Unser erstes Nachtlager oberhalb Vasiva war bald aufgeschlagen. Wir

trafen einen kleinen trockenen, von Büschen freien Fleck südlich vom

Caño Curamuni, an einem Ort, wo wir Kapuzineraffen,[^13] kenntlich am

schwarzen Bart und der trübseligen, scheuen Miene, langsam auf den

horizontalen Aesten einer Genipa hin und hergehen sahen. Die fünf

folgenden Nächte wurden immer beschwerlicher, je näher wir der

Gabeltheilung des Orinoco kamen. Die Ueppigkeit des Pflanzenwuchses

steigerte sich in einem Grade, von dem man sich keinen Begriff macht,

selbst wenn man mit dem Anblick der tropischen Wälder vertraut ist. Ein

Gelände ist gar nicht mehr vorhanden; ein Pfahlwerk aus dichtbelaubten

Bäumen bildet das Flußufer. Man hat einen 200 Toisen breiten Canal vor

sich, den zwei ungeheure mit Laub und Lianen bedeckte Wände einfassen;

Wir versuchten öfters zu landen, konnten aber nicht aus dem Canoe

kommen. Gegen Sonnenuntergang fuhren wir zuweilen eine Stunde lang am

Ufer hin, um, nicht eine Lichtung (dergleichen gibt es gar nicht),

sondern nur einen weniger dicht bewachsenen Fleck zu entdecken, wo

unsere Indianer mit der Axt so weit aufräumen konnten, um für 12 bis 13

Personen ein Lager aufzuschlagen. In der Pirogue konnten wir die Nacht

unmöglich zubringen. Die Moskitos, die uns den Tag über plagten, setzten

sich gegen Abend haufenweise unter den Toldo, d. h. unter das Dach aus

Palmblättern, das uns vor dem Regen schützte. Rio waren uns Hände und

Gesicht so stark geschwollen gewesen. Pater Zea, der sich bis dahin

immer gerühmt, er habe in seinen Missionen an den Katarakten die größten

und wildesten (las mas feroces) Moskitos, gab nach und nach zu, nie

haben ihn die Insektenstiche ärger geschmerzt, als hier am Cassiquiare.

Mitten im dicken Walde konnten wir uns nur mit schwerer Mühe Brennholz

verschaffen; denn in diesen Ländern am Aequator, wo es beständig regnet,

sind die Baumzweige so saftreich, daß sie fast gar nicht brennen. Wo es

keine trockenen Ufer gibt, findet man auch so gut wie kein altes Holz,

das, wie die Indier sagen, an der Sonne gekocht ist. Feuer bedurften wir

übrigens nur als Schutzwehr gegen die Thiere des Waldes; unser Vorrath

an Lebensmitteln war so gering, daß wir zur Zubereitung der Speisen des

Feuers ziemlich hätten entbehren können.

Am 18. Mai gegen Abend kamen wir an einen Ort, wo wilde Cacaobäume das

Ufer säumen. Die Bohne derselben ist klein und bitter; die Indianer in

den Wäldern saugen das Mark aus und werfen die Bohnen weg, und diese

werden von den Indianern in den Missionen aufgelesen und an solche

verkauft, die es bei der Bereitung ihrer Chokolate nicht genau nehmen.

»Hier ist der Puerto del Cacao,« sagte der Steuermann, »hier übernachten

los Padres, wenn sie nach Esmeralda fahren, um Blaseröhren und Juvia

(die wohlschmeckenden Mandeln der Bertholletia) zu kaufen.« Indessen

befahren im Jahre nicht fünf Canoes den Cassiquiare, und seit Maypures,

also seit einem Monat, war uns auf den Flüssen, die wir hinauffuhren,

keine Seele begegnet, außer in der nächsten Nähe der Missionen. Südwärts

vom See Duractumini übernachteten wir in einem Palmenwalde. Der Regen

goß in Strömen herab; aber die Pothos, die Arum und die Schlinggewächse

bildeten eine natürliche, so dichte Laube, daß wir darunter Schutz

fanden, wie unter dichtbelaubten Bäumen. Die Indianer, die am Ufer

lagen, hatten Heliconien und Musaceen in einander verschlungen und damit

über ihren Hängematten eine Art Dach gebildet. Unsere Feuer beleuchteten

auf 50, 60 Fuß Höhe die Palmstämme, die mit Blüthen bedeckten

Schlinggewächse und die weißlichten Rauchsäulen, die gerade gen Himmel

stiegen; ein prachtvoller Anblick, aber um desselben mit Ruhe zu

genießen, hätte man eine Luft athmen müssen, die nicht von Insekten

wimmelte.

Unter allen körperlichen Leiden wirken diejenigen am

niederschlagendsten, die in ihrer Dauer immer dieselben sind, und gegen

die es kein Mittel gibt als Geduld. Die Ausdünstungen in den Wäldern am

Cassiquiare haben wahrscheinlich bei Bonpland den Keim zu der schweren

Krankheit gelegt, der er bei unserer Ankunft in Angostura beinahe

erlegen wäre. Zu unserem Glück ahnte er so wenig als ich die Gefahr, die

ihm drohte. Der Anblick des Flusses und das Summen der Moskitos kamen

uns allerdings etwas einförmig vor; aber unser natürlicher Frohsinn war

nicht ganz gebrochen und half uns über die lange Oede weg. Wir machten

die Bemerkung, daß wir uns den Hunger auf mehrere Stunden vertrieben,

wenn wir etwas trockenen geriebenen Cacao ohne Zucker aßen. Die Ameisen

und die Moskitos machten uns mehr zu schaffen als die Nässe und der

Mangel an Nahrung. So großen Entbehrungen wir auch auf unsern Zügen in

den Cordilleren ausgesetzt gewesen, die Flußfahrt von Mandavaca nach

Esmeralda erschien uns immer als das beschwerdereichste Stück unseres

Aufenthalts in Amerika. Ich rathe den Reisenden, den Weg über den

Cassiquiare dem über den Atabapo nicht vorzuziehen, sie müßten denn sehr

großes Verlangen haben, die große Gabeltheilung des Orinoco mit eigenen

Augen zu sehen.

Oberhalb des Caño Duractumuni läuft der Cassiquiare geradeaus von

Nordost nach Südwest. Hier hat man am rechten Ufer mit dem Bau des neuen

Dorfes Vasiva begonnen. Die Missionen Pacimona, Capivari, Buenaguardia,

so wie die angebliche Schanze am See bei Vasiva auf unsern Karten sind

lauter Fictionen. Es fiel uns auf, wie stark durch die raschen

Anschwellungen des Cassiquiare die beiderseitigen Uferabhänge unterhöhlt

waren. Entwurzelte Bäume bilden wie natürliche Flöße; sie stecken halb

im Schlamm und können den Piroguen sehr gefährlich werden. Hätte man das

Unglück, in diesen unbewohnten Strichen zu scheitern, so verschwände man

ohne Zweifel, ohne daß eine Spur des Schiffbruchs verriethe, wo und wie

man untergegangen. Man erführe nur an der Küste, und das sehr spät, ein

Canoe, das von Vasiva abgegangen, sey hundert Meilen weiterhin, in den

Missionen Santa Barbara und San Fernando de Atabapo nicht gesehen

worden.

Die Nacht des 20. Mai, die letzte unserer Fahrt auf dem Cassiquiare,

brachten wir an der Stelle zu, wo der Orinoco sich gabelt. Wir hatten

einige Aussicht, eine astronomische Beobachtung machen zu können; denn

ungewöhnlich große Sternschnuppen schimmerten durch die Dunsthülle, die

den Himmel umzog. Wir schlossen daraus, die Dunstschicht müsse sehr dünn

seyn, da man solche Meteore fast niemals unter dem Gewölk sieht. Die uns

zu Gesicht kamen, liefen nach Nord und folgten auf einander fast in

gleichen Pausen. Die Indianer, welche die Zerrbilder ihrer Phantasie

nicht leicht durch den Ausdruck veredeln, nennen die Sternschnuppen den

Urin und den Thau den Speichel der Sterne. Aber das Gewölk wurde wieder

dicker und wir sahen weder die Meteore mehr noch die wahren Sterne,

deren wir seit mehreren Tagen mit so großer Ungeduld harrten.

Man hatte uns gesagt, in Esmeralda werden wir die Insekten »noch

grausamer und gieriger« finden, als auf dem Arm des Orinoco, den wir

jetzt hinauffuhren; trotz dieser Aussicht erheiterte uns die Hoffnung,

endlich einmal wieder an einem bewohnten Orte schlafen und uns beim

Botanisiren einige Bewegung machen zu können. Beim letzten Nachtlager am

Cassiquiare wurde unsere Freude getrübt. Ich nehme keinen Anstand, hier

einen Vorfall zu erzählen, der für den Leser von keinem großen Belang

ist, der aber in einem Tagebuch, das die Begebnisse auf der Fahrt durch

ein so wildes Land schildert, immerhin eine Stelle finden mag. Wir

lagerten am Waldsaum. Mitten in der Nacht meldeten uns die Indianer, man

höre den Jaguar ganz in der Nähe brüllen, und zwar von den nahestehenden

Bäumen herab. Die Wälder sind hier so dicht, daß fast keine andern

Thiere darin vorkommen, als solche, die auf die Bäume klettern,

Vierhänder, Cercolepten, Viverren und verschiedene Katzenarten. Da

unsere Feuer hell brannten, und da man durch lange Gewöhnung Gefahren,

die durchaus nicht eingebildet sind, ich möchte sagen, systematisch

nicht achten lernt, so machten wir uns aus dem Brüllen der Jaguars nicht

viel. Der Geruch und die Stimme unseres Hundes hatten sie hergelockt.

Der Hund (eine große Dogge) bellte Anfangs; als aber der Tiger näher

kam, fing er an zu heulen und kroch unter unsere Hängematten, als wollte

er beim Menschen Schutz suchen. Seit unsern Nachtlagern am Rio Apure

waren wir daran gewöhnt, bei dem Thier, das jung, sanftmüthig und sehr

einschmeichelnd war, in dieser Weise Muth und Schüchternheit wechseln zu

sehen. Wie groß war unser Verdruß, als uns am Morgen, da wir eben das

Fahrzeug besteigen wollten, die Indianer meldeten, der Hund sey

verschwunden! Es war kein Zweifel, die Jaguars hatten ihn

fortgeschleppt. Vielleicht war er, da er sie nicht mehr brüllen hörte,

von den Feuern weg dem Ufer zu gegangen; vielleicht aber auch hatten wir

den Hund nicht winseln hören, da wir im tiefsten Schlafe lagen. Am

Orinoco und am Magdalenenstrom versicherte man uns oft, die ältesten

Jaguars (also solche, die viele Jahre bei Nacht gejagt haben) seyen so

verschlagen, daß sie mitten aus einem Nachtlager Thiere herausholen,

indem sie ihnen den Hals zudrücken, damit sie nicht schreien können. Wir

warteten am Morgen lange, in der Hoffnung, der Hund möchte sich nur

verlaufen haben. Drei Tage später kamen wir an denselben Platz zurück.

Auch jetzt hörten wir die Jaguars wieder brüllen, denn diese Thiere

haben eine Vorliebe für gewisse Orte; aber all unser Suchen war

vergeblich. Die Dogge, die seit Caracas unser Begleiter gewesen und so

oft schwimmend den Krokodilen entgangen war, war im Walde zerrissen

worden. Ich erwähne dieses Vorfalls nur, weil er einiges Licht auf die

Kunstgriffe dieser großen Katzen mit geflecktem Fell wirft.

Am 21. Mai liefen wir drei Meilen unterhalb der Mission Esmeralda wieder

in das Bett des Orinoco ein. Vor einem Monat hatten wir diesen Fluß bei

der Einmündung des Guaviare verlassen. Wir hatten nun noch 750

Seemeilen[^14] nach Angostura, aber es ging den Strom abwärts, und

dieser Gedanke war geeignet, uns unsere Leiden erträglicher zu machen.

Fährt man die großen Ströme hinab, so bleibt man im Thalweg, wo es nur

wenige Moskitos gibt; stromaufwärts dagegen muß man sich, um die Wirbel

und Gegenströmungen zu benützen, nahe am Ufer halten, wo es wegen der

Nähe der Wälder und des organischen Detritus, der aufs Ufer geworfen

wird, von Mücken wimmelt.[^15] Der Punkt, wo die vielberufene

Gabeltheilung des Orinoco stattfindet, gewährt einen ungemein

großartigen Anblick. Am nördlichen Ufer erheben sich hohe Granitberge;

in der Ferne erkennt man unter denselben den Maraguaca und den Duida.

Auf dem linken Ufer des Orinoco, westlich und südlich von der Gabelung,

sind keine Berge bis dem Einfluß des Tamatama gegenüber. Hier liegt der

Fels Guaraco, der in der Regenzeit zuweilen Feuer speien soll. Da wo der

Orinoco gegen Süd nicht mehr von Bergen umgeben ist und er die Oeffnung

eines Thals oder vielmehr einer Senkung erreicht, welche sich nach dem

Rio Negro hinunterzieht, theilt er sich in zwei Aeste. Der Hauptast (der

Rio Paragua der Indianer) setzt seinen Lauf west-nord-westwärts um die

Berggruppe der Parime herum fort; der Arm, der die Verbindung mit dem

Amazonenstrom herstellt, läuft über Ebenen, die im Ganzen ihr Gefäll

gegen Süd haben, wobei aber die einzelnen Gehänge im Cassiquiare gegen

Südwest, im Becken des Rio Negro gegen Südost fallen. Eine scheinbar so

auffallende Erscheinung, die ich an Ort und Stelle untersucht habe,

verdient ganz besondere Aufmerksamkeit, um so mehr, als sie über

ähnliche Fälle, die man im innern Afrika beobachtet zu haben glaubt,

einigen Aufschluß geben kann. Ich beschließe dieses Capitel mit

allgemeinen Betrachtungen über das hydraulische System von spanisch

Guyana, und versuche es, durch Anführung von Fällen auf dem alten

Continent darzuthun, daß diese Gabeltheilung, die für die Geographen,

welche Karten von Amerika entwarfen, so lange ein Schreckbild war,

immerhin etwas Seltenes ist, aber in beiden Halbkugeln vorkommt.

Wir sind gewöhnt, die europäischen Flüsse nur in dem Theil ihres Laufs

zu betrachten, wo sie zwischen zwei Wasserscheiden liegen, somit in

Thäler eingeschlossen sind; wir beachten nicht, daß, die

Bodenhindernisse, welche Nebenflüsse und Hauptwasserbehälter ablenken,

gar nicht so oft Bergketten sind, als vielmehr sanfte Böschungen von

Gegenhängen; und so fällt es uns schwer, uns eine Vorstellung davon zu

machen, wie in der neuen Welt die Ströme sich so stark krümmen, sich

gabelig theilen und in einander münden sollen. An diesem ungeheuern

Continent fällt die weite Erstreckung und Einförmigkeit seiner Ebenen

noch mehr auf als die riesenhafte Höhe seiner Cordilleren.

Erscheinungen, wie wir sie in unserer Halbkugel an den Meeresküsten oder

in den Steppen von Bactriana um Binnenmeere, um den Aral und das

caspische Meer beobachten, kommen in Amerika drei-, vierhundert Meilen

von den Strommündungen vor. Die kleinen Bäche, die sich durch unsere

Wiesengründe (die vollkommensten Ebenen bei uns) schlängeln, geben im

Kleinen ein Bild jener Verzweigungen und Gabeltheilungen; man hält es

aber nicht der Mühe werth, bei solchen Kleinigkeiten zu verweilen, und

so fällt einem bei den hydraulischen Systemen der beiden Welten mehr der

Contrast auf als die Analogie. Die Vorstellung, der Rhein könnte an die

Donau, die Weichsel an die Oder, die Seine an die Loire einen Arm

abgeben, erscheint uns auf den ersten Blick so ausschweifend, daß wir,

wenn wir auch nicht daran zweifeln, daß Orinoco und Amazonenstrom in

Verbindung stehen, den Beweis verlangen, daß was wirklich ist, auch

möglich ist.

Fährt man über das Delta des Orinoco nach Angostura und zum Einfluß des

Rio Apure hinauf, so hat man die hohe Gebirgskette der Parime

fortwährend zur Linken. Diese Kette bildet nun keineswegs, wie mehrere

berühmte Geographen angenommen haben, eine Wasserscheide zwischen dem

Becken des Orinoco und dem des Amazonenstroms, vielmehr entspringen am

Südabhang derselben die Quellen des ersteren Stroms. Der Orinoco

beschreibt (ganz wie der Arno in der bekannten Voltata zwischen Bibieno

und Ponta Sieve) drei Viertheile eines Ovals, dessen große Achse in der

Richtung eines Parallels liegt. Er läuft um einen Bergstock herum, von

dessen beiden entgegengesetzten Abhängen die Gewässer ihm zulaufen. Von

den« Alpenthälern des Maraguaca an läuft der Fluß zuerst gegen West oder

West-Nord-West, als sollte er sich in die Südsee ergießen; darauf, beim

Einfluß des Guaviare, fängt er an nach Nord umzubiegen und läuft in der

Richtung eines Meridians bis zur Mündung des Apure, wo ein zweiter

»Wiederkehrungspunkt« liegt. Auf diesem Stücke seines Laufs füllt der

Orinoco eine Art Rinne, die durch das sanfte Gefälle, das sich von der

sehr fernen Andenkette von Neu-Grenada herunterzieht, und durch den ganz

kurzen Gegenhang, der ostwärts zur steilen Gebirgswand der Parime

hinaufläuft, gebildet wird. In Folge dieser Bodenbildung kommen die

bedeutendsten Zuflüsse dem Orinoco von Westen herzu. Da der

Hauptbehälter ganz nahe an den Gebirgen der Parime liegt, um die er sich

von Süd nach Nord herumbiegt (als sollte er Portocabello an der

Nordküste von Venezuela zu laufen), so ist sein Bett von Felsmassen

verstopft. Dieß ist der Strich der großen Katarakten; der Strom bricht

sich brüllend Bahn durch die Ausläufer, die gegen West fortstreichen, so

daß aus der großen »Land-Meerenge«[^16] (détroit terrestre) zwischen den

Cordilleren von Neu-Grenada und der Sierra Parime die Felsen am

westlichen Ufer des Stroms noch dieser Sierra angehören. Beim Einfluß

des Rio Apure sieht man nun den Orinoco zum zweitenmal, und fast

plötzlich, aus seiner Richtung von Süd nach Nord in die von West nach

Ost umbiegen, wie weiter oben der Einfluß des Guaviare den Punkt

bezeichnet, wo der westliche Lauf rasch zum nördlichen wird. Bei diesen

beiden Biegungen wird die Richtung des Hauptbehälters nicht allein durch

den Stoß der Gewässer des Nebenflusses bestimmt, sondern auch durch die

eigenthümliche Lage der Hänge und Gegenhänge, die sowohl auf die

Richtung der Nebenflüsse als auf die des Orinoco selbst ihren Einfluß

äußern. Umsonst sieht man sich bei diesen geographisch so wichtigen

»Wiederkehrungspunkten« nach Bergen oder Hügeln um, die den Strom seinen

bisherigen Lauf nicht fortsetzen ließen. Beim Einfluß des Guaviare sind

keine vorhanden, und bei der Mündung des Apure konnte der niedrige Hügel

von Cabruta auf die Richtung des Orinoco sicher keinen Einfluß äußern.

Diese Veränderungen der Richtung sind Folgen allgemeinerer Ursachen; sie

rühren her von der Lage der großen geneigten Ebenen, aus denen die

polyedrische Fläche der Niederungen besteht. Die Bergketten steigen

nicht wie Mauern auf wagrechten Grundflächen empor; ihre mehr oder

weniger prismatischen Stöcke stehen immer auf Plateaux, und diese

Plateaux streichen mit stärkerer oder geringerer Abdachung dem Thalweg

des Stromes zu. Der Umstand, daß die Ebenen gegen die Berge ansteigen,

ist somit die Ursache, daß sich die Flüsse so selten an den Bergen

selbst brechen und den Einfluß dieser Wasserscheiden, so zu sagen, in

bedeutender Entfernung fühlen. Geographen, welche Topographie nach der

Natur studirt und selbst Bodenvermessungen vorgenommen haben, können

sich nicht wundern, daß auf Karten, auf denen wegen ihres Maßstabes ein

Gefälle von 3—5 Grad sich nicht angeben läßt, die Ursachen der großen

Flußkrümmungen materiell gar nicht ersichtlich sind. Der Orinoco läuft

von der Mündung des Apure bis zu seinem Ausfluß an der Ostküste von

Amerika parallel mit seiner anfänglichen Richtung, aber derselben

entgegen; sein Thalweg wird dort gegen Norden durch eine fast

unmerkliche Abdachung, die sich gegen die Küstenkette von Venezuela

hinaufzieht, gegen Süden durch den kurzen steilen Gegenhang an der

Sierra Parime gebildet. In Folge dieser eigenthümlichen Terrainbildung

umgibt der Orinoco denselben granitischen Gebirgsstock in Süd, West und

Nord, und befindet sich nach einem Lauf von 1350 Seemeilen (zu 950

Toisen) 300 Seemeilen von seinem Ursprung. Es ist ein Fluß, dessen

Mündung bis auf zwei Grad im Meridian seiner Quellen liegt.

Der Lauf des Orinoco, wie wir ihn hier flüchtig geschildert, zeigt drei

sehr bemerkenswerthe Eigenthümlichkeiten: 1) daß er dem Bergstock, um

den er in Süd, West und Nord herläuft, immer so nahe bleibt; 2) daß

seine Quellen in einem Landstrich liegen, der, wie man glauben sollte,

dem Becken des Rio Negro und des Amazonenstroms angehört; 3) daß er sich

gabelt und einem andern Flußsystem einen Arm zusendet. Nach bloß

theoretischen Vorstellungen sollte man annehmen, die Flüsse, wenn sie

einmal aus den Alpenthälern heraus sind, in deren obern Enden sie

entsprungen, müßten rasch von den Bergen weg auf einer mehr oder weniger

geneigten Ebene fortziehen, deren stärkster Fall senkrecht ist auf die

große Achse der Kette oder die Hauptwasserscheide. Eine solche

Voraussetzung widerspräche aber dem Verhalten der großartigsten Ströme

Indiens und Chinas. Es ist eine Eigenthümlichkeit dieser Flüsse, daß sie

nach ihrem Austritt aus dem Gebirge mit der Kette parallel laufen. Die

Ebenen deren Gehänge gegen die Gebirge ansteigen, sind am Fuße derselben

unregelmäßig gestaltet. Nicht selten mag die Erscheinung, von der hier

die Rede ist, von der Beschaffenheit des geschichteten Gesteins und

daher rühren, daß die Schichten den großen Ketten parallel streichen; da

aber der Granit der Sierra Parime fast durchaus massig, nicht

geschichtet ist, so deutet der Umstand, daß der Orinoco sich so nahe um

diesen Gebirgsstock herumschlingt, auf eine Terrainsenkung hin, die mit

einer allgemeineren geologischen Erscheinung zusammenhängt, auf eine

Ursache, die vielleicht bei der Bildung der Cordilleren selbst im Spiele

war. In den Meeren und den Binnenseen finden sich die tiefsten Stellen

da, wo die Ufer am höchsten und steilsten sind. Fährt man von Esmeralda

nach Angostura den Orinoco hinab, so sieht man (ob die Richtung West,

Nord oder Ost ist) 250 Meilen weit am rechten Ufer beständig sehr hohe

Berge, am linken dagegen Ebenen, so weit das Auge reicht. Die Linie der

größten Tiefen, die Maxima der Senkung liegen also am Fuß der Cordillere

selbst, am Umriß der Sierra Parime.

Eine andere Eigenthümlichkeit, die uns auf den ersten Anblick am Laufe

des Orinoco auffällig erscheint, ist, daß das Becken dieses Stroms

ursprünglich mit dem Becken eines andern, des Amazonenstroms,

zusammenzufallen scheint. Wirft man einen Blick auf die Karte, so sieht

man, daß der obere Orinoco von Ost nach West über dieselbe Ebene läuft,

durch die der Amazonenstrom parallel mit ihm, aber in entgegengesetzter

Richtung, von West nach Ost zieht. Aber das Becken ist nur scheinbar ein

gemeinschaftliches; man darf nicht vergessen, daß die großen

Bodenflächen, die wir Ebenen nennen, ihre Thäler haben, so gut wie die

Berge. Jede Ebene besteht aus verschiedenen Systemen alternativer

Hänge,[^17] und diese Systeme sind von einander durch secundäre

Wasserscheiden von so geringer Höhe getrennt, daß das Auge sie fast

nicht bemerkt. Eine ununterbrochene, waldbedeckte Ebene füllt den

ungeheuern Raum zwischen dem 3½ Grad nördlicher und dem 14. Grad

südlicher Breite, zwischen der Cordillere der Parime und der Cordillere

von Chiquitos und der brasilianischen. Bis zum Parallel der Quellen des

Rio Temi (2°45′ nördlicher Breite), auf einer Oberfläche von 204,000

Quadratmeilen,[^18] laufen alle Gewässer dem Amazonenstrom als

Hauptbehälter zu; aber weiter gegen Norden hat in Folge eigenthümlicher

Terrainbildung auf einer Fläche von nicht 1500 Quadratmeilen ein anderer

großer Strom, der Orinoco, sein eigenes hydraulisches System. Die

Centralebene von Südamerika umfaßt also zwei Strombecken; denn ein

Becken ist die Gesammtheit aller umliegenden Bodenflächen, deren

stärkste Falllinien dem Thalweg, das heißt der Längenvertiefung, welche

das Bett des Hauptbehälters bildet, zulaufen. Auf dem kurzen Strich

zwischen dem 68 und 70. Grad der Länge nimmt der Orinoco die Gewässer

auf, die vom Südabhang der Cordillere der Parime herabkommen; aber die

Nebenflüsse, die am selben Abhang östlich vom Meridian von 68° zwischen

dem Berge Maraguaca und den Bergen des portugiesischen Guyana

entspringen, gehen in den Amazonenstrom. Also nur auf einer 50 Meilen

langen Strecke haben in diesem ungeheuern Thal unter dem Aequator die

Bodenflächen zunächst am Fuß der Cordillere der Parime ihren stärksten

Fall in einer Richtung, die aus dem Thal hinaus zuerst nordwärts, dann

ostwärts weist. In Ungarn sehen wir einen ähnlichen, sehr merkwürdigen

Fall, wo Flüsse, die südwärts von einer Bergkette entspringen, dem

hydraulischen System des Nordhangs angehören. Die Wasserscheide zwischen

dem baltischen und dem schwarzen Meer liegt südlich vom Tatra, einem

Ausläufer der Carpathen, zwischen Teplicz und Ganocz, auf einem nur 300

Toisen hohen Plateau. Waag und Hernad laufen südwärts der Donau zu,

während der Poprad um das Tatragebirge gegen West herumläuft und mit dem

Dunajetz nordwärts der Weichsel zufließt. Der Poprad, der seiner Lage

nach zu den Gewässern zu gehören scheint, die dem schwarzen Meer

zufließen, trennt sich scheinbar vom Becken derselben los und wendet

sich dem baltischen Meere zu.

In Südamerika enthält eine ungeheure Ebene das Becken des Amazonenstroms

und einen Theil des Beckens des Orinoco; aber in Deutschland, zwischen

Melle und Osnabrück, haben wir den seltenen Fall, daß ein sehr enges

Thal die Becken zweier kleiner, von einander unabhängiger Flüsse

verbindet. Die Else und die Haase laufen Anfangs nahe bei einander und

parallel von Süd nach Nord; wo sie aber in die Ebene treten, weichen sie

nach Ost und West auseinander und schließen sich zwei ganz gesonderten

Flußsystemen, dem der Werra und dem der Ems, an.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 4. · 第 2 / 29 段