Kremskoje, 13. Juli.
Lieber Konstantin! Du hast mir nicht geschrieben, damit, wenn ich
todkrank oder tot wäre, der Brief nicht in unrechte Hände geriete. Jetzt
ist die Gefahr vorüber. Wenn Du keine weitere Nachricht von mir
erhältst, laß die Schreibmaschine am 16. abgehen; melde es mir
gleichzeitig. Die Krankheit ist endgültig gebrochen, aber ich bin noch
sehr erschöpft, so erschöpft, daß ich gern noch ein paar Tage lang im
Bett liegen würde, ohne zu denken, ohne andre Bilder in meinem Gehirn
als das der dunkeln Frau und des blonden Mädchens, die von Zeit zu Zeit
durch mein Zimmer gleiten, sich über mich beugen und mit sanfter Stimme
freundlich zu mir sprechen, oder das der Tannen und Birken, die ich
durch das offene Fenster sehen kann. Wird es einmal Menschen geben, die
ohne Qual, ohne den göttlich-fluchwürdigen Stachel der Seele im
Anschauen der Schönheit verharren können?
Welja und Jessika reisen morgen nach Petersburg, Jessika bleibt bei
ihrer Tante. Wenn ich sie wiedersehe, wird sie ein schwarzes Kleid
tragen. Diese Nacht, als ich den Mond, leuchtend bleich, von dunkelm
Gewölk umgeben sah, mußte ich an ihren blonden Kopf über dem schwarzen
Kleide denken. Ach, das ist das wenigste. Sie wird wieder rosige Wangen
bekommen und lächeln und weiße Kleider tragen. Daß alles verdammt ist zu
vergehen, indem es entsteht, das ist die einzige Tragik des Lebens; weil
es das Wesen des Lebens ist, weil dies so geartete Leben das einzige
ist, das jemals unser sein kann. Ich erwarte Deine Nachricht.
Lju.