zwei Tage auf; Pater Bernardo Zea, der Missionär bei den Raudales, der
uns an den Rio Negro begleitet hatte, wollte, obgleich leidend, uns mit
seinen Indianern vollends nach Atures führen. Einer derselben, Zerepe,
der Dolmetscher, den man auf dem Strande von Pararuma so unbarmherzig
geprügelt,[^55] fiel uns durch seine tiefe Niedergeschlagenheit auf. Wir
hörten, er habe die Indianerin verloren, mit der er verlobt gewesen, und
zwar in Folge einer falschen Nachricht, die über die Richtung unserer
Reise in Umlauf gekommen. Zerepe war in Maypures geboren, aber bei
seinen Eltern vom Stamme der Macos im Walde erzogen. Er hatte in die
Mission ein zwölfjähriges Mädchen mitgebracht, das er nach unserer
Rückkehr zu den Katarakten zum Weibe nehmen wollte. Das Leben in den
Missionen behagte der jungen Indianerin schlecht, denn man hatte ihr
gesagt, die Weißen gehen ins Land der Portugiesen (nach Brasilien) und
nehmen Zerepe mit. Da es ihr nicht ging, wie sie gehofft, bemächtigte
sie sich eines Canoe, fuhr mit einem andern Mädchen vom selben Alter
durch den Raudal und lief al monte zu den Ihrigen. Dieser kecke Streich
war die Tagesneuigkeit; Zerepes Niedergeschlagenheit hielt übrigens
nicht lange an. Er war unter Christen geboren, er war bis zur Schanze am
Rio Negro gekommen, er verstand Spanisch und die Sprache der Macos, und
dünkte sich weit erhaben über die Leute seines Stammes; wie hätte er da
nicht ein Mädchen vergessen sollen, das im Walde aufgewachsen?
Am 31. Mai fuhren wir über die Stromschnellen der Guahibos und bei
Garcita. Die Inseln mitten im Strom glänzten im herrlichsten Grün. Der
winterliche Regen hatte die Blumenscheiden der Vadgiai-Palmen
entwickelt, deren Blätter gerade himmelan stehen.[^56] Man wird nicht
müde, Punkte zu betrachten, wo Baum und Fels der Landschaft den
großartigen, ernsten Charakter geben, den man auf dem Hintergrund von
Titians und Poussins Bildern bewundert. Kurz vor Sonnenuntergang stiegen
wir am östlichen Ufer des Orinoco, beim Puerto de la Expedicion, ans
Land, und zwar um die Höhle von Ataruipe zu besuchen, von der oben die
Rede war,[^57] und wo ein ganzer ausgestorbener Volksstamm seine
Grabstätte zu haben scheint. Ich versuche diese bei den Eingeborenen
vielberufene Höhle zu beschreiben.
Man ersteigt mühsam und nicht ganz gefahrlos einen steilen, völlig
kahlen Granitfelsberg. Man könnte auf der glatten, stark geneigten
Fläche fast unmöglich Fuß fassen, wenn nicht große Feldspathkrystalle,
welche nicht so leicht verwittern, hervorständen und Anhaltspunkte
böten. Auf dem Gipfel des Berges angelangt, erstaunten wir über den
außerordentlichen Anblick des Landes in der Runde. Ein Archipel mit
Palmen bewachsener Inseln füllt das schäumende Strombett. Westwärts, am
linken Ufer des Orinoco, breiten sich die Savanen am Meta und Casanare
hin, wie eine grüne See, deren dunstiger Horizont von der untergehenden
Sonne beleuchtet war. Das Gestirn, das wie ein Feuerball über der Ebene
hing, der einzeln stehende Spitzberg Uniana, der um so höher erschien,
da seine Umrisse im Dunst verschwammen, alles wirkte zusammen, die
großartige Scenerie noch erhabener zu machen. Wir sahen zunächst in ein
tiefes, ringsum geschlossenes Thal hinunter. Raubvögel und Ziegenmelker
schwirrten einzeln durch den unzugänglichen Circus. Mit Vergnügen
verfolgten wir ihre flüchtigen Schatten, wie sie langsam an den
Felswänden hinglitten.
Ueber einen schmalen Grat gelangten wir auf einen benachbarten Berg, auf
dessen abgerundetem Gipfel ungeheure Granitblöcke lagen. Diese Massen
haben 40 bis 50 Fuß Durchmesser und sind so vollkommen kugelförmig, daß
man, da sie nur mit wenigen Punkten den Boden zu berühren schienen,
meint, beim geringsten Stoß eines Erdbebens müßten sie in die Tiefe
rollen. Ich erinnere mich nicht, unter den Verwitterungserscheinungen
des Granits irgendwo etwas Aehnliches gesehen zu haben. Lägen die Kugeln
auf einer andern Gebirgsart, wie die Blöcke im Jura, so könnte man
meinen, sie seyen im Wasser gerollt oder durch den Stoß eines
elastischen Fluidums hergeschleudert; da sie aber auf einem Gipfel
liegen, der gleichfalls aus Granit besteht, so ist wahrscheinlicher, daß
sie von allmähliger Verwitterung des Gesteins herrühren.
Zu hinterst ist das Thal mit dichtem Wald bedeckt. An diesem schattigen,
einsamen Ort, am steilen Abhang eines Berges, ist der Eingang der Höhle
von Ataruipe. Es ist übrigens nicht sowohl eine Höhle, als ein
vorspringender Fels, in dem die Gewässer, als sie bei den alten
Umwälzungen unseres Planeten so weit herausreichten, ein weites Loch
ausgewaschen haben. In dieser Grabstätte einer ganzen ausgestorbenen
Völkerschaft zählten wir in kurzer Zeit gegen 600 wohlerhaltene und so
regelmäßig vertheilte Skelette, daß man sich hinsichtlich ihrer Zahl
nicht leicht hätte irren können. Jedes Skelett liegt in einer Art Korb
aus Palmblattstielen. Diese Körbe, von den Eingeborenen Mapires genannt,
bilden eine Art viereckigter Säcke. Ihre Größe entspricht dem Alter der
Leichen; es gibt sogar welche für Kinder, die während der Geburt
gestorben. Sie wechseln in der Länge von 10 Zoll bis 3 Fuß 4 Zoll. Die
Skelette sind alle zusammengebogen und so vollständig, daß keine Rippe,
kein Fingerglied fehlt. Die Knochen sind auf dreierlei Weisen
zubereitet, entweder an Luft und Sonne gebleicht, oder mit Onoto, dem
Farbstoff der Bixa Orellana, roth gefärbt, oder mumienartig zwischen
wohlriechenden Harzen in Heliconia- und Bananenblätter eingeknetet. Die
Indianer erzählten uns, man lege die frische Leiche in die feuchte Erde,
damit sich das Fleisch allmählig verzehre. Nach einigen Monaten nehme
man sie wieder heraus und schabe mit scharfen Steinen den Rest des
Fleisches von den Knochen. Mehrere Horden in Guyana haben noch jetzt
diesen Brauch. Neben den »Mapires« oder Körben sieht man Gefäße von halb
gebranntem Thon, welche die Gebeine einer ganzen Familie zu enthalten
schienen. Die größten dieser Graburnen sind 3 Fuß hoch und 4 Fuß 3 Zoll
lang. Sie sind graugrün, oval, von ganz gefälligem Ansehen, mit Henkeln
in Gestalt von Krokodilen und Schlangen, am Rand mit Mäandern,
Labyrinthen und mannigfach combinirten geraden Linien geschmückt.
Dergleichen Malereien kommen unter allen Himmelsstrichen vor, bei allen
Völkern, mögen sie geographisch und dem Grade der Cultur nach noch so
weit auseinanderliegen. Die Bewohner der kleinen Mission Maypures
bringen sie noch jetzt auf ihrem gemeinsten Geschirr an; sie zieren die
Schilder der Tahitier, das Fischergeräthe der Eskimos, die Wände des
mexicanischen Palastes in Mitla und die Gefäße Großgriechenlands.
Ueberall schmeichelt eine rhythmische Wiederholung derselben Formen dem
Auge, wie eine taktmäßige Wiederkehr von Tönen dem Ohre. Aehnlichkeiten,
welche im innersten Wesen unserer Empfindungen, in unserer natürlichen
Geistesanlage ihren Grund haben, sind wenig geeignet, über die
Verwandtschaft und die alten Verbindungen der Völker Licht zu
verbreiten.
Hinsichtlich der Zeit, aus der sich die Mapires und die bemalten Gefäße
in der Knochenhöhle von Ataruipe herschreiben, konnten wir uns keine
bestimmte Vorstellung bilden. Die meisten schienen nicht über hundert
Jahre alt, da sie aber vor jeder Feuchtigkeit geschützt und in sehr
gleichförmiger Temperatur sind, so wären sie wohl gleich gut erhalten,
wenn sie auch aus weit früherer Zeit herrührten. Nach einer Sage der
Guahibos-Indianer flüchteten sich die kriegerischen Atures, von den
Caraiben verfolgt, auf die Felsen mitten in den großen Katarakten, und
hier erlosch nach und nach diese einst so zahlreiche Nation und mit ihr
die Sprache. Noch im Jahre 1767, zur Zeit des Missionärs Gili, lebten
die letzten Familien derselben; auf unserer Reise zeigte man in Maypures
ein sonderbares Faktum: einen alten Papagai, von dem die Einwohner
behaupten, »man verstehe ihn nicht, weil er aturisch spreche«.
Wir öffneten, zum großen Aergerniß unserer Führer, mehrere Mapires, um
die Schädelbildung genau zu untersuchen. Alle zeigten den Topus der
amerikanischen Race; nur zwei oder drei näherten sich dem kaukasischen.
Wir haben oben erwähnt,[^58] daß man mitten in den« Katarakten, an den
unzugänglichsten Orten eisenbeschlagene Kisten mit europäischen
Werkzeugen, mit Resten von Kleidungsstücken und Glaswaaren findet. Diese
Sachen, die zu den abgeschmacktesten Gerüchten, als hätten die Jesuiten
dort ihre Schätze versteckt, Anlaß gegeben, gehörten wahrscheinlich
portugiesischen Handelsleuten, die sich in diese wilden Länder
herausgewagt. Läßt sich nun wohl auch annehmen, daß die Schädel von
europäischer Bildung, die wir unter den Skeletten der Eingeborenen und
eben so sorgfältig aufbewahrt gefunden, portugiesischen Reisenden
angehörten, die hier einer Krankheit Unterlagen oder im Kampfe
erschlagen worden? Der Widerwillen der Eingeborenen gegen Alles, was
nicht ihres Stammes ist, macht dieß nicht wahrscheinlich; vielleicht
hatten sich Mestizen, die aus den Missionen am Meta und Apure entlaufen,
an den Katarakten niedergelassen und Weiber aus dem Stamme der Atures
genommen. Dergleichen Verbindungen kommen in dieser Zone zuweilen vor,
freilich nicht so häufig wie in Canada und in Nordamerika überhaupt, wo
Jäger europäischer Abkunft unter die Wilden gehen, ihre Sitten annehmen
und es oft zu großem Ansehen unter ihnen bringen.
Wir nahmen aus der Höhle von Ataruipe mehrere Schädel, das Skelett eines
Kindes von sechs bis sieben Jahren und die Skelette zweier Erwachsenen
von der Nation der Atures mit. Alle diese zum Theil roth bemalten, zum
Theil mit Harz überzogenen Gebeine lagen in den oben beschriebenen
Körben (Mapires oder Canastos). Sie machten fast eine ganze
Maulthierladung aus, und da uns der abergläubische Widerwillen der
Indianer gegen einmal beigesetzte Leichen wohl bekannt war, hatten wir
die »Canastos« in frisch geflochtene Matten einwickeln lassen. Bei dem
Spürsinn der Indianer und ihrem feinen Geruch half aber diese Vorsicht
leider zu nichts. Ueberall, wo wir in den Missionen der Caraiben, auf
den Llanos zwischen Angostura und Nueva Barcelona Halt machten, liefen
die Eingeborenen um unsere Maulthiere zusammen, um die Affen zu
bewundern, die wir am Orinoco gekauft. Kaum aber hatten die guten Leute
unser Gepäcke angerührt, so prophezeiten sie, daß das Lastthier, »das
den Todten trage,« zu Grund gehen werde. Umsonst versicherten wir, sie
irren sich, in den Körben seyen Krokodil- und Seekuhknochen; sie blieben
dabei, sie riechen das Harz, womit die Skelette überzogen seyen, und
»das seyen ihre alten Verwandten.« Wir mußten die Autorität der Mönche
in Anspruch nehmen, um des Widerwillens der Eingeborenen Herr zu werden
und frische Maulthiere zu bekommen. Einer der Schädel, den wir aus der
Höhle von Ataruipe mitgenommen, ist in meines alten Lehrers Blumenbach
schönem Werke über die Varietäten des Menschengeschlechts gezeichnet;
aber die Skelette der Indianer gingen mit einem bedeutenden Theil
unserer Sammlungen an der Küste von Afrika bei einem Schiffbruch
verloren, der unserem Freund und Reisegefährten, Fray Juan
Gonzales,[^59] einem jungen Franciskaner, das Leben kostete.
Schweigend gingen wir von der Höhle von Ataruipe nach Hause. Es war eine
der stillen, heitern Nächte, welche im heißen Erdstrich so gewöhnlich
sind. Die Sterne glänzten in mildem, planetarischem Licht. Ein Funkeln
war kaum am Horizont bemerkbar,[^60] den die großen Nebelflecken der
südlichen Halbkugel zu beleuchten schienen. Ungeheure Insektenschwärme
verbreiteten ein röthliches Licht in der Luft. Der dicht bewachsene
Boden glühte von lebendigem Feuer, als hätte sich die gestirnte
Himmelsdecke auf die Grasflur niedergesenkt. Vor der Höhle blieben wir
noch öfters stehen und bewunderten den Reiz des merkwürdigen Orts.
Duftende Vanille und Gewinde von Bignonien schmücken den Eingang, und
darüber, auf der Spitze des Hügels, wiegten sich säuselnd die Schafte
der Palmen.
Wir gingen an den Fluß hinab und schlugen den Weg zur Mission ein, wo
wir ziemlich spät in der Nacht eintrafen. Was wir gesehen, hatte starken
Eindruck auf unsere Einbildungskraft gemacht. In einem Lande, wo einem
die menschliche Gesellschaft als eine Schöpfung der neuesten Zeit
erscheint, hat Alles, was an eine Vergangenheit erinnert, doppelten
Reiz. Sehr alt waren nun hier die Erinnerungen nicht; aber in Allem, was
Denkmal heißt, ist das Alter nur ein relativer Begriff, und leicht
verwechseln wir alt und räthselhaft. Den Egyptern erschienen die
geschichtlichen Erinnerungen der Griechen gar jung; hätten die Chinesen,
oder wie sie sich selbst lieber nennen, die Bewohner des »himmlischen
Reichs,« mit den Priestern von Heliopolis verkehren können, so hätten
sie wohl zu den Ansprüchen der alten Egypter gelacht. Ebenso auffallende
Gegensätze finden sich im nördlichen Europa und Asien, in der neuen
Welt, überall, wo die Menschheit sich auf ihr eigenes Leben nicht weit
zurückbesinnt. Auf der Hochebene von Anahuac reicht die älteste
geschichtliche Begebenheit, die Wanderung der Tolteken, nicht über das
sechste Jahrhundert unserer Zeitrechnung hinauf. Die unentbehrlichen
Grundlagen einer genauen Zeitrechnung, ein gutes Schaltsystem, überhaupt
die Kalenderreform stammen aus dem Jahr 1091. Diese Zeitpunkte, die uns
so nahe scheinen, fallen in fabelhafte Zeiten, wenn wir auf die
Geschichte unseres Geschlechts zwischen Orinoco und Amazonenfluß
blicken. Wir finden dort auf Felsen symbolische Bilder, aber keine Sage
gibt über ihren Ursprung Aufschluß. Im heißen Striche von Guyana kommen
wir nicht weiter zurück als zu der Zeit, wo castilianische und
portugiesische Eroberer, und später friedliche Mönche unter den
barbarischen Völkerschaften auftraten.
Nordwärts von den Katarakten, am Engpaß beim Baraguan, scheint es
ähnliche, mit Knochen gefüllte Höhlen zu geben, wie die oben
beschriebenen. Ich hörte dieß erst nach meiner Rückkehr, und die
indianischen Steuerleute sagten uns nichts davon, als wir im Engpaß
anlegten. Diese Gräber haben ohne Zweifel Anlaß zu einer Sage der
Otomaken gegeben, nach der die einzeln stehenden Granitfelsen am
Baraguan, die sehr seltsame Gestalten zeigen, die Großväter, die alten
Häuptlinge des Stammes sind. Der Brauch, das Fleisch sorgfältig von den
Knochen zu trennen, der im Alterthum bei den Massageten herrschte, hat
sich bei mehreren Horden am Orinoco erhalten. Man behauptet sogar, und
es ist ganz wahrscheinlich, die Guaraons legen die Leichen in Netzen ins
Wasser, wo dann die kleinen Caraibenfische[^61] die »Serra-Solmes,« die
wir überall in ungeheurer Menge antrafen, in wenigen Tagen das
Muskelfleisch verzehren und das Skelett »präpariren.« Begreiflich ist
solches nur an Orten thunlich, wo es nicht viele Krokodile gibt. Manche
Stämme, z. B. die Tamanaken, haben den Brauch, die Felder des
Verstorbenen zu verwüsten und die Bäume, die er gepflanzt, umzuhauen.
Sie sagen, »Dinge sehen zu müssen, die Eigenthum ihrer Angehörigen
gewesen, mache sie traurig«. Sie vernichten das Andenken lieber, als daß
sie es erhalten. Diese indianische Empfindsamkeit wirkt sehr nachtheilig
auf den Landbau, und die Mönche widersetzen sich mit Macht den
abergläubischen Gebräuchen, welche die zum Christenthum bekehrten
Eingeborenen in den Missionen beibehalten.
Die indianischen Gräber am Orinoco sind bis jetzt nicht gehörig
untersucht worden, weil sie keine Kostbarkeiten enthalten wie die in
Peru, und weil man jetzt an Ort und Stelle an die früheren Mähren vom
Reichthum der alten Einwohner des Dorado nicht mehr glaubt. Der
Golddurst geht aller Orten dem Trieb zur Belehrung und dem Sinn für die
Erforschung des Alterthums voraus. Im gebirgigen Theil von Südamerika,
von Merida und Santa Maria bis zu den Hochebenen von Quito und Ober-Peru
hat man bergmännisch nach Gräbern, oder wie es die Creolen mit einem
verdorbenen Worte der Incasprache nennen, nach Guacas gesucht. Ich war
an der Küste von Peru, in Manciche, in der Guaca von Toledo, aus der man
Goldmassen erhoben hat, die im sechzehnten Jahrhundert fünf Millionen
Livres Tournois werth waren.[^62] Aber in den Höhlen, die seit den
ältesten Zeiten den Eingeborenen in Guyana als Grabstätten dienen, hat
man nie eine Spur von kostbaren Metallen entdeckt. Aus diesem Umstand
geht hervor, daß auch zur Zeit, wo die Caraiben und andere Wandervölker
gegen Südwest Streifzüge unternahmen, das Gold nur in ganz unbedeutender
Menge von den Gebirgen von Peru den Niederungen im Osten zufloß.
Ueberall, wo sich im Granit nicht die großen Höhlungen finden, wie sie
sich durch die Verwitterung des Gesteins oder durch die
Aufeinanderthürmung der Blöcke bilden, bestatten die Indianer den
Leichnam in die Erde. Die Hängematte (chinchorro), eine Art Netz, worin
der Verstorbene im Leben geschlafen, dient ihm als Sarg. Man schnürt
dieses Netz fest um den Körper zusammen, gräbt ein Loch in der Hütte
selbst und legt den Todten darin nieder. Dieß ist nach dem Bericht des
Missionärs Gili und nach dem, was ich aus Pater Zeas Munde weiß, das
gewöhnliche Verfahren. Ich glaube nicht, daß es in ganz Guyana einen
Grabhügel gibt, nicht einmal in den Ebenen am Cassiquiare und Essequebo.
In den Savanen von Varinas[^63] dagegen, wie in Canada westlich von den
Aleghanis,[^64] trifft man welche an. Es erscheint übrigens ziemlich
auffallend, daß die Eingeborenen am Orinoco, trotz des Ueberflusses an
Holz im Lande, so wenig als die alten Scythen ihre Todten verbrennen.
Scheiterhaufen errichten sie nur nach einem Gefechte, wenn der
Gebliebenen sehr viele sind. So verbrannten die Parecas im Jahr 1748
nicht allein die Leichen ihrer Feinde, der Tamanaken, sondern auch die
der Ihrigen, die auf dem Schlachtfelde geblieben. Wie alle Völker im
Naturstande haben auch die Indianer in Südamerika die größte
Anhänglichkeit an die Orte, wo die Gebeine ihrer Völker ruhen. Dieses
Gefühl, das ein großer Schriftsteller in einer Episode der Atala so
rührend schildert, hat sich in seiner vollen ursprünglichen Stärke bei
den Chinesen erhalten. Diese Menschen, bei denen Alles Kunstprodukt, um
nicht zu sagen Ausfluß einer uralten Cultur ist, wechseln nie den
Wohnort, ohne die Gebeine ihrer Ahnen mit sich zu führen. An den Ufern
der großen Flüsse sieht man Särge stehen, die mit dem Hausrath der
Familie zu Schiff in eine ferne Provinz wandern sollen. Dieses
Mitsichführen der Gebeine, das früher unter den nordamerikanischen
Wilden noch häufiger war, kommt bei den Stämmen in Guyana nicht vor.
Diese sind aber auch keine Nomaden, wie Völker, die ausschließlich von
der Jagd leben.
In der Mission Atures verweilten wir nur, bis unsere Pirogue durch den
großen Katarakt geschafft war. Der Boden unseres kleinen Fahrzeugs war
so dünn geworden, daß große Vorsicht nöthig war, damit er nicht sprang.
Wir nahmen Abschied vom Missionär Bernardo Zea, der in Atures blieb,
nachdem er zwei Monate lang unser Begleiter gewesen und alle unsere
Beschwerden getheilt hatte. Der arme Mann hatte immer noch seine alten
Anfälle von Tertianfieber, aber sie waren für ihn ein gewohntes Uebel
geworden und er achtete wenig mehr darauf. Bei unserem zweiten
Aufenthalt in Atures herrschten daselbst andere gefährlichen Fieber. Die
Mehrzahl der Indianer war an die Hängematte gefesselt, und um etwas
Cassavebrod (das unentbehrlichste Nahrungsmittel hier zu Lande) mußten
wir zum unabhängigen, aber nahebei wohnenden Stamme der Piraoas
schicken. Bis jetzt blieben wir von diesen bösartigen Fiebern verschont,
die ich nicht immer für ansteckend halte.
Wir wagten es, in unserer Pirogue durch die letzte Hälfte des Raudals
von Atures zu fahren. Wir stiegen mehreremale aus und kletterten auf die
Felsen, die wie schmale Dämme die Inseln unter einander verbinden. Bald
stürzen die Wasser über die Dämme weg, bald fallen sie mit dumpfem
Getöse in das Innere derselben. Wir fanden ein betrachtliches Stück des
Orinoco trocken gelegt, weil sich der Strom durch unterirdische Canäle
einen Weg gebrochen hat. An diesen einsamen Orten nistet dass Felshuhn
mit goldigem Gefieder (Pipra rupicola), einer der schönsten tropischen
Vögel. Wir hielten uns im Raudalito von Canucari auf, der durch
ungeheure, auf einander gethürmte Granitblöcke gebildet wird. Diese
Blöcke, worunter Sphäroide von 5 bis 6 Fuß Durchmesser, sind so über
einander geschoben, daß sie geräumige Höhlen bilden. Wir gingen in eine
derselben, um Conserven zu pflücken, womit die Spalten und die nassen
Felswände bekleidet waren. Dieser Ort bot eines der merkwürdigsten
Naturschauspiele, die wir am Orinoco gesehen. Ueber unsern Köpfen
rauschte der Strom weg,[^65] und es brauste, wie wenn das Meer sich an
Klippen bricht; aber am Eingang der Höhle konnte man trocken hinter
einer breiten Wassermasse stehen, die sich im Bogen über den Steindamm
stürzte. In andern tieferen, aber nicht so großen Höhlen war das Gestein
durch lang dauernde Einsickerung durchbohrt. Wir sahen 8 bis 9 Zoll
dicke Wassersäulen von der Decke des Gewölbes herabkommen und durch
Spalten entweichen, die auf weite Strecken zusammenzuhängen schienen.
Die Wasserfälle in Europa, die aus einem einzigen Sturz oder aus
mehreren dicht hinter einander bestehen, können keine so mannigfaltigen
Landschaftsbilder erzeugen. Diese Mannigfaltigkeit kommt nur
»Stromschnellen« zu, wo auf mehrere Seemeilen weit viele kleine Fälle in
einer Reihe hinter einander liegen, Flüssen, die sich über Felsdämme und
durch aufgethürmte Blöcke Bahn brechen. Wir genossen des Anblicks dieses
außerordentlichen Naturbildes länger, als uns lieb war. Unser Canoe
sollte am östlichen Ufer einer schmalen Insel hinfahren und uns nach
einem weiten Umweg wieder aufnehmen. Wir warteten anderthalb Stunden
vergeblich. Die Nacht kam heran und mit ihr ein furchtbares Gewitter;
der Regen goß in Strömen herab. Wir fürchteten nachgerade, unser
schwaches Fahrzeug möchte an den Felsen zerschellt seyn, und die
Indianer mit ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit beim Ungemach Anderer
sich auf den Weg zur Mission gemacht haben. Wir waren nur unser drei;
stark durchnäßt und voll Sorge um unsere Pirogue bangten wir vor der
Aussicht, eine lange Aequinoctialnacht schlaflos im Lärm der Raudales
zuzubringen. Bonpland faßte den Entschluß, mich mit Don Nicolas
Sotto[^66] der Insel zu lassen und über die Flußarme zwischen den
Granitdämmen zu schwimmen. Er hoffte den Wald erreichen und in der
Mission bei Pater Zea Beistand holen zu können. Nur mit Mühe hielten wir
ihn von diesem gewagten Beginnen ab. Er war unbekannt mit dem Labyrinth
von Wasserrinnen, in die der Orinoco zerschlagen ist und in denen meist
starke Wirbel sind. Und was jetzt, da wir eben über unsere Lage
berathschlagten, unter unsern Augen vorging, bewies hinreichend, daß die
Indianer fälschlich behauptet hatten, in den Katarakten gebe es keine
Krokodile. Die kleinen Affen, die wir seit mehreren Monaten mit uns
führten, hatten wir auf die Spitze unserer Insel gestellt; vom
Gewitterregen durchnäßt und für die geringste Wårmeabnahme empfindlich,
wie sie sind, erhoben die zärtlichen Thiere ein klägliches Geschrei und
lockten damit zwei nach ihrer Größe und ihrer bleigrauen Farbe sehr alte
Krokodile herbei. Bei dieser unerwarteten Erscheinung war uns der
Gedanke, daß wir bei unserm ersten Aufenthalt in Atures mitten im Raudal
gebadet, eben nicht behaglich. Nach langem Warten kamen die Indianer
endlich, als schon der Tag sich neigte. Die Staffel, über die sie hatten
herab wollen, um die Insel zu umfahren, war wegen zu seichten Wassers
nicht fahrbar, und der Steuermann hatte im Gewirre von Felsen und
kleinen Inseln lange nach einer besseren Durchfahrt suchen müssen. Zum
Glück war unsere Pirogue nicht beschädigt, und in weniger als einer
halben Stunde waren unsere Instrumente, unsere Mundvorräthe und unsere
Thiere eingeschifft.