Jessika an Katja

Kremskoje, 6. Juli.

Liebes Kleines! Werde nicht böse, aber es ist doch sehr häßlich von Dir,

daß Du nicht kommen willst, solange Lju hier ist, und ihn dadurch aus

dem Hause treibst. Das hat er doch nicht um uns verdient. Ich glaube, Du

denkst, er handelte schlecht gegen mich, und das ist doch gar nicht

richtig. Er liebt mich, aber er hat mir von Anfang an gesagt, daß er

nicht wüßte, ob er mich jemals heiraten könnte, weil er zu stolz ist,

und daß ich meinen Gefühlen den Charakter der Freundschaft geben müßte.

Das tue ich doch auch, und was ist denn dabei, daß er mein Freund ist?

Er ist doch auch Weljas Freund und war auch Deiner, bis Du Dich so

abstoßend gegen ihn benahmest. Er kann sich ja so einrichten, daß er den

ganzen Tag nicht zu Hause ist, wenn Du hier bist. Für Papa und Mama ist

die Geschichte doch auch peinlich, und da Du so viel Schönes vor Dir

hast, könntest Du recht gut in solchen Kleinigkeiten ein wenig Rücksicht

nehmen.

Bist Du böse, mein Brummerchen, daß ich Dir das sage? Ich predige Dir

doch selten Moral, das mußt Du mir zugestehen. Aber Du wirst ja doch

tun, was Du willst. Papa und Mama sind jetzt sehr wohl, es ist zu

niedlich, wie sie sich auf ihr Alleinsein freuen. Sie sehen manchmal aus

wie ein Brautpaar, das bald Hochzeit haben wird, jung und schön und

geheimnisvoll beseligt. Ich freue mich, daß gerade Rosenzeit ist; in ein

paar Wochen werden alle blühen, dann kann Mama alle Tage ihre Tafel mit

Rosen bedecken und sich Rosen ins Haar stecken und alle Vasen

vollfüllen.

Jessika.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 56 / 69 题