Lusinja an Tatjana

Kremskoje, 12. Juli.

Liebste Tatjana! Wie sehr schnell wandelt sich doch das Antlitz aller

irdischen Dinge, wirklich schneller als der bewölkte Himmel; das ist

auch so ein Gemeinplatz, der uns plötzlich wie eine Offenbarung

vorkommt, wenn wir seine Wahrheit erleben. Unserm guten alten Iwan

scheint es besser gehen zu wollen; wenigstens meint der Arzt, daß, wenn

die Krankheit zum Ende führte, schon eine erhebliche Verschlimmerung

eingetreten wäre. Du weißt, wie eng wir mit unsern Leuten verbunden

sind; andre zu haben, wäre für uns geradeso traurig, wie in ein andres

Haus zu ziehen. Einen Menschen in Lebensgefahr, gewissermaßen sterben zu

sehen, ist für mich überhaupt ein schreckliches Leiden; es wird mir dann

auf einmal klar, daß dies unser aller Los ist, daß die schwarze Kugel

ebensogut mich hätte treffen können und mich morgen vielleicht trifft

oder übermorgen vielleicht, daß sie eines Tages mich unabwendbar treffen

muß. Dann kann mich eine Angst erfassen, eine Angst, die tausendmal

schlimmer als der Tod ist. Ja, an Iwan scheint es diesmal

vorübergegangen zu sein. Aber gestern abend mußte sich Lju hinlegen. Er

hat doch Iwan so gut gepflegt und sich der Ansteckung ausgesetzt, als ob

es etwas Selbstverständliches wäre. Wir bewunderten ihn um so mehr, als

Iwan ihn niemals hat leiden mögen und kein Hehl daraus gemacht hat.

Vorgestern war er schon nicht wie sonst; aber wenn ich ihn fragte,

behauptete er, vollständig wohl zu sein. Gestern mittag sah er

fieberhaft aus. Jegor, der natürlich nichts merkte, sprach davon, daß er

seine Schreibmaschine vermißte, an die er sich so gewöhnt hätte, und daß

er hoffe, sie käme bald wieder. Da sagte Lju: »Ach, sagen Sie das nicht!

Mir wäre es lieber, wenn sie noch recht lange ausbliebe!« Ich habe mal

von einem berühmten Schauspieler gelesen, der sich zuweilen vor der

Aufführung berauschte und so haltlos war, daß man für unmöglich hielt,

er könnte spielen; wenn er aber auftreten mußte, nahm er sich mit

dämonischer Willenskraft zusammen und spielte hinreißend, nur selten

ließ diese Kraft etwas nach, so daß sein Zustand zum Durchbruch kam.

Weißt Du, daran erinnerte er mich in dem Augenblick; er war immer nahe

daran, zu phantasieren. Ich stellte ihm eindringlich vor, daß er Fieber

hätte und daß er sich hinlegen müßte, er gab es auch zu, behauptete

aber, Bewegung wäre für ihn in solchen Fällen das Beste, er wollte einen

Ausflug auf dem Rade machen. Es war ihm nicht auszureden, er fuhr fort

und kam nach drei Stunden ganz in Schweiß und vollständig erschöpft

zurück. Dann hat er sich zu Bett gelegt, ohne etwas zu sich zu nehmen.

Heute ist er vollständig ermattet liegen geblieben, aber das Fieber

scheint wirklich gebrochen zu sein. Der Arzt, der Iwans wegen kam,

sagte, solche Kuren könnten tatsächlich zuweilen glücken, aber er würde

sie niemand vorschreiben, es wäre nicht jedermanns Sache. Ein

außerordentlicher Mensch ist Lju, er fesselt einen immer wieder aufs

neue.

Liebe Tatjana, wenn wir nur erst allein sind! Ich pflege gern Kranke,

und es ist mir ordentlich lieb, daß ich etwas für Lju tun kann -- es ist

nur sehr wenig, eigentlich pflegen kann man ihn gar nicht, er ist ein

Mensch, der nur geben kann, zum Empfangen fehlt ihm das Organ -- ja,

aber ich hatte mich nun einmal auf das Alleinsein mit Jegor gefreut, und

alles Unerwartete, was jetzt geschieht, kommt mir wie ein tückisches

Hemmnis vor, das sich zwischen uns und die ersehnten Ferientage schiebt.

Welja und Jessika wären schon heute zu Dir gekommen, aber sie wollten

durchaus nicht abreisen, bevor sich entschieden hätte, ob Lju ernstlich

krank würde. Gott sei Dank, daß diese Gefahr vorübergegangen ist -- wie

würde das in Jessikas weichem Herzen die Liebe gesteigert haben! Iwan

wird, sowie er transportfähig ist, ins Spital geschafft werden, und bis

er hergestellt ist, wird ein verläßlicher Mann, den wir schon mehrmals

zur Aushilfe hatten, an seine Stelle treten. Ich dachte daran, mit Jegor

in die Stadt zu kommen, um die Kinder abreisen zu sehen; er sagt aber,

da er eigens Urlaub genommen hätte, um seiner Gesundheit wegen einen

Landaufenthalt zu nehmen, möchte er sich lieber nicht in Petersburg

sehen lassen, es könnte mißdeutet werden. Er meint auch, der Abschied

würde mir dort viel mehr zum Bewußtsein kommen, ich würde mich sehr

aufregen, weinen und so weiter. Ja, weinen werde ich wohl doch. Ein Jahr

werden sie sicher fortbleiben, wenn nicht noch länger, sonst hat es kaum

Zweck. Ein ganzes Jahr ohne die beiden Kinder! Wenn ich nicht Jegor

gerade jetzt so für mich hätte --! Und dann bin ich auch nicht mehr so

jung, daß ein Jahr mir lang schiene; es sind nur zwölfmaldreißig Tage,

ach, es ist eigentlich nur ein Atemzug! Wie froh bin ich, daß Peter

mitgeht; ich will den Kindern auftragen, daß sie ihm folgen.

Deine Lusinja.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 60 / 69 题