Diese Stämme mit weißlichter Haut, welche wir in der Mission Esmeralda

zu sehen Gelegenheit gehabt, bewohnen einen Strich des Berglandes

zwischen den Quellen von sechs Nebenflüssen des Orinoco, des Padamo,

Jao, Ventuari, Erevato, Aruy und Paragua. Bei den spanischen und

portugiesischen Missionären heißt dieses Land gemeiniglich die Parime.

Hier, wie in verschiedenen andern Ländern von spanisch Amerika, haben

die Wilden wieder erobert, was die Civilisation oder vielmehr die

Missionäre, die nur die Vorläufer der Civilisation sind, ihnen

abgerungen. Solanos Grenzexpedition und der abenteuerliche Eifer, mit

dem ein Statthalter von Guyana[^39] den Dorado suchte, hatten in der

zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts den Unternehmungsgeist

wieder wach gerufen, der die Castilianer bei der Entdeckung von Amerika

beseelte. Man hatte am Rio Padamo hinauf durch Wälder und Savanen einen

Weg von zehen Tagereisen von Esmeralda zu den Quellen des Ventuari

entdeckt; in zwei weiteren Tagen war man von diesen Quellen auf dem

Erevato in die Missionen am Rio Caura gelangt. Zwei verständige,

beherzte Männer, Don Antonio Santos und der Capitän Bareto, hatten mit

Hülfe der Maquiritares auf dieser Linie von Esmeralda an den Rio Erevato

eine militärische Postenkette angelegt; dieselbe bestand aus

zweistockigten, mit Steinböllern besetzten Häusern (casas fuertes), wie

ich sie oben beschrieben und die auf den Karten, die zu Madrid

herauskamen, als neunzehn Dörfer figurirten. Die sich selbst

überlassenen Soldaten bedrückten in jeder Weise die Indianer, die ihre

Pflanzungen bei den Casas fuertes hatten, und da diese Plackereien nicht

so methodisch waren, das heißt nicht so gut in einander griffen, wie die

in den Missionen, an die sich die Indianer nach und nach gewöhnen, so

verbündeten sich im Jahr 1776 mehrere Stämme gegen die Spanier. In Einer

Nacht wurden alle Militärposten auf der ganzen 50 Meilen langen Linie

angegriffen, die Häuser niedergebrannt, viele Soldaten niedergemacht;

nur wenige verdankten ihr Leben dem Erbarmen der indianischen Weiber.

Noch jetzt spricht mnn mit Entsetzen von diesem nächtlichen Ueberfall.

Derselbe wurde in der tiefsten Heimlichkeit verabredet und mit der

Uebereinstimmung ausgeführt, die bei den Eingeborenen von Süd- wie von

Nordamerika, welche feindselige Gefühle so meisterhaft in sich zu

verschließen wissen, niemals fehlt, wo es sich um gemeinsamen Vortheil

handelt. Seit 1776 hat nun kein Mensch mehr daran gedacht, den Landweg

vom obern an den untern Orinoco wiederherzustellen, und konnte kein

Weißer von Esmeralda an den Erevato gehen. Und doch ist kein Zweifel

darüber, daß es in diesem Gebirgslande zwischen den Quellen des Padamo

und des Ventuari (bei den Orten, welche bei den Indianern Aurichapa,

Ichuana und Irique heißen) mehrere Gegenden mit gemäßigtem Klima und mit

Weiden gibt, die Vieh in Menge nähren könnten. Die Militärposten

leisteten ihrer Zeit sehr gute Dienste gegen die Einfälle der Caraiben,

die von Zeit zu Zeit zwischen dem Erevato und dem Padamo Sklaven

fortschleppten, wenn auch nur wenige. Sie hätten wohl auch den Angriffen

der Eingeborenen widerstanden, wenn man sie, statt sie ganz vereinzelt

und nur in den Händen der Soldaten zu lassen, in Dörfer verwandelt und

wie die Gemeinden der neubekehrten Indianer verwaltet hätte.

Wir verließen die Mission Esmeralda am 17. Mai. Wir waren eben nicht

krank, aber wir fühlten uns alle matt und schwach in Folge der

Insektenplage, der schlechten Nahrung und der langen Fahrt in engen,

nassen Canoes. Wir gingen den Orinoco nicht über den Einfluß des Rio

Guapo hinauf; wir hätten es gethan, wenn wir hätten versuchen können, zu

den Quellen des Flusses zu gelangen. Unter den gegenwärtigen

Verhältnissen müssen sich bloße Privatleute, welche Erlaubniß haben, die

Missionen zu betreten, bei ihren Wanderungen auf die friedlichen Striche

des Landes beschränken. Vom Guapo bis zum Raudal der Guaharibos sind

noch 15 Meilen. Bei diesem Katarakt, über den man aus einer Brücke aus

Lianen geht, stehen Indianer mit Bogen und Pfeilen, die keinen Weißen

und keinen, der aus dem Gebiet der Weißen kommt, weiter nach Osten

lassen. Wie konnten wir hoffen, aber einen Punkt hinaus zu kommen, wo

der Befehlshaber am Rio Negro, Don Francisco Bovadilla, hatte Halt

machen müssen, als er mit bewaffneter Macht jenseits des Gehette

vordringen wollte? Durch das Blutbad, das man unter ihnen angerichtet,

sind die Eingeborenen gegen die Bewohner der Missionen noch grimmiger

und mißtrauischer geworden. Man erinnere sich, daß beim Orinoco bis

jetzt den Geographen zwei besondere, aber gleich wichtige Probleme

vorlagen: die Lage seiner Quellen und die Art seiner Verbindung mit dem

Amazonenstrom. Das letztere war der Zweck der Reise, die ich im

Bisherigen beschrieben; was die endliche Auffindung der Quellen

betrifft, so ist dieß Sache der spanischen und der portugiesischen

Regierung. Eine kleine Abtheilung Soldaten, die von Angostura oder vom

Rio Negro ausbrüche, könnte den Guaharibos, Guaicas und Caraiben, deren

Kraft und Anzahl man in gleichem Maaße übertreibt, die Spitze bieten.

Diese Expedition könnte entweder von Esmeralda ostwärts oder auf dem Rio

Carony und dem Paragua südwestwärts, oder endlich auf dem Rio Padaviri

oder dem Rio Branco und dem Urariquera nach Nordwest gehen. Da der

Orinoco in der Nähe seines Ursprungs wahrscheinlich weder unter diesem

Namen noch unter dem Namen Paragua[^40] bekannt ist, so wäre es sicherer

auf ihm über den Gehette hinaufzugehen, nachdem man das Land zwischen

Esmeralda und dem Raudal der Guaharibos, das ich oben genau beschrieben,

hinter sich gelassen. Auf diese Weise verwechselte man nicht den

Hauptstamm des Flusses mit einem oberen Nebenfluß, und wo das Bett mit

Felsen verstopft wäre, ginge man bald am einen, bald am andern Ufer am

Orinoco hinauf. Wollte man aber, statt sich nach Ost zu wenden, die

Quellen westwärts auf dem Rio Carony, dem Essequebo oder dem Rio Branco

suchen, so müßte man den Zweck der Expedition erst dann als erreicht

ansehen, wenn man auf dem Fluß, den man für den Orinoco angesehen, bis

zum Einfluß des Gehette und zur Mission Esmeralda herabgekommen wäre.

Das portugiesische Fort San Joaquim, am linken Ufer des Rio Branco beim

Einfluß des Tacutu, wäre ein weiterer günstig gelegener Ausgangspunkt;

ich empfehle ihn, weil ich nicht weiß, ob die Mission Santa Rosa, die

vom Statthalter Don Manuel Centurion, als die Ciudad Guirior angelegt

wurde, weiter nach West am Ufer des Urariapara gegründet worden, nicht

bereits wieder eingegangen ist. Verfolgte man den Lauf des Paragua

westwärts vom Destacamento oder Militärposten Guirior, der in den

Missionen der catalonischen Capuziner liegt, oder ginge man vom

portugiesischen Fort San Joaquim im Thale des Rio Uruariquera gegen

West, so käme man am sichersten zu den Quellen des Orinoco. Die

Längenbeobachtungen, die ich in Esmeralda angestellt, können das Suchen

erleichtern, wie ich in einer an das spanische Ministerium unter König

Carl IV. gerichteten Denkschrift auseinandergesetzt habe.

Wenn das große, nützliche Werk der amerikanischen Missionen allmählich

die Verbesserungen erhielte, auf die mehrere Bischöfe angetragen haben,

wem man, statt die Missionäre fast auf Gerathewohl aus den spanischen

Klöstern zu ergänzen, junge Geistliche in Amerika selbst in Seminarien

oder Missionskollegien erzöge, so würden militärische Expeditionen, wie

ich sie eben vorgeschlagen, überflüssig. Das Ordenskleid des heiligen

Franciscus, ob es nun braun ist wie bei den Capuzinern am Carony, oder

blau wie bei den Observanten am Orinoco, übt immer noch einen gewissen

Zauber über die Indianer dieser Länder. Sie knüpfen daran gewisse

Vorstellungen von Wohlstand und Behagen, die Aussicht, in den Besitz von

Aexten, Messern und Fischereigeräthe zu gelangen. Selbst solche, die an

Unabhängigkeit und Vereinzelung zäh festhalten und es verschmähen, sich

»vom Glockenklang regieren zu lassen,« sind erfreut, wenn ein

benachbarter Missionär sie besucht. Ohne die Bedrückungen der Soldaten

und die feindlichen Einfälle der Mönche, ohne die entradas und

conquistas apostolicas, hätten sich die Eingeborenen nicht von den Ufern

des Stroms weggezogen. Gäbe man das unvernünftige System auf, die

Klosterzucht in den Wäldern und Savanen Amerikas einführen zu wollen,

ließe man die Indianer der Früchte ihrer Arbeit froh werden, regierte

man sie nicht so viel, das heißt, legte man nicht ihrer natürlichen

Freiheit bei jedem Schritt Fesseln an, so würden die Missionäre rasch

den Kreis ihrer Thätigkeit sich erweitern sehen, deren Ziel ja kein

anderes ist, als menschliche Gesittung.

Die Niederlassungen der Mönche haben in den Aequinoctialländern der

neuen Welt wie im nördlichen Europa die ersten Keime des

gesellschaftlichen Lebens ausgestreut. Noch jetzt bilden sie einen

weiten Gürtel um die europäischen Besitzungen, und wie viele und große

Mißbräuche sich auch in ein Regiment eingeschlichen haben mögen, wobei

alle Gewalten in einer einzigen verschmolzen sind, so würde es doch

schwer halten, dasselbe durch ein anderes zu ersetzen, das nicht noch

weit größere Uebelstände mit sich führte, und dabei eben so wohlfeil und

dem schweigsamen Phlegma der Eingeborenen eben so angemessen wäre. Ich

komme später auf diese christlichen Anstalten zurück, deren politische

Wichtigkeit in Europa nicht genug gewürdigt wird. Hier sey nur bemerkt,

daß die von der Küste entlegensten gegenwärtig am meisten verwahrlost

sind. Die Ordensleute leben dort im tiefsten Elend. Allein von der Sorge

für den täglichen Unterhalt befangen, beständig darauf bedacht, auf eine

Mission versetzt zu werden, die näher bei der civilisirten Welt liegt,

das heißt bei weißen und vernünftigen Leuten,[^41] kommen sie nicht

leicht in Versuchung, weiter ins Land zu dringen. Es wird rasch vorwärts

gehen, sobald man (nach dem Vorgang der Jesuiten) den entlegensten

Missionen außerordentliche Unterstützungen zu Theil werden läßt, und auf

die äußersten Posten, Guirior, San Luis del Erevato und Esmeralda,[^42]

die muthigsten, verständigsten und in den Indianersprachen bewandertsten

Missionäre stellt. Das kleine Stück, das vom Orinoco noch zu berichtigen

ist (wahrscheinlich eine Strecke von 25—30 Meilen), wird bald entdeckt

seyn; in Süd- wie in Nordamerika sind die Missionäre überall zuerst auf

dem Platz, weil ihnen Vortheile zu statten kommen, die andern Reisenden

abgehen. »Ihr thut groß damit, wie weit ihr über den Obersee

hinaufgekommen,« sagte ein Indianer aus Canada zu Pelzhändlern aus den

Vereinigten Staaten; »ihr denkt also nicht daran, daß die »Schwarzröcke«

vorher dagewesen, und daß diese euch den Weg nach Westen gewiesen

haben!« Unsere Pirogue war erst gegen drei Uhr Abends bereit uns

aufzunehmen. Während der Fahrt auf dem Cassiquiare hatten sich unzählige

Ameisen darin eingenistet und nur mit Mühe säuberte man davon den Toldo,

das Dach aus Palmblättern, unter dem wir nun wieder zwei und zwanzig

Tage lang ausgestreckt liegen sollten. Einen Theil des Vormittags

verwendeten wir dazu, um die Bewohner von Esmeralda nochmals über einen

See auszufragen, der gegen Ost liegen sollte. Wir zeigten den alten

Soldaten, die in der Mission seit ihrer Gründung lagen, die Karten von

Surville und la Cruz. Sie lachten über die angebliche Verbindung

zwischen dem Orinoco und dem Rio Idapa und über das weiße Meer, durch

das ersterer Fluß laufen soll. Was wir höflich Fictionen der Geographen

nennen, hießen sie »Lügen von dort drüben« (mentiras de por allá). Die

guten Leute konnten nicht begreifen, wie man von Ländern, in denen man

nie gewesen, Karten machen kann, und aufs genaueste Dinge wissen will,

wovon man an Ort und Stelle gar nichts weiß. Der See der Parime, die

Sierra Mey, die Quellen, die vom Punkt an, wo sie aus dem Boden kommen,

auseinander laufen — von all dem weiß man in Esmeralda nichts. Immer

hieß es, kein Mensch sey je ostwärts über den Raudal der Guaharibos

hinaufgekommen; oberhalb dieses Punktes komme wie manche Indianer

glauben, der Orinoco als ein kleiner Bergstrom von einem Gebirgsstock

herab, an dem die Corotos-Indianer wohnen. Diese Umstände verdienen wohl

Beachtung; denn wäre bei der königlichen Grenzexpedition oder nach

dieser denkwürdigen Zeit ein weißer Mensch wirklich zu den Quellen des

Orinoco und zu dem angeblichen See der Parime gekommen, so müßte sich

die Erinnerung daran in der nächstgelegenen Mission, über die man kommen

mußte, um eine so wichtige Entdeckung zu machen, erhalten haben. Nun

machen aber die drei Personen, die mit den Ergebnissen der

Grenzexpedition bekannt wurden, Pater Caulin, la Cruz und Surville,

Angaben, die sich geradezu widersprechen. Wären solche Widersprüche

denkbar, wenn diese Gelehrten, statt ihre Karten nach Annahmen und

Hypothesen zu entwerfen, die in Madrid ausgeheckt worden, einen

wirklichen Reisebericht vor Augen gehabt hätten? Pater Gili, der

achtzehn Jahre (von 1749 bis 1767) am Oriuoco gelebt hat, sagt

ausdrücklich, »Don Apollinario Diez sey abgesandt worden, um die Quellen

des Orinoco zu suchen; er habe ostwärts von Esmeralda den Strom voll

Klippen gefunden; er habe aus Mangel an Lebensmitteln umgekehrt und von

der Existenz eines Sees nichts, gar nichts vernommen.« Diese Angabe

stimmt vollkommen mit dem, was ich fünf und dreißig Jahre später in

Esmeralda gehört, wo Don Apollinarios Name noch im Munde aller Einwohner

ist und von wo man fortwährend über den Einfluß des Gehette hinauffährt.

Die Wahrscheinlichkeit einer Thatsache vermindert sich bedeutend, wenn

sich nachweisen läßt, daß man an dem Ort, wo man am besten damit bekannt

seyn müßte, nichts davon weiß, und wenn diejenigen, die sie mittheilen,

sich widersprechen, nicht etwa in minder wesentlichen Umständen, sondern

gerade in allen wichtigen. Ich verfolge diese rein geographische

Erörterung hier nicht weiter; ich werde in der Folge zeigen, wie die

Verstöße auf den neuen Karten von der Sitte herrühren, sie den alten

nachzuzeichnen, wie Trageplätze für Flußverzweigungen gehalten wurden,

wie man Flüsse, die bei den Indianern große Wasser heißen, in Seen

verwandelte, wie man zwei dieser Seen (den Cassipa und den Parime) seit

dem sechzehnten Jahrhundert verwechselte und hin und her schob, wie man

endlich in den Namen der Nebenflüsse des Rio Branco den Schlüssel zu den

meisten dieser uralten Fictionen findet.

Als wir im Begriff waren uns einzuschiffen, drängten sich die Einwohner

um uns, die weiß und von spanischer Abkunft seyn wollen. Die armen Leute

beschworen uns, beim Statthalter von Angostura ein gutes Wort für sie

einzulegen, daß sie in die Steppen (Llanos) zurückkehren dürften, oder,

wenn man ihnen diese Gnade versage, daß man sie in die Missionen am Rio

Negro versetze, wo es doch kühler sey und nicht so viele Insekten gebe.

»Wie sehr wir uns auch verfehlt haben mögen,« sagten sie, »wir haben es

abgebüßt durch zwanzig Jahre der Qual in diesem Moskitoschwarm«. Ich

nahm mich in einem Bericht an die Regierung über die industriellen und

commerciellen Verhältnisse dieser Länder der Verwiesenen an, aber die

Schritte, die ich that, blieben erfolglos. Die Regierung war zur Zeit

meiner Reise mild und zu gelinden Maßregeln geneigt; wer aber das

verwickelte Räderwerk der alten spanischen Monarchie kennt, weiß auch,

daß der Geist eines Ministeriums auf das Wohl der Bevölkerung am

Orinoco, in Neu-Californien und auf den Philippinen von sehr geringem

Einfluß war.

Halten sich die Reisenden nur an ihr eigenes Gefühl, so streiten sie

sich über die Menge der Moskitos, wie über die allmähliche Zunahme und

Abnahme der Temperatur. Die Stimmung unserer Organe, die Bewegung der

Luft, das Maß der Feuchtigkeit oder Trockenheit, die elektrische

Spannung, tausenderlei Umstände wirken zusammen, daß wir von der Hitze

und den Insekten bald mehr bald weniger leiden. Meine Reisegefährten

waren einstimmig der Meinung, in Esmeralda peinigen die Moskitos ärger

als am Cassiquiare und selbst in den beiden Missionen an den großen

Katarakten; mir meinerseits, der ich für die hohe Lufttemperatur weniger

empfindlich war als sie, schien der Hautreiz, den die Insekten

verursachen, in Esmeralda nicht so stark als an der Grenze des obern

Orinoco. Wir brauchten kühlende Waschwasser; Citronsaft und noch mehr

der Saft der Ananas lindern das Jucken der alten Stiche bedeutend; die

Geschwulst vergeht nicht davon, wird aber weniger schmerzhaft. Hört man

von diesen leidigen Insekten der heißen Länder sprechen, so findet man

es kaum glaublich, daß man unruhig werden kann, wenn sie nicht da sind,

oder vielmehr wenn sie unerwartet verschwinden. In Esmeralda erzählte

man uns, im Jahr 1795 sey eine Stunde vor Sonnenuntergang, wo sonst die

Moskitos eine sehr dichte Wolke bilden, die Luft auf einmal 20 Minuten

lang ganz frei gewesen. Kein einziges Insekt ließ sich blicken, und doch

war der Himmel wolkenlos und kein Wind deutete auf Regen. Man muß in

diesen Ländern selbst gelebt haben, um zu begreifen, in welchem Maße

dieses plötzliche Verschwinden der Insekten überraschen mußte. Man

wünschte einander Glück, man fragte sich, ob diese Felicidad, dieses

Alivio (Erleichterung) wohl von Dauer seyn könne. Nicht lange aber, und

statt des Augenblickes zu genießen, fürchtete man sich vor

selbstgemachten Schreckbildern; man bildete sich ein, die Ordnung der

Natur habe sich verkehrt. Alte Indianer, die Lokalgelehrten,

behaupteten, das Verschwinden der Moskitos könne nichts anderes bedeuten

als ein großes Erdbeben. Man stritt hitzig hin und her, man lauschte auf

das leiseste Geräusch im Baumlaub, und als sich die Luft wieder mit

Moskitos füllte, freute man sich ordentlich, daß sie wieder da waren.

Welcher Vorgang in der Atmosphäre mag nun diese Erscheinung verursacht

haben, die man nicht damit verwechseln darf, daß zu bestimmten

Tageszeiten die eine Insektenart die andere ablöst? Wir konnten diese

Frage nicht beantworten, aber die lebendige Schilderung der Einwohner

war uns interessant. Mißtrauisch, ängstlich, was ihm bevorstehen möge,

seine alten Schmerzen zurückwünschen, das ist so ächt menschlich.

Bei unserem Abgang von Esmeralda war das Wetter sehr stürmisch. Der

Gipfel des Duida war in Wolken gehüllt, aber diese schwarzen, stark

verdichteten Dunstmassen standen noch 900 Toisen über der Niederung.

Schätzt man die mittlere Höhe der Wolken, d. h. ihre untere Schicht, in

verschiedenen Zonen, so darf man nicht die zerstreuten einzelnen Gruppen

mit den Wolkendecken verwechseln, die gleichförmig über den Niederungen

gelagert sind und an eine Bergkette stoßen. Nur die letzteren können

sichere Resultate geben; einzelne Wolkengruppen verfangen sich in

Thälern, oft nur durch die niedergehenden Luftströme. Wir sahen welche

bei der Stadt Caracas in 500 Toisen Meereshöhe; es ist aber schwer zu

glauben, daß die Wolken, die man über den Küsten von Cumana und der

Insel Margarita sieht, nicht höher stehen sollten. Das Gewitter, das

sich am Gipfel des Duida entlud, zog nicht in das Thal des Orinoco

herunter; überhaupt haben wir in diesem Thal nicht die starken

elektrischen Entladungen beobachtet, wie sie in der Regenzeit den

Reisenden, wenn er von Carthagena nach Honda den Magdalenenstrom

hinauffährt, fast jede Nacht ängstigen. Es scheint, daß in einem flachen

Lande die Gewitter regelmäßiger dem Bett eines großen Flusses

nachziehen, als in einem ungleichförmig mit Bergen besetzten Lande, wo

viele Seitenthäler durch einander laufen. Wir beobachteten zu

wiederholten malen die Temperatur des Orinoco an der Wasserfläche bei

30° Lufttemperatur; wir fanden nur 26°, also 3° weniger als in den

großen Katarakten, und 2° mehr als im Rio Negro. In der gemäßigten Zone

in Europa steigt die Temperatur der Donau und der Elbe mitten im Sommer

nicht über 17 bis 19°. Am Orinoco konnte ich niemals einen Unterschied

zwischen der Wärme des Wassers bei Tag und bei Nacht bemerken, wenn ich

nicht den Thermometer da in den Fluß brachte, wo das Wasser wenig Tiefe

hat und sehr langsam über ein breites sandiges Gestade fließt, wie bei

Uruana und bei den Mündungen des Apure. Obgleich in den Wäldern von

Guyana unter einem meistens bedeckten Himmel die Strahlung des Bodens

bedeutend verlangsamt ist, so sinkt doch die Lufttemperatur bei Nacht

nicht unbedeutend. Die obere Wasserschicht ist dann wärmer als der

umgebende Erdboden, und wenn die Mischung zweier mit Feuchtigkeit fast

gesättigter Luftmassen über dem Wald und über dem Fluß keinen sichtbaren

Nebel erzeugt, so kann man dieß nicht dem Umstand zuschreiben, daß die

Nacht nicht kühl genug sey. Während meines Aufenthalts am Orinoco und

Rio Negro war das Flußwasser oft um 2 bis 3° bei Nacht wärmer als die

windstille Luft.

Nach vierstündiger Fahrt flußabwärts kamen wir an die Stelle der

Gabeltheilung. Wir schlugen unser Nachtlager am Ufer des Cassiquiare am

selben Fleck auf, wo wenige Tage zuvor die Jaguars höchst wahrscheinlich

uns unsere große Dogge geraubt hatten. Alles Suchen der Indianer nach

einer Spur des Thieres war vergebens. Der Himmel blieb umzogen und ich

wartete vergeblich auf die Sterne; ich beobachtete aber hier wieder, wie

schon in Esmeralda, die Inclination der Magnetnadel. Am Fuß des Cerro

Duida hatte ich 28°25 gefunden, fast 3° mehr als in Mandavaca. An der

Mündung des Cassiquiare erhielt ich 28°75; der Duida schien also keinen

merklichen Einfluß geäußert zu haben. Die Jaguars ließen sich die ganze

Nacht hören.[^43] Sie sind in dieser Gegend zwischen dem Cerro

Maraguaca, dem Unturan und den Ufern des Pamoni ungemein häufig. Hier

kommt auch der schwarze Tiger[^44] vor, von dem ich in Esmeralda schöne

Felle gesehen. Dieses Thier ist wegen seiner Stärke und Wildheit

vielberufen und es scheint noch größer zu seyn als der gemeine Jaguar.

Die schwarzen Flecken sind auf dem schwarzbraunen Grund seines Felles

kaum sichtbar. Nach der Angabe der Indianer sind die schwarzen Tiger

sehr selten, vermischen sich nie mit den gemeinen Jaguars und »sind eine

andere Race.« Ich glaube Prinz Maximilian von Neuwied, der die Zoologie

von Amerika mit so vielen wichtigen Beobachtungen bereichert hat, ist

weiter nach Süd, im heißen Landstrich von Brasilien ebenso berichtet

worden. In Paraguay sind Albinos von Jaguars vorgekommen; denn diese

Thiere, die man den schönen amerikanischen Panther nennen könnte, haben

zuweilen so blasse Flecken, daß man sie auf dem ganz weißen Grunde kaum

bemerkt. Beim schwarzen Jaguar werden im Gegentheil die Flecken

unsichtbar, weil der Grund dunkel ist. Man müßte lange in dieser Gegend

leben, und die Indianer in Esmeralda auf der gefährlichen Tigerjagd

begleiten, um sich bestimmt darüber aussprechen zu können, was bei ihnen

Art und was nur Spielart ist. Bei allen Säugethieren, besonders aber bei

der großen Familie der Affen, hat man, glaube ich, weniger auf die

Farbenübergänge bei einzelnen Exemplaren sein Augenmerk zu richten, als

auf den Trieb der Thiere sich abzusondern und Rudel für sich zu bilden.

Am 24. Mai. Wir brachen von unserem Nachtlager vor Sonnenaufgang auf. In

einer Felsbucht, wo die Durimundi-Indianer gehaust hatten, war der

aromatische Duft der Gewächse so stark, daß es uns lästig fiel, obgleich

wir unter freiem Himmel lagen und bei unserer Gewöhnung an ein Leben

voll Beschwerden unser Nervensystem eben nicht sehr reizbar war. Wir

konnten nicht ermitteln, was für Blüthen es waren, die diesen Geruch

verbreiteten; der Wald war undurchdringlich. Bonpland glaubte, in den

benachbarten Sümpfen werden große Büsche von Pancratium und einigen

andern Liliengewächsen stecken. Wir kamen sofort den Orinoco abwärts

zuerst am Einfluß des Cunucunumo, dann am Guanami und Puruname vorüber.

Beide Ufer des Hauptstroms sind völlig unbewohnt; gegen Norden erheben

sich hohe Gebirge, gegen Süden dehnt sich, soweit das Auge reicht, eine

Ebene bis über die Quellen des Atacavi hinaus, der weiter unten Atabapo

heißt. Der Anblick eines Flusses, auf dem man nicht einmal einem

Fischerboot begegnet, hat etwas Trauriges, Niederschlagendes.

Unabhängige Völkerschaften, die Abirianos und Maquiritares, leben hier

im Gebirgsland, aber auf den Grasfluren zwischen Cassiquiare, Atabapo,

Orinoco und Rio Negro findet man gegenwärtig fast keine Spur einer

menschlichen Wohnung. Ich sage gegenwärtig; denn hier, wie anderswo in

Guyana, findet man auf den härtesten Granitfelsen rohe Bilder[^45]

eingegraben, welche Sonne, Mond und verschiedene Thiere vorstellen und

darauf hinweisen, daß hier früher ein ganz anderes Volk lebte, als das

wir an den Ufern des Orinoco kennen gelernt. Nach den Aussagen der

Indianer und der verständigsten Missionäre kommen diese symbolischen

Bilder ganz mit denen überein, die wir hundert Meilen weiter nördlich

bei Caycara, der Einmündung des Apure gegenüber, gesehen haben.

Diese Ueberreste einer alten Cultur fallen um so mehr auf, je größer der

Flächenraum ist, auf dem sie vorkommen, und je schärfer sie von der

Verwilderung abstechen, in die wir seit der Eroberung alle Horden in den

heißen östlichen Landstrichen Amerikas versunken sehen. Hundert vierzig

Meilen ostwärts von den Ebenen am Cassiquiare und Conorichite, zwischen

den Quellen des Rio Branco und des Rio Essequebo, findet man gleichfalls

Felsen mit symbolischen Bildern. Ich entnehme diesen Umstand, der mir

sehr merkwürdig scheint, dem Tagebuch des Reisenden Hortsmann, das mir

in einer Abschrift von der Hand des berühmten d’Anville vorliegt. Dieser

Reisende, dessen ich in diesem Buche schon mehreremale gedacht, fuhr den

Rupunuvini, einen Nebenfluß des Essequebo, herauf. Da wo der Fluß eine

Menge kleiner Fälle bildet und sich zwischen den Bergen von Maracana

durchschlängelt, fand er,[^46] bevor er an den See Amucu kam, »Felsen,

bedeckt mit Figuren oder (wie er sich portugiesisch ausdrückt) varias

letras.« Dieses Wort Buchstaben haben wir nicht in seinem eigentlichen

Sinn zu nehmen. Man hat auch uns am Felsen Culimacari am Ufer des

Cassiquiare und im Hafen von Caycara am untern Orinoco Striche gezeigt,

die man für aneinander gereihte Buchstaben hält. Es waren aber nur

unförmliche Figuren, welche die Himmelskörper, Tiger, Krokodile, Boas

und Werkzeuge zur Bereitung des Maniocmehls vorstellen sollen. An den

gemalten Felsen (so nennen die Indianer diese mit Figuren bedeckten

Steine) ist durchaus keine symmetrische Anordnung, keine regelmäßige

Abtheilung in Schriftzeichen zu bemerken. Die Striche, die der Missionär

Fray Ramon Bueno in den Bergen von Uruana entdeckt hat, nähern sich

allerdings einer Buchstabenschrift mehr, indessen ist man über diese

Züge, von denen ich anderswo gehandelt, noch sehr im Unklaren.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 8 / 29 段