Kremskoje, 12. Juli.
Mein kleiner Trompetenstoß, Du kannst losschmettern, denn morgen reise
ich. Solltest Du kontra schmettern, so schadet es nichts, weil ich es
nicht höre, es würde Dir also auch nichts helfen. Wir können Papa und
Mama jetzt keine größere Wohltat erweisen, als daß wir abreisen. Es hat
bereits eine Notiz in den Blättern gestanden über die »rote
Universität«. Etwas Schlimmes kann den Leuten nicht passieren, als
höchstens, daß die Kurse aufgehoben werden, aber Papa ist es natürlich
lieb, wenn wir nicht dabei sind. Väterchen lebt noch, er hat heute
bereits nach einem Tropfen Schnaps verlangt, also scheint er mir in der
Genesung begriffen zu sein. Da ich ihm nicht Ade sagen soll, der
Ansteckung wegen, habe ich ihm ein Abschiedsgedicht gemacht. Es fängt
an:
Schon fünf Tage sind hinabgesunken,
Seit sich Väterchen zuletzt betrunken.
Und endet:
Soll ich Dir die treue Hand nicht reichen,
Ohne Abschiedskuß ins Ausland weichen,
Wünsch' ich unter Tränen Dir hienieden
Gute Besserung oder ruh in Frieden.
Ich habe es Lju vorgelesen, der noch zu Bett liegt, er konnte gar nicht
aufhören zu lachen, obgleich er wirklich sehr schwach ist. Er sagte, er
wäre überzeugt, Iwan würde mich für den größten Dichter Rußlands und das
Gedicht für die Ausgeburt aller Poesie halten, und er beneidete die
Menschen, die noch durch den bloßen Rhythmus und den simpeln Reim in
einen seelischen Rausch geraten können. Lju möchte gern mit uns nach
Petersburg fahren, er fürchtet aber, er würde noch zu schwach sein, und
Mama wird ihn auch gar nicht gehen lassen. Du wirst ihn also nicht mehr
sehen. Jessika ist ein dummer kleiner Wurm mit ihrer Liebe, trotzdem
empfehle ich Dir, süßes Spätzchen, zart mit ihr umzugehen, nicht zu
zetern, nicht zu picken. Sie ist gerade wie ein Tautropfen, der in der
Sonne schön wie ein Edelstein funkelt und beweglich lebendig ist und,
wenn die Sonne fortgeht, glanzlos wird und versiegt. Dies schreibe ich,
damit Du siehst, daß ich mich auch echt dichterisch ausdrücken kann. Hör
mal, Peter soll für Zigarren und Zigaretten unterwegs sorgen, der hat
gern Aufgaben zu erfüllen.
Welja.