Gabeltheilung, die man im Moment, da ich nach Amerika abreiste, wieder
in Zweifel gezogen hatte. Diese Gabeltheilung (divergium amnis) liegt
nach meinen astronomischen Beobachtungen in der Mission Esmeralda unter
dem 3°10′ nördlicher Breite und dem 68°37′ westlicher Länge vom Meridian
von Paris. Im Innern von Südamerika erfolgt dasselbe, was wir unter
allen Landstrichen an den Küsten vorkommen sehen. Nach den einfachsten
geometrischen Grundsätzen haben wir anzunehmen, daß die Bodenbildung und
der Stoß der Zuflüsse die Richtung der strömenden Gewässer nach festen,
gleichförmigen Gesetzen bestimmen. Die Deltas entstehen dadurch, daß auf
der Ebene eines Küstenlandes eine Gabeltheilung erfolgt, und bei näherer
Betrachtung zeigen sich zuweilen in der Nähe dieser oceanischen Gabelung
Verzweigungen mit andern Flüssen, von denen Arme nicht weit abliegen.
Kommen nun aber Bodenflächen, so eben wie das Küstenland, im Innern der
Festländer gleichfalls vor, so müssen sich dort auch dieselben
Erscheinungen wiederholen. Aus denselben Ursachen, welche an der Mündung
eines großen Stroms Gabeltheilungen herbeiführen, können dergleichen
auch an seinen Quellen und in seinem obern Laufe entstehen. Drei
Umstände tragen vorzugsweise dazu bei: die höchst unbedeutenden
wellenförmigen Steigungen und Senkungen einer Ebene, die zwei
Strombecken zugleich umfaßt, die Breite des einen der Hauptbehälter, und
die Lage des Thalwegs am Rande selbst, der beide Becken scheidet.
Wenn die Linie des stärksten Falls durch einen gegebenen Punkt läuft,
und wenn sie, noch so weit verlängert, nicht auf den Fluß trifft, so
kann dieser Punkt, er mag noch so nahe am Thalweg liegen, nicht wohl
demselben Becken angehören. In anstoßenden Becken sehen wir häufig die
Zuflüsse des einen Behälters ganz nahe bei dem andern zwischen zwei
Zuflüssen des letzteren entspringen. In Folge dieser eigenthümlichen
Coordinationsverhältnisse zwischen den alternativen Gehängen werden die
Grenzen der Becken mehr oder weniger gekrümmt. Die Längenfurche oder der
Thalweg ist keineswegs nothwendig in der Mitte des Beckens; er befindet
sich nicht einmal immer an den tiefsten Stellen, denn diese können von
Kämmen umgeben seyn, so daß die Linien des stärksten Falls nicht
hinlaufen. Nach der ungleichen Länge der Zuflüsse an beiden Ufern eines
Flusses schätzen wir ziemlich sicher, welche Lage der Thalweg den
Grenzen des Beckens gegenüber hat. Am leichtesten erfolgt nun eine
Gabeltheilung, wenn der Hauptbehälter einer dieser Grenzen nahe gerückt
ist, wenn er längs dem Kamm hinläuft, der die Wasserscheide zwischen
beiden Becken bildet. Die geringste Erniedrigung dieses Kamms kann dann
die Erscheinung herbeiführen, von der hier die Rede ist, wenn nicht der
Fluß, vermöge der einmal angenommenen Geschwindigkeit, ganz in seinem
Bette zurückbleibt. Erfolgt aber die Gabeltheilung, so läuft die Grenze
zwischen beiden Becken der Länge nach durch das Bett des Hauptbehälters,
und ein Theil des Thalwegs von a enthält Punkte, von denen die Linien
des stärksten Falls zum Thalweg von b weisen. Der Arm, der sich
absondert, kann nicht mehr zu a zurückkommen, denn ein Wasserfaden, der
einmal in ein Becken gelangt ist, kann diesem nicht mehr entweichen,
ohne durch das Bett des Flusses, der alle Gewässer desselben vereinigt,
hindurchzugehen.
Es ist nun noch zu betrachten, in wie fern die Breite eines Flusses
unter sonst gleichen Umständen die Bildung solcher Gabeltheilungen
begünstigt, welche, gleich den Kanälen mit Theilungspunkten, in Folge
der natürlichen Bodenbildung eine schiffbare Linie zwischen zwei
benachbarten Strombecken herstellen. Sondirt man einen Fluß nach dem
Querdurchschnitt, so zeigt sich, daß sein Bett gewöhnlich aus mehreren
Rinnen von ungleicher Tiefe besteht. Je breiter der Strom ist, desto
mehr sind dieser Rinnen; sie laufen sogar große Strecken weit mehr oder
weniger einander parallel. Es folgt daraus, daß die meisten Flüsse
betrachtet werden können als aus mehreren dicht an einander gerückten
Kanälen bestehend, und daß eine Gabelung sich bildet, wenn ein kleiner
Bodenabschnitt am Ufer niedriger liegt, als der Grund einer Seitenrinne.
Den hier auseinandergesetzten Verhältnissen zufolge bilden sich
Flußgabelungen entweder im selben Becken oder auf der Wasserscheide
zwischen zweien. Im ersteren Fall sind es entweder Arme, die in den
Thalweg, von dem sie sich abgezweigt, früher oder später wieder
einmünden, oder aber Arme, die sich mit weiter abwärts gelegenen
Nebenflüssen vereinigen. Zuweilen sind es auch Deltas,[^19] die sich
entweder nahe der Mündung der Flüsse ins Meer oder beim Zusammenfluß mit
einem andern Strom bilden. Erfolgt die Gabelung an der Grenze zweier
Becken, und läuft diese Grenze durch das Bett des Hauptbehälters selbst,
so stellt der sich abzweigende Arm eine hydraulische Verbindung zwischen
zwei Flußsystemen her und verdient desto mehr unsere Aufmerksamkeit, je
breiter und schiffbarer er ist. Nun ist aber der Cassiquiare zwei- bis
dreimal breiter als die Seine beim Jardin des plantes in Paris, und zum
Beweis, wie merkwürdig dieser Fluß ist, bemerke ich, daß eine
sorgfältige Forschung nach Fällen von Gabeltheilungen im Innern der
Länder, selbst zwischen weit weniger bedeutenden Flüssen, ihrer bis
jetzt nur drei bis vier unzweifelhaft zu Tage gefördert hat. Ich spreche
nicht von den Verzweigungen der großen indisch-chinesischen Flüsse, von
den natürlichen Canälen, durch welche die Flüsse in Ava und Pegu, wie in
Siam und Cambodja zusammenzuhängen scheinen; die Art dieser Verbindungen
ist noch nicht gehörig aufgeklärt. Ich beschränke mich darauf, einer
hydraulischen Erscheinung zu erwähnen, welche durch Baron Hermelins
schöne Karten von Norwegen nach allen Theilen bekannt geworden ist. In
Lappland sendet der Torneofluß einen Arm (den Tärendo-Elf) zum
Calix-Elf, der ein kleines hydraulisches System für sich bildet. Dieser
Cassiquiare der nördlichen Zone ist nur 10—12 Meilen lang, er macht aber
alles Land am bothnischen Busen zu einer wahren Flußinsel. Durch Leopold
von Buch wissen wir, daß die Existenz dieses natürlichen Canals lange so
hartnäckig geläugnet wurde, wie die eines Arms des Orinoco, der in das
Becken des Amazonenstroms läuft. Eine andere Gabeltheilung, die wegen
des alten Verkehrs zwischen den Völkern Latiums und Etruriens noch mehr
Interesse hat, scheint ehemals am Thrasimenischen See stattgefunden zu
haben. Auf seiner vielberufenen Voltata von Süd nach West und Nord
zwischen Bibieno und Ponta Sieve theilte sich der Arno bei Arezzo in
zwei Arme, deren einer, wie jetzt, über Florenz und Pisa dem Meere
zulief, während der andere durch das Thal von Chiana floß und sich mit
dem Tiber vereinigte, entweder unmittelbar oder durch die Paglia als
Zwischenglied. Fossombroni hat dargethan, wie sich im Mittelalter durch
Anschwemmungen im Thal von Chiana eine Wasserscheide bildete, und wie
jetzt das nördliche Stück des Arno Teverino von Süd nach Nord (auf dem
Gegenhang) aus dem kleinen See von Montepulciano in den Arno fließt. So
hatte denn der klassische Boden Italiens neben so vielen Wundern der
Natur und der Kunst auch eine Gabeltheilung aufzuweisen, wie sie in den
Wäldern der neuen Welt in ungleich größerem Maßstab auftritt.
Ich bin nach meiner Rückkehr vom Orinoco oft gefragt worden, ob ich
glaube, daß der Canal des Cassiquiare allmählig durch Anschwemmungen
verstopft werden möchte, ob ich nicht der Ansicht sey, daß die zwei
größten Flußsysteme Amerikas unter den Tropen im Laufe der Jahrhunderte
sich ganz von einander trennen werden. Da ich es mir zum Gesetz gemacht
habe, nur Thatsächliches zu beschreiben und die Verhältnisse, die in
verschiedenen Ländern zwischen der Bodenbildung und dem Laufe der
Gewässer bestehen, zu vergleichen, so habe ich alles bloß Hypothetische
zu vermeiden. Zunachst bemerke ich, daß der Cassiquiare in seinem
gegenwärtigen Zustand keineswegs placidus et mitissimus amnis ist, wie
es bei den Poeten Latiums heißt; er gleicht durchaus nicht dem errans
languido flumine Cocytus, da er im größten Theile seines Laufs die
ungemeine Geschwindigkeit von 6—8 Fuß in der Sekunde hat. Es ist also
wohl nicht zu fürchten, daß er ein mehrere hundert Toisen breites Bett
ganz verstopft. Dieser Arm des obern Orinoco ist eine zu großartige
Erscheinung, als daß die kleinen Umwandlungen, die wir an der
Erdoberfläche vorgehen sehen, demselben ein Ende machen oder auch nur
viel daran verändern könnten. Wir bestreiten nicht, vollends wenn es
sich von minder breiten und sehr langsam strömenden Gewässern handelt,
daß alle Flüsse eine Neigung haben, ihre Verzweigungen zu vermindern und
ihre Becken zu isoliren. Die majestätischsten Ströme erscheinen, wenn
man die steilen Hänge der alten weitab liegenden Ufer betrachtet, nur
als Wasserfäden, die sich durch Thäler winden, die sie selbst sich nicht
haben graben können. Der heutige Zustand ihres Bettes weist deutlich
darauf hin, daß die strömenden Gewässer allmählig abgenommen haben.
Ueberall treffen wir die Spuren alter ausgetrockneter Arme und
Gabelungen, für die kaum ein historisches Zeugniß vorliegt. Die
verschiedenen, mehr oder weniger parallelen Rinnen, aus denen die Betten
der amerikanischen Flüsse bestehen, und die sie weit wasserreicher
erscheinen lassen, als sie wirklich sind, verändern allgemach ihre
Richtung; sie werden breiter und verschmelzen dadurch, daß die
Längsgräten zwischen denselben abbröckeln. Was anfangs nur ein Arm war,
wird bald der einzige Wasserbehälter, und bei Strömen, die langsam
ziehen, verschwinden die Gabeltheilungen oder Verzweigungen zwischen
zwei hydraulischen Systemen auf dreierlei Wegen: entweder der
Verbindungscanal zieht den ganzen gegabelten Strom in sein Becken
hinüber, oder der Canal verstopft sich durch Anschwemmungen an der
Stelle, wo er vom Strome abgeht, oder endlich in der Mitte seines Laufs
bildet sich ein Querkamm, eine Wasserscheide, wodurch das obere Stück
einen Gegenhang erhält und das Wasser in umgekehrter Richtung
zurückfließt. Sehr niedrige und großen periodischen Ueberschwemmungen
ausgesetzte Länder, wie Guyana in Amerika und Dar-Saley oder Baghermi in
Afrika,[^20] geben uns ein Bild davon, wie viel häufiger dergleichen
Verbindungen durch natürliche Canäle früher gewesen seyn mögen als
jetzt.
Nachdem ich die Gabeltheilung des Orinoco aus dem Gesichtspunkt der
vergleichenden Hydrographie betrachtet, habe ich noch kurz die
Geschichte der Entdeckung dieses merkwürdigen Phänomens zu besprechen.
Es ging mit der Verbindung zwischen zwei großen Flußsystemen wie mit dem
Lauf des Nigers gegen Ost. Man mußte mehreremale entdecken, was auf den
ersten Anblick der Analogie und angenommenen Hypothesen widersprach. Als
bereits durch Reisende ausgemacht war, auf welche Weise Orinoco und
Amazonenstrom zusammenhängen, wurde noch, und zwar zu wiederholtenmalen
bezweifelt, ob die Sache überhaupt möglich sey. Eine Bergkette, die der
Geograph Hondius zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts als Grenzscheide
beider Flüsse gefabelt hatte, wurde bald angenommen, bald geläugnet. Man
dachte nicht daran, daß selbst wenn diese Berge vorhanden wären, deßhalb
die beiden hydraulischen Systeme nicht nothwendig getrennt feyn müßten,
da ja die Gewässer durch die Cordillere der Anden und die
Himalayakette,[^21] die höchste bekannte der Welt, sich Bahn gebrochen
haben. Man behauptete, und nicht ohne Grund, Fahrten, die mit demselben
Canoe sollten gemacht worden seyn, schließen die Möglichkeit nicht aus,
daß die Wasserstraße durch Trageplätze unterbrochen gewesen. Ich habe
diese so lange bestrittene Gabeltheilung nach ihrem ganzen Verhalten
selbst beobachtet, bin aber deßhalb weit entfernt, Gelehrte zu tadeln,
die, gerade weil es ihnen nur um die Wahrheit zu thun war, Bedenken
trugen, als wirklich gelten zu lassen, was ihnen noch nicht genau genug
untersucht zu seyn schien.
Da der Amazonenstrom von den Portugiesen und den Spaniern schon lange
befahren wurde, ehe die beiden Nebenbuhler den obern Orinoco kennen
lernten, so kam die erste unsichere Kunde von der Verzweigung zweier
Ströme von der Mündung des Rio Negro nach Europa. Die Conquistadoren und
mehrere Geschichtschreiber, wie Herera, Fray Pedro Simon und der Pater
Garcia, verwechselten unter den Namen Rio Grande und Mar dulce den
Orinoco und den Maragnon. Der Name des ersteren Flusses kommt noch nicht
einmal auf Diego Riberos vielberufener Karte von Amerika aus dem Jahr
1529 vor. Durch die Expeditionen des Orellana (1540) und des Lope de
Aguirre (1560) erfuhr man nichts über die Gabeltheilung des Orinoco; da
aber Aguirre so auffallend schnell die Insel Margarita erreicht hatte,
glaubte man lange, derselbe sey nicht durch eine der großen Mündungen
des Amazonenstromes, sondern durch eine Flußverbindung im Innern auf die
See gelangt. Der Jesuit Acuña hat solches als Behauptung aufgestellt;
aber das Ergebniß meiner Nachforschungen in den Schriften der frühesten
Geschichtschreiber der Eroberung spricht nicht dafür. »Wie kann man
glauben,« sagt dieser Missionär, »daß Gott es zugelassen, daß ein Tyrann
es hinausführe und die schöne Entdeckung der Mündung des Maragnon
mache!« Acuña setzt voraus, Aguirre sey durch den Rio Felipe an die See
gelangt, und dieser Fluß »sey nur wenige Meilen von Cabo del Norte
entfernt.«
Ralegh brachte auf verschiedenen Fahrten, die er selbst gemacht oder die
auf seine Kosten unternommen worden, nichts über eine hydraulische
Verbindung zwischen Orinoco und Amazonenstrom in Erfahrung; aber sein
Unterbefehlshaber Keymis, der aus Schmeichelei (besonders aber wegen des
Vorgangs, daß der Maragnon nach Orellana benannt worden) dem Orinoco den
Namen Raleana beigelegt, bekam zuerst eine unbestimmte Vorstellung von
den Trageplätzen zwischen dem Essequebo, dem Carony und dem Rio Branco
oder Parime. Aus diesen Trageplätzen machte er einen großen Salzsee, und
in dieser Gestalt erschienen sie auf der Karte, die 1599 nach Raleghs
Berichten entworfen wurde. Zwischen Orinoco und Amazonenstrom zeichnet
man eine Cordillere ein, und statt der wirklichen Gabelung gibt Hondius
eine andere, völlig eingebildete an: er läßt den Amazonenstrom (mittelst
des Rio Tocantines) mit dem Parana und dem San Francisco in Verbindung
treten. Diese Verbindung blieb über ein Jahrhundert auf den Karten
stehen, wie auch eine angebliche Gabeltheilung des Magdalenenstroms, von
dem ein Arm zum Golf von Maracaybo laufen sollte.
Im Jahr 1639 machten die Jesuiten Christoval de Acuña und Andres de
Artedia, im Gefolge des Capitäns Texeira, die Fahrt von Quito nach
Gran-Para. Am Einfluß des Rio Negro in den Amazonenstrom erfuhren sie,
»ersterer Fluß, von den Eingeborenen wegen der braunen Farbe seines sehr
hellen Wassers Curiguacura oder Uruna genannt, gebe einen Arm an den Rio
Grande ab, der sich in die nördliche See ergießt und an dessen Mündung
sich holländische Niederlassungen befinden.« Acuña gibt den Rath, »nicht
am Einfluß des Rio Negro in den Amazonenstrom, sondern am Punkt, wo der
Verbindungsast abgeht,« eine Festung zu bauen. Er bespricht die Frage,
was wohl dieser Rio Grande seyn möge, und kommt zum Schluß, der Orinoco
sey es sicher nicht, vielleicht aber der Rio Dulce oder der Rio de
Felipe, derselbe, durch den Aguirre zur See gekommen. Letztere dieser
Annahmen scheint ihm die wahrscheinlichste. Man muß bei dergleichen
Angaben unterscheiden zwischen dem, was die Reisenden an der Mündung des
Rio Negro von den Indianern erfahren, und dem, was jene nach den
Vorstellungen, die ihnen der Zustand der Geographie zu ihrer Zeit an die
Hand gab, selbst hinzusetzten. Ein Flußarm, der vom Rio Negro abgeht,
soll sich in einen sehr großen Fluß ergießen, der in das nördliche Meer
läuft an einer Küste, auf der Menschen mit rothen Haaren wohnen; so
bezeichneten die Indianer die Holländer, da sie gewöhnt waren, nur Weiße
mit schwarzen oder braunen Haaren, Spanier oder Portugiesen, zu sehen.
Wir kennen nun aber jetzt, vom Einfluß des Rio Negro in den
Amazonenstrom bis zum Caño Pimichin, auf dem ich in den ersteren Fluß
gekommen, alle Nebenflüsse von Nord und Ost her. Nur ein einziger
darunter, der Cassiquiare, steht mit einem andern Fluß in Verbindung.
Die Quellen des Rio Branco sind auf den neuen Karten des brasilianischen
hydrographischen Depots sehr genau aufgenommen, und wir wissen, daß
dieser Fluß keineswegs durch einen See mit dem Carony, dem Essequebo
oder irgend einem andern Gewässer der Küste von Surinam und Cayenne in
Verbindung steht. Eine hohe Bergkette, die von Pacaraymo, liegt zwischen
den Quellen des Paraguamusi (eines Nebenflusses des Carony) und denen
des Rio Branco, wie es von Don Antonio Santos auf seiner Reise von
Angostura nach Gran-Para im Jahr 1775 ausgemacht worden. Südwärts von
der Bergkette Pacaraymo und Quimiropaca besindet sich ein Trageplatz von
drei Tagereisen zwischen dem Sarauri (einem Arm des Rio Branco) und dem
Rupunuri (einem Arm des Essequebo). Ueber diesen Trageplatz kam im Jahr
1759 der Chirurg Nicolas Hortsmann, ein Hildesheimer, dessen Tagebuch
ich in Händen gehabt; es ist dieß derselbe Weg, auf dem Don Francisco
Jose Rodrigues Barata, Obristlieutenant des ersten Linienregiments in
Para, im Jahr 1793 im Auftrag seiner Regierung zweimal vom Amazonenstrom
nach Surinam ging. In noch neuerer Zeit, im Februar 1811, kamen
englische und holländische Colonisten zum Trageplatz am Rupunuri und
ließen den Befehlshaber am Rio Negro um die Erlaubniß bitten, zum Rio
Branco sich begeben zu dürfen; der Commandant willfahrte dem Gesuch und
so kamen die Colonisten in ihren Canoes zum Fort San Joaquin am Rio
Branco. Wir werden in der Folge noch einmal auf diese Landenge
zurückkommen, einen theils bergigten, theils sumpfigten Landstrich, auf
den Kaymis (der Verfasser des Berichts von Raleghs zweiter Reise) den
Dorado und die große Stadt Manoa verlegt, der aber, wie wir jetzt
bestimmt wissen, die Quellen des Carony, des Rupunuri und des Rio Branco
trennt, die drei verschiedenen Flußsystemen angehören, dem Orinoco, dem
Essequebo und dem Rio Negro oder Amazonenstrom.
Aus dem Bisherigen geht hervor, daß die Eingeborenen, die Texeira und
Acuña von der Verbindung zweier großen Ströme sprachen, vielleicht
selbst über die Richtung des Cassiquiare im Irrthum waren, oder daß
Acuña ihre Aeußerungen mißverstanden hat. Letzteres ist um so
wahrscheinlicher, da ich, wenn ich mich, gleich dem spanischen
Reisenden, eines Dolmetschers bediente, oft selbst die Erfahrung gemacht
habe, wie leicht man etwas falsch auffaßt, wenn davon die Rede ist, ob
ein Fluß Arme abgibt oder aufnimmt, ob ein Nebenfluß mit der Sonne geht
oder »gegen die Sonne« läuft. Ich bezweifle, daß die Indianer mit dem,
was sie gegen Acuña geäußert, die Verbindung mit den holländischen
Besitzungen über die Trageplätze zwischen dem Rio Branco und dem Rio
Gssequebo gemeint haben. Die Caraiben kamen an den Rio Negro auf beiden
Wegen, über die Landenge beim Rupunuri und auf dem Cassiquiare; aber
eine ununterbrochene Wasserstraße mußte den Indianern als etwas
erscheinen, das für die Fremden ungleich mehr Belang habe, und der
Orinoco mündet allerdings nicht in den holländischen Besitzungen aus,
liegt aber doch denselben sehr nahe. Acuñas Aufenthalt an der Mündung
des Rio Negro verdankt Europa nicht nur die erste Kunde von der
Verbindung zwischen Amazonenstrom und Orinoco, derselbe hatte auch aus
dem Gesichtspunkte der Humanität gute Folgen. Texeiras Mannschaft wollte
den Befehlshaber zwingen, in den Rio Negro einzulaufen, um Sklaven zu
holen. Die beiden Geistlichen, Acuña und Artedia, legten schriftliche
Verwahrung gegen ein solch ungerechtes und politisch unkluges
Unternehmen ein. Sie behaupteten dabei (und der Satz ist sonderbar
genug), »das Gewissen gestatte den Christen nicht, Eingeborene zu
Sklaven zu machen, solche ausgenommen, die als Dolmetscher zu dienen
hätten.« Was man auch von diesem Satze halten mag, auf die hochherzige,
muthvolIe Verwahrung der beiden Geistlichen unterblieb der beabsichtigte
Raubzug.
Im Jahr 1680 entwarf der Geograph Sanson nach Acuñas Reisebericht eine
Karte vom Orinoco und dem Amazonenstrom. Sie ist für den Amazonenstrom,
was Gumillas Karte so lange für den untern Orinoco gewesen. Im ganzen
Strich nördlich vom Aequator ist sie rein hypothetisch, und der Caqueta,
wie schon oben bemerkt, gabelt sich darauf unter einem rechten Winkel.
Der eine Arm des Caqueta ist der Orinoco, der andere der Rio Negro. In
dieser Weise glaubte Sanson auf der erwähnten Karte, und auf einer
andern von ganz Südamerika aus dem Jahr 1656, die unbestimmten
Nachrichten, welche Acuña im Jahr 1639 über die Verzweigungen des
Caqueta und über die Verbindungen zwischen Amazonenstrom und Orinoco
erhalten, vereinigen zu können. Die irrige Vorstellung, der Rio Negro
entspringe aus dem Orinoco oder aus dem Caqueta, von dem der Orinoco nur
ein Zweig wäre, hat sich bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts
erhalten, wo der Cassiquiare entdeckt wurde.
Pater Fritz war mit einem andern deutschen Jesuiten, dem Pater Richler,
nach Quito gekommen; er entwarf im Jahr 1690 eine Karte des
Amazonenstroms, die beste, die man vor La Condamines Reise besaß. Nach
dieser Karte richtete sich der französische Akademiker auf seiner
Flußfahrt, wie ich auf dem Orinoco nach den Karten von La Cruz und
Caulin. Es ist auffallend, daß Pater Fritz bei seinem langen Aufenthalt
am Amazonenstrom (der Commandant eines portugiesischen Forts hielt ihn
zwei Jahre gefangen) keine Kunde vom Cassiquiare erhalten haben soll.
Die geschichtlichen Notizen, die er auf dem Rand seiner
handschriftlichen Karte beigesetzt und die ich in neuester Zeit
sorgfältig untersucht habe, sind sehr mangelhaft; auch sind ihrer nicht
viele. Er läßt eine Bergkette zwischen den beiden Flußsystemen streichen
und rückt nur einen der Zweige, die den Rio Negro bilden, nahe an einen
Nebenfluß des Orinoco, der, der Lage nach, der Rio Caura zu seyn
scheint. In den hundert Jahren zwischen Acuñas Reise und der Entdeckung
des Cassiquiare durch Pater Roman blieb Alles im Ungewissen.