Die Verzweigung des Orinoco und des Amazonenstroms durch den Rio Negro

und eine Gabeltheilung des Caqueta, die Sanson aufgebracht und die Pater

Fritz und Blaeuw verwarfen, erschienen auf de l’Isles ersten Karten

wieder; aber gegen das Ende seines Lebens gab der berühmte Geograph sie

wieder auf.[^22] Da man sich hinsichtlich der Art und Weise der

Verbindung geirrt, war man schnell bei der Hand und zog die Verbindung

selbst in Abrede. Es ist wirklich sehr merkwürdig, daß zur Zeit, wo die

Portugiesen am häufigsten den Amazonenstrom, den Rio Negro und den

Cassiquiare hinauffuhren, und wo Pater Gumillas Briefe (durch die

natürliche Flußverzweigung) vom untern Orinoco nach Gran-Para gelangten,

dieser selbe Missionär sich alle Mühe gab, in Europa die Meinung zu

verbreiten, daß die Becken des Orinoco und des Amazonenstroms völlig von

einander geschieden seyen. Er versichert, »er sey öfters ersteren Fluß

bis zum Raudal von Tabaje, unter 1°4′ der Breite, hinaufgefahren und

habe niemals einen Fluß, den man für den Rio Negro hätte halten können,

abgehen oder hereinkommen sehen.« »Zudem,« fährt er fort, »läuft eine

große Cordillere[^23] von Ost und West und läßt die Gewässer nicht in

einander münden, wie sie auch alle Erörterung über die angebliche

Verbindung beider Ströme ganz überflüssig macht.« Pater Gumillas

Irrthümer entspringen daher, daß er der festen Ueberzeugung war, auf dem

Orinoco bis zum Parallel von 1°4′ gekommen zu seyn. Er irrte sich um

mehr als fünf Grad zehn Minuten in der Breite; denn in der Mission

Atures, 13 Meilen südwärts von den Stromschnellen von Tabaje, fand ich

die Breite 5°37′34″. Da Pater Gumilla nicht weit über den Einfluß des

Meta hinaufgekommen, so ist es nicht zu verwundern, daß er die

Gabeltheilung des Orinoco nicht gekannt hat, die, den Krümmungen des

Flusses nach, 120 Meilen vom Raudal von Tabaje liegt. Dieser Missionär,

der drei Jahre am untern Orinoco gelebt hat (nicht dreißig, wie durch

seine Uebersetzer in Umlauf gekommen), hätte sich darauf beschränken

sollen, zu berichten, was er bei seinen Fahrten auf dem Apure, dem Meta

und Orinoco von Guayana Vieja bis in die Nähe des ersten großen

Katarakts mit eigenen Augen gesehn. Sein Werk (das erste über diese

Länder vor Caulins und Gilis Schriften) wurde Anfangs gewaltig erhoben,

und später in den spanischen Colonien um so weiter und zu weit

herabgesetzt. Allerdings begegnet man im Orinoco illustrado nicht der

genauen Kenntniß der Oertlichkeiten, der naiven Einfalt, wodurch die

Berichte der Missionäre einen gewissen Reiz erhalten; der Styl ist

gekünstelt und die Sucht zu übertreiben gibt sich überall kund; trotz

dieser Fehler finden sich in Pater Gumillas Buch sehr richtige Ansichten

über die Sitten und die natürlichen Anlagen der verschiedenen

Völkerschaften am untern Orinoco und in den Llanos am Casanare.

Auf seiner denkwürdigen Fahrt auf dem Amazonenstrom im Jahr 1743 hatte

La Condamine zahlreiche Belege für die vom spanischen Jesuiten

geläugnete Verbindung zwischen beiden Strömen gesammelt. Als den

bündigsten derselben sah er damals die nicht verdächtige Aussage einer

Cauriacani-Indianerin an, mit der er gesprochen und die vom Orinoco (von

der Mission Pararuma[^24]) im Canoe nach Gran-Para gelangt war. Ehe La

Condamine in das Vaterland zurückkam, setzten die Fahrt des Pater Manuel

Roman und der Umstand, daß Missionäre vom Orinoco und vom Amazonenstrom

sich zufällig begegneten, die Thatsache, die zuerst Acuña kund geworden,

außer allen Zweifel.

Auf den Streifzügen zur Sklavenjagd, welche seit der Mitte des

siebzehnten Jahrhunderts unternommen wurden, waren die Portugiesen nach

und nach aus dem Rio Negro über den Cassiquiare in das Bett eines großen

Stromes gekommen, von dem sie nicht wußten, daß es der Orinoco sey. Ein

fliegendes Lager der Tropa de rescate[^25] leistete diesem

unmenschlichen Handel Vorschub. Man hetzte die Eingeborenen, sich zu

bekriegen, und kaufte dann die Gefangenen los; und um dem Sklavenhandel

einen Anstrich von Rechtmäßigkeit zu geben, gingen Geistliche mit der

Tropa de rescate, die untersuchten, »ob diejenigen, welche Sklaven

verkauften, auch dazu berechtigt seyen, weil sie dieselben in offenem

Kampfe zu Gefangenen gemacht« Vom Jahr 1737 an wiederholten sich diese

Züge der Portugiesen an den obern Orinoco sehr oft. Die Gier, Sklaven

(poitos) gegen Beile, Fischangeln und Glaswaaren zu vertauschen, trieb

die indianischen Völkerschaften zum blutigen Streit gegen einander. Die

Quipunaves, unter ihrem tapfern und grausamen Häuptling Macapu, waren

vom Inirida zum Zusammenfluß des Atabapo und des Orinoco herabgekommen.

»Sie verkauften«, sagt der Missionär Gili, »die Gefangenen, die sie

nicht verzehrten.« Ueber diesem Treiben wurden die Jesuiten am untern

Orinoco unruhig, und der Superior der spanischen Missionen, Pater Roman,

ein vertrauter Freund Gumillas, faßte muthig den Entschluß, ohne

Begleitung von spanischen Soldaten über die großen Katarakten

hinaufzugehen und die Quipunaves heimzusuchen. Er ging am 4. Februar

1744 von Carichana ab; angelangt am Zusammenfluß des Guaviare, des

Atabapo und des Orinoco, an der Stelle, wo letzterer Fluß aus seiner

Richtung von Ost nach West rasch in die von Süd nach Nord übergeht, sah

er von weitem eine Pirogue, so groß wie die seinige, voll von europäisch

gekleideten Leuten. Er ließ, gemäß der Sitte der Missionäre, wenn sie in

unbekanntem -Land auf dem Wasser sind, als Friedenszeichen das Crucifix

am Vordertheil seines Fahrzeugs aufpflanzen. Die Weißen (es waren

portugiesische Sklavenhändler vom Rio Negro) erkannten mit Jubel das

Ordenskleid des heiligen Ignatius. Sie verwunderten sich, als sie

hörten, der Fluß, auf dem diese Begegnung stattgefunden, sey der

Orinoco, und sie nahmen Pater Roman über den Cassiquiare in die

Niederlassungen am Rio Negro mit sich. Der Superior der spanischen

Missionen sah sich genöthigt, beim fliegenden Lager der Tropa de rescate

zu verweilen, bis der portugiesische Jesuit Avogadri, der in Geschäften

nach Gran-Para gegangen, zurück war. Auf demselben Wege, über den

Cassiquiare und den obern Orinoco, fuhr Pater Roman mit seinen

Salivas-Indianern nach Pararuma, etwas nördlich von Carichana, zurück,

nachdem er sieben Monate ausgewesen. Er ist der erste Weiße, der vom Rio

Negro, und somit aus dem Becken des Amazonenstroms (ohne seine Canoes

über einen Trageplatz schaffen zu lassen) in das Becken des Orinoco

gelangt ist.

Die Kunde dieser merkwürdigen Fahrt verbreitete sich so rasch, daß La

Condamine in einer öffentlichen Sitzung der Akademie sieben Monate nach

Pater Romans Rückkehr nach Pararuma Mittheilung davon machen konnte. Er

sagt: »Die nunmehr beglaubigte Verbindung des Orinoco und des

Amazonenstroms kann um so mehr für eine geographische Entdeckung gelten,

als zwar diese Verbindung auf den alten Karten (nach Acuñas Berichten)

angegeben ist, aber von den heutigen Geographen auf den neuen Karten,

wie auf Verabredung, weggelassen wird. Es ist dieß nicht das erstemal,

daß etwas für fabelhaft gegolten hat, was doch vollkommen richtig war,

daß man die Kritik zu weit trieb, und daß diese Verbindung von Leuten

für chimärisch erklärt wurde, die am besten davon hätten wissen sollen.«

Seit Pater Romans Fahrt im Jahr 1744 hat in spanisch Guyana und an den

Küsten von Cumana und Caracas kein Mensch mehr die Existenz des

Cassiquiare und die Gabeltheilung des Orinoco in Zweifel gezogen. Sogar

Pater Gumilla, den Bouguer in Carthagena de Indias getroffen hatte,

gestand, daß er sich geirrt, und kurz vor seinem Tode las er Pater Gili

ein für eine neue Ausgabe seiner Geschichte des Orinoco bestimmtes

Supplement vor, in dem er munter[^26] erzählte, in welcher Weise er

enttäuscht worden. Durch Ituriagas und Solanos Grenzexpedition wurden

die geographischen Verhältnisse des obern Orinoco und die Verzweigung

dieses Flusses mit dem Rio Negro vollends genau bekannt. Solano ließ

sich im Jahr 1756 an der Mündung des Atabapo nieder, und von nun an

fuhren spanische und portugiesische Commissäre mit ihren Piroguen oft

über den Cassiquiare vom untern Orinoco an den Rio Negro, um sich in

ihren Hauptquartieren Cabruta[^27] und Mariva zu besuchen. Seit 1767

kamen regelmäßig jedes Jahr zwei bis drei Piroguen von der Schanze San

Carlos über die Gabeltheilung des Orinoco nach Angostura, um Salz und

den Sold für die Truppen zu holen. Diese Fahrten von einem Flußbecken in

das andere durch den natürlichen Canal des Cassiquiare machen jetzt bei

den Colonisten so wenig Aufsehen mehr, als wenn Schiffe die Loire herab

auf dem Canal von Orleans in die Seine kommen.

Seit Pater Romans Fahrt im Jahr 1744 war man in den spanischen

Besitzungen in Amerika von der Richtung des obern Orinoco von Ost nach

West und von der Art seiner Verbindung mit dem Rio Negro genau

unterrichtet, aber in Europa wurde letztere erst weit später bekannt.

Noch im Jahr 1750 nahmen La Condamine und d’AnvilIe an, der Orinoco sey

ein Arm des Caqueta, der von Südost herkomme, und der Rio Negro

entspringe unmittelbar daraus. Erst in einer zweiten Ausgabe seines

Südamerika läßt d’Anville, ohne gleichwohl eine Verzweigung des Caqueta

vermittelst des Iniricha (Inirida) mit dem Orinoco und dem Rio Negro

aufzugeben, den Orinoco im Osten in der Nähe der Quellen des Rio Branco

entspringen und gibt er den Rio Cassiquiare an, der vom obern Orinoco

zum Rio Negro läuft. Wahrscheinlich hatte sich der unermüdliche Forscher

durch seinen starken Verkehr mit den Missionären, die damals, wie noch

jetzt, für das eigentliche Herz der Festländer die einzigen

geographischen Autoritäten waren, Nachweisungen über die Art der

Gabeltheilung verschafft. Hinsichtlich des Zusammenflusses des

Cassiquiare mit dem Rio Negro irrte er sich um 3½ Breitegrade, aber die

Lage des Atabapo und der bewaldeten Landenge, über die ich von Javita an

den Rio Negro gekommen, gibt er schon ziemlich richtig an. Durch die in

den Jahren 1775 und 1778 veröffentlichten Karten von la Cruz

Olmedilla[^28] und Surville sind, neben Pater Caulins Werke, die

Arbeiten der Grenzexpedition am besten bekannt geworden; denn die

zahlreichen Widersprüche darauf beziehen sich auf die Quellen des

Orinoco und des Rio Branco, nicht auf den Lauf des Cassiquiare und des

Rio Negro, die so richtig angegeben sind, als man es beim gänzlichen

Mangel an astronomischen Beobachtungen verlangen kann.

So stand es mit den hydrographischen Entdeckungen im Innern von Guyana,

als kurze Zeit vor meinem Abgang von Europa ein Gelehrter, dessen

Arbeiten die Geographie so bedeutend gefördert haben, Acuñas Bericht,

die Karte des Paters Samuel Fritz und la Cruz Olmedillas »Südamerika«

noch einmal näher prüfen zu müssen glaubte. Die politischen Verhältnisse

in Frankreich machten vielleicht, daß sich Buache nicht verschaffen oder

nicht benützen konnte, was Caulin und Gili geschrieben, die zwei

Missionäre, die am Orinoco lebten, als die Grenzexpedition zwischen der

spanischen Schanze am Rio Negro und der Stadt Angostura, über den

Cassiquiare und den obern Orinoco, den Verkehr eröffnete, der über ein

halbes Jahrhundert regelmäßig im Gange war. Auf der im Jahr 1798

erschienenen Carte général de la Guyane ist der Cassiquiare und das

Stück des obern Orinoco ostwärts von Esmeralda als ein Nebenfluß des Rio

Negro, der mit dem Orinoco gar nicht zusammenhängt, dargestellt. Eine

Bergkette streicht über die Ebene, welche die Landenge zwischen dem

Tuamini und dem Pimichin bildet. Diese Kette läßt die Karte gegen

Nordost fortlaufen und zwischen den Gewässern des Orinoco und denen des

Rio Negro und Cassiquiare, zwanzig Meilen westlich von Esmeralda, eine

Wasserscheide bilden. In einer Anmerkung auf der Karte heißt es: »die

schon lange her angenommene Verbindung zwischen dem Orinoco und dem

Amazonenstrom sey eine geographische Ungeheuerlichkeit, die Olmedillas

Karte ohne allen Grund in der Welt verbreitet, und um die Vorstellungen

über diesen Punkt zu berichtigen, habe man die Richtung der großen

Bergkette, welche die Wasserscheide bilde, zu ermitteln.«

Ich war so glücklich, diese Bergkette an Ort und Stelle zu ermitteln.

Ich übernachtete am 24. Mai mit meiner Pirogue am Stücke des Orinoco, wo

nach Buaches Annahme eine Cordillere über das Flußbett laufen sollte.

Befände sich an diesem Punkt eine Wasserscheide, so hätte ich die ersten

zwanzig Meilen westwärts von Esmeralda einen Fluß hinauf, statt, wie ich

gethan, mit rascher Strömung hinabfahren müssen. Derselbe Fluß, der

ostwärts von dieser Mission entspringt und einen Arm (den Cassiquiare)

an den Rio Negro abgibt, läuft ohne Unterbrechung Santa Barbara und San

Fernando de Atabapo zu. Es ist dieß das Stück des Orinoco, das von

Südost nach Nordwest gerichtet ist und bei den Indianern Rio Paragua

heißt. Nachdem er seine Gewässer mit denen des Guaviare und des Atabapo

vermischt, wendet sich derselbe Fluß gegen Norden und geht durch die

großen Katarakten. Alle diese Punkte sind auf der großen Karte von la

Cruz im Ganzen gut angegeben; ohne Zweifel hat aber Buache

vorausgesetzt, bei den verschiedenen Fahrten, die zwischen Amazonenstrom

und Orinoco ausgeführt worden seyn sollten, seyen die Canoes von einem

Nebenfluß zum andern über irgend einen Trageplatz (arastradero)

geschleppt worden. Dem geachteten Geographen lag die Annahme, die Flüsse

laufen in Wirklichkeit nicht so, wie die neueren spanischen Karten

angeben, desto näher, als auf denselben Karten um den See Parime herum

(das angebliche, 600 Quadratmeilen große weiße Meer) die seltsamsten,

unwahrscheinlichsten Flußverzweigungen vorkommen. Man könnte auf den

Orinoco anwenden, was Pater Acuña vom Amazonenstrom sagt, dessen Wunder

er beschreibt: »Nacieron hermanadas en las cosas grandes la novedad y el

descredito.«[^29]

Hätten die Völker in den Niederungen von Südamerika Theil gehabt an der

Cultur, welche in der kalten Alpregion verbreitet war, so hätte dieses

ungeheure Mesopotamien zwischen Orinoco und Amazonenstrom die

Entwicklung ihres Gewerbfleißes gefördert, ihren Handel belebt, den

gesellschaftlichen Fortschritt beschleunigt. In der alten Welt sehen wir

überall einen solchen Einfluß der Oertlichkeit auf die keimende Cultur

der Völker. Die Insel Meroe zwischen dem Astaboras und dem Nil, das

Pendjab des Indus, das Duab des Ganges, das Mesopotamien des Euphrat

sind glänzende Belege dafür in den Annalen des Menschengeschlechts. Aber

die schwachen Völkerstämme, die auf den Grasfluren und in den Wäldern

von Südamerika herumziehen, haben aus den Vorzügen ihres Bodens und den

Verzweigungen ihrer Flüsse gar wenig Nutzen gezogen. Die Einfälle der

Caraiben, die weither den Orinoco, den Cassiquiare und Rio Negro

heraufkamen, um Sklaven zu rauben, rüttelten ein paar versunkene

Völkerschaften aus ihrer Trägheit auf und zwangen sie Vereine zur

gemeinsamen Vertheidigung zu bilden; aber das wenige Gute, das diese

Kriege mit den Caraiben (den Beduinen der Ströme Guyanas) mit sich

gebracht, war ein schlechter Ersatz für die Uebel, die sie zur Folge

hatten, Verwilderung der Sitten und Verminderung der Bevölkerung.

Unzweifelhaft hat die Terrainbildung Griechenlands, die mannigfaltige

Gestaltung des Landes, seine Zertheilung durch kleine Bergketten und

Busen des Mittelmeers, in den Anfängen der Cultur die geistige

Entwicklung der Hellenen bedeutend gefördert. Aber dieser Einfluß des

Klimas und der Bodenbildung äußert sich nur da in seiner ganzen Stärke,

wo Menschenstämme mit glücklicher Begabung nach Geist und Gemüth einen

Anstoß von außen erhalten. Gewinnt man einen Ueberblick über die

Geschichte unseres Geschlechts, so sieht man diese Mittelpunkte antiker

Cultur da und dort gleich Lichtpunkten über den Erdball verstreut, und

gewahrt mit Ueberraschung, wie ungleich die Gesittung unter Völkern ist,

die fast unter demselben Himmelsstriche wohnen und über deren Wohnsitze

scheinbar die Natur dieselben Segnungen verbreitet hat.

Seit ich den Orinoco und den Amazonenstrom verlassen habe, bereitet sich

für die gesellschaftlichen Verhältnisse der Völker des Occidents eine

neue Aera vor. Auf den Jammer der bürgerlichen Zwiste werden die

Segnungen des Friedens und eine freiere Entwicklung aller

Gewerbthätigkeit folgen. Da wird denn die europäische Handelswelt jene

Gabeltheilung des Orinoco, jene Landenge am Puamini, durch die so leicht

ein künstlicher Kanal zu ziehen ist, ins Auge fassen. Da wird der

Cassiquiare, ein Strom, so breit wie der Rhein und 180 Seemeilen lang,

nicht mehr umsonst eine schiffbare Linie zwischen zwei Strombecken

bilden, die 190,000 Quadratmeilen Oberfläche haben. Das Getreide aus

Neu-Grenada wird an die Ufer des Rio Negro kommen, von den Quellen des

Napo und des Ucayale, von den Anden von Quito und Ober-Peru wird man zur

Mündung des Orinoco herabfahren, und dieß ist so weit, wie von Tombuctu

nach Marseille. Ein Land, neun bis zehnmal größer als Spanien und reich

an den mannigfaltigsten Produkten, kann mittelst des Naturcanals des

Cassiquiare und der Gabeltheilung der Flüsse nach allen Richtungen hin

befahren werden. Eine Erscheinung, die eines Tags von bedeutendem

Einfluß auf die politischen Verhältnisse der Völker seyn muß, verdiente

es gewiß, daß man sie genau ins Auge faßte.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

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Der obere Orinoco von Esmeralda bis zum Einfluß des Guaviare. — Zweite

Fahrt durch die Katarakten von Atures und Maypures. — Der untere Orinoco

zwischen der Mündung des Apure und Angostura, der Hauptstadt von

spanisch Guyana.

Noch habe ich von der einsamsten, abgelegensten christlichen

Niederlassung am obern Orinoco zu sprechen. Gegenüber dem Punkte, wo die

Gabeltheilung erfolgt, auf dem rechten Ufer des Flusses erhebt sich

amphitheatralisch der Granitbergstock des Duida. Dieser Berg, den die

Missionäre einen Vulkan nennen, ist gegen 8000 Fuß hoch. Er nimmt sich,

da er nach Süd und West steil abfällt, äußerst großartig aus. Sein

Gipfel ist kahl und steinigt; aber überall, wo auf den weniger steilen

Abhängen Dammerde haftet, hängen an den Seiten des Duida gewaltige

Wälder wie in der Luft. An seinem Fuße liegt die Mission Esmeralda, ein

Dörschen mit 80 Einwohnern, auf einer herrlichen, von Bächen mit

schwarzem, aber klarem Wasser durchzogenen Ebene, einem wahren

Wiesengrund, auf dem in Gruppen die Mauritiapalme, der amerikanische

Sagobaum, steht. Dem Berge zu, der nach meiner Messung 7300 Toisen vom

Missionskreuz liegt, wird die sumpfigte Wiese zur Savane, die um die

untere Region der Cordillere herläuft. Hier trifft man ungemein große

Ananas von köstlichem Geruch: Diese Bromeliaart wächst immer einzeln

zwischen den Gräsern, wie bei uns Colchicum autumnale, während der

Karatas, eine andere Art derselben Gattung, ein geselliges Gewächs ist

gleich unsern Heiden und Heidelbeeren. Die Ananas von Esmeralda sind in

ganz Guyana berühmt. In Amerika wie in Europa gibt es für die

verschiedenen Früchte gewisse Landstriche, wo sie zur größten

Vollkommenheit gedeihen. Man muß auf der Insel Margarita oder in Cumana

Sapotillen (Achras), in Loxa in Peru Chilimoyas (sehr verschieden vom

Corossol oder der Anona der Antillen), in Caracas Granadillas oder

Parchas, in Esmeralda und auf Cuba Ananas gegessen haben, um die

Lobsprüche, womit die ältesten Reisenden die Köstlichkeit der Produkte

der heißen Zone preisen, nicht übertrieben zu finden. Die Ananas sind

die Zierde der Felder bei der Havana, wo sie in Reihen neben einander

gezogen werden; an den Abhängen des Duida schmücken sie den Rasen der

Savanen, wenn ihre gelben, mit einem Büschel silberglänzender Blätter

gekrönten Früchte über den Setarien, den Paspalum und ein paar

Cyperaceen emporragen. Dieses Gewächs, das die Indianer Ana-curua

nennen, verbreitete sich schon im sechzehnten Jahrhundert im innern

China, und noch in neuester Zeit fanden es englische Reisende mit

andern, unzweifelhaft amerikanischen Gewächsen (Mais, Manioc,

Melonenbaum, Tabak, Piment) an den Ufern des Rio Congo in Afrika. In

Esmeralda ist kein Missionär. Der Geistliche, der hier Messe lesen soll,

sitzt in Santa Barbara, über 50 Meilen weit. Er braucht den Fluß herauf

vier Tage, er kommt daher auch nur fünf oder sechsmal im Jahr. Wir

wurden von einem alten Soldaten sehr freundlich aufgenommen; der Mann

hielt uns für catalonische Krämer, die in den Missionen ihren

Kleinhandel treiben wollten. Als er unsere Papierballen zum

Pflanzentrocknen sah, lächelte er über unsere naive Unwissenheit »Ihr

kommt in ein Land,« sagte er, »wo dergleichen Waare keinen Absatz

findet. Geschrieben wird hier nicht viel, und trockene Mais-, Platano-

(Bananen) und Vijaho- (Heliconia) Blätter brauchen wir hier, wie in

Europa das Papier, um Nadeln, Fischangeln und andere kleine Sachen, die

man sorgfältig aufbewahren will, einzuwickeln.« Der alte Soldat

vereinigte in seiner Person die bürgerliche und die geistliche Behörde.

Er lehrte die Kinder, ich sage nicht den Catechismus, aber doch den

Rosenkranz beten, er läutete die Glocken zum Zeitvertreib, und im

geistlichen Amtseifer bediente er sich zuweilen seines Küsterstocks in

einer Weise, die den Eingeborenen schlecht behagte.

So klein die Mission ist, werden in Esmeralda doch drei indianische

Sprachen gesprochen: Idapaminarisch, Catarapeñisch und Maquiritanisch.

Letztere Sprache ist am obern Orinoco vom Einfluß des Ventuari bis zu

dem des Padamo die herrschende, wie am untern Orinoco das Caraibische,

am Einfluß des Apure das Otomakische, bei den großen Katarakten das

Tamanakische und Maypurische und am Rio Negro das Maravitanische. Es

sind dieß die fünf oder sechs verbreitetsten Sprachen. Wir wunderten

uns, in Esmeralda viele Zambos, Mulatten und andere Farbige anzutreffen,

die sich aus Eitelkeit Spanier nennen und sich für weiß halten, weil sie

nicht roth sind wie die Indianer. Diese Menschen führen ein jämmerliches

Leben. Sie sind meist als Verwiesene (desterrados) hier. Um im innern

Lande, das man gegen die Portugiesen absperren wollte, in der Eile

Colonien zu gründen, hatte Solano in den Llanos und bis zur Insel

Margarita hin Landstreicher und Uebelthäter, denen die Justiz bis dahin

vergeblich nachgespürt, zusammengerafft und sie den Orinoco

hinaufgeführt, wo sie mit den unglücklichen, aus den Wäldern

weggeschleppten Indianern zusammengethan wurden. Durch ein

mineralogisches Mißverständniß wurde Esmeralda berühmt. Der Granit des

Duida und des Maraguaca enthält in offenen Gängen schöne Bergkrystalle,

die zum Theil sehr durchsichtig, zum Theil mit Chlorit (Talkglimmer)

gefärbt und mit Actinot (Strahlstein) gemengt sind; man hatte sie für

Diamanten und Smaragden (Esmeralda) gehalten. So nahe den Quellen des

Orinoco träumte man in diesen Bergen von nichts als vom Dorado, der

nicht weit seyn konnte, vom See Parime und von den Trümmern der großen

Stadt Manoa. Ein Mann, der wegen seiner Leichtgläubigkeit und seiner

Sucht zur Uebertreibung noch jetzt im Lande wohlbekannt ist, Don

Apollinario Diez de la Fuente, nahm den vollklingenden Titel eines

Capitan poblador und Cabo militar des Forts am Cassiquiare an. Dieses

Fort bestand in ein paar mit Brettern verbundenen Baumstämmen, und um

die Täuschung vollständig zu machen, sprach man in Madrid für die

Mission Esmeralda, ein Dörschen von zwölf bis fünfzehn Hütten, die

Gerechtsame einer Villa an. Es ist zu besorgen, daß Don Apollinario, der

in der Folge Statthalter der Provinz los Quixos im Königreich Quito

wurde, bei Entwerfung der Karten von la Cruz und Surville die Hand im

Spiel gehabt hat. Da er die Windstriche des Compasses kannte, nahm er

keinen Anstand, in den zahlreichen Denkschriften, die er dem Hof

übermachte, sich Cosmograph der Grenzexpedition zu nennen.

Während die Befehlshaber dieser Expedition Von der Existenz der Nueva

Villa de Esmeralda überzeugt waren, so wie vom Reichthum des Cerro Duida

an kostbaren Mineralien, da doch nichts darin zu finden ist, als

Glimmer, Bergkrystall, Actinot und Rutil, ging eine aus den

ungleichartigsten Elementen bestehende Colonie allgemach wieder zu

Grunde. Die Landstreicher aus den Llanos hatten so wenig Lust zur Arbeit

als die Indianer, die gezwungen »unter der Glocke« lebten. Ersteren

diente ihr Hochmuth zu weiterer Rechtfertigung ihrer Faulheit. In den

Missionen nennt sich jeder Farbige, der nicht geradezu schwarz ist wie

ein Afrikaner oder kupferfarbig wie ein Indianer, einen Spanier; er

gehört zur gente de razon, zur vernunftbegabten Race, und diese, wie

nicht zu läugnen, hie und da übermüthige und arbeitsscheue Vernunft

redet den Weißen und denen, die es zu seyn glauben, ein, der Landbau sey

ein Geschäft für Sklaven, für Poitos, und für neubekehrte Indianer. Die

Colonie Esmeralda war nach dem Muster der neuholländischen gegründet,

wurde aber keineswegs eben so weise regiert. Da die amerikanischen

Colonisten von ihrem Heimathland nicht durch Meere, sondern durch Wälder

und Savanen geschieden waren, so verliefen sie sich, die einen nach

Nord, dem Caura und Carony zu, die andern nach Süd in die

portugiesischen Besitzungen. So hatte es mit der Herrlichkeit der Villa

und den Smaragdgruben am Duida nach wenigen Jahren ein Ende, und

Esmeralda galt wegen der furchtbaren Insektenmasse, welche das ganze

Jahr die Luft verfinstert, bei den Ordensleuten für einen fluchwürdigen

Verbannungsort.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 4 / 29 段