14. Juli.

Mein Jüngstes! Heute reisen Welja und Jessika ab. Sie haben noch einen

Tag auf Lju gewartet, ihm zuletzt aber selbst davon abgeredet, die

Anstrengung des Reisens heute schon auf sich zu nehmen. Er ist

aufgestanden, aber noch schwach. Etwa drei Tage wird er gewiß noch

hierbleiben, also wirst Du ihn auf keinen Fall mehr sehen, wenn Ihr

übermorgen fahrt. Jessika hat tapfer mit ihren Gefühlen gekämpft, ich

hätte ihr so viel Selbstüberwindung nicht zugetraut. Heute war sie schon

in aller Frühe im Garten und pflückte Körbe voll Rosen, mit denen sie

das ganze Haus geschmückt hat. »Ich finde, es ist wie ein

Hochzeitshaus,« sagte sie. Dann sagte sie: »Mama, wir müssen euch doch

eigentlich recht im Wege gewesen sein, als wir gleich so nacheinander

anrückten?« Ich sagte: »Ja, wenn wir nicht selbst schuld gewesen wären,

hätten wir uns vielleicht ein bißchen geärgert.« Dein Bruder Welja, der

dazukam, sagte: »Gott, was denkst du, sie hätten sich schrecklich

gelangweilt ohne uns.« Jessika entrüstet: »Anmaßender Junge! Du mit

deiner Faulheit hast vor dem zweiten Jahre nicht gesprochen und vor dem

zehnten keinen Witz gemacht.« Nun, Du kannst Dir denken, wie zierlich

sie einander ankläfften. Und dazu das kleine Gesicht, so still und blaß

unter dem alten Kinderlachen. Gebt ihr noch recht viel Liebe an dem

letzten Tage, hörst Du, Herzblatt? Und kränke sie nicht dadurch, daß Du

etwas gegen Lju sagst. Du bist ein viel zu junges und törichtes

Glühwürmchen, als daß Du ihn richtig beurteilen könntest. Er ist

jedenfalls ein bedeutender Mensch, und vor bedeutenden Menschen muß man

die Achtung haben, daß man zunächst das Beste von ihnen denkt und im

Zweifelsfalle mit seinem Urteil zurückhält.

Was den Chauffeur anbelangt, den Tante Tatjana anstatt des alten

Aushilfsdieners zu nehmen vorschlägt, so kann sich Papa nicht dazu

entschließen, obwohl er zugibt, daß es vielleicht angenehmer für uns

wäre. Er sagt, einen ganz fremden Menschen will er nicht ins Haus

nehmen. Es käme nicht selten vor, daß die revolutionäre Partei auf diese

Art ihre Leute in die Häuser einschmuggelte, um durch sie private

Verhältnisse auszukundschaften oder sich mit der Dienerschaft in

Verbindung zu setzen. Er möchte nicht gern ein zweideutiges Element

zwischen unsre so treuen und zuverlässigen Dienstboten bringen. Da Papa

von jeder Aengstlichkeit frei ist, wird diese Vorsicht wohl berechtigt

sein. Wir bleiben also bei dem alten Kyrill, mehr als Iwan trinkt er

auch nicht, und Papa sagt, Trunkenbolde hätten die treuesten Herzen.

Ich umarme Dich, Du geliebtes Kind! Habt Euch recht lieb, alle drei, und

zankt Euch nicht auf der Reise, Du und Welja. Nennt Euch auch nicht Kalb

oder Molch oder Spatzengehirn -- das letzte geht allenfalls noch --, aus

dem Scherz könnte einmal Ernst werden, und überhaupt ist es eine

häßliche Gewohnheit, die bei Menschen, die Euch nicht kennen, Anstoß

erregen kann. Gib auch acht auf Welja, als ob Du die Aeltere wärest,

aber ohne es ihn merken zu lassen; um ihn sorge ich mich mehr als um

Dich, Du, mein Liebling, wirst schon das Rechte tun und etwas Rechtes

werden.

Also bin ich nun eine kinderlose Frau! In meinem Herzen habe ich Euch

aber, ganz fest, da seid Ihr noch klein und habt es gern, in einem

winzigen Raum geschlossen dicht bei Eurer Mama zu sitzen.

Lebe wohl!

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 64 / 69 题