Die Indianer, die vom Mai bis August Fahrten ostwärts von Esmeralda

unternehmen, um in den Bergen von Yumariquin Pflanzenprodukte zu

sammeln, konnten uns genaue Auskunft über den Lauf des Orinoco, im Osten

der Mission geben. Dieser Theil meiner Reisekarte weicht von den

früheren völlig ab. Ich beginne die Beschreibung dieser Länder mit dem

Granitstock des Duida, an dessen Fuße wir weilten. Derselbe wird im

Westen vom Rio Tamatama, im Osten vom Rio Guapo begrenzt. Zwischen

diesen beiden Nebenflüssen des Orinoco, durch die Morichales oder die

Gebüsche von Mauritiapalmen, die Esmeralda umgeben, kommt der Rio

Sodomoni herab, vielberufen wegen der vortrefflichen Ananas, die an

seinen Ufern wachsen. Am 22. Mai maß ich auf einer Grasflur am Fuß des

Duida eine Standlinie von 475 Metern; der Winkel, unter dem die Spitze

des Berges in 13,327 Meter Entfernung erscheint, beträgt noch 9 Grad.

Nach meiner genauen trigonometrischen Messung ist der Duida (das heißt

der höchste Gipfel südwestlich vom Cerro Maraguaca) 2179 Meter oder 1118

Toisen über der Ebene von Esmeralda hoch, also wahrscheinlich gegen 1300

über dem Meeresspiegel; ich sage wahrscheinlich, denn leider war mein

Barometer zerbrochen, ehe wir nach Esmeralda kamen. Der Regen war so

stark, daß wir in den Nachtlagern das Instrument nicht vor Feuchtigkeit

schützen konnten, und bei der ungleichen Ausdehnung des Holzes zerbrach

die Röhre. Der Unfall war mir desto verdrießlicher, weil wohl nie ein

Barometer größere Reisen mitgemacht hat. Ich hatte dasselbe schon seit

drei Jahren in Europa in den Gebirgen von Steiermark, Frankreich und

Spanien, in Amerika auf dem Wege von Cumana an den obern Orinoco

geführt. Das Land zwischen Javita, Vasiva und Esmeralda ist eine weite

Ebene, und da ich an den beiden ersteren Orten den Barometer beobachtet

habe, so kann ich mich hinsichtlich der absoluten Höhe der Savanen am

Sodomoni höchstens um 15—20 Toisen irren. Der Cerro Duida steht an Höhe

dem St. Gotthard und der Silla bei Caracas am Küstenland von Venezuela

nur wenig (kaum 80—100 Toisen) nach. Er gilt auch hier zu Lande für

einen colossalen Berg, woraus wir ziemlich sicher auf die mittlere Höhe

der Sierra Parime und aller Berge im östlichen Amerika schließen können.

Oestlich von der Sierra Nevada de Merida, sowie südöstlich vom Paramo de

las Rosas erreicht keine der Bergketten, die in der Richtung eines

Parallels streichen, die Höhe des Centralkamms der Pyrenäen. Der

Granitgipfel des Duida fällt so steil ab, daß die Indianer vergeblich

versucht haben hinaufzukommen. Bekanntlich sind gar nicht hohe Berge oft

am unzugänglichsten. Zu Anfang und zu Ende der Regenzeit sieht man auf

der Spitze des Duida kleine Flammen, und zwar, wie es scheint, nicht

immer am selben Ort. Wegen dieser Erscheinung, die bei den

übereinstimmenden Aussagen nicht wohl in Zweifel zu ziehen ist, hat man

den Berg mit Unrecht einen Vulkan genannt. Da er ziemlich isolirt liegt,

könnte man denken, der Blitz zünde zuweilen das Strauchwerk an; dieß

erscheint aber unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie schwer in diesem

nassen Klima die Gewächse brennen. Noch mehr: man versichert, es zeigen

sich oft kleine Flammen an Stellen, wo das Gestein kaum mit Rasen

bedeckt scheint; auch beobachte man ganz ähnliche Feuererscheinungen,

und zwar an Tagen ohne alles Gewitter, am Gipfel des Guaraco oder

Murcielago, eines Hügels gegenüber der Mündung des Rio Tamatama auf dem

südlichen Ufer des Orinoco. Dieser Hügel erhebt sich kaum 100 Toisen

über die umliegende Ebene. Sind die Aussagen der Eingeborenen begründet,

so rühren beim Duida und dem Guaraco die Flammen wahrscheinlich von

einer unterirdischen Ursach her; denn man sieht dergleichen niemals auf

den hohen Bergen am Rio Jao und am Berg Maraguaca, um den so oft die

Gewitter toben. Der Granit des Cerro Duida ist von theils offenen,

theils mit Quarzkrystallen und Kiesen gefüllten Gängen durchzogen Durch

dieselben mögen gasförmige, brennbare Emanationen (Wasserstoff oder

Naphta) aufsteigen. In den Gebirgen von Caramanien, im Hindu-Khu und im

Himalaya sind dergleichen Erscheinungen häufig. In vielen Landstrichen

des östlichen Amerika, die den Erdbeben ausgesetzt sind, sieht man sogar

(wie am Cuchivano bei Cumanacoa)[^36] aus secundären Gebirgsbildungen

Flammen aus dem Boden brechen. Dieselben zeigen sich, wenn der erste

Regen auf den von der Sonne stark erhitzten Boden fällt, oder wenn

dieser nach starken Niederschlägen wieder zu trocknen anfängt. Die

Grundursach dieser Feuererscheinungen ist in ungeheurer Tiefe, weit

unter den secundären Formationen, in den Urgebirgsarten zu suchen; der

Regen und die Zersetzung des atmosphärischen Wassers spielen dabei nur

eine untergeordnete Rolle. Die heißesten Quellen in der Welt kommen

unmittelbar aus dem Granit; das Steinöl quillt aus dem Glimmerschiefer;

in Encaramada zwischen den Flüssen Arauca und Cuchivero, mitten auf dem

Granitboden der Sierra Parime am Orinoco, hört man furchtbares Getöse.

Hier, wie überall auf dem Erdball, liegt der Herd der Vulkane in den

ältesten Bildungen, und zwischen den großen Phänomenen, wobei die Rinde

unseres Planeten emporgehoben und geschmolzen wird, und den

Feuermeteoren, die sich zuweilen an der Oberfläche zeigen und die man,

ihrer Unbedeutendheit wegen, nur atmosphärischen Einflüssen zuschreiben

möchte, scheint ein Causalzusammenhang zu bestehen.

Der Duida hat zwar nicht die Höhe, welche der Volksglaube ihm

zuschreibt, er ist aber im ganzen Bergstock zwischen Orinoco und

Amazonenstrom der beherrschende Punkt. Diese Berge fallen gegen

Nordwest, gegen den Puruname, noch rascher ab als gegen Ost, gegen den

Padamo und den Rio Ocamo. In der ersteren Richtung sind die höchsten

Gipfel nach dem Duida der Cuneva, an den Quellen des Rio Paru (eines

Nebenflusses des Ventuari), der Sipapo, der Calitamini, der mit dem

Cunavami und dem Pic Uniana zu Einer Gruppe gehört. Ostwärts vom Duida

zeichnen sich durch ihre Höhe aus, am rechten Ufer des Orinoco der

Maravaca oder die Sierra Maraguaca zwischen dem Rio Caurimoni und dem

Padamo, auf dem linken Ufer die Berge von Guanaja und Yumariquin

zwischen den Flüssen Amaguaca und Gehette. Ich brauche kaum noch einmal

zu bemerken, daß die Linie, welche über diese hohen Gipfel läuft (wie in

den Pyrenäen, den Karpathen und so vielen Bergketten der alten Welt),

keineswegs mit der Wasserscheide zusammenfällt. Die Wasserscheide

zwischen den Zuflüssen des untern und des obern Orinoco schneidet den

Meridian von 64° unter dem vierten Grad der Breite. Sie läuft zuerst

zwischen den Quellen des Rio Branco und des Carony durch und dann nach

Nordwest, so daß die Gewässer des Padamo, Jao und Ventuari nach Süd, die

Gewässer des Arui, Caura und Cuchivero nach Nord fließen.

Man kann von Esmeralda den Orinoco gefahrlos hinausfahren bis zu den

Katarakten, an denen die Guaicas-Indianer sitzen, welche die Spanier

nicht weiter hinauf kommen lassen; es ist dieß eine Fahrt von sechs und

einem halben Tag. In den zwei ersten kommt man an den Einfluß des Rio

Padamo, nachdem man gegen Nord die kleinen Flüsse Tamatama, Sodomoni,

Guapo, Caurimoni und Simirimoni, gegen Süd dem Einfluß des Cuca zwischen

dem Hügel Guaraco, der Flammen auswerfen soll, und dem Cerro Canelilla,

hinter sich gelassen. Auf diesem Strich bleibt der Orinoco 300—400

Toisen breit. Auf dem rechten Ufer kommen mehr Flüsse herein, weil sich

an dieser Seite die hohen Berge Duida und Maraguaca hinziehen, auf

welchen sich die Wolken lagern, während das linke Ufer niedrig ist und

an die Ebene stößt, die im Großen gegen Südwest abfällt. Prachtvolle

Wälder mit Bauholz bedecken die nördlichen Cordilleren. In diesem

heißen, beständig feuchten Landstrich ist das Wachsthum so stark, daß es

Stämme von Bombax Ceiba von 16 Fuß Durchmesser gibt. Der Rio Padamo oder

Patamo, über den früher die Missionäre am obern Orinoco mit denen am Rio

Caura verkehrten, ist für die Geographen zu einer Quelle von Irrthümern

geworden. Pater Caulin nennt ihn Macoma und setzt einen andern Rio

Patamo zwischen den Punkt der Gabeltheilung des Orinoco und einen Berg

Ruida, womit ohne Zweifel der Cerro Duida gemeint ist. Surville läßt den

Padamo sich mit dem Rio Ocamo (Ucamu) verbinden, der ganz unabhängig von

ihm ist; auf der großen Karte von La Cruz endlich ist ein kleiner

Nebenfluß des Orinoco, westlich von der Gabeltheilung, als Rio Padamo

bezeichnet und der eigentliche Fluß dieses Namens heißt Rio Maquiritari.

Von der Mündung dieses Flusses, der ziemlich breit ist, kommen die

Indianer in einem und einem halben Tag an den Rio Mavaca, der in den

hohen Gebirgen von Unturan entspringt, von denen oben die Rede war.[^37]

Der Trageplatz zwischen den Quellen dieses Nebenflusses und denen des

Jdapa oder Siapa hat zu der Fabel vom Zusammenhang des Jdapa mit dem

obern Orinoco Anlaß gegeben. Der Rio Mavaca steht mit einem See in

Verbindung, an dessen Ufer die Portugiesen, ohne Vorwissen der Spanier

in Esmeralda, vom Rio Negro her kommen, um die aromatischen Samen des

Laurus Pucheri zu sammeln, die im Handel als Pichurimbohne und Toda

Specie bekannt sind. Zwischen den Mündungen des Padamo und des Mavaca

nimmt der Orinoco von Nord her den Ocamo aus, in den sich der Rio

Matacona ergießt. An den Quellen des letzteren Flusses wohnen die

Guainares, die lange nicht so stark kupferfarbig oder braun sind als die

übrigen Bewohner dieser Länder. Dieser Stamm gehört zu denen, welche bei

den Missionären Indios blancas heißen, und über die ich bald mehr sagen

werde. An der Mündung des Ocamo zeigt man den Reisenden einen Fels, der

im Lande für ein Wunder gilt. Es ist ein Granit, der in Gneiß übergeht,

ausgezeichnet durch die eigenthümliche Vertheilung des schwarzen

Glimmers, der kleine verzweigte Adern bildet. Die Spanier nennen den

Fels piedra mapaya (Landkartenstein).

Ueber dem Einfluß des Mavaca nimmt der Orinoco an Breite und Tiefe auf

einmal ab. Sein Lauf wird sehr gekrümmt, wie bei einem Alpstrom. An

beiden Ufern stehen Gebirge; von Süden her kommen jetzt bedeutend mehr

Gewässer herein, indessen bleibt die Cordillere im Norden am höchsten.

Von der Mündung des Mavaca bis zum Rio Gehette sind es zwei Tagereisen,

weil die Fahrt sehr beschwerlich ist und man oft, wegen zu seichten

Wassers, die Pirogue am Ufer schleppen muß. Auf dieser Strecke kommen

von Süd der Daracapo und der Amaguaca herein; sie laufen nach West und

Ost um die Berge von Guanaya und Yumariquin herum, wo man die Früchte

der Bertholletia sammelt. Von den Bergen gegen Nord, deren Höhe vom

Cerro Maraguaca an allmählich abnimmt, kommt der Rio Manaviche herab. Je

weiter man auf dem Orinoco hinaufkommt, desto häufiger werden die

Krümmungen und die kleinen Stromschnellen (chorros y remolinos). Man

läßt links den Caño Chiguire, an dem die Guaicas, gleichfalls ein Stamm

weißer Indianer, wohnen, und zwei Meilen weiter kommt man zur Mündung

des Gehette, wo sich ein großer Katarakt befindet. Ein Damm von

Granitfelsen läuft über den Orinoco; dieß sind die Säulen des Hercules,

über die noch kein Weißer hinausgekommen ist. Dieser Punkt, der

sogenannte Raudal de Guaharibos, scheint ¾ Grad ostwärts von Esmeralda,

also unter 67°38′ der Länge zu liegen. Durch eine militärische

Expedition, die der Commandant von San Carlos, Don Francisco Bovadilla,

unternommen, um die Quellen des Orinoco aufzusuchen, hat man die

genauesten Nachrichten über die Katarakten der Guaharibos. Er hatte

erfahren, daß Neger, welche in holländisch Guyana entsprungen, nach West

(über die Landenge zwischen den Quellen des Rio Carony und des Rio

Branco hinaus) gelaufen seyen und sich zu unabhängigen Indianern gesellt

haben. Er unternahm eine Entrada (Einfall) ohne Erlaubniß des

Statthalters; der Wunsch, afrikanische Sklaven zu bekommen, die zur

Arbeit besser taugen als die kupferfarbigen Menschen, war dabei ungleich

stärker im Spiel, als der Eifer für die Förderung der Erdkunde. Ich

hatte in Esmeralda und am Rio Negro Gelegenheit, mehrere sehr

verständige Militärs zu befragen, die den Zug mitgemacht. Bovadilla kam

ohne Schwierigkeit bis zum kleinen Raudal dem Gehette gegenüber; aber am

Fuß des Felsdamms, welcher den großen Katarakt bildet, wurde er

unversehens, während des Frühstücks, von den Guaharibos und den Guaicas

überfallen, zwei kriegerischen und wegen der Stärke des Curare, mit dem

sie ihre Pfeile vergiften, vielberufenen Stämmen. Die Indianer besetzten

die Felsen mitten im Fluß. Sie sahen keine Bogen in den Händen der

Spanier, von Feuergewehr wußten sie nichts, und so gingen sie Leuten zu

Leibe, die sie für wehrlos hielten. Mehrere Weiße wurden gefährlich

verwundet, und Bovadilla mußte die Waffen brauchen. Es erfolgte ein

furchtbares Gemetzel unter den Eingeborenen, aber von den holländischen

Negern, die sich hieher geflüchtet haben sollten, wurde keiner gefunden.

Trotz des Sieges, der ihnen nicht schwer geworden, wagten es die Spanier

nicht, in gebirgigtem Land auf einem tief eingeschnittenen Flusse weiter

gegen Ost hinaufzugehen.

Die Guaharibos blancos haben über den Katarakt aus Lianen eine Brücke

geschlagen, die an den Felsen befestigt ist, welche sich, wie meistens

in den Pongos im obern Maragnon, mitten aus dem Flußbett erheben. Diese

Brücke, die sämmtliche Einwohner in Esmeralda wohl kennen, scheint zu

beweisen, daß der Orinoco an dieser Stelle bereits ziemlich schmal ist.

Die Indianer geben seine Breite meist nur zu 200—300 Fuß an; sie

behaupten, oberhalb des Raudals der Guaharibos sey der Orinoco kein Fluß

mehr, sondern ein Riachuelo (ein Bergwasser), wogegen ein sehr

unterrichteter Geistlicher, Fray Juan Gonzales, der das Land besucht

hat, mich versicherte, da, wo man den weiteren Lauf des Orinoco nicht

mehr kenne, sey er immer noch zu zwei Drittheilen so breit als der Rio

Negro bei San Carlos. Letztere Angabe scheint mir unwahrscheinlicher;

ich gebe aber nur wieder, was ich in Erfahrung bringen konnte, und

spreche über nichts ab. Nach den vielen Messungen, die ich vorgenommen,

weiß ich gut, wie leicht man sich hinsichtlich der Größe der Flußbetten

irren kann. Ueberall erscheinen die Flüsse breiter oder schmaler, je

nachdem sie von Bergen oder von Ebenen umgeben, frei oder voll Rissen,

von Regengüssen geschwellt oder nach langer Trockenheit wasserarm sind.

Es verhält sich übrigens mit dem Orinoco wie mit dem Ganges, dessen Lauf

nordwärts von Gangutra nicht bekannt ist; auch hier glaubt man wegen der

geringen Breite des Flusses, der Punkt könne nicht weit von der Quelle

liegen.

Im Felsdamm, der über den Orinoco läuft und den Raudal der Guaharibos

bildet, wollen spanische Soldaten die schöne Art Saussurit (den

Amazonenstein), von dem oben die Rede war, gefunden haben. Es ist dieß

eine sehr zweifelhafte Geschichte, und die Indianer, die ich darüber

befragt, versicherten mich, die grünen Steine, die man in Esmeralda

Piedras de Macagua nennt, seyen von den Guaicas und Guaharibos gekauft,

die mit viel weiter ostwärts lebenden Horden Handel treiben. Es geht mit

diesen Steinen, wie mit so vielen andern kostbaren Produkten beider

Indien. An den Küsten, einige hundert Meilen weit weg, nennt man das

Land, wo sie vorkommen, mit voller Bestimmtheit; kommt man aber mit Mühe

und Noth in dieses Land, so zeigt es sich, daß die Eingeborenen das

Ding, das man sucht, nicht einmal dem Namen nach kennen. Man könnte

glauben, die Amulette aus Saussurit, die man bei den Indianern am Rio

Negro gefunden, kommen vom untern Amazonenstrom, und die, welche man

über die Missionen am obern Orinoco und Rio Carony bezieht, aus einem

Landstrich zwischen den Quellen des Essequebo und des Rio Branco.

Indessen haben weder der Chirurg Hortsmann, ein gebotener Hildesheimer,

noch Don Antonio Santos, dessen Reisetagebuch mir zu Gebot stand, den

Amazonenstein auf der Lagerstätte gesehen, und es ist eine ganz

grundlose, obgleich in Angostura stark verbreitete Meinung, dieser Stein

komme in weichem, teigigtem Zustand aus dem kleinen See Amucu, aus dem

man die Laguna del Dorado gemacht hat. So ist denn in diesem östlichen

Strich von Amerika noch eine schöne geognostische Entdeckung zu machen,

nämlich im Urgebirg ein Euphotidgestein (Gabbro) aufzufinden, das die

Piedra de Macagna enthält.

Ich gebe hier einigen Aufschluß über die Indianerstämme von weißlichter

Hautfarbe und sehr kleinem Wuchs, die alte Sagen seit Jahrhunderten an

die Quellen des Orinoco setzen. Ich hatte Gelegenheit, in Esmeralda

einige zu sehen, und kann versichern, daß man die Kleinheit der Guaicas

und die Weiße der Guaharibos, die Pater Caulin Guaribos blancos nennt,

in gleichem Maasse übertrieben hat. Die Guaicas, die ich gemessen,

messen im Durchschnitt 4 Fuß 7 Zoll bis 4 Fuß 8 Zoll (nach altem

französischem Maß). Man behauptet, der ganze Stamm sey so ausnehmend

klein; man darf aber nicht vergessen, daß das, was man hier einen Stamm

nennt, im Grunde nur eine einzige Familie ist. Wo alle Vermischung mit

Fremden ausgeschlossen ist, pflanzen sich Spielarten und Abweichungen

vom gemeinsamen Typus leichter fort. Nach den Guaicas sind die Guainares

und die Poignaves die kleinsten unter den Indianern. Es ist sehr

auffallend, daß alle diese Völkerschaften neben den Caraiben wohnen, die

von ungemein hohem Wuchse sind. Beide leben im selben Klima und haben

dieselben Nahrungsmittel. Es sind Racenspielarten, deren Bildung ohne

Zweifel weit über die Zeit hinausreicht, wo diese Stämme (große und

kleine, weißlichte und dunkelbraune) sich neben einander niedergelassen.

Die vier weißesten Nationen am obern Orinoco schienen mir die Guaharibos

am Rio Gehette, die Guainares am Ocomo, die Guaicas am Caño Chiguire und

die Maquiritares an den Quellen des Padamo, des Jao und des Ventuari. Da

Eingeborene mit weißlichter Haut unter einem glühenden Himmel und mitten

unter sehr dunkelfarbigen Völkern eine auffalIende Erscheinung sind, so

haben die Spanier zur Erklärung derselben zwei sehr gewagte Hypothesen

aufgebracht. Die einen meinen, Holländer aus Surinam und vom Rio

Essequebo mögen sich mit Guaharibos und Guainares vermischt haben;

andere behaupten aus Haß gegen die Kapuziner am Carony und die

Observanten am Orinoco, diese weißlichten Indianer seyen, was man in

Dalmatien Muso di frate nennt, Kinder, deren eheliche Geburt einigem

Zweifel unterliegt. In beiden Fällen wären die Indios blancos Mestizen,

Abkömmlinge einer Indianerin und eines Weißen. Ich habe aber Tausende

von Mestizen gesehen und kann behaupten, daß die Vergleichung durchaus

unrichtig ist. Die Individuen der weißlichten Stämme, die wir zu

untersuchen Gelegenheit hatten, haben die Gesichtsbildung, den Wuchs,

die schlichten, glatten, schwarzen Haare, wie sie allen andern Indianern

zukommen. Unmöglich könnte man sie für Mischlinge halten, ähnlich den

Abkömmlingen von Eingeborenen und Europäern. Manche sind dabei sehr

klein, andere haben den gewöhnlichen Wuchs der kupferrothen Indianer.

Sie sind weder schwächlich, noch kränklich, noch Albinos; sie

unterscheiden sich von den kupferfarbigen Stämmen allein durch weit

weniger dunkle Hautfarbe. Nach diesen Bemerkungen braucht man den weiten

Weg vom obern Orinoco zum Küstenland, auf dem die Holländer sich

niedergelassen, gar nicht in Anschlag zu bringen. Ich läugne nicht, daß

man Abkömmlinge entlaufener Neger (negros alzados de palenque) unter den

Caraiben an den Quellen des Essequebo gefunden haben mag; aber niemals

ist ein Weißer von den Ostküsten so tief in Guyana hinein, an den Rio

Gehette und an den Ocamo gekommen. Noch mehr: so auffallend es

erscheinen mag, daß Völkerschaften mit weißlichter Haut östlich von

Esmeralda neben einander wohnen, so ist doch soviel gewiß, daß man auch

in andern Ländern Amerikas Stämme gefunden hat, die sich von ihren

Nachbarn durch weit weniger dunkle Hautfarbe unterscheiden. Dahin

gehören die Arivirianos und Maquiritares am Rio Ventuario und am Padamo,

die Paudacotos und Paravenas am Erevato, die Viras und Ariguas am Caura,

die Mologagos in Brasilien und die Guayanas am Uruguay.[^38]

Alle diese Erscheinungen verdienen desto mehr Aufmerksamkeit, als sie

den großen Zweig der amerikanischen Völker betreffen, den man

gemeiniglich dem am Pole lebenden Zweig, den Eskimo-Tschugasen,

entgegenstellt, deren Kinder weiß sind und die mongolisch gelbe Farbe

erst durch den Einfluß der Luft und der Feuchtigkeit annehmen. In Guyana

sind die Horden, welche mitten in den dichtesten Wäldern leben, meist

nicht so dunkel als solche, welche an den Ufern des Orinoco Fischfang

treiben. Aber dieser unbedeutende Unterschied, der ja auch in Europa

zwischen den städtischen Handwerkern und den Landbauern oder

Küstenfischern vorkommt, erklärt keineswegs das Phänomen der Indios

blancos, die Existenz von Indianerstämmen mit einer Haut wie die der

Mestizen. Dieselben sind von andern Waldindianern (Indios del monte)

umgeben, die, obgleich ganz den nämlichen physischen Einflüssen

ausgesetzt, braunroth sind. Die Ursachen dieser Erscheinungen liegen in

der Zeit sehr weit rückwärts, und wir sagen wieder mit Tacitus: »Est

durans originis vis.«

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 7 / 29 段