sie in der Zucht zu halten, zuweilen droht, sie nach Esmeralda zu
schicken; man wird damit, wie die Mönche sagen, »zu den Moskitos
verurtheilt, verurtheilt, von den summenden Mücken (zancudos gritones)
gefressen zu werden, die Gott den Menschen zur Strafe erschaffen hat.«
Einer so seltsamen Strafe unterlagen aber nicht immer nur Laienbrüder.
Im Jahr 1788 brach in der Ordenswelt eine der Revolutionen aus, die
einem in Europa nach den Vorstellungen, die man von den friedlichen
Zuständen der christlichen Niederlassungen in der neuen Welt hat, fast
unbegreiflich sind. Schon längst hätten die Franciskaner, die in Guyana
saßen, gerne eine Republik für sich gebildet und sich vom Collegium von
Piritu in Nueva Barcelona unabhängig gemacht. Mißvergnügt, daß zum
wichtigen Amte eines Präsidenten der Missionen Fray Gutierez de Aquilera
von einem Generalcapitel gewählt und vom Könige bestätigt worden, traten
fünf oder sechs Mönche vom obern Orinoco, Cassiquiare und Rio Negro in
San Fernando de Atabapo zusammen, wählten in aller Eile, und aus ihrer
eigenen Mitte, einen neuen Superior und ließen den alten, der zu seinem
Unglück zur Visitation ins Land kam, festnehmen. Man legte ihm
Fußschellen an, warf ihn in ein Canoe und führte ihn nach Esmeralda als
Verbannungsort. Da es von der Küste zum Schauplatz dieser Empörung so
weit war, so hofften die Mönche, ihre Frevelthat werde jenseits der
großen Katarakten lange nicht bekannt werden. Man wollte Zeit gewinnen,
um zu intriguiren, zu negociiren, um Anklageakten aufzusetzen und all
die kleinen Ränke spielen zu lassen, durch die man überall in der Welt
die Ungültigkeit einer ersten Wahl darthut. Der alte Superior seufzte in
seinem Kerker zu Esmeralda; ja er wurde von der furchtbaren Hitze und
dem beständigen Hautreiz durch die Moskitos ernstlich krank. Zum Glück
für die gestürzte Autorität blieben die meuterischen Mönche nicht einig.
Einem Missionär vom Cassiquiare wurde bange, wie dieser Handel enden
sollte; er fürchtete verhaftet und nach Cadix geschickt zu werden, oder,
wie man in den Colonien sagt, baxo partido de registro; aus Angst wurde
er seiner Partei untreu und machte sich unversehens davon. Man stellte
an der Mündung des Atabapo, bei den großen Katarakten, überall wo der
Flüchtling auf dem Weg zum untern Orinoco vorüberkommen mußte, Indianer
als Wachen auf. Trotz dieser Maaßregeln kam er nach Angostura und von da
in das Missionscollegium von Piritu; er gab seine Collegen an und
erhielt zum Lohn für seine Aussage den Auftrag, die zu verhaften, mit
denen er sich gegen den Präsidenten der Missionen verschworen hatte. In
Esmeralda, wo man von den politischen Stürmen, die seit dreißig Jahren
das alte Europa erschüttern, noch gar nicht hat sprechen hören, ist der
sogenannte alboroto de los frailes (die Meuterei der Mönche) noch immer
eine wichtige Begebenheit. Hier zu Land, wie im Orient, weiß man nur von
Revolutionen, die von den Gewalthabern selbst ausgehen, und wir haben
gesehen, daß sie in ihren Folgen eben nicht sehr bedenklich sind.
Wenn die Villa Esmeralda mit ihrer Bevölkerung von 12—15 Familien
gegenwärtig für einen schrecklichen Aufenthaltsort gilt, so kommt dieß
nur vom Mangel an Anbau, von der Entlegenheit von allen bewohnten
Landstrichen und von der furchtbaren Menge der Moskitos. Die Lage der
Mission ist ungemein malerisch, das Land umher äußerst freundlich und
sehr fruchtbar. Nie habe ich so gewaltig große Bananenbüschel gesehen;
Indigo, Zucker, Cacao kämen vortrefflich fort, aber man mag sich nicht
die Mühe geben, sie zu bauen. Um den Cerro Duida herum gibt es schöne
Weiden, und wenn die Observanten aus dem Collegium von Piritu nur etwas
von der Betriebsamkeit der catalonischen Kapuziner am Carony hätten, so
liefen zwischen dem Cunucunumo und dem Padamo zahlreiche Heerden. Wie
die Sachen jetzt stehen, ist keine Kuh, kein Pferd vorhanden und die
Einwohner haben oft, zur Buße ihrer Faulheit, nichts zu essen als
Schinken von Brüllaffen und das Mehl von Fischknochen, von dem in der
Folge die Rede seyn wird. Man baut nur etwas Manioc und Bananen; und
wenn der Fischfang nicht reichlich ausfällt, so ist die Bevölkerung
eines von der Natur so hoch begünstigten Landes dem grausamsten Mangel
preisgegeben.
Da die wenigen Canoes, die vom Rio Negro über den Cassiquiare nach
Angostura gehen, nicht gerne nach Esmeralda hinausfahren, so läge die
Mission weit besser an der Stelle, wo der Orinoco sich gabelt. Sicher
wird dieses große Land nicht immer so verwahrlost bleiben wie bisher, da
die Unvernunft des Mönchsregiments und der Geist des Monopols, der nun
einmal allen Körperschaften eigen ist, es niederhielten; ja es läßt sich
voraussagen, an welchen Punkten längs des Orinoco Gewerbfleiß und Handel
sich am kräftigsten entwickeln werden. Unter allen Himmelsstrichen
drängt sich die Bevölkerung vorzüglich an den Mündungen der Nebenflüsse
zusammen. Durch den Rio Apure, auf dem die Erzeugnisse der Provinzen
Barinas und Metida ausgeführt werden, muß die kleine Stadt Cabruta eine
große Bedeutung erhalten; sie wird mit San Fernando de Apure
concurriren, wo bis jetzt der ganze Handel concentrirt war. Weiter oben
wird sich eine neue Niederlassung am Einfluß des Meta bilden, der über
die Llanos am Casanare mit Neu-Grenada in Verbindung steht. Die zwei
Missionen bei den Katarakten werden sich vergrößern, weil diese Punkte
durch den Transport der Piroguen sehr lebhaft werden müssen; denn das
ungesunde, nasse Klima und die furchtbare Menge der Moskitos werden dem
Fortschritt der Cultur am Orinoco so wenig Einhalt thun als am
Magdalenenstrom, sobald einmal ernstliches kaufmännisches Interesse neue
Ansiedler herzieht. Gewohnte Uebel werden leichter ertragen, und wer in
Amerika geboren ist, hat keine so großen Schmerzen zu leiden wie der
frisch angekommene Europäer. Auch wird wohl die allmählige Ausrodung der
Wälder in der Nähe der bewohnten Orte die schreckliche Plage der Mücken
etwas vermindern. In San Fernando de Atabapo, Javita, San Carlos,
Esmeralda werden wohl (wegen ihrer Lage an der Mündung des Guaviare, am
Trageplatz zwischen Tuamini und Rio Negro, am Ausfluß des Cassiquiare
und am Gabelungspunkt des obern Orinoco) Bevölkerung und Wohlstand
bedeutend zunehmen. Mit diesen fruchtbaren, aber brach liegenden
Ländern, durch welche der Guallaga, der Amazonenstrom und der Orinoco
ziehen, wird es gehen wie mit der Landenge von Panama, dem Nicaraguasee
und dem Rio Huasacualco, durch welche zwei Meere mit einander in
Verbindung stehen. Mangelhafte Staatsformen konnten seit Jahrhunderten
Orte, in denen der Welthandel seine Mittelpunkte haben sollte, in Wüsten
verwandeln; aber die Zeit ist nicht mehr fern, wo diese Fesseln fallen
werden; eine widersinnige Verwaltung kann sich nicht ewig dem
Gesammtinteresse der Menschheit entgegenstemmen, und unwiderstehlich muß
die Cultur in Ländern einziehen, welche die Natur selbst durch die
physische Gestaltung des Bodens, durch die erstaunliche Verzweigung der
Flüsse und durch die Nähe zweier Meere, welche die Küsten Europas und
Indiens bespülen, zu großen Geschicken ausersehen hat.
Esmeralda ist berühmt als der Ort, wo am besten am Orinoco das starke
Gift bereitet wird, das im Krieg, zur Jagd, und, was seltsam klingt, als
Mittel gegen gastrische Beschwerden dient. Das Gift der Ticunas am
Amazonenstrom, das Upas-Tieute auf Java und das Curare in Guyana sind
die tödtlichsten Substanzen, die man kennt. Bereits am Ende des
sechzehnten Jahrhunderts hatte Ralegh das Wort Urari gehört, wie man
einen Pflanzenstoff nannte, mit dem man die Pfeile vergiftete. Indessen
war nichts Zuverlässiges über dieses Gift in Europa bekannt geworden.
Die Missionäre Gumilla und Gili hatten nicht bis in die Länder kommen
können, wo das Curare bereitet wird. Gumilla behauptete, »diese
Bereitung werde sehr geheim gehalten; der Hauptbestandtheil komme von
einem unterirdischen Gewächs, von einer knolligten Wurzel, die niemals
Blätter treibe und rais de si misma (die Wurzel an sich) sey; durch die
giftigen Dünste aus den Kesseln gehen die alten Weiber (die
unnützesten), die man zur Arbeit verwende, zu Grunde; endlich, die
Pflanzensäfte erscheinen erst dann concentrirt genug, wenn ein paar
Tropfen des Safts auf eine gewisse Entfernung eine Repulsivkraft auf das
Blut ausüben. Ein Indianer ritzt sich die Haut; man taucht einen Pfeil
in das flüssige Curare und bringt ihn der Stichwunde nahe. Das Gift gilt
für gehörig concentrirt, wenn es das Blut in die Gefäße zurücktreibt,
ohne damit in Berührung gekommen zu seyn.« — Ich halte mich nicht dabei
auf, diese von Pater Gumilla zusammengebrachten Volksmähren zu
widerlegen. Warum hätte der Missionär nicht glauben sollen, daß das
Curare aus der Ferne wirke, da er unbedenklich an die Eigenschaften
einer Pflanze glaubte, deren Blätter erbrechen machen oder purgiren, je
nachdem man sie von oben herab oder von unten herauf vom Stiele reißt?
Als wir nach Esmeralda kamen, kehrten die meisten Indianer von einem
Ausflug ostwärts über den Rio Padamo zurück, wobei sie Juvias oder die
Früchte der Bertholletia und eine Schlingpflanze, welche das Curare
gibt, gesammelt hatten. Diese Heimkehr wurde durch eine Festlichkeit
begangen, die in der Mission la fiesta de las Juvias heißt und unsern
Ernte- und Weinlesefesten entspricht. Die Weiber hatten viel gegohrenes
Getränke bereitet, und zwei Tage lang sah man nur betrunkene Indianer.
Bei Völkern, für welche die Früchte der Palmen und einiger andern Bäume,
welche Nahrungsstoff geben, von großer Wichtigkeit sind, wird die Ernte
der Früchte durch öffentliche Lustbarkeiten gefeiert, und man theilt das
Jahr nach diesen Festen ein, die immer auf dieselben Zeitpunkte fallen.
Das Glück wollte, daß wir einen alten Indianer trafen, der weniger
betrunken als die andern und eben beschäftigt war, das Curaregift aus
den frischen Pflanzen zu bereiten. Der Mann war der Chemiker des Orts.
Wir fanden bei ihm große thönerne Pfannen zum Kochen der Pflanzensäfte,
flachere Gefäße, die durch ihre große Oberfläche die Verdunstung
befördern, dütenförmig aufgerolIte Bananenblätter zum Durchseihen. der
mehr oder weniger faserigte Substanzen enthaltenden Flüssigkeiten. Die
größte Ordnung und Reinlichkeit herrschten in dieser zum chemischen
Laboratorium eingerichteten Hütte. Der Indianer, der uns Auskunft
ertheilen sollte, heißt in der Mission der Giftmeister (amo del Curare);
er hatte das steife Wesen und den pedantischen Ton, den man früher in
Europa den Apothekern zum Vorwurf machte. »Ich weiß,« sagte er, »die
Weißen verstehen die Kunst, Seife zu machen und das schwarze Pulver, bei
dem das Ueble ist, daß es Lärm macht und die Thiere verscheucht, wenn
man sie fehlt. Das Curare, dessen Bereitung bei uns vom Vater auf den
Sohn übergeht, ist besser als Alles, was ihr dort drüben (über dem
Meere) zu machen wißt. Es ist der Saft einer Pflanze, der ganz leise
tödtet (ohne daß man weiß, woher der Schuß kommt).«
Diese chemische Operation, auf die der Meister des Curare so großes
Gewicht legte, schien uns sehr einfach. Das Schlinggewächs (bejuco), aus
dem man in Esmeralda das Gift bereitet, heißt hier wie in den Wäldern
bei Javita. Es ist der Bejuco de Mavacure, und er kommt östlich von der
Mission am linken Ufer des Orinoco, jenseits des Rio Amaguaca im
granitischen Bergland von Guanaya und Yumariquin in Menge vor. Obgleich
die Bejucobündel, die wir im Hause des Indianers fanden, gar keine
Blätter mehr hatten, blieb uns doch kein Zweifel, daß es dasselbe
Gewächs aus der Familie der Strychneen war (Aublets Rouhamon sehr nahe
stehend), das wir im Wald beim Pimichin untersucht. Der Mavacure wird
ohne Unterschied frisch oder seit mehreren Wochen getrocknet
verarbeitet. Der frische Saft der Liane gilt nicht für giftig;
vielleicht zeigt er sich nur wirksam, wenn er stark concentrirt ist. Das
furchtbare Gift ist in der Rinde und einem Theil des Splints enthalten.
Man schabt mit einem Messer 4—5 Linien dicke Mavacurezweige ab und
zerstößt die abgeschabte Rinde auf einem Stein, wie er zum Reiben des
Maniocmehls dient, in ganz dünne Fasern. Da der giftige Saft gelb ist,
so nimmt die ganze faserigte Masse die nämliche Farbe an. Man bringt
dieselbe in einen 9 Zoll hohen, 4 Zoll weiten Trichter. Diesen Trichter
strich der Giftmeister unter allen Geräthschaften des indianischen
Laboratoriums am meisten heraus. Er fragte uns mehreremale, ob wir por
alla (dort drüben, das heißt in Europa) jemals etwas gesehen hätten, das
seinem Embado gleiche? Es war ein dütenförmig aufgerolltes Bananenblatt,
das in einer andern stärkeren Düte aus Palmblättern steckte; die ganze
Vorrichtung ruhte auf einem leichten Gestell von Plattstielen und
Fruchtspindeln einer Palme. Man macht zuerst einen kalten Aufguß, indem
man Wasser an den faserigten Stoff, die gestoßene Rinde des Mavacure,
gießt. Mehrere Stunden lang tropft ein gelblichtes Wasser vom Embudo,
dem Blatttrichter, ab. Dieses durchsickernde Wasser ist die giftige
Flüssigkeit; sie erhält aber die gehörige Kraft erst dadurch, daß man
sie wie die Melasse in einem großen thönernen Gefäß abdampft. Der
Indianer forderte uns von Zeit zu Zeit auf, die Flüssigkeit zu kosten;
nach dem mehr oder minder bittern Geschmack beurtheilt man, ob der Saft
eingedickt genug ist. Dabei ist keine Gefahr, da das Curare nur dann
tödtlich wirkt, wenn es unmittelbar mit dem Blut in Berührung kommt.
Deßhalb sind auch, was auch die Missionäre am Orinoco in dieser
Beziehung gesagt haben mögen, die Dämpfe vom Kessel nicht schädlich.
Fontana hat durch seine schönen Versuche mit dem Ticunasgift vom
Amazonenstrom längst dargethan, daß die Dämpfe, die das Gift entwickelt,
wenn man es auf glühende Kohlen wirft, ohne Schaden eingeathmet werden,
und daß es unrichtig ist, wenn La Condamine behauptet, zum Tode
verurtheilte indianische Weiber seyen durch die Dämpfe des Ticunasgifts
getödtet worden.
Der noch so stark eingedickte Saft des Mavacure ist nicht dick genug, um
an den Pfeilen zu haften. Also bloß um dem Gift Körper zu geben, setzt
man dem eingedickten Ausguß einen andern sehr klebrigten Pflanzensaft
bei, der von einem Baum mit großen Blättern, genannt Kiracaguero, kommt.
Da dieser Baum sehr weit von Esmeralda wächst, und er damals so wenig
als der Bejuco de Mavacure Blüthen und Früchte hatte, so können wir ihn
botanisch nicht bestimmen. Ich habe schon mehrmals davon gesprochen, wie
oft ein eigenes Mißgeschick die interessantesten Gewächse der
Untersuchung der Reisenden entzieht, während tausend andere, bei denen
man nichts von chemischen Eigenschaften weiß, voll Blüthen und Früchten
hängen. Reist man schnell, so bekommt man selbst unter den Tropen, wo
die Blüthezeit der holzigten Gewächse so lange dauert, kaum an einem
Achttheil der Gewächse die Fructificationsorgane zu sehen. Die
Wahrscheinlichkeit, daß man, ich sage nicht die Familie, aber Gattung
und Art bestimmen kann, ist demnach gleich 1 zu 8, und dieses
nachtheilige Verhältniß empfindet man begreiflich noch schwerer, wenn
man dadurch um die nähere Kenntniß von Gegenständen kommt, die noch in
anderer Hinsicht als nur für die beschreibende Botanik von Bedeutung
sind.
Sobald der klebrigte Saft des Kiracaguero-Baums dem eingedickten,
kochenden Giftsaft zugegossen wird, schwärzt sich dieser und gerinnt zu
einer Masse von der Consistenz des Theers oder eines dicken Syrups.
Diese Masse ist nun das Curare, wie es in den Handel kommt. Hört man die
Indianer sagen, zur Bereitung des Giftes sey der Kiracaguero so
nothwendig als der Bejuco de Mavacure, so kann man auf die falsche
Vermuthung kommen, auch ersterer enthalte einen schädlichen Stoff,
während er nur dazu dient, dem eingedickten Curaresaft mehr Körper zu
geben (was auch der Algarobbo und jede gummiartige Substanz thäten). Der
Farbenwechsel der Mischung rührt von der Zersetzung einer Verbindung von
Kohlenstoff und Wasserstoff her. Der Wasserstoff verbrennt und der
Kohlenstoff wird frei. Das Curare wird in den Früchten der Crescentia
verkauft; da aber die Bereitung desselben in den Händen weniger Familien
ist und an jedem Pfeile nur unendlich wenig Gift haftet, so ist das
Curare bester Qualität, das von Esmeralda und Mandavaca, sehr theuer.
Ich sah für zwei Unzen 5—6 Franken bezahlen. Getrocknet gleicht der
Stoff dem Opium; er zieht aber die Feuchtigkeit stark an, wenn er der
Luft ausgesetzt wird. Er schmeckt sehr angenehm bitter und Bonpland und
ich haben oft kleine Mengen verschluckt. Gefahr ist keine dabei, wenn
man nur sicher ist, daß man an den Lippen oder am Zahnfleisch nicht
blutet. Bei Mangilis neuen Versuchen mit dem Viperngift verschluckte
einer der Anwesenden alles Gift, das von vier großen italienischen
Vipern gesammelt werden konnte, ohne etwas darauf zu spüren. Bei den
Indianern gilt das Curare, innerlich genommen, als ein treffliches
Magenmittel. Die Piravas- und Salivas-Indianer bereiten dasselbe Gift;
es hat auch ziemlichen Ruf, ist aber doch nicht so gesucht wie das von
Esmeralda. Die Bereitungsart scheint überall ungefähr dieselbe; es liegt
aber kein Beweis vor, daß die verschiedenen Gifte, welche unter
demselben Namen am Orinoco und am Amazonenstrom verkauft werden,
identisch sind und von derselben Pflanze herrühren. Orfila hat daher
sehr wohl gethan, wenn er in seiner Toxicologie générale das Woorara aus
holländisch Guyana, das Curare vom Orinoco, das Ticuna vom Amazonenstrom
und all die Substanzen, welche man unter dem unbestimmten Namen
»amerikanische Gifte« zusammenwirft, für sich betrachtet. Vielleicht
findet man einmal in Giftpflanzen aus verschiedenen Gattungen eine
gemeinschaftliche alkalische Basis, ähnlich dem Morphium im Opium und
der Vauqueline in den Strychnosarten.
Man unterscheidet am Orinoco zwischen Curare de raiz (aus Wurzeln) und
Curare de bejuco (aus Lianen oder der Rinde der Zweige). Wir haben nur
letzteres bereiten sehen; erstens ist schwächer und weit weniger
gesucht. Am Amazonenstrom lernten wir die Gifte verschiedener
Indianerstämme kennen, der Ticunas, Yaguas, Pevas und Xibaros, die von
derselben Pflanze kommen und vielleicht nur mehr oder weniger sorgfältig
zubereitet sind. Das Toxique des Ticunas, das durch La Condamine in
Europa so berühmt geworden ist und das man jetzt, etwas uneigentlich,
»Ticuna« zu nennen anfängt, kommt von einer Liane, die auf der Insel
Mormorote im obern Maragnon wächst. Dieses Gift wird zum Theil von den
Ticunas-Indianern bezogen, die auf spanischem Gebiet bei den Quellen des
Yacarique unabhängig geblieben sind, zum Theil von den Indianern
desselben Stammes, die in der portugiesischen Mission Loreto leben. Da
Gifte in diesem Klima für Jägervölker ein unentbehrliches Bedürfniß
sind, so widersetzen sich die Missionäre am Orinoco und Amazonenstrom
der Bereitung derselben nicht leicht. Die hier genannten Gifte sind
völlig verschieden vom Gift von la Peca[^30] und vom Gift von Lamas und
Moyobamba. Ich führe diese Einzelnheiten an, weil die Pflanzenreste, die
wir untersuchen konnten, uns (gegen die allgemeine Annahme) den Beweis
geliefert haben, daß die drei Gifte, das der Ticunas, das von la Pera
und das von Moyobamba, nicht von derselben Art kommen, wahrscheinlich
nicht einmal von verwandten Gewächsen. So einfach das Curare ist, so
langwierig und verwickelt ist die Bereitungsweise des Giftes von
Moyobamba. Mit dem Saft des Bejuco de Ambihuasca, dem Hauptingrediens,
mischt man Piment (Capsicum), Tabak, Barbasco (Jacquinia armillaris),
Sanango (Tabernaemontana) und die Milch einiger andern Apocyneen. Der
frische Saft der Ambihuasca wirkt tödtlich, wenn er mit dem Blut in
Berührung kommt; der Saft des Mavacure wird erst durch Einkochen ein
tödtliches Gift, und der Saft der Wurzel der Jatropha Manihot verliert
durch Kochen ganz seine schädliche Eigenschaft. Als ich bei sehr großer
Hitze die Liane, von der das schreckliche Gift von la Pera kommt, lange
zwischen den Fingern rieb, wurden mir die Hände pelzigt; eine Person,
die mit mir arbeitete, spürte gleich mir diese Folgen einer raschen
Aufsaugung durch die unverletzten Hautdecken.
Ich lasse mich hier auf keine Erörterung der physiologischen Wirkungen
dieser Gifte der neuen Welt ein, die so rasch tödten, wie die
Strychnosarten Asiens (die Brechnuß, das Upas-Tieute und die
Ignatiusbohne), aber ohne, wenn sie in den Magen kommen, Erbrechen zu
erregen und ohne die gewaltige Reizung des Rückenmarks, welche den
bevorstehenden Tod verkündet. Wir haben während unseres Aufenthalts in
Amerika Curare vom Orinoco und Bambusrohrstücke mit Gift der Ticunas und
von Moyobamba den Chemikern Fourcroy und Vauquelin übermacht; wir haben
ferner nach unserer Rückkehr Magendie und Delille, die mit den Giften
der neuen Welt so schöne Versuche angestellt, Curare mitgetheilt, das
auf dem Transport durch feuchte Länder schwächer geworden war. Am
Orinoco wird selten ein Huhn gespeist, das nicht durch einen Stich mit
einem vergifteten Pfeil getödtet worden wäre; ja die Missionäre
behaupten, das Fleisch der Thiere sey nur dann gut, wenn man dieses
Mittel anwende. Unser Reisebegleiter, der am dreitägigen Fieber leidende
Pater Zea, ließ sich jeden Morgen einen Pfeil und das Huhn, das wir
speisen sollten, lebend in seine Hängematte bringen. Er hätte eine
Operation, auf die er trotz seines Schwächezustandes ein sehr großes
Gewicht legte, keinem Andern überlassen mögen. Große Vögel, z. B. ein
Guan (Pava de monte) oder ein Hocco (Alector) sterben, wenn man sie in
den Schenkel sticht, in 2—3 Minuten; bei einem Schwein oder Pecari
dauert es oft 10—12. Bonpland fand, daß dasselbe Gift in verschiedenen
Dörfern, wo man es kaufte, sehr verschieden war. Wir bekamen am
Amazonenstrom ächtes Gift der Ticunas-Indianer, das schwächer war als
alle Sorten des Curare vom Orinoco. Es wäre unnütz, den Reisenden die
Angst ausreden zu wollen, die sie häufig äußern, wenn sie bei der
Ankunft in den Missionen hören, daß die Hühner, die Affen, die Leguans,
die großen Flußfische, die sie essen, mit vergifteten Pfeilen getödtet
sind. Gewöhnung und Nachdenken machen dieser Angst bald ein Ende.
Magendie hat sogar durch sinnreiche Versuche mit der Transfusion
dargethan, daß das Blut von Thieren, die mit den ostindischen bittern
Strychnosarten getödtet worden sind, auf andere Thiere keine schädliche
Wirkung äußert. Einem Hund wurde eine bedeutende Menge vergifteten Bluts
in die Venen gespritzt; es zeigte sich aber keine Spur von Reizung des
Rückenmarks.
Ich brachte das stärkste Curare mit den Schenkelnerven eines Frosches in
Berührung, ohne, wenn ich den Grad der Irritabilität der Organe mittelst
eines aus heterogenen Metallen bestehenden Bogens maß, eine merkliche
Veränderung wahrzunehmen. Aber bei Vögeln, wenige Minuten nachdem ich
sie mit einem vergifteten Pfeile getödtet, wollten die galvanischen
Versuche so gut wie nicht gelingen. Diese Beobachtungen sind von
Interesse, da ermittelt ist, daß auch eine Auflösung von Upas Tieute,
wenn man sie auf den Hüftnerven gießt oder in das Nervengewebe selbst
bringt, wenn sie also mit der Marksubstanz selbst in Berührung kommt,
gleichfalls auf die Irritabilität der Organe keinen merkbaren Einfluß
äußert. Das Curare, wie die meisten andern Strychneen (denn wir glauben
immer noch, daß der Mavacure einer nahe verwandten Familie angehört)
werden nur dann gefährlich, wenn das Gift auf das Gefäßsystem wirkt. In
Maypures rüstete ein Farbiger (ein Zambo, ein Mischling von Indianer und
Neger) für Bonpland giftige Pfeile, wie man sie in die Blaserohre
steckt, wenn man kleine Affen und Vögel jagt. Es war ein Zimmermann von
ungemeiner Muskelkraft. Er hatte die Unvorsichtigkeit, das Curare
zwischen den Fingern zu reiben, nachdem er sich unbedeutend verletzt,
und stürzte zu Boden, von einem Schwindel ergriffen, der eine halbe
Stunde anhielt. Zum Glück war es nur schwaches (destemplado) Curare,
dessen man sich bedient, um sehr kleine Thiere zu schießen, das heißt
solche, welche man wieder zum Leben bringen will, indem man salzsaures
Natron in die Wunde reibt. Auf unserer Rückfahrt von Esmeralda nach
Atures entging ich selbst einer ziemlich nahen Gefahr. Das Curare hatte
Feuchtigkeit angezogen, war flüssig geworden und aus dem schlecht
verschlossenen Gefäß über unsere Wäsche gelaufen. Beim Waschen vergaß
man einen Strumpf innen zu untersuchen, der voll Curare war, und erst
als ich den klebrigten Stoff mit der Hand berührte, merkte ich, daß ich
einen vergifteten Strumpf angezogen hätte. Die Gefahr war desto größer,
da ich gerade an den Zehen blutete, weil mir Sandflöhe (pulex penetrans)
schlecht ausgegraben worden waren. Aus diesem Fall mögen Reisende
abnehmen, wie vorsichtig man seyn muß, wenn man Gift mit sich führt.