungen,
die ich zusammengebracht, hier bespreche.
In der heißen Zone habe ich aller Orten bei vielen Individuen, bei
Kindern, Weibern, zuweilen aber auch bei erwachsenen Männern einen
abnormen, fast unwiderstehlichen Trieb bemerkt, Erde zu essen,
keineswegs alkalische oder kalkhaltige Erde, um (wie man gemeiniglich
glaubt) saure Säfte zu neutralisiren, sondern einen fetten,
schlüpfrigen, stark riechenden Thon. Oft muß man den Kindern die Hände
binden oder sie einsperren, um sie vom Erdeessen abzuhalten, wenn der
Regen aufhört. Im Dorfe Banco am Magdalenenstrom sah ich indianische
Weiber, die Töpfergeschirr verfertigen, fortwährend große Stücke Thon
verzehren. Dieselben waren nicht schwanger und versicherten, »die Erde
sey eine Speise, die ihnen nicht schade.« Bei andern amerikanischen
Völkerschaften werden die Menschen bald krank und zehren aus, wenn sie
sich von der Sucht, Thon zu verschlucken, zu sehr hinreißen lassen. In
der Mission San Borja sahen wir ein Kind von der Nation der Guahibos,
das mager war wie ein Skelett. Die Mutter ließ uns durch den Dolmetscher
sagen, diese Abzehrung komme von unordentlicher Eßlust her. Seit vier
Monaten wollte das kleine Mädchen fast nichts Anderes zu sich nehmen als
Letten. Und doch sind es nur 25 Meilen von San Borja nach Uruana, wo der
Stamm der Otomaken wohnt, die, ohne Zweifel in Folge allmähliger
Angewöhnung, die Poya ohne Nachtheil verschlucken. Pater Gumilla
behauptet, trete bei den Otomaken Verstopfung ein, so führen sie mit
Krokodilöl, oder vielmehr mit geschmolzenem Krokodilfett ab; aber der
Missionär, den wir bei ihnen antrafen, wollte hievon nichts wissen. Man
fragt sich, warum in kalten und gemäßigten Himmelsstrichen die Sucht
Erde zu essen weit seltener ist als in der heißen Zone, warum sie in
Europa nur bei schwangern Weibern und schwächlichen Kindern vorkommt?
Dieser Unterschied zwischen der heißen und der gemäßigten Zone rührt
vielleicht nur von der Trägheit der Function des Magens in Folge der
starken Hautausdünstung her. Man meinte die Beobachtung zu machen, daß
bei den afrikanischen Sklaven der abnorme Trieb Erde zu essen zunimmt
und schädlicher wird, wenn sie auf reine Pflanzenkost gesetzt werden und
man ihnen die geistigen Getränke entzieht. Wird durch letztere das
Lettenessen weniger schädlich, so hätte man den Otomaken beinahe Glück
dazu zu wünschen, daß sie so große Trunkenbolde sind.
Auf der Küste von Guinea essen die Neger als Leckerbissen eine
gelblichte Erde, die sie Caouac nennen. Die nach Amerika gebrachten
Sklaven suchen sich denselben Genuß zu verschaffen, aber immer auf
Kosten ihrer Gesundheit. Sie sagen, »die Erde auf den Antillen sey nicht
so verdaulich, wie die in ihrem Landes.« Thibaut de Chanvalon äußert in
seiner Reise nach Martinique über diese pathologische Erscheinung sehr
richtig: »Eine andere Ursache des Magenwehs ist, daß manche Neger, die
von der Küste von Guinea herüberkommen, Erde essen. Es ist dieß bei
ihnen nicht verdorbener Geschmack oder Folge einer Krankheit, sondern
Gewöhnung von Afrika her, wo sie, wie sie sagen, eine gewisse Erde
essen, die ihnen wohlschmeckt, und zwar ohne davon belästigt zu werden.
Auf unsern Inseln sehen sie sich nun nach der Erde um, die jener am
nächsten kommt, und greifen zu einem rothgelben (vulkanischen) Tuff. Man
verkauft denselben heimlich auf den Märkten, ein Mißbrauch, dem die
Polizei steuern sollte. Die Neger, welche diese Unsitte haben, sind so
lüstern nach Caouac, daß keine Strafe sie vom Genuß desselben abzuhalten
vermag.«
Im indischen Archipel, auf Java, sah Labillardière zwischen Sourabaya
und Samarang kleine viereckigte, röthlichte Kuchen verkaufen. Diese
Kuchen, Tanaampo genannt, waren Waffeln aus leicht geröstetem Thon, den
die Eingeborenen mit Appetit verzehren. Da seit meiner Rückkehr vom
Orinoco die Physiologen auf diese Erscheinungen von Geophagie aufmerksam
geworden waren, so machte Leschenault (einer der Naturforscher bei der
Entdeckungsreise nach Australien unter Capitän Baudin) interessante
Angaben über den Tanaampo oder Ampo der Javaner. »Man legt,« sagt er,
»den röthlichten, etwas eisenschüssigen Thon, den die Einwohner von Java
zuweilen als Leckerei genießen, in kleinen Rollen, in der Form wie die
Zimmtrinde, auf eine Blechplatte und röstet ihn; in dieser Form heißt er
Ampo und ist auf dem Markte feil. Die Substanz hat einen eigenthümlichen
Geschmack, der vom Rösten herrührt; sie ist stark absorbirend, klebt an
der Zunge und macht sie trocken. Der Ampo wird fast nur von den
javanesischen Weibern gegessen, entweder in der Schwangerschaft, oder
weil sie mager werden wollen, denn Mangel an Körperfülle gilt dort zu
Lande für schön. Der Erdegenuß ist der Gesundheit nachtheilig; die
Weiber verlieren allmählich die Eßlust und nehmen nur mit Widerwillen
sehr wenig Speise zu sich. Aber der Wunsch, mager und schlank zu
bleiben, läßt sie aller Gefahr trotzen und erhält den Ampo bei Credit.««
— Auch die barbarischen Bewohner von Neu-Caledonien essen zur Zeit der
Noth, um den Hunger zu beschwichtigen, mächtige Stücke eines weißen,
zerreiblichen Topfsteins. Vauquelin fand darin bei der Analyse, neben
Magnesia und Kieselerde zu gleichen Theilen, eine kleine Menge
Kupferoxyd. Eine Erde, welche Golberry die Neger in Afrika auf den
Inseln Bunck und los Idolos essen sah und von der er ohne Beschwerde
selbst gegessen, ist gleichfalls ein weißer, zerreiblicher Speckstein.
Alle diese Fälle gehören der heißen Zone an; überblickt man sie, so muß
es auffallen, daß ein Trieb, von dem man glauben sollte, die Natur werde
ihn nur den Bewohnern der unfruchtbarsten Landstriche eingepflanzt
haben, bei verwilderten, trägen Völkern vorkommt, die gerade die
herrlichsten, fruchtbarsten Länder der Erde bewohnen. In Popayan und
mehreren Gebirgsstrichen von Peru sahen wir auf offenem Markte an die
Eingeborenen unter andern Waaren auch sehr fein gepulverten Kalk
verkaufen. Man mengt dieses Pulver mit Coca, das heißt mit den Blättern
des Erythroxylon peruvianum. Bekanntlich nehmen die indianischen
Botenläufer mehrere Tage lang keine andere Nahrung zu sich als Kalk und
Coca; beide befördern die Absonderung des Speichels und des Magensaftes;
sie benehmen die Eßlust, ohne dem Körper Nahrungsstoff zuzuführen.
Anderswo in Südamerika, am Rio de la Hacha, verschlucken die Guajiros
nur den Kalk ohne Zusatz von Pflanzenstoff. Sie führen beständig eine
kleine Büchse mit Kalk bei sich, wie wir die Tabaksdose und die Asiaten
die Betelbüchse. Diese amerikanische Sitte war schon den ersten
spanischen Seefahrern auffallend erschienen. Der Kalk schwärzt die
Zähne, und im ostindischen Archipel, wie bei manchen amerikanischen
Horden, gelten schwarze Zähne für schön. Im kalten Landstrich des
Königreichs Quito essen in Tigua die Eingeborenen täglich aus Leckerei
und ohne Beschwerde einen sehr feinen, mit Quarzsand gemengten Thon.
Dieser Thon macht das Wasser, in dem er suspendirt ist, milchigt. Man
sieht in ihren Hütten große Gefäße mit diesem Wasser, das als Getränke
dient und bei den Indianern agua oder leche de Llanka. (Thonmilch)
heißt.
Ueberblickt man alle diese Fälle, so zeigt sich, daß dieser abnorme
Trieb zum Genuß von Thonerde, Talkerde und Kalk am häufigsten bei
Bewohnern der heißen Zone vorkommt, daß er nicht immer Krankheit zur
Folge hat, und daß manche Stamme Erde aus Leckerei essen, während andere
(die Otomaken in Amerika und die Neu-Caledonier in der Südsee) sie aus
Noth verzehren, um den Hunger zu beschwichtigen. Aus sehr vielen
physiologischen Erscheinungen geht hervor, daß der Hunger augenblicklich
gestillt werden kann, ohne daß die Substanzen, die man der Wirkung der
Verdauungsorgane unterwirft, eigentlich nahrhaft sind. Der Letten der
Otomaken, der aus Thonerde und Kieselerde besteht, enthält
wahrscheinlich nichts oder so gut wie nichts was zur Bildung der Organe
des Menschen beiträgt. Kalkerde und Talkerde sind enthalten in den
Knochen, in der Lymphe des Brustgangs, im Farbstoff des Bluts und in den
weißen Haaren; Kieselerde in sehr kleiner Menge in den schwarzen Haaren
und, nach Vauquelin, Thonerde nur in ein paar Atomen in den Knochen,
obgleich sie in vielen Pflanzenstoffen, die uns als Nahrung dienen, in
Menge vorkommt. Es ist beim Menschen nicht wie bei belebten Wesen auf
niedrigerer Organisationsstufe. Bei jenem werden nur die Stoffe
assimilirt, aus denen die Knochen, die Muskeln, das Nervenmark und das
Gehirn wesentlich zusammengesetzt sind; die Gewächse dagegen saugen aus
dem Boden die Salze auf, die sich zufällig darin vorfinden, und die
Beschaffenheit ihres Fasergewebes richtet sich nach dem Wesen der
Erdarten, die an ihrem Standort die vorherrschenden sind. Es ist ein
Punkt, der zur eifrigsten Forschung auffordert und der auch mich schon
lange beschäftigt hat, daß so wenige einfache Stoffe (Erden und Metalle)
in den Geweben der belebten Wesen enthalten sind, und daß nur sie
geeignet scheinen, den chemischen Lebensproceß, wenn man so sagen darf,
zu unterhalten.