unternehmen, um in den Bergen von Yumariquin Pflanzenprodukte zu
sammeln, konnten uns genaue Auskunft über den Lauf des Orinoco, im Osten
der Mission geben. Dieser Theil meiner Reisekarte weicht von den
früheren völlig ab. Ich beginne die Beschreibung dieser Länder mit dem
Granitstock des Duida, an dessen Fuße wir weilten. Derselbe wird im
Westen vom Rio Tamatama, im Osten vom Rio Guapo begrenzt. Zwischen
diesen beiden Nebenflüssen des Orinoco, durch die Morichales oder die
Gebüsche von Mauritiapalmen, die Esmeralda umgeben, kommt der Rio
Sodomoni herab, vielberufen wegen der vortrefflichen Ananas, die an
seinen Ufern wachsen. Am 22. Mai maß ich auf einer Grasflur am Fuß des
Duida eine Standlinie von 475 Metern; der Winkel, unter dem die Spitze
des Berges in 13,327 Meter Entfernung erscheint, beträgt noch 9 Grad.
Nach meiner genauen trigonometrischen Messung ist der Duida (das heißt
der höchste Gipfel südwestlich vom Cerro Maraguaca) 2179 Meter oder 1118
Toisen über der Ebene von Esmeralda hoch, also wahrscheinlich gegen 1300
über dem Meeresspiegel; ich sage wahrscheinlich, denn leider war mein
Barometer zerbrochen, ehe wir nach Esmeralda kamen. Der Regen war so
stark, daß wir in den Nachtlagern das Instrument nicht vor Feuchtigkeit
schützen konnten, und bei der ungleichen Ausdehnung des Holzes zerbrach
die Röhre. Der Unfall war mir desto verdrießlicher, weil wohl nie ein
Barometer größere Reisen mitgemacht hat. Ich hatte dasselbe schon seit
drei Jahren in Europa in den Gebirgen von Steiermark, Frankreich und
Spanien, in Amerika auf dem Wege von Cumana an den obern Orinoco
geführt. Das Land zwischen Javita, Vasiva und Esmeralda ist eine weite
Ebene, und da ich an den beiden ersteren Orten den Barometer beobachtet
habe, so kann ich mich hinsichtlich der absoluten Höhe der Savanen am
Sodomoni höchstens um 15—20 Toisen irren. Der Cerro Duida steht an Höhe
dem St. Gotthard und der Silla bei Caracas am Küstenland von Venezuela
nur wenig (kaum 80—100 Toisen) nach. Er gilt auch hier zu Lande für
einen colossalen Berg, woraus wir ziemlich sicher auf die mittlere Höhe
der Sierra Parime und aller Berge im östlichen Amerika schließen können.
Oestlich von der Sierra Nevada de Merida, sowie südöstlich vom Paramo de
las Rosas erreicht keine der Bergketten, die in der Richtung eines
Parallels streichen, die Höhe des Centralkamms der Pyrenäen. Der
Granitgipfel des Duida fällt so steil ab, daß die Indianer vergeblich
versucht haben hinaufzukommen. Bekanntlich sind gar nicht hohe Berge oft
am unzugänglichsten. Zu Anfang und zu Ende der Regenzeit sieht man auf
der Spitze des Duida kleine Flammen, und zwar, wie es scheint, nicht
immer am selben Ort. Wegen dieser Erscheinung, die bei den
übereinstimmenden Aussagen nicht wohl in Zweifel zu ziehen ist, hat man
den Berg mit Unrecht einen Vulkan genannt. Da er ziemlich isolirt liegt,
könnte man denken, der Blitz zünde zuweilen das Strauchwerk an; dieß
erscheint aber unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie schwer in diesem
nassen Klima die Gewächse brennen. Noch mehr: man versichert, es zeigen
sich oft kleine Flammen an Stellen, wo das Gestein kaum mit Rasen
bedeckt scheint; auch beobachte man ganz ähnliche Feuererscheinungen,
und zwar an Tagen ohne alles Gewitter, am Gipfel des Guaraco oder
Murcielago, eines Hügels gegenüber der Mündung des Rio Tamatama auf dem
südlichen Ufer des Orinoco. Dieser Hügel erhebt sich kaum 100 Toisen
über die umliegende Ebene. Sind die Aussagen der Eingeborenen begründet,
so rühren beim Duida und dem Guaraco die Flammen wahrscheinlich von
einer unterirdischen Ursach her; denn man sieht dergleichen niemals auf
den hohen Bergen am Rio Jao und am Berg Maraguaca, um den so oft die
Gewitter toben. Der Granit des Cerro Duida ist von theils offenen,
theils mit Quarzkrystallen und Kiesen gefüllten Gängen durchzogen Durch
dieselben mögen gasförmige, brennbare Emanationen (Wasserstoff oder
Naphta) aufsteigen. In den Gebirgen von Caramanien, im Hindu-Khu und im
Himalaya sind dergleichen Erscheinungen häufig. In vielen Landstrichen
des östlichen Amerika, die den Erdbeben ausgesetzt sind, sieht man sogar
(wie am Cuchivano bei Cumanacoa)[^36] aus secundären Gebirgsbildungen
Flammen aus dem Boden brechen. Dieselben zeigen sich, wenn der erste
Regen auf den von der Sonne stark erhitzten Boden fällt, oder wenn
dieser nach starken Niederschlägen wieder zu trocknen anfängt. Die
Grundursach dieser Feuererscheinungen ist in ungeheurer Tiefe, weit
unter den secundären Formationen, in den Urgebirgsarten zu suchen; der
Regen und die Zersetzung des atmosphärischen Wassers spielen dabei nur
eine untergeordnete Rolle. Die heißesten Quellen in der Welt kommen
unmittelbar aus dem Granit; das Steinöl quillt aus dem Glimmerschiefer;
in Encaramada zwischen den Flüssen Arauca und Cuchivero, mitten auf dem
Granitboden der Sierra Parime am Orinoco, hört man furchtbares Getöse.
Hier, wie überall auf dem Erdball, liegt der Herd der Vulkane in den
ältesten Bildungen, und zwischen den großen Phänomenen, wobei die Rinde
unseres Planeten emporgehoben und geschmolzen wird, und den
Feuermeteoren, die sich zuweilen an der Oberfläche zeigen und die man,
ihrer Unbedeutendheit wegen, nur atmosphärischen Einflüssen zuschreiben
möchte, scheint ein Causalzusammenhang zu bestehen.
Der Duida hat zwar nicht die Höhe, welche der Volksglaube ihm
zuschreibt, er ist aber im ganzen Bergstock zwischen Orinoco und
Amazonenstrom der beherrschende Punkt. Diese Berge fallen gegen
Nordwest, gegen den Puruname, noch rascher ab als gegen Ost, gegen den
Padamo und den Rio Ocamo. In der ersteren Richtung sind die höchsten
Gipfel nach dem Duida der Cuneva, an den Quellen des Rio Paru (eines
Nebenflusses des Ventuari), der Sipapo, der Calitamini, der mit dem
Cunavami und dem Pic Uniana zu Einer Gruppe gehört. Ostwärts vom Duida
zeichnen sich durch ihre Höhe aus, am rechten Ufer des Orinoco der
Maravaca oder die Sierra Maraguaca zwischen dem Rio Caurimoni und dem
Padamo, auf dem linken Ufer die Berge von Guanaja und Yumariquin
zwischen den Flüssen Amaguaca und Gehette. Ich brauche kaum noch einmal
zu bemerken, daß die Linie, welche über diese hohen Gipfel läuft (wie in
den Pyrenäen, den Karpathen und so vielen Bergketten der alten Welt),
keineswegs mit der Wasserscheide zusammenfällt. Die Wasserscheide
zwischen den Zuflüssen des untern und des obern Orinoco schneidet den
Meridian von 64° unter dem vierten Grad der Breite. Sie läuft zuerst
zwischen den Quellen des Rio Branco und des Carony durch und dann nach
Nordwest, so daß die Gewässer des Padamo, Jao und Ventuari nach Süd, die
Gewässer des Arui, Caura und Cuchivero nach Nord fließen.
Man kann von Esmeralda den Orinoco gefahrlos hinausfahren bis zu den
Katarakten, an denen die Guaicas-Indianer sitzen, welche die Spanier
nicht weiter hinauf kommen lassen; es ist dieß eine Fahrt von sechs und
einem halben Tag. In den zwei ersten kommt man an den Einfluß des Rio
Padamo, nachdem man gegen Nord die kleinen Flüsse Tamatama, Sodomoni,
Guapo, Caurimoni und Simirimoni, gegen Süd dem Einfluß des Cuca zwischen
dem Hügel Guaraco, der Flammen auswerfen soll, und dem Cerro Canelilla,
hinter sich gelassen. Auf diesem Strich bleibt der Orinoco 300—400
Toisen breit. Auf dem rechten Ufer kommen mehr Flüsse herein, weil sich
an dieser Seite die hohen Berge Duida und Maraguaca hinziehen, auf
welchen sich die Wolken lagern, während das linke Ufer niedrig ist und
an die Ebene stößt, die im Großen gegen Südwest abfällt. Prachtvolle
Wälder mit Bauholz bedecken die nördlichen Cordilleren. In diesem
heißen, beständig feuchten Landstrich ist das Wachsthum so stark, daß es
Stämme von Bombax Ceiba von 16 Fuß Durchmesser gibt. Der Rio Padamo oder
Patamo, über den früher die Missionäre am obern Orinoco mit denen am Rio
Caura verkehrten, ist für die Geographen zu einer Quelle von Irrthümern
geworden. Pater Caulin nennt ihn Macoma und setzt einen andern Rio
Patamo zwischen den Punkt der Gabeltheilung des Orinoco und einen Berg
Ruida, womit ohne Zweifel der Cerro Duida gemeint ist. Surville läßt den
Padamo sich mit dem Rio Ocamo (Ucamu) verbinden, der ganz unabhängig von
ihm ist; auf der großen Karte von La Cruz endlich ist ein kleiner
Nebenfluß des Orinoco, westlich von der Gabeltheilung, als Rio Padamo
bezeichnet und der eigentliche Fluß dieses Namens heißt Rio Maquiritari.
Von der Mündung dieses Flusses, der ziemlich breit ist, kommen die
Indianer in einem und einem halben Tag an den Rio Mavaca, der in den
hohen Gebirgen von Unturan entspringt, von denen oben die Rede war.[^37]
Der Trageplatz zwischen den Quellen dieses Nebenflusses und denen des
Jdapa oder Siapa hat zu der Fabel vom Zusammenhang des Jdapa mit dem
obern Orinoco Anlaß gegeben. Der Rio Mavaca steht mit einem See in
Verbindung, an dessen Ufer die Portugiesen, ohne Vorwissen der Spanier
in Esmeralda, vom Rio Negro her kommen, um die aromatischen Samen des
Laurus Pucheri zu sammeln, die im Handel als Pichurimbohne und Toda
Specie bekannt sind. Zwischen den Mündungen des Padamo und des Mavaca
nimmt der Orinoco von Nord her den Ocamo aus, in den sich der Rio
Matacona ergießt. An den Quellen des letzteren Flusses wohnen die
Guainares, die lange nicht so stark kupferfarbig oder braun sind als die
übrigen Bewohner dieser Länder. Dieser Stamm gehört zu denen, welche bei
den Missionären Indios blancas heißen, und über die ich bald mehr sagen
werde. An der Mündung des Ocamo zeigt man den Reisenden einen Fels, der
im Lande für ein Wunder gilt. Es ist ein Granit, der in Gneiß übergeht,
ausgezeichnet durch die eigenthümliche Vertheilung des schwarzen
Glimmers, der kleine verzweigte Adern bildet. Die Spanier nennen den
Fels piedra mapaya (Landkartenstein).
Ueber dem Einfluß des Mavaca nimmt der Orinoco an Breite und Tiefe auf
einmal ab. Sein Lauf wird sehr gekrümmt, wie bei einem Alpstrom. An
beiden Ufern stehen Gebirge; von Süden her kommen jetzt bedeutend mehr
Gewässer herein, indessen bleibt die Cordillere im Norden am höchsten.
Von der Mündung des Mavaca bis zum Rio Gehette sind es zwei Tagereisen,
weil die Fahrt sehr beschwerlich ist und man oft, wegen zu seichten
Wassers, die Pirogue am Ufer schleppen muß. Auf dieser Strecke kommen
von Süd der Daracapo und der Amaguaca herein; sie laufen nach West und
Ost um die Berge von Guanaya und Yumariquin herum, wo man die Früchte
der Bertholletia sammelt. Von den Bergen gegen Nord, deren Höhe vom
Cerro Maraguaca an allmählich abnimmt, kommt der Rio Manaviche herab. Je
weiter man auf dem Orinoco hinaufkommt, desto häufiger werden die
Krümmungen und die kleinen Stromschnellen (chorros y remolinos). Man
läßt links den Caño Chiguire, an dem die Guaicas, gleichfalls ein Stamm
weißer Indianer, wohnen, und zwei Meilen weiter kommt man zur Mündung
des Gehette, wo sich ein großer Katarakt befindet. Ein Damm von
Granitfelsen läuft über den Orinoco; dieß sind die Säulen des Hercules,
über die noch kein Weißer hinausgekommen ist. Dieser Punkt, der
sogenannte Raudal de Guaharibos, scheint ¾ Grad ostwärts von Esmeralda,
also unter 67°38′ der Länge zu liegen. Durch eine militärische
Expedition, die der Commandant von San Carlos, Don Francisco Bovadilla,
unternommen, um die Quellen des Orinoco aufzusuchen, hat man die
genauesten Nachrichten über die Katarakten der Guaharibos. Er hatte
erfahren, daß Neger, welche in holländisch Guyana entsprungen, nach West
(über die Landenge zwischen den Quellen des Rio Carony und des Rio
Branco hinaus) gelaufen seyen und sich zu unabhängigen Indianern gesellt
haben. Er unternahm eine Entrada (Einfall) ohne Erlaubniß des
Statthalters; der Wunsch, afrikanische Sklaven zu bekommen, die zur
Arbeit besser taugen als die kupferfarbigen Menschen, war dabei ungleich
stärker im Spiel, als der Eifer für die Förderung der Erdkunde. Ich
hatte in Esmeralda und am Rio Negro Gelegenheit, mehrere sehr
verständige Militärs zu befragen, die den Zug mitgemacht. Bovadilla kam
ohne Schwierigkeit bis zum kleinen Raudal dem Gehette gegenüber; aber am
Fuß des Felsdamms, welcher den großen Katarakt bildet, wurde er
unversehens, während des Frühstücks, von den Guaharibos und den Guaicas
überfallen, zwei kriegerischen und wegen der Stärke des Curare, mit dem
sie ihre Pfeile vergiften, vielberufenen Stämmen. Die Indianer besetzten
die Felsen mitten im Fluß. Sie sahen keine Bogen in den Händen der
Spanier, von Feuergewehr wußten sie nichts, und so gingen sie Leuten zu
Leibe, die sie für wehrlos hielten. Mehrere Weiße wurden gefährlich
verwundet, und Bovadilla mußte die Waffen brauchen. Es erfolgte ein
furchtbares Gemetzel unter den Eingeborenen, aber von den holländischen
Negern, die sich hieher geflüchtet haben sollten, wurde keiner gefunden.
Trotz des Sieges, der ihnen nicht schwer geworden, wagten es die Spanier
nicht, in gebirgigtem Land auf einem tief eingeschnittenen Flusse weiter
gegen Ost hinaufzugehen.
Die Guaharibos blancos haben über den Katarakt aus Lianen eine Brücke
geschlagen, die an den Felsen befestigt ist, welche sich, wie meistens
in den Pongos im obern Maragnon, mitten aus dem Flußbett erheben. Diese
Brücke, die sämmtliche Einwohner in Esmeralda wohl kennen, scheint zu
beweisen, daß der Orinoco an dieser Stelle bereits ziemlich schmal ist.
Die Indianer geben seine Breite meist nur zu 200—300 Fuß an; sie
behaupten, oberhalb des Raudals der Guaharibos sey der Orinoco kein Fluß
mehr, sondern ein Riachuelo (ein Bergwasser), wogegen ein sehr
unterrichteter Geistlicher, Fray Juan Gonzales, der das Land besucht
hat, mich versicherte, da, wo man den weiteren Lauf des Orinoco nicht
mehr kenne, sey er immer noch zu zwei Drittheilen so breit als der Rio
Negro bei San Carlos. Letztere Angabe scheint mir unwahrscheinlicher;
ich gebe aber nur wieder, was ich in Erfahrung bringen konnte, und
spreche über nichts ab. Nach den vielen Messungen, die ich vorgenommen,
weiß ich gut, wie leicht man sich hinsichtlich der Größe der Flußbetten
irren kann. Ueberall erscheinen die Flüsse breiter oder schmaler, je
nachdem sie von Bergen oder von Ebenen umgeben, frei oder voll Rissen,
von Regengüssen geschwellt oder nach langer Trockenheit wasserarm sind.
Es verhält sich übrigens mit dem Orinoco wie mit dem Ganges, dessen Lauf
nordwärts von Gangutra nicht bekannt ist; auch hier glaubt man wegen der
geringen Breite des Flusses, der Punkt könne nicht weit von der Quelle
liegen.
Im Felsdamm, der über den Orinoco läuft und den Raudal der Guaharibos
bildet, wollen spanische Soldaten die schöne Art Saussurit (den
Amazonenstein), von dem oben die Rede war, gefunden haben. Es ist dieß
eine sehr zweifelhafte Geschichte, und die Indianer, die ich darüber
befragt, versicherten mich, die grünen Steine, die man in Esmeralda
Piedras de Macagua nennt, seyen von den Guaicas und Guaharibos gekauft,
die mit viel weiter ostwärts lebenden Horden Handel treiben. Es geht mit
diesen Steinen, wie mit so vielen andern kostbaren Produkten beider
Indien. An den Küsten, einige hundert Meilen weit weg, nennt man das
Land, wo sie vorkommen, mit voller Bestimmtheit; kommt man aber mit Mühe
und Noth in dieses Land, so zeigt es sich, daß die Eingeborenen das
Ding, das man sucht, nicht einmal dem Namen nach kennen. Man könnte
glauben, die Amulette aus Saussurit, die man bei den Indianern am Rio
Negro gefunden, kommen vom untern Amazonenstrom, und die, welche man
über die Missionen am obern Orinoco und Rio Carony bezieht, aus einem
Landstrich zwischen den Quellen des Essequebo und des Rio Branco.
Indessen haben weder der Chirurg Hortsmann, ein gebotener Hildesheimer,
noch Don Antonio Santos, dessen Reisetagebuch mir zu Gebot stand, den
Amazonenstein auf der Lagerstätte gesehen, und es ist eine ganz
grundlose, obgleich in Angostura stark verbreitete Meinung, dieser Stein
komme in weichem, teigigtem Zustand aus dem kleinen See Amucu, aus dem
man die Laguna del Dorado gemacht hat. So ist denn in diesem östlichen
Strich von Amerika noch eine schöne geognostische Entdeckung zu machen,
nämlich im Urgebirg ein Euphotidgestein (Gabbro) aufzufinden, das die
Piedra de Macagna enthält.
Ich gebe hier einigen Aufschluß über die Indianerstämme von weißlichter
Hautfarbe und sehr kleinem Wuchs, die alte Sagen seit Jahrhunderten an
die Quellen des Orinoco setzen. Ich hatte Gelegenheit, in Esmeralda
einige zu sehen, und kann versichern, daß man die Kleinheit der Guaicas
und die Weiße der Guaharibos, die Pater Caulin Guaribos blancos nennt,
in gleichem Maasse übertrieben hat. Die Guaicas, die ich gemessen,
messen im Durchschnitt 4 Fuß 7 Zoll bis 4 Fuß 8 Zoll (nach altem
französischem Maß). Man behauptet, der ganze Stamm sey so ausnehmend
klein; man darf aber nicht vergessen, daß das, was man hier einen Stamm
nennt, im Grunde nur eine einzige Familie ist. Wo alle Vermischung mit
Fremden ausgeschlossen ist, pflanzen sich Spielarten und Abweichungen
vom gemeinsamen Typus leichter fort. Nach den Guaicas sind die Guainares
und die Poignaves die kleinsten unter den Indianern. Es ist sehr
auffallend, daß alle diese Völkerschaften neben den Caraiben wohnen, die
von ungemein hohem Wuchse sind. Beide leben im selben Klima und haben
dieselben Nahrungsmittel. Es sind Racenspielarten, deren Bildung ohne
Zweifel weit über die Zeit hinausreicht, wo diese Stämme (große und
kleine, weißlichte und dunkelbraune) sich neben einander niedergelassen.
Die vier weißesten Nationen am obern Orinoco schienen mir die Guaharibos
am Rio Gehette, die Guainares am Ocomo, die Guaicas am Caño Chiguire und
die Maquiritares an den Quellen des Padamo, des Jao und des Ventuari. Da
Eingeborene mit weißlichter Haut unter einem glühenden Himmel und mitten
unter sehr dunkelfarbigen Völkern eine auffalIende Erscheinung sind, so
haben die Spanier zur Erklärung derselben zwei sehr gewagte Hypothesen
aufgebracht. Die einen meinen, Holländer aus Surinam und vom Rio
Essequebo mögen sich mit Guaharibos und Guainares vermischt haben;
andere behaupten aus Haß gegen die Kapuziner am Carony und die
Observanten am Orinoco, diese weißlichten Indianer seyen, was man in
Dalmatien Muso di frate nennt, Kinder, deren eheliche Geburt einigem
Zweifel unterliegt. In beiden Fällen wären die Indios blancos Mestizen,
Abkömmlinge einer Indianerin und eines Weißen. Ich habe aber Tausende
von Mestizen gesehen und kann behaupten, daß die Vergleichung durchaus
unrichtig ist. Die Individuen der weißlichten Stämme, die wir zu
untersuchen Gelegenheit hatten, haben die Gesichtsbildung, den Wuchs,
die schlichten, glatten, schwarzen Haare, wie sie allen andern Indianern
zukommen. Unmöglich könnte man sie für Mischlinge halten, ähnlich den
Abkömmlingen von Eingeborenen und Europäern. Manche sind dabei sehr
klein, andere haben den gewöhnlichen Wuchs der kupferrothen Indianer.
Sie sind weder schwächlich, noch kränklich, noch Albinos; sie
unterscheiden sich von den kupferfarbigen Stämmen allein durch weit
weniger dunkle Hautfarbe. Nach diesen Bemerkungen braucht man den weiten
Weg vom obern Orinoco zum Küstenland, auf dem die Holländer sich
niedergelassen, gar nicht in Anschlag zu bringen. Ich läugne nicht, daß
man Abkömmlinge entlaufener Neger (negros alzados de palenque) unter den
Caraiben an den Quellen des Essequebo gefunden haben mag; aber niemals
ist ein Weißer von den Ostküsten so tief in Guyana hinein, an den Rio
Gehette und an den Ocamo gekommen. Noch mehr: so auffallend es
erscheinen mag, daß Völkerschaften mit weißlichter Haut östlich von
Esmeralda neben einander wohnen, so ist doch soviel gewiß, daß man auch
in andern Ländern Amerikas Stämme gefunden hat, die sich von ihren
Nachbarn durch weit weniger dunkle Hautfarbe unterscheiden. Dahin
gehören die Arivirianos und Maquiritares am Rio Ventuario und am Padamo,
die Paudacotos und Paravenas am Erevato, die Viras und Ariguas am Caura,
die Mologagos in Brasilien und die Guayanas am Uruguay.[^38]
Alle diese Erscheinungen verdienen desto mehr Aufmerksamkeit, als sie
den großen Zweig der amerikanischen Völker betreffen, den man
gemeiniglich dem am Pole lebenden Zweig, den Eskimo-Tschugasen,
entgegenstellt, deren Kinder weiß sind und die mongolisch gelbe Farbe
erst durch den Einfluß der Luft und der Feuchtigkeit annehmen. In Guyana
sind die Horden, welche mitten in den dichtesten Wäldern leben, meist
nicht so dunkel als solche, welche an den Ufern des Orinoco Fischfang
treiben. Aber dieser unbedeutende Unterschied, der ja auch in Europa
zwischen den städtischen Handwerkern und den Landbauern oder
Küstenfischern vorkommt, erklärt keineswegs das Phänomen der Indios
blancos, die Existenz von Indianerstämmen mit einer Haut wie die der
Mestizen. Dieselben sind von andern Waldindianern (Indios del monte)
umgeben, die, obgleich ganz den nämlichen physischen Einflüssen
ausgesetzt, braunroth sind. Die Ursachen dieser Erscheinungen liegen in
der Zeit sehr weit rückwärts, und wir sagen wieder mit Tacitus: »Est
durans originis vis.«