Welja an Peter

Kremskoje, 8. Juli.

Lieber Peter! Gestern begegnete mir etwas Merkwürdiges. Ich wollte Lju

in seinem Zimmer aufsuchen, und da er nicht da war, wartete ich auf ihn.

Ich setzte mich an seinen Schreibtisch und blätterte gedankenlos in

seiner Schreibmappe, da sah ich einen Zettel, auf den mit einer

Handschrift etwas geschrieben war, was mir auffiel. Erst wußte ich gar

nicht warum -- dann fiel mir plötzlich ein, daß mit derselben oder einer

ganz ähnlichen Handschrift der Drohbrief geschrieben war, den Mama unter

ihrem Kopfkissen gefunden hat. Denke Dir, ich habe zum erstenmal in

meinem Leben einen wahnsinnigen Schrecken bekommen, es drehte sich alles

um mich. Und dabei weiß ich gar nicht bestimmt, was mich eigentlich so

entsetzte; aber meine Hände und meine Schläfen waren in einem Augenblick

mit Schweiß bedeckt. Wahrscheinlich machte mein Unbewußtes blitzschnell

eine Reihe von Schlüssen, deren Ergebnis der Schrecken war. Ich ging

rasch fort und versuchte meine Gedanken zu ordnen, ich schwöre Dir, ich

war so bestürzt, daß ich nicht klar denken konnte. Als Lju wieder da

war, richtete ich es so ein, daß wir uns in sein Zimmer setzten, ich

blätterte in seiner Mappe, spielte mit dem Zettel und sagte so

beiläufig, die Handschrift wäre ja der auf dem Drohbrief ganz ähnlich.

»Nicht wahr?« sagte Lju vergnügt, »ich glaube auch, daß man sie für

dieselbe halten kann. Ich habe versucht, sie aus dem Gedächtnis

nachzumachen, damit man eventuell damit auf die Spur des Schreibers

kommen könnte; aber dein Vater will ja nicht, daß die Sache verfolgt

wird.« Papa hat nämlich den Brief zerrissen, das machte er immer so mit

anonymen Zuschriften. Es ist ja unfaßlich, daß mir dies passieren

konnte! Ich wußte, daß Lju anfangs mit dem Plan umging, herauszukriegen,

wer den Brief geschrieben hat, und wußte auch, daß er sich viel mit

Graphologie beschäftigt! Allerdings, sowie ich seine Stimme hörte und

ihn sah, kam mir meine Aufregung schon gleich kindisch vor. Am liebsten

hätte ich hernach zu Lju gesagt, wie es gewesen ist, aber ich weiß nicht

warum, ich brachte es nicht über die Lippen. Er ist vollkommen

ahnungslos und freut sich über seinen Erfolg; es ist ja auch eine

kolossale Leistung, eine Schrift aus dem Gedächtnis so täuschend

nachzuahmen.

Ich erkläre mir meine Dummheit damit, daß die Geschichte mit dem

Drohbrief einen doch ein bißchen nervös gemacht hat. Wenn Papa anders

wäre, würde man sich, glaube ich, tatsächlich ängstigen; aber er hat

eine solche Sicherheit, daß man es für unmöglich hält, ihm könnte etwas

zustoßen. Schließlich erlebt man doch auch solche Schauergeschichten

nicht in Wirklichkeit, das ist höchstens Reiselektüre. Attentate sind ja

allerdings oft vorgekommen. Aber Papa sagt, er wäre im allgemeinen gar

nicht so verhaßt, und die Angehörigen der Studenten wären gebildete

Leute, unter denen keine Mörder zu suchen wären. Dieser letzte Drohbrief

sollte ihn doch nur einschüchtern, das wäre klar, und übrigens könnte

man auch plötzlich krank werden und sterben, dem Tode wäre man immer

ausgesetzt, man müßte dergleichen nicht beachten. Manchmal frage ich

mich, ob die Furchtlosigkeit ein Vorzug oder ein Mangel an Papa ist;

vielleicht hat er einfach gar keine Phantasie.

Er ist jetzt ganz besonders gut aufgelegt. Seine Scharteke ist

entzweigegangen und er klütert stundenlang mit Lju daran herum, um

herauszukriegen, woran es liegt. Lju betreibt die Sache auch mit Eifer

und Ernst, es ist mir nicht klar geworden, ob er es tut, um Papa ein

Vergnügen zu machen oder weil es ihn wirklich auch interessiert.

Herrgott, ich will froh sein, wenn wir erst in Paris sind; helfen oder

ändern kann ich hier doch nichts. Erzähle Katja nichts von meiner

Geschichte mit Lju. Papa sagt, in Deutschland könnte man sehr gut

zweiter Klasse fahren. Vater, wie du willst, wenn wir nur überhaupt

reisen.

Welja.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 57 / 69 题