Was auch diese Figuren bedeuten sollen und zu welchem Zweck sie in den

Granit gegraben worden, immer verdienen sie von Seiten des

Geschichtsphilosophen die größte Beachtung. Reist man von der Küste von

Caracas dem Aequator zu, so kommt man zuerst zur Ansicht, diese Denkmale

seyen der Bergkette der Encaramada eigenthümlich; man findet sie beim

Hafen von Sedeño bei Caycara, bei San Rafael del Capuchino, Cabruta

gegenüber, fast überall, wo in der Savane zwischen dem Cerro Curiquima

und dem Ufer des Caura das Granitgestein zu Tage kommt. Die Völker von

tamanakischem Stamm, die alten Bewohner dieses Landes, haben eine lokale

Mythologie, Sagen, die sich auf diese Felsen mit Bildern beziehen.

Amalivaca, der Vater der Tamanaken, das heißt der Schöpfer des

Menschengeschlechts (jedes Volk hält sich für den Urstamm der andern

Völker), kam in einer Barke an, als sich bei der großen Ueberschwemmung,

welche die »Wasserzeit«[^47] heißt, die Wellen des Oceans mitten im

Lande an den Bergen der Encaramada brachen. Alle Menschen, oder vielmehr

alle Tamanaken, ertranken, mit Ausnahme eines Mannes und einer Frau, die

sich auf einen Berg am Ufer des Asiveru, von den Spaniern Cuchivero

genannt, flüchteten.[^48] Dieser Berg ist der Ararat der arameischen

oder semitischen Völker, der Tlaloc oder Colhuacan der Mexicaner.

Amalivaca fuhr in seiner Barke herum und grub die Bilder von Sonne und

Mond auf den gemalten Fels (Tepumereme) an der Encaramada. Granitblöcke,

die sich gegen einander lehnen und eine Art Höhle bilden, heißen noch

heute das Haus des großen Stammvaters der Tamanaken. Bei dieser Höhle

auf den Ebenen von Maita zeigt man auch einen großen Stein, der, wie die

Indianer sagen, ein musikalisches Instrument Amalivacas, seine Trommel,

war. Wir erwähnen bei dieser Gelegenheit, daß dieser Heros einen Bruder,

Vochi, hatte, der ihm zur Hand ging, als er der Erdoberfläche ihre

jetzige Gestalt gab. Die beiden Brüder, so erzählen die Tamanaken,

wollten bei ihren eigenen Vorstellungen von Perfektibilität den Orinoco

zuerst so legen, daß man hinab und hinauf immer mit der Strömung fahren

könnte. Sie gedachten damit den Menschen die Mühe des Ruderns zu

ersparen, wenn sie den Quellen der Flüsse zuführen; aber so mächtig

diese Erneuerer der Welt waren, es wollte ihnen nie gelingen, dem

Orinoco einen doppelten Fall zu geben, und sie mußten es aufgeben, eines

so wunderlichen hydraulischen Problems Meister zu werden. Amalivaca

besaß Töchter, die große Neigung zum Umherziehen hatten; die Sage

erzählt, ohne Zweifel im bildlichen Sinne, er habe ihnen die Beine

zerschlagen, damit sie an Ort und Stelle bleiben und die Erde mit

Tamanaken bevölkern müßten Nachdem er in Amerika, diesseits des großen

Wassers, Alles in Ordnung gebracht, schiffte sich Amalivaca wieder ein

und fuhr ans andere Ufer zurück an den Ort, von dem er gekommen. Seit

die Eingeborenen Missionäre zu sich kommen sehen, denken sie, dieses

»andere Ufer« sey Europa, und einer fragte Pater Gili naiv, ob er dort

drüben den großen Amalivaca gesehen habe, den Vater der Tamanaken, der

auf die Felsen symbolische Figuren gezeichnet.

Diese Vorstellungen von einer großen Fluth; das Paar, das sich auf einen

Berggipfel flüchtet und Früchte der Mauritiapalme hinter sich wirft, um

die Welt wieder zu bevölkern;[^49] dieser Nationalgott Amalivaca, der zu

Wasser aus fernem Lande kommt, der Natur Gesetze vorschreibt und die

Völker zwingt, ihr Wanderleben aufzugeben — alle diese Züge eines

uralten Glaubens verdienen alle Beachtung. Was die Tamanaken und die

Stämme, die mit dem Tamanakischen verwandte Sprachen haben, uns jetzt

erzählen, ist ihnen ohne Zweifel von andern Völkern überliefert, die vor

ihnen dasselbe Land bewohnt haben. Der Name Amalivaca ist über einen

Landstrich von mehr als 5000 Quadratmeilen verbreitet; er kommt mit der

Bedeutung Vater der Menschen (unser Urvater) selbst bei den caraibischen

Völkern vor, deren Sprache mit dem Tamanakischen nur verwandt ist wie

das Deutsche mit dem Griechischen, dem Persischen und dem Sanskrit.

Amalivaca ist ursprünglich nicht der große Geist, der Alte im Himmel,

das unsichtbare Wesen, dessen Verehrung aus der Verehrung der

Naturkräfte entspringt, wenn in den Völkern allmahlig das Bewußtsein:

der Einheit dieser Kräfte erwacht; er ist vielmehr eine Person aus dem

heroischen Zeitalter, ein Mann, der aus weiter Ferne gekommen, im Lande

der Tamanaken und Caraiben gelebt, symbolische Zeichen in die Felsen

gegraben hat und, wieder verschwunden ist, weil er sich zum Land über

dem Weltmeer, wo er früher gewohnt, wieder zurückgewendet. Der

Anthropomorphismus bei der Gestaltung der Gottheit hat zwei gerade

entgegengesetzte Quellen,[^50] und dieser Gegensatz scheint nicht sowohl

auf dem verschiedenen Grade der Geistesbildung zu beruhen, als darauf,

daß manche Völker von Natur mehr zur Mystik neigen, während andere unter

der Herrschaft der Sinne, der äußeren Eindrücke stehen. Bald läßt der

Mensch die Gottheiten zur Erde niedersteigen und es über sich nehmen,

die Völker zu regieren und ihnen Gesetze zu geben, wie in den Mythen des

Orients; bald, wie bei den Griechen und andern Völkern des Occidents,

werden die ersten Herrscher, die Priesterkönige, dessen, was menschlich

an ihnen ist, entkIeidet und zu Nationalgottheiten erhoben. Amalivaca

war ein Fremdling, wie Manco-Capac, Vochica und Quetzalcohuatl, diese

außerordentlichen Menschen, die im alpinischen oder civilisirten Striche

Amerikas, auf den Hochebenen von Peru, Neu-Grenada und Anahuac, die

bürgerliche Gesellschaft geordnet, den Opferdienst eingerichtet und

religiöse Brüderschaften gestiftet haben. Der mexikanische

Quetzalcohuatl, dessen Nachkommen Montezuma in den Begleitern des Cortes

zu erkennen glaubte, hat noch einen weiteren Zug mit Amalivaca, der

mythischen Person des barbarischen Amerikas, der Ebenen der heißen Zone,

gemein. In hohem Alter verließ der Hohepriester von Tula das Land

Anahuac, das er mit seinen Wundern erfüllt, und ging zurück in ein

unbekanntes Land, genannt Tlalpallan. Als der Mönch Bernhard von Sahagun

nach Mexico kam, richtete man genau dieselben Fragen an ihn, wie

zweihundert Jahre später in den Wäldern am Orinoco an den Missionär

Gili: man wollte wissen, ob er vom andern Ufer komme, aus dem Lande,

wohin Quetzalcohuatl gegangen.

Wir haben oben gesehen, daß die Region der Felsen mit Bildwerk oder der

gemalten Steine weit über den untern Orinoco, über den Landstrich

(7°5′—7°40′ der Breite, 68°50′—69°45′ der Länge) hinausreicht, dem die

Sage angehört, die man als den Localmythus der Tamanaken bezeichnen

kann. Man findet dergleichen Felsen mit Bildern zwischen dem Cassiquiare

und Atabapo (2°5′—3°20′ der Breite, 69°—70° der Länge), zwischen den

Quellen des Essequebo und des Rio Branco (3°50′ der Breite, 62°32′ der

Länge). Ich behaupte nicht, daß diese Bilder beweisen, daß ihre

Verfertiger den Gebrauch des Eisens gekannt, auch nicht, daß sie auf

eine bedeutende Culturstufe hinweisen; setzte man aber auch voraus, sie

haben keine symbolische Bedeutung, sondern seyen rein Erzeugnisse

mäßiger Jägervölker, so müßte man doch immer annehmen, daß vor den

Völkern, die jetzt am Orinoco und Rupunuri leben, eine ganz andere

Menschenart hier gelebt. Je weniger in einem Lande Erinnerungen an

vergangene Geschlechter leben, desto wichtiger ist es, wo man ein

Denkmal vor sich zu haben glaubt, auch die unbedeutendsten Spuren zu

verfolgen. Auf den Ebenen im Osten Nordamerikas findet man nur jene

merkwürdigen Ringwälle, die an die festen Lager (die angeblichen Städte

von ungeheurem Umfang) der alten und der heutigen nomadischen Völker in

Asien erinnern. Auf den östlichen Ebenen Südamerikas ist durch die

Uebermacht des Pflanzenwuchses, des heißen Klimas und die allzu große

Freigebigkeit der Natur der Fortschritt der menschlichen Cultur in noch

engeren Schranken gehalten worden, Zwischen Orinoco und Amazonenstrom

habe ich von keinem Erdwall, von keinem Ueberbleibsel eines Damms, von

keinem Grabhügel sprechen hören; nur auf den Felsen, und zwar auf einer

weiten Landstrecke, sieht man, in unbekannter Zeit von Menschenhand

eingegraben, rohe Umrisse, die sich an religiöse Ueberlieferungen

knüpfen. Wenn einmal die Bewohner des doppelten Amerika mit weniger

Geringschätzung auf den Boden sehen, der sie ernährt, so werden sich die

Spuren früherer Jahrhunderte unter unsern Augen von Tag zu Tag mehren.

Ein schwacher Schimmer wird sich dann über die Geschichte dieser

barbarischen Völker verbreiten, über die Felswände, die uns verkünden,

daß diese jetzt so öden Länder einst von thätigeren, geisteskräftigeren

Geschlechtern bewohnt waren.

Ich glaubte, bevor ich vom wildesten Strich des obern Orinoco scheide,

Erscheinungen besprechen zu müssen, die nur dann von Bedeutung werden,

wenn man sie aus Einem Gesichtspunkt betrachtet. Was ich von unserer

Fahrt von Esmeralda bis zum Einfluß des Atabapo berichten könnte, wäre

nur eine trockene Aufzählung von Flüssen und unbewohnten Orten. Vom 24.

bis 27. Mai schliefen wir nur zweimal am Land, und zwar das erstemal am

Einfluß des Rio Jao, und dann oberhalb der Mission Santa Barbara auf der

Insel Minisi. Da der Orinoco hier frei von Klippen ist, führte uns der

indianische Steuermann die Nacht durch fort, indem er die Pirogue der

Strömung überließ. Dieses Stück meiner Karte zwischen dem Jao und dem

Ventuari ist daher auch hinsichtlich der Krümmungen des Flusses nicht

sehr genau. Rechnet man den Aufenthalt am Ufer, um den Reis und die

Bananen zuzubereiten, ab, so brauchten wir von Esmeralda nach Santa

Barbara nur 35 Stunden. Diese Mission liegt nach dem Chronometer unter

dem 70°3′ der Länge; wir hatten also gegen 4 Seemeilen in der Stunde

zurückgelegt, eine Geschwindigkeit (1,05 Toise in der Secunde), die

zugleich auf Rechnung der Strömung und der Bewegung der Ruder kommt. Die

Indiana behaupten, die Krokodile gehen im Orinoco nicht über den Einfluß

des Rio Jao hinaus, und die Seekühe kommen sogar oberhalb des Katarakts

von Maypures nicht mehr vor. Hinsichtlich der ersteren kann man sich

leicht täuschen. Wenn der Reisende an ihren Anblick noch so sehr gewöhnt

ist, kann er einen 12—15 Fuß langen Baumstamm für ein schwimmendes

Krokodil halten, von dem man nur Kopf und Schwanz zum Theil über dem

Wasser sieht.

Die Mission Santa Barbara liegt etwas westlich vom Einfluß des Rio

Ventuari oder Venituari, den Pater Francisco Valor im Jahr 1800

untersucht hat. Wir fanden im kleinen Dorfe von 120 Einwohnern einige

Spuren von Industrie. Der Ertrag derselben kommt aber sehr wenig den

Indianern zu gut, sondern nur den Mönchen oder, wie man hier zu Lande

sagt, der Kirche und dem Kloster. Man versicherte uns, eine große Lampe,

massiv von Silber, die auf Kosten der Bekehrten angeschafft worden,

werde aus Madrid erwartet. Wenn sie da ist, wird man hoffentlich auch

daran denken, die Indianer zu kleiden, ihnen einiges Ackergeräthe

anzuschaffen und für ihre Kinder eine Schule einzurichten. In den

Savanen bei der Mission läuft wohl einiges Vieh, man braucht es aber

selten, um die Mühle zum Auspressen des Zuckerrohrs (trapiche) zu

treiben; das ist ein Geschäft der Indianer, die dabei ohne Lohn

arbeiten, wie überall, wo die Arbeit auf Rechnung der Kirche geht. Am

Fuß der Berge um Santa Barbara herum sind die Weiden nicht so fett wie

bei Esmeralda, aber doch besser als bei San Fernando de Atabapo. Der

Rasen ist kurz und dicht, und doch ist die oberste Bodenschicht nur

trockener, dürrer Granitsand. Diese nicht sehr üppigen Grasfluren am

Guaviare, Meta und obern Orinoco sind sowohl ohne Dammerde, die in den

benachbarten Wäldern so massenhaft daliegt, als ohne die dicke

Thonschicht, die in den Llanos von Venezuela den Sandstein bedeckt.

Kleine krautartige Mimosen helfen in dieser Zone das Vieh satt machen,

sie werden aber zwischen dem Rio Jao und-der Mündung des Guaviare sehr

selten.

In den wenigen Stunden, die wir uns in der Mission Santa Barbara

aufhielten, erhielten wir ziemlich genaue Angaben über den Rio Ventuari,

der mir nach dem Guaviare der bedeutendste unter allen Nebenflüssen des

obern Orinoco schien. Seine Ufer, an denen früher die Maypures gesessen,

sind noch jetzt von einer Menge unabhängiger Völkerschaften bewohnt.

Fährt man durch die Mündung des Ventuari, die ein mit Palmen bewachsenes

Delta bildet, hinauf, so kommen nach drei Tagereisen von Ost der

Cumaruita und der Paru herein, welche zwei Nebenflüsse am Fuß der hohen

Berge von Cuneva, entspringen. Weiter oben, von West her, kommen der

Mariata und der Manipiare, an denen die Macos- und Curacicanas-Indianer

wohnen. Letztere Nation zeichnet sich durch ihren Eifer für den

Baumwollenbau aus. Bei einem Streifzug (entrada) fand man ein großes

Haus, in dem 30—40 sehr fein gewobene Hängematten, gesponnene Baumwolle,

Seilwerk und Fischereigeräthe waren. Die Eingeborenen waren

davongelaufen und Pater Valor erzählte uns, »die Indianer aus seiner

Mission, die er bei sich hatte, haben das Haus in Brand gesteckt, ehe er

diese Produkte des Gewerbfleißes der Curacicanas retten konnte.« Die

neuen Christen in Santa Barbara, die sich über diesen sogenannten Wilden

weit erhaben dünken, schienen mir lange nicht so gewerbthätig. Der Rio

Manipiare, einer der Hauptäste des Ventuari, liegt, seiner Quelle zu, in

der Nähe der hohen Berge, an deren Nordabhang der Cuchivero entspringt.

Sie sind ein Ausläufer der Kette des Baraguan, und hieher setzt Pater

Gili die »Hochebene des Siamacu,« deren gemäßigtes Klima er preist. Der

obere Lauf des Ventuari, oberhalb des Einflusses des Asisi und der

»großen Raudales« ist so gut wie unbekannt. Ich hörte nur, der obere

Ventuari ziehe sich so stark gegen Ost, daß die alte Straße von

Esmeralda an den Rio Caura über das Flußbett laufe. Dadurch, daß die

Nebenflüsse des Carony, des Caura und des Ventuari einander so nahe

liegen, kamen die Caraiben seit Jahrhunderten an den obern Orinoco.

Banden dieses kriegerischen Handelsvolkes zogen vom Rio Carony über den

Paragua an die Quellen des Paruspa. Ueber einen Trageplatz gelangten sie

an den Chavarro, einen östlichen Nebenfluß des Caura; sie fuhren auf

ihren Piroguen zuerst diesen Nebenfluß und dann den Caura selbst

hinunter bis zur Mündung des Erevato. Nachdem sie diesen gegen Südwest

hinaufgefahren, kamen sie drei Tagereisen weit über große Grasfluren und

endlich über den Manipiare in den großen Rio Ventuari. Ich beschreibe

diesen Weg so genau, nicht nur weil auf dieser Straße der Handel mit

eingeborenen Sklaven betrieben wurde, sondern auch um die Männer, welche

einst nach wiederhergestellter Ruhe Guyana regieren werden, auf die

Wichtigkeit dieses Flußlabyrinths aufmerksam zu machen.

Auf vier Nebenflüssen des Orinoco, den größten unter denen, die von

rechts her in diesen majestätischen Strom sich ergießen, auf dem Carony

und dem Caura, dem Padamo und dem Ventuari, wird die europäische Cultur

in das 10,600 Quadratmeilen große Wald- und Gebirgsland dringen, das der

Orinoco gegen Nord, West und Süd umschlingt. Bereits haben Kapuziner aus

Catalonien und Observanten aus Andalusien und Valencia Niederlassungen

in den Thälern des Carony und des Caura gegründet; es war natürlich, daß

an die Nebenflüsse des untern Orinoco, als die der Küste und dem

angebauten Strich von Venezuela zunächst liegenden, Missionäre und mit

ihnen einige Keime des gesellschaftlichen Lebens zuerst kamen. Bereits

im Jahr 1797 zählten die Niederlassungen der Kapuziner am Carony 16,600

Indianer, die friedlich in Dörfern lebten. Am Rio Caura waren es zu

jener Zeit unter der Obhut der Observanten, nach gleichfalls officiellen

Zählungen, nur 640. Dieser Unterschied rührt daher, daß die sehr

ausgedehnten Weiden am Carony, Upatu und Cuyuni von vorzüglicher Güte

sind, und daß die Missionen der Kapuziner näher bei der Mündung des

Orinoco und der Hauptstadt von Guyana liegen, aber auch vom innern

Getriebe der Verwaltung, von der industriellen Rührigkeit und dem

Handelsgeist der catalonischen Mönche. Dem Carony und Caura, die gegen

Nord fließen, entsprechen zwei große Nebenflüsse des obern Orinoco, die

gegen Süd herunter kommen, der Padamo und der Ventuari. Bis jetzt steht

an ihren Ufern kein Dorf, und doch bieten sie für Ackerbau und Viehzucht

günstige Verhältnisse, wie man sie im Thale des großen Stroms, in den

sie sich ergießen, vergeblich suchen würde.

Wir brachen am 26. Mai Morgens vom kleinen Dorfe Santa Barbara auf, wo

wir mehrere Indianer aus Esmeralda getroffen hatten, die der Missionär

zu ihrem großen Verdruß hatte kommen lassen, weil er sich ein

zweistockigtes Haus bauen wollte. Den ganzen Tag genossen wir der

Aussicht auf die schönen Gebirge von Sipapo[^51], die in 18 Meilen

Entfernung gegen Nord-Nord-West sich hinbreiten. Die Vegetation an den

Ufern des Orinoco ist hier ausnehmend mannigfaltig; Baumfarn kommen von

den Bergen herunter und mischen sich unter die Palmen in der Niederung.

Wir übernachteten auf der Insel Minisi und langten, nachdem wir an den

Mündungen der kleinen Flüsse Quejanuma, Ubua und Masao vorübergekommen,

am 27. Mai in San Fernando de Atabapo an. Vor einem Monat, auf dem Weg

zum Rio Negro, hatten wir im selben Hause des Präsidenten der Missionen

gewohnt. Wir waren damals gegen Süd, den Atabapo und Temi

hinaufgefahren; jetzt kamen wir von West her nach einem weiten Umweg

über den Cassiquiare und den obern Orinoco zurück. Während unserer

langen Abwesenheit waren dem Präsidenten der Missionen über den

eigentlichen Zweck unserer Reise, über mein Verhältniss zu den

Mitgliedern des hohen Clerus in Spanien, über die Kenntniß des Zustandes

der Missionen, die ich mir verschafft, bedeutende Bedenken aufgestiegen.

Bei unserem Aufbruch nach Angostura, der Hauptstadt von Guyana, drang er

in mich, ihm ein Schreiben zu hinterlassen, in dem ich bezeugte, daß ich

die christlichen Niederlassungen am Orinoco in guter Ordnung

angetroffen, und daß die Eingeborenen im Allgemeinen milde behandelt

würden. Diesem Ansinnen des Superiors lag gewiß ein sehr löblicher Eifer

für das Beste seines Ordens zu Grunde, nichts desto weniger setzte es

mich in Verlegenheit. Ich erwiderte, das Zeugniß eines im Schooße der

reformirten Kirche geborenen Reisenden könne in dem endlosen Streite, in

dem fast überall in der neuen Welt weltliche und geistliche Macht mit

einander liegen, doch wohl von keinem großen Gewichte seyn. Ich gab ihm

zu verstehen, da ich zweihundert Meilen von der Küste, mitten in den

Missionen und, wie die Cumaner boshaft sagen, en el poder de los frayles

(in der Gewalt der Mönche) sey, möchte das Schreiben, das wir am Ufer

des Atabapo mit einander abfaßten, wohl schwerlich als ein ganz freier

Willensakt von meiner Seite angesehen werden. Der Gedanke, daß er einen

Calvinisten gastfreundlich aufgenommen, erschreckte den Präsidenten

nicht. Ich glaube allerdings, daß man vor meiner Ankunft schwerlich je

einen in den Missionen des heiligen Franciscus gesehen hat; aber

Unduldsamkeit kann man den Missionären in Amerika nicht zur Last legen.

Die Ketzereien des alten Europa machen ihnen nicht zu schaffen, es müßte

denn an den Grenzen von holländisch Guyana seyn, wo sich die Prädicanten

auch mit dem Missionswesen abgeben. Der Präsident bestand nicht weiter

auf der Schrift, die ich hätte unterzeichnen sollen, und wir benützten

die wenigen Augenblicke, die wir noch beisammen waren, um den Zustand

des Landes, und ob Aussicht sey, die Indianer an den Segnungen der

Cultur theilnehmen zu lassen, freimüthig zu besprechen. Ich sprach mich

stark darüber aus, wie viel Schaden die Entradas, die feindlichen

Einfälle angerichtet, wie unbillig es sey, daß man die Eingeborenen der

Früchte ihrer Arbeit so wenig genießen lasse, wie ungerechtfertigt, daß

man sie zwinge, in Angelegenheiten, die sie nichts angehen, weite Reisen

zu machen, endlich wie nothwendig es erscheine, den jungen Geistlichen,

die berufen seyen, großen Gemeinden vorzustehen, in einem besondern

Collegium einige Bildung zu geben. Der Präsident schien mich freundlich

anzuhören; indessen glaube ich doch, er wünschte im Herzen (ohne Zweifel

im Interesse der Naturwissenschaft), Leute, welche Pflanzen auflesen und

das Gestein untersuchen, möchten sich nicht so vorlaut mit dem Wohl der

kupferfarbigen Race und mit den Angelegenheiten der menschlichen

Gesellschaft befassen. Dieser Wunsch ist in beiden Welten gar weit

verbreitet; man begegnet ihm überall, wo der Gewalt bange ist, weil sie

meint, sie stehe nicht auf festen Füßen.

Wir blieben nur einen Tag in San Fernando de Atabapo, obgleich dieses

Dorf mit seinen schönen Pihiguao-Palmen[^52] mit Pfirsichfrüchten uns

ein köstlicher Aufenthalt schien. Zahme Pauxis[^53] liefen um die Hütten

der Indianer her. In einer derselben sahen wir einen sehr seltenen

Affen, der am Guaviare lebt. Es ist dieß der Caparro, den ich in meinen

Observations de zoologie et d’anatomie comparée bekannt gemacht, und der

nach Geoffroy eine neue Gattung (Lagothrix) bildet, die zwischen den

Atelen und den Alouatos in der Mitte steht. Der Pelz dieses Affen ist

mardergrau und fühlt sich ungemein zart an. Der Caparro zeichnet sich

ferner durch einen runden Kopf und einen sanften, angenehmen

Gesichtsausdruck aus. Der Missionär Gili ist, glaube ich, der einzige

Schriftsteller, der vor mir von diesem interessanten Thiere gesprochen

hat, um das die Zoologen andere, und zwar brasilianische Affen zu

gruppiren anfangen.

Am 27. Mai kamen wir von San Fernando mit der raschen Strömung des

Orinoco in nicht ganz sieben Stunden zum Einfluß des Rio Mataveni. Wir

brachten die Nacht unter freiem Himmel unterhalb des Granitfelsens el

castillito[^54] zu, der mitten aus dem Flusse aufsteigt und dessen

Gestalt an den Mäusethurm im Rhein, Bingen gegenüber, erinnert. Hier wie

an den Ufern des Atabapo fiel uns eine kleine Art Drosera auf, die ganz

den Habitus der europäischen Drosera hat. Der Orinoco war in der Nacht

beträchtlich gestiegen, und die bedeutend beschleunigte Strömung trug

uns in zehn Stunden von der Mündung des Mataveni zum obern großen

Katarakt, dem von Maypures oder Quittuna; der zurückgelegte Weg betrug

13 Meilen. Mit Interesse erinnerten wir uns der Orte, wo wir

stromaufwärts übernachtet; wir trafen Indianer wieder, die uns beim

Botanisiren begleitet, und wir besuchten nochmals die schöne Quelle, die

hinter dem Hause des Missionärs aus einem geschichteten Granitfelsen

kommt; ihre Temperatur hatte sich nicht um 0,3° verändert. Von der

Mündung des Atabapo bis zu der des Apure war uns, als reisten wir in

einem Land, in dem wir lange gewohnt. Wir lebten eben so schmal, wir

wurden von denselben Mücken gestochen, aber die gewisse Aussicht, daß in

wenigen Wochen unsere physischen Leiden ein Ende hätten, hielt uns

aufrecht.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 9 / 29 段