Mein Jüngstes! Heute reisen Welja und Jessika ab. Sie haben noch einen
Tag auf Lju gewartet, ihm zuletzt aber selbst davon abgeredet, die
Anstrengung des Reisens heute schon auf sich zu nehmen. Er ist
aufgestanden, aber noch schwach. Etwa drei Tage wird er gewiß noch
hierbleiben, also wirst Du ihn auf keinen Fall mehr sehen, wenn Ihr
übermorgen fahrt. Jessika hat tapfer mit ihren Gefühlen gekämpft, ich
hätte ihr so viel Selbstüberwindung nicht zugetraut. Heute war sie schon
in aller Frühe im Garten und pflückte Körbe voll Rosen, mit denen sie
das ganze Haus geschmückt hat. »Ich finde, es ist wie ein
Hochzeitshaus,« sagte sie. Dann sagte sie: »Mama, wir müssen euch doch
eigentlich recht im Wege gewesen sein, als wir gleich so nacheinander
anrückten?« Ich sagte: »Ja, wenn wir nicht selbst schuld gewesen wären,
hätten wir uns vielleicht ein bißchen geärgert.« Dein Bruder Welja, der
dazukam, sagte: »Gott, was denkst du, sie hätten sich schrecklich
gelangweilt ohne uns.« Jessika entrüstet: »Anmaßender Junge! Du mit
deiner Faulheit hast vor dem zweiten Jahre nicht gesprochen und vor dem
zehnten keinen Witz gemacht.« Nun, Du kannst Dir denken, wie zierlich
sie einander ankläfften. Und dazu das kleine Gesicht, so still und blaß
unter dem alten Kinderlachen. Gebt ihr noch recht viel Liebe an dem
letzten Tage, hörst Du, Herzblatt? Und kränke sie nicht dadurch, daß Du
etwas gegen Lju sagst. Du bist ein viel zu junges und törichtes
Glühwürmchen, als daß Du ihn richtig beurteilen könntest. Er ist
jedenfalls ein bedeutender Mensch, und vor bedeutenden Menschen muß man
die Achtung haben, daß man zunächst das Beste von ihnen denkt und im
Zweifelsfalle mit seinem Urteil zurückhält.
Was den Chauffeur anbelangt, den Tante Tatjana anstatt des alten
Aushilfsdieners zu nehmen vorschlägt, so kann sich Papa nicht dazu
entschließen, obwohl er zugibt, daß es vielleicht angenehmer für uns
wäre. Er sagt, einen ganz fremden Menschen will er nicht ins Haus
nehmen. Es käme nicht selten vor, daß die revolutionäre Partei auf diese
Art ihre Leute in die Häuser einschmuggelte, um durch sie private
Verhältnisse auszukundschaften oder sich mit der Dienerschaft in
Verbindung zu setzen. Er möchte nicht gern ein zweideutiges Element
zwischen unsre so treuen und zuverlässigen Dienstboten bringen. Da Papa
von jeder Aengstlichkeit frei ist, wird diese Vorsicht wohl berechtigt
sein. Wir bleiben also bei dem alten Kyrill, mehr als Iwan trinkt er
auch nicht, und Papa sagt, Trunkenbolde hätten die treuesten Herzen.
Ich umarme Dich, Du geliebtes Kind! Habt Euch recht lieb, alle drei, und
zankt Euch nicht auf der Reise, Du und Welja. Nennt Euch auch nicht Kalb
oder Molch oder Spatzengehirn -- das letzte geht allenfalls noch --, aus
dem Scherz könnte einmal Ernst werden, und überhaupt ist es eine
häßliche Gewohnheit, die bei Menschen, die Euch nicht kennen, Anstoß
erregen kann. Gib auch acht auf Welja, als ob Du die Aeltere wärest,
aber ohne es ihn merken zu lassen; um ihn sorge ich mich mehr als um
Dich, Du, mein Liebling, wirst schon das Rechte tun und etwas Rechtes
werden.
Also bin ich nun eine kinderlose Frau! In meinem Herzen habe ich Euch
aber, ganz fest, da seid Ihr noch klein und habt es gern, in einem
winzigen Raum geschlossen dicht bei Eurer Mama zu sitzen.
Lebe wohl!