In Europa wird die Untersuchung der Eigenschaften der Gifte der neuen

Welt eine schöne Aufgabe für Chemie und Physiologie seyn, wenn man sich

einmal bei stärkerem Verkehr aus den Ländern, wo sie bereitet werden,

und so, daß sie nicht zu verwechseln sind, all die Gifte verschaffen

kann, das Curare de Bejuco, das Curare de Raiz, und die verschiedenen

Sorten vom Amazonenstrom, vom Guallaga und aus Brasilien. Da die Chemie

die reine Blausäure und so viele neue sehr giftige Stoffe entdeckt hat,

wird man in Europa hinsichtlich der Einführung dieser von wilden Völkern

bereiteten Gifte nicht mehr so ångstlich seyn; indessen kann man doch

allen, die in sehr volkreichen Städten (den Mittelpunkten der Cultur,

des Elends und der Sittenverderbniß) so heftig wirkende Stoffe in Händen

haben, nicht genug Vorsicht empfehlen. Was unsere botanische Kenntniß

der Gewächse betrifft, aus denen Gift bereitet wird, so werden sie sich

nur äußerst langsam berichtigen. Die meisten Indianer, die sich mit der

Verfertigung vergifteter Pfeile abgeben, sind mit dem Wesen der giftigen

Substanzen, die sie aus den Händen anderer Völker erhalten, völlig

unbekannt. Ueber der Geschichte der Gifte und Gegengifte liegt überall

der Schleier des Geheimnisses. Ihre Bereitung ist bei den Wilden Monopol

der Piaches, die zugleich Priester, Gaukler und Aerzte sind, und nur von

den in die Missionen versetzten Eingeborenen kann man über diese

räthselhaften Stoffe etwas Sicheres erfahren. Jahrhunderte vergingen,

ehe Mutis’ Beobachtungsgeist die Europäer mit dem Bejuco del Guaco

(Mikania Guako) bekannt machte, welch das kräftigste Gegengift gegen den

Schlangenbiß ist und das wir zuerst botanisch beschreiben konnten.

In den Missionen herrscht allgemein die Meinung, Rettung sey unmöglich,

wenn das Curare frisch und stark eingedickt und so lange in der Wunde

geblieben ist, daß viel davon in den Blutlauf übergegangen. Unter allen

Gegenmitteln, die man am Orinoco und (nach Leschenault) im indischen

Archipel braucht, ist das salzsaure Natron das verbreitetste.[^31] Man

reibt die Wunde mit dem Salz und nimmt es innerlich. Ich selbst kenne

keinen gehörig beglaubigten Fall, der die Wirksamkeit des Mittels

bewiese, und Magendies und Delilles Versuche sprechen vielmehr dagegen.

Am Amazonenstrom gilt der Zucker für das beste Gegengift, und da das

salzsaure Natron den Indianern in den Wäldern fast ganz unbekannt ist,

so ist wahrscheinlich der Bienenhonig und der mehligte Zucker, den die

an der Sonne getrockneten Bananen ausschwitzen, früher in ganz Guyana zu

diesem Zweck gebraucht worden. Ammoniak und Lucienwasser sind ohne

Erfolg gegen das Curare versucht worden; man weiß jetzt, wie

unzuverlässig diese angeblichen specifischen Mittel auch gegen

Schlangenbiß sind. Sir Everard Home hat dargethan, daß man die Heilung

meist einem Mittel zuschreibt, während sie nur erfolgt ist, weil die

Verwundung unbedeutend und die Wirkung des Giftes eine sehr beschränkte

war. Man kann Thiere ohne Schaden mit vergifteten Pfeilen verwunden,

wenn die Wunde offen bleibt und man die vergiftete Spitze nach der

Verwundung sogleich zurückzieht. Wendet man in solchen Fällen Salz oder

Zucker an, so wird man verführt, sie für vortreffliche specifische

Mittel zu halten. Nach der Schilderung von Indianern, die im Krieg mit

Waffen, die in Curare getaucht gewesen, verwundet worden, sind die

Symptome ganz ähnlich wie beim Schlangenbiß. Der Verwundete fühlt

Congestionen gegen den Kopf, und der Schwindel nöthigt ihn, sich

niederzusetzen; sodann Uebelseyn, wiederholtes Erbrechen, brennender

Durst und das Gefühl von Pelzigtseyn am verwundeten Körpertheil.

Dem alten Indianer, dem Giftmeister, schien es zu schmeicheln, daß wir

ihm bei seinem Laboriren mit so großem Interesse zusahen. Er fand uns so

gescheit, daß er nicht zweifelte, wir könnten Seife machen; diese Kunst

erschien ihm, nach der Bereitung des Curare, als eine der schönsten

Erfindungen des menschlichen Geistes. Als das flüssige Gift in die zu

seiner Aufnahme bestimmten Gefässe gegossen war, begleiteten wir den

Indianer zum Juvias-Feste. Man feierte durch Tänze die Ernte der Juvias,

der Früchte der Bertholletia excelsa, und überließ sich der rohesten

Völlerei. In der Hütte, wo die Indianer seit mehreren Tagen

zusammenkamen, sah es ganz seltsam aus. Es waren weder Tische noch Bänke

darin, aber große gebratene, vom Rauch geschwärzte Affen sah man

symmetrisch an die Wand gelehnt. Es waren Marimondas (Ateles Belzebuth)

und die bärtigen sogenannten Kapuzineraffen, die man nicht mit dem Machi

oder Saï (Buffons Simia capucina) verwechseln darf. Die Art, wie diese

menschenähnlichen Thiere gebraten werden, trägt viel dazu bei, wenn ihr

Anblick dem civilisirten Menschen so widerwärtig ist. Ein kleiner Rost

oder Gitter aus sehr hartem Holz wird einen Fuß über dem Boden

befestigt. Der abgezogene Affe wird zusammengebogen, als säße er; meist

legt man ihn so, daß er sich auf seine langen, mageren Arme stützt,

zuweilen kreuzt man ihm die Hände auf dem Rücken. Ist er auf dem Gitter

befestigt, so zündet man ein helles Feuer darunter an. Flammen und Rauch

umspielen den Affen und er wird zugleich gebraten und berußt.[^32] Sieht

man nun die Eingeborenen Arm oder Bein eines gebratenen Affen verzehren,

so kann man sich kaum des Gedankens erwehren, die Gewohnheit, Thiere zu

essen, die im Körperbau dem Menschen so nahe stehen, möge in gewissem

Grade dazu beitragen, daß die Wilden so wenig Abscheu vor dem Essen von

Menschenfieisch haben. Die gebratenen Affen, besonders solche mit sehr

rundem Kopf, gleichen auf schauerliche Weise Kindern, daher auch

Europäer, wenn sie sich von Vierhändern nähren müssen, lieber Kopf und

Hände abschneiden und nur den Rumpf auftragen lassen. Das Affenfleisch

ist so mager und trocken, daß Bonpland in seinen Sammlungen in Paris

einen Arm und eine Hand aufbewahrt hat, die in Esmeralda am Feuer

geröstet worden; nach vielen Jahren rochen diese Theile nicht im

Geringsten.

Wir sahen die Indianer tanzen. Der Tanz ist um so einförmiger, da die

Weiber nicht daran Theil nehmen dürfen. Die Männer, alt und jung, fassen

sich bei den Händen, bilden einen Kreis und drehen sich so, bald rechts,

bald links, stundenlang, in schweigsamem Ernst. Meist machen die Tänzer

selbst die Musik dazu. Schwache Töne, auf einer Reihe von Rohrstücken

von verschiedener Länge geblasen, bilden eine langsame, melancholische

Begleitung. Um den Takt anzugeben, beugt der Vortänzer im Rhythmus beide

Kniee. Zuweilen bleiben alle stehen und machen kleine schwingende

Bewegungen, indem sie den Körper seitlich hin und her werfen. Jene in

eine Reihe geordneten und zusammengebundenen Rohrstücke gleichen der

Pansflöte, wie wir sie bei bacchischen Aufzügen auf großgriechischen

Vasen abgebildet sehen. Es ist ein höchst einfacher Gedanke, der allen

Völkern kommen mußte, Rohre von verschiedener Länge zu vereinigen und

sie nach einander, während man sie an den Lippen vorbeiführt,

anzublasen. Nicht ohne Verwunderung sahen wir, wie rasch junge Indianer,

wenn sie am Fluß Rohr (carices) fanden, dergleichen Pfeifen schnitten

und stimmten. In allen Himmelsstrichen leisten diese Gräser mit hohem

Halme den Menschen im Naturzustand mancherlei Dienste. Die Griechen

sagten mit Recht, das Rohr sey ein Mittel gewesen zur Unterjochung der

Völker, weil es Pfeile liefere, zur Milderung der Sitten durch den Reiz

der Musik, zur Geistesentwicklung, weil es das erste Werkzeug geboten,

mit dem man Buchstaben geschrieben. Diese verschiedenen Verwendungsarten

des Rohrs bezeichnen gleichsam drei Abschnitte im Leben der Völker. Die

Horden am Orinoco stehen unläugbar auf der untersten Stufe einer

beginnenden Culturentwicklung. Das Rohr dient ihnen nur zu Krieg und

Jagd und Pans Flöte sind auf jenen fernen Ufern noch keine Töne entlockt

worden, die sanfte, menschliche Empfindungen wecken können.

In der Festhütte fanden wir verschiedene vegetabilische Produkte, welche

die Indianer aus den Bergen von Guanaya mitgebracht und die unsere ganze

Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Ich verweile hier nur bei der Frucht

des Juvia, bei den Rohren von ganz ungewöhnlicher Länge und bei den

Hemden aus der Rinde des Marimabaums. Der Almendron oder Juvia, einer

der großartigsten Bäume in den Wäldern der neuen Welt, war vor unserer

Reise an den Rio Negro so gut wie unbekannt. Vier Tagreisen östlich von

Esmeralda, zwischen dem Padamo und dem Ocamo am Fuß des Cerro Mapaya, am

rechten Ufer des Orinoco, tritt er nach und nach auf; noch häufiger ist

er auf dem linken Ufer beim Cerro Guanaya zwischen dem Rio Amaguaca und

dem Gehette. Die Einwohner von Esmeralda versicherten uns, oberhalb des

Gehette und des Chiguire werde der Juvia und der Cacaobaum so gemein,

daß die wilden Indianer (die Guaicas und Guaharibos blancos) die

Indianer aus den Missionen ungestört die Früchte sammeln lassen. Sie

mißgönnen ihnen nicht, was ihnen die Natur auf ihrem eigenen Grund und

Boden so reichlich schenkt. Kaum noch hat man es am obern Orinoco

versucht, den Almendron fortzupflanzen. Die Trägheit der Einwohner läßt

es noch weniger dazu kommen als der Umstand, daß das Oel in den

mandelförmigen Samen so schnell ranzigt wird. Wir fanden in der Mission

San Carlos nur drei Bäume und in Esmeralda zwei. Die majestätischen

Stämme waren acht bis zehn Jahre alt und hatten noch nicht geblüht. Wie

oben erwähnt, fand Bonpland Almendrons unter den Bäumen am Ufer des

Cassiquiare in der Nähe der Stromschnellen von Cananivacari.

Schon im sechzehnten Jahrhundert sah man in Europa, nicht die große

Steinfrucht in der Form einer Cocosnuß, welche die Mandeln enthält, wohl

aber die Samen mit holzigter dreieckigter Hülle. Ich erkenne diese auf

einer ziemlich mangelhaften Zeichnung des Clusius. Dieser Botaniker

nennt sie Almendras del Peru, vielleicht weil sie als eine sehr seltene

Frucht an den obern Amazonenstrom und von dort über die Cordilleren nach

Quito und Peru gekommen waren. Jean de Laet’s Novus Orbis, in dem ich

die erste Nachricht vom Kuhbaum fand, enthält auch eine Beschreibung und

ganz richtige Abbildung des Samens der Bertholletia. Laet nennt den Baum

Totocke und erwähnt der Steinfrucht von der Größe eines Menschenkopfs,

welche die Samen enthält. Diese Früchte, erzählt er, seyen so ungemein

schwer, daß die Wilden es nicht leicht wagen, die Wälder zu betreten,

ohne Kopf und Schultern mit einem Schild aus sehr hartem Holz zu

bedenken. Von solchen Schilden wissen die Eingeborenen in Esmeralda

nichts, wohl aber sprachen sie uns auch davon, daß es gefährlich sey,

wenn die Früchte reifen und 50 bis 60 Fuß hoch herabfallen. In Portugal

und England verkauft man die dreieckigten Samen des Juvia unter dem

unbestimmten Namen Kastanien (Castañas) oder Nüsse aus Brasilien und vom

Amazonenstrom, und man meinte lange, sie wachsen, wie die Frucht der

Pekea, einzeln auf Fruchtstielen. Die Einwohner von Gran-Para treiben

seit einem Jahrhundert einen ziemlich starken Handel damit. Sie schicken

sie entweder direkt nach Europa oder nach Cayenne, wo sie Touka heißen.

Der bekannte Botaniker Correa de Serra sagte uns, der Baum sey in den

Wäldern bei Macapa an der Mündung des Amazonenstroms sehr häufig und die

Einwohner sammeln die Mandeln, wie die der Lecythis, um Oel daraus zu

schlagen. Eine Ladung Juviamandeln, die im Jahr 1807 in Havre einlief

und von einem Caper aufgebracht war, wurde gleichfalls so benützt.

Der Baum, von dem die die »brasilianischen Kastanien« kommen, ist meist

nur 2 bis 3 Fuß dick, wird aber 100 bis 120 Fuß hoch. Er hat nicht den

Habitus der Mammea, des Sternapfelbaums und verschiedener anderer

tropischer Bäume, bei denen die Zweige (wie bei den Lorbeeren der

gemäßigten Zone) fast gerade gen Himmel stehen. Bei der Bertholletia

stehen die Aeste weit auseinander, sind sehr lang, dem Stamm zu fast

blätterlos und an der Spitze mit dichten Laubbüscheln besetzt. Durch

diese Stellung der halb lederartigen, unterhalb leicht silberfarbigen,

über zwei Fuß langen Blätter beugen sich die Aeste abwärts, wie die

Wedel der Palmen. Wir haben den majestätischen Baum nicht blühen sehen.

Er setzt vor dem fünfzehnten Jahr keine Blüthen an, und dieselben

brechen zu Ende März oder Anfangs April auf. Die Früchte reifen gegen

Ende Mai, und an manchen Stämmen bleiben sie bis in den August hängen.

Da dieselben so groß sind wie ein Kindskopf und oft 12 bis 13 Zoll

Durchmesser haben, so fallen sie mit gewaltigem Geräusch vom Baumgipfel.

Ich weiß nichts, woran einem die wunderbare Kraft des organischen Lebens

im heißen Erdstrich augenfälliger entgegenträte, als der Anblick der

mächtigen holzigten Fruchthüllen, z. B. des Cocosbaums (Lodoicea) unter

den Monocotyledonen, und der Bertholletia und der Lecythis unter den

Dicotyledonen. In unsern Klimaten bringen allein die Kürbisarten

innerhalb weniger Monate Früchte von auffallender Größe hervor; aber

diese Früchte sind fleischigt und saftreich. Unter den Tropen bildet die

Bertholletia innerhalb 50 bis 60 Tagen eine Fruchthülle, deren holzigter

Theil einen halben Zoll dick und mit den schärfsten Werkzeugen kaum zu

durchsägen ist. Ein bedeutender Naturforscher (Richard) hat bereits die

Bemerkung gemacht, daß das Holz der Früchte meist so hart wird, wie das

Holz der Baumstämme nur selten. Die Fruchthülle der Bertholletia zeigt

die Rudimente von vier Fächern; zuweilen habe ich ihrer auch fünf

gefunden. Die Samen haben zwei scharf gesonderte Hüllen, und damit ist

der Bau der Frucht complicirter als bei den Lecythis-, Pekea- und

Saouvari-Arten. Die erste Hülle ist beinartig oder holzigt, dreieckigt,

außen höckerigt und zimmtfarbig. Vier bis fünf, zuweilen acht solcher

dreieckigten Nüsse sind an einer Scheidewand befestigt. Da sie sich mit

der Zeit ablösen, liegen sie frei in der großen kugligten Fruchthülle.

Die Kapuzineraffen (Simia chiropotes) lieben ungemein die

»brasilianischen Kastanien,« und schon das Rasseln der Samen, wenn man

die Frucht, wie sie vom Baum fällt, schüttelt, macht die Eßlust dieser

Thiere in hohem Grade rege. Meist habe ich nur 15 bis 22 Nüsse in einer

Frucht gefunden. Der zweite Ueberzug der Mandeln ist häutig und

braungelb. Der Geschmack derselben ist sehr angenehm, so lange sie

frisch sind; aber das sehr reichliche Oel, durch das sie ökonomisch so

nützlich werden, wird leicht ranzigt. Wir haben am obern Orinoco häufig,

weil sonst nichts zu haben war, diese Mandeln in bedeutender Menge

gegessen und nie einen Nachtheil davon empfunden. Die kugligte

Fruchthülle der Bertholletia ist oben durchbohrt, springt aber nicht

auf; das obere bauchigte Ende des Säulchens bildet allerdings (nach

Kunth) eine Art innern Deckel, wie bei der Frucht der Lecythis, aber er

öffnet sich nicht wohl von selbst. Viele Samen verlieren durch die

Zersetzung des Oels in den Samenlappen die Keimkraft, bevor in der

Regenzeit die Holzkapsel der Fruchthülle in Folge der Fäulniß aufgeht.

Nach einem am untem Orinoco weit verbreiteten Mährchen setzen sich die

Kapuziner- und Cacajao-Affen (Simia chiropotes und Simia melanocephala)

im Kreis umher, klopfen mit einem Stein auf die Frucht und zerschlagen

sie wirklich, so daß sie zu den dreieckigten Mandeln kommen können. Dieß

wäre wegen der ausnehmenden Härte und Dicke der Fruchthülle geradezu

unmöglich. Man mag gesehen haben, wie Affen die Früchte der Bertholletia

am Boden rollten, und dieselben haben zwar ein kleines Loch, an welches

das obere Ende des Säulchens befestigt ist, aber die Natur hat es den

Affen nicht so leicht gemacht, die holzigte Fruchthülle der Juvia zu

öffnen, wie bei der Lechthis, wo sie den Deckel abnehmen, der in den

Missionen la tapa (Deckel) del coca de monos heißt. Nach der Aussage

mehrerer sehr glaubwürdiger Indianer gelingt es nur den kleinen Nagern,

namentlich den Agutis (Cavia Aguti, Cavia Paca), vermöge des Baues ihrer

Zähne und der unglaublichen Ausdauer, mit der sie ihrem Zerstörungswerk

obliegen, die Frucht der Bertholletia zu durchbohren. Sobald die

dreieckigten Nüsse auf den Boden ausgestreut sind, kommen alle Thiere

des Waldes herbeigeeilt; Affen, Manaviris, Eichhörner, Agutis, Papagaien

und Aras streiten sich um die Beute. Sie sind alle stark genug, um den

holzigten Ueberzug des Samens zu zerbrechen; sie nehmen die Mandel

heraus und klettern damit auf die Bäume. »So haben sie auch ihr Fest,«

sagten die Indianer, die von der Ernte kamen, und hört man sie sich über

die Thiere beschweren, so merkt man wohl, daß sie sich für die

alleinigen rechtmäßigen Herren des Waldes halten.

Das häufige Vorkommen des Juvia ostwärts von Esmeralda scheint darauf

hinzudeuten, daß die Flora des Amazonenstroms an dem Stück des obern

Orinoco beginnt, das im Süden der Gebirge hinläuft. Es ist dieß

gewissermaßen ein weiterer Beweis dafür, daß hier zwei Flußbecken

vereinigt sind. Bonpland hat sehr gut auseinandergesetzt, wie man zu

verfahren hätte, um die Bertholletia excelsa am Ufer des Orinoco, des

Apure, des Meta, überhaupt in der Provinz Venezuela anzupflanzen. Man

müßte da, wo der Baum wild wächst, die bereits keimenden Samen zu

Tausenden sammeln und sie in Kasten mit derselben Erde legen, in der sie

zu vegetiren angefangen. Die jungen Pflanzen, durch Blätter von Musaceen

oder Palmblätter gegen die Sonnenstrahlen geschützt, würden auf Piroguen

oder Flöße gebracht. Man weiß, wie schwer in Europa (trotz der Anwendung

von Chlor, wovon ich anderswo gesprochen) Samen mit hornartiger

Fruchthülle, Palmen, Kaffeearten, Chinaarten und große holzigte Nüsse

mit leicht ranzigt werdendem Oel, zum Keimen zu bringen sind. Alle diese

Schwierigkeiten wären beseitigt, wenn man nur Samen sammelte, die unter

dem Baum selbst gekeimt haben. Auf diese Weise ist es uns gelungen,

zahlreiche Exemplare sehr seltener Pflanzen, z. B. die Coumarouna odora

oder Tongabohne, von den Katarakten des Orinoco nach Angostura zu

bringen und in den benachbarten Pflanzungen zu verbreiten.

Eine der vier Piroguen, mit denen die Indianer auf der Juviasernte

gewesen waren, war großentheils mit der Rohrart (Carice) gefüllt, aus

der Blaserohre gemacht werden. Die Rohre waren 15 bis 17 Fuß lang, und

doch war keine Spur von Knoten zum Ansatz von Blättern oder Zweigen zu

bemerken. Sie waren vollkommen gerade, außen glatt und völlig

cylindrisch. Diese Carices kommen vom Fuß der Berge von Yumariquin und

Guanaja. Sie sind selbst jenseits des Orinoco unter dem Namen »Rohr von

Esmeralda« sehr gesucht. Ein Jäger führt sein ganzes Leben dasselbe

Blaserohr; er rühmt die Leichtigkeit, Genauigkeit und Politur desselben,

wie wir an unsern Feuergewehren dieselben Eigenschaften rühmen. Was mag

dieß für ein monocotyledonisches Gewächs[^33] seyn, von dem diese

herrlichen Rohre kommen? Haben wir wirklich die Internodia einer Grasart

aus der Sippe der Nostoiden vor uns gehabt? oder sollte dieser Carice

eine Cyperacea[^34] ohne Knoten seyn? Ich vermag diese Fragen« nicht zu

beantworten, so wenig ich weiß, welcher Gattung ein anderes Gewächs

angehört, von dem die Marimahemden kommen. Wir sahen am Abhang des Cerro

Duida über 50 Fuß hohe Stämme des Hemdbaums. Die Indianer schneiden

cylindrische Stücke von zwei Fuß Durchmesser davon ab und nehmen die

rothe, faserigte Rinde weg, wobei sie sich in Acht nehmen, keinen

Längsschnitt zu machen. Diese Rinde gibt ihnen eine Art Kleidungsstück,

das Säcken ohne Nath von sehr grobem Stoffe gleicht. Durch die obere

Oeffnung steckt man den Kopf, und um die Arme durchzustecken, schneidet

man zur Seite zwei Löcher ein. Der Eingeborene trägt diese Marimahemden

bei sehr starkem Regen; sie haben die Form der baumwollenen Ponchos und

Ruanas, die in Neu-Grenada, Quito und Peru allgemein getragen werden. Da

die überschwengliche Freigebigkeit der Natur in diesen Himmelsstrichen

für die Hauptursache gilt, warum die Menschen so träge sind, so

vergessen die Missionäre, wenn sie Marimahemden vorweisen, nie die

Bemerkung zu machen, »in den Wäldern am Orinoco wachsen die Kleider

fertig auf den Bäumen«. Zu dieser Geschichte von den Hemden gehören auch

die spitzen Mützen, welche die Blumenscheiden gewisser Palmen liefern

und die einem weitmaschigen Gewebe gleichen.

Beim Feste, dem wir beiwohnten, waren die Weiber vom Tanz und jeder

öffentlichen Lustbarkeit ausgeschlossen; ihr trauriges Geschäft bestand

darin, den Männern Affenbraten, gegohrenes Getränk und Palmkohl

aufzutragen. Des letzteren Produkts, das wie unser Blumenkohl schmeckt,

erwähne ich nur, weil wir in keinem Lande so ausnehmend große Stücke

gesehen haben. Die noch nicht entwickelten Blätter sind mit dem·jungen

Stengel verschmolzen, und wir haben Cylinder gemessen, die sechs Fuß

lang und fünf Zoll dick waren. Eine andere, weit nahrhaftere Substanz

kommt aus dem Thierreich, das Fischmehl (manioc de pescado). Ueberall am

obern Orinoco braten die Indianer die Fische, dörren sie an der Sonne

und stoßen sie zu Pulver, ohne die Gräten davon zu trennen. Ich sah

Quantitäten von 50 bis 60 Pfund dieses Mehls, das aussieht wie

Maniocmehl. Zum Essen rührt man es mit Wasser zu einem Teige an. Unter

allen Klimaten, wo es viele Fische gibt, ist man auf dieselben Mittel

zur Aufbewahrung derselben gekommen. So beschreiben Plinius und Diodor

von Sicilien das Fischbrod der Ichthyophagen[^35] am persischen

Meerbusen und am rothen Meer.

In Esmeralda, wie überall in den Missionen, leben die Indianer, die sich

nicht taufen lassen wollten und sich nur frei der Gemeinde angeschlossen

haben, in Polygamie. Die Zahl der Weiber ist bei den verschiedenen

Stämmen sehr verschieden, am größten bei den Caraiben und bei all den

Völkerschaften, bei denen sich die Sitte, junge Mädchen von benachbarten

Stämmen zu entführen, lange erhalten hat. Wie kann bei einer so

ungleichen Verbindung von häuslichem Glück die Rede seyn! Die Weiber

leben in einer Art Sklaverei, wie bei den meisten sehr versunkenen

Völkern. Da die Männer im Besitz der unumschränkten Gewalt sind, so wird

in ihrer Gegenwart keine Klage laut. Im Hause herrscht scheinbar Ruhe

und die Weiber beeifern sich alle, den Wünschen eines anspruchsvollen,

übellaunigen Gebieters zuvorzukommen. Sie pflegen ohne Unterschied ihre

eigenen Kinder und die der andern Weiber. Die Missionäre versichern (und

was sie sagen, ist sehr glaublich), dieser innere Frieden, die Frucht

gemeinsamer Furcht, werde gewaltig gestört, sobald der Mann länger von

Hause abwesend sey. Dann behandelt diejenige, mit der sich der Mann

zuerst verbunden, die andern als Beischläferinnen und Mägde. Der Zank

nimmt kein Ende, bis der Gebieter wieder kommt, der durch einen Laut,

durch eine bloße Geberde, und wenn er es zweckdienlich erachtet, durch

etwas schärfere Mittel die Leidenschaften niederzuschlagen weiß. Bei den

Tamanacas ist eine gewisse Ungleichheit unter den Weibern hinsichtlich

ihrer Rechte durch den Sprachgebrauch bezeichnet. Der Mann nennt die

zweite und dritte Frau Gefährtinnen der ersten; die erste behandelt die

Gefährtinnen als Nebenbuhlerinnen und Feinde (ipucjatoje), was

allerdings nicht so höflich ist, aber wahrer und ausdrucksvoller. Da

alle Last der Arbeit auf den unglücklichen Weibern liegt, so ist es

nicht zu verwundern, daß bei manchen Nationen ihre Anzahl auffallend

gering ist. In solchem Falle bildet sich eine Art Vielmännerei, wie wir

sie, nur entwickelter, in Tibet und im Gebirge am Ende der ostindischen

Halbinsel finden. Bei den Avanos und Maypures haben oft mehrere Brüder

nur Eine Frau. Wird ein Indianer, der mehrere Weiber hat, Christ, so

zwingen ihn die Missionäre, eine zu wählen, die er behalten will, und

die andern zu verstoßen. Der Moment der Trennung ist nun der kritische;

der Neubekehrte findet, daß seine Weiber doch höchst schätzbare

Eigenschaften haben: die eine versteht sich gut auf die Gärtnerei, die

andere weiß Chiza zu bereiten, das berauschende Getränk aus der

Maniocwurzel; eine erscheint ihm so unentbehrlich wie die andere.

Zuweilen siegt beim Indianer das Verlangen, seine Weiber zu behalten,

über die Neigung zum Christenthum; meist aber läßt der Mann den

Missionär wählen, und nimmt dieß hin wie einen Spruch des Schicksals.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 6 / 29 段