Welja und Katja an Jegor

Petersburg, 16. Juli.

Lieber Papa! Als Katja in Mamas Brief Deinen Ausspruch gelesen hatte,

Trunkenbolde hätten die treuesten Herzen, trompetete sie los: »Seht ihr,

Lju ist kein Trinker! Er trank Wein nur wegen der schönen Farbe und des

Aromas!« Es wird sich nun gewiß verbreiten, Du hättest Lju entlassen,

weil er sich niemals betrunken hätte, Du wirst ein Liebling des Volkes

werden, und eine Horde taumelnder Kosaken wird Dich als freiwillige

Schutzgarde beständig umgeben. Wir haben gestern abend Tante Tatjana

überzeugt, daß sie uns zum Abschiedsessen sehr feinen Wein vorsetzte,

und Peter, der gerade im Begriff war, in einen Abstinenzverein

einzutreten, hat das deshalb bis zu unsrer Rückkehr verschoben.

Lieber Papa! Welja schreibt doch nur Dummheiten. Es ist nicht möglich,

mit ihm zu leben, ohne zuweilen Kalb oder Molch zu sagen. Mama, Du

hättest ihn von vornherein besser erziehen sollen. Mit dem Trinken hast

Du ganz recht, Papa, es war eine abgeschmackte Idee von Peter, in einen

Abstinenzverein eintreten zu wollen. Warum soll man nicht trinken, wenn

es einem schmeckt? Zu dumm! Jessika sagt, um Euch brauchte man sich

keine Gedanken zu machen, Ihr sähet beide jung und glücklich aus. So

wollen wir Euch uns unterwegs vorstellen. Mit Jessika bin ich sehr nett,

aber ein Schaf ist sie doch. Da fährt unser Wagen vor! Morgen um diese

Zeit sind wir schon über die Grenze. Unterwegs schreibe ich Dir einen

richtigen langen Brief, süße Mama.

Katja.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 65 / 69 题