Lusinja an Tatjana

Kremskoje, 5. Juli.

Liebste Tatjana! Ich habe die melancholischen Anwandlungen ganz

überwunden, das muß ich Dir doch erzählen. Weil es einfach so nicht

weiterging, hat sich in mir ein Umschwung vollzogen. Man entdeckt oft

platte Wahrheiten, so ist es mir mit dem Sprichwort gegangen, daß Gott

dem Mutigen hilft. Zuerst kostete es mich Anstrengung, die

Furchtgedanken zu unterdrücken und zuversichtlich in die Zukunft zu

sehen, aber nachdem ich dies ein paarmal gemacht hatte, schien mich auf

einmal eine unbekannte Kraft zu tragen und von selbst überströmte mich

Heiterkeit. Zum Teil kommt es allerdings auch daher, daß Jegor wieder in

guter Stimmung ist, seit er den Entschluß gefaßt hat, die Kinder nach

Paris gehen zu lassen. Das ist mir der größte Schmerz, ihn so gedrückt

und ohnmächtig traurig zu sehen. Nun freue ich mich ordentlich auf die

Zeit, wo wir allein sein werden. Ich glaube, so ganz allein waren wir

noch niemals, seit die Kinder auf der Welt sind. Und auf dem Lande, ohne

etwas zu tun, in schöner Umgebung! Es muß jetzt alles schnell gehen,

sonst ist die Zeit des Urlaubs zu Ende, bevor sie alle fort sind. Jegor

freut sich auch darauf, er meint nur immer, ich könnte gar nicht mehr

für ihn und in ihm allein leben, weil ich gewohnt wäre, mich für viele

und vieles auszugeben, aber im Herzen weiß er genau, daß ich mit ihm

allein erst in meinem Elemente sein werde. Wann wird man wohl einmal

älter? Bis jetzt bin ich seit meinem zwanzigsten Jahre immer jünger

geworden -- ich! Meine Haare und meine Haut natürlich nicht.

Liebe Tatjana! Hilfst Du meiner kleinen Katja besorgen, was sie zur

Reise braucht? Du hast ja soviel Geschmack und Einsicht. Wenn Dein Peter

mitginge nach Paris, das wäre eine große Beruhigung für uns. Obwohl er

nur so wenig älter ist als Welja, wäre es mir doch, als wenn ein Mentor

mitginge. Ich dachte erst an Lju in diesem Sinne, aber Katjas Abneigung

ist ja nicht zu besiegen. Und wenn ich denke, wie sie zuerst für ihn

schwärmte! Er war ein Orakel für alle drei Kinder. Da nannte er sie

einmal Katinka statt Katja, und aus war es für immer. Ein bißchen

verrückt kommen mir meine Kinder zuweilen vor, Gott weiß, woher sie es

haben. Natürlich, Tatjana, glaube ich nicht, daß diese Namensirrung der

einzige Grund ist. Es wird wohl allerlei zwischen den Kindern

vorgefallen sein, Eifersucht und dergleichen. Im Charakter würden ja Lju

und Katja ganz gut zusammenpassen, wenigstens eher als Lju und Jessika;

aber es pflegen sich nun einmal die Gegensätze anzuziehen. Jedenfalls

ist mir die Abneigung, und wenn sie noch so ungerecht wäre, lieber als

das Gegenteil. Es ist mir auch viel lieber, wenn Peter mitgeht. Ich

weiß, daß Lju die Kinder liebt und versteht, er hat etwas Imponierendes,

etwas Gewandtes, und wäre insofern geeignet, ihr Führer zu sein. Aber

ich glaube, ich würde zuweilen davon träumen, daß er in somnambulem

Zustande in ihr Schlafzimmer ginge und an ihrem Bett stände und sie mit

dem rätselhaften Blick, der ihm eigen ist, betrachtete.

Ach, Tatjana, das muß ich Dir doch erzählen! Als ich damals den

Drohbrief unter meinem Kopfkissen gefunden hatte, sagte Lju, es könnte

auch jemand im Hause getan haben, den ein andrer daraufhin hypnotisiert

hätte, so etwas wäre möglich. Da dachte ich an seinen rätselhaften Blick

und sein nächtliches Wandern, und es kam mir in den Sinn, er selbst

könnte ja von einem fremden, dämonischen Willen besessen sein. Ich wäre

damals nicht imstande gewesen, mit jemand darüber zu sprechen oder Dir

davon zu schreiben, so grausig war mir die Vorstellung. Jetzt kann ich

es ganz ruhig und lache sogar dabei. Neulich erzählte ich es Jegor, der

amüsierte sich so darüber, daß ich jetzt immer lachen muß, wenn ich

daran denke. Er sagte, je aberwitziger eine Geschichte wäre, desto

bereitwilliger glaubte ich sie. Für ganz unmöglich halte ich so etwas

aber doch an sich nicht, sonst hätte auch Lju es nicht gesagt.

Du bist also einverstanden, liebe Tatjana, daß Jessika zu Dir kommt?

Wenn Peter fortgeht, wärest Du ja sonst allein, und Jessika ist so gern

bei Dir. Uns freut es, wenn sie Dir etwas sein kann.

Deine Lusinja.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 55 / 69 题