Lusinja an Katja

Kremskoje, 2. Juli.

Mein Herzenskind! Es ist beschlossen, daß Ihr, Du und Welja, nach Paris

geht. Du freust Dich, nicht wahr? Ich denke, Ihr werdet vernünftig sein

und nicht gar zu viel Geld ausgeben, Ihr seid doch alt genug, um die

Verhältnisse zu begreifen und Euch in sie zu schicken. Ihr habt den

besten Vater, der sich niemals auf unrechtmäßige oder auch nur unfeine

Weise bereichert hat, wie so viele tun, und ich hoffe, ihr ehrt und

liebt ihn deswegen um so mehr und seid stolz auf die verhältnismäßige

Beschränktheit unsrer Mittel. Er hat trotzdem immer mit

verschwenderischer Güte für Euch gesorgt, mißbraucht es nicht. Das

Ueberschreiten eines gewissen Maßes würde ihm nicht nur Kummer, sondern

sehr ernste Widerwärtigkeiten bereiten. Innerhalb dieser Begrenzung,

mein Liebling, sollt Ihr eure Freiheit herzhaft genießen und die Euch

gebotenen Mittel, Euch zu ganzen Menschen zu bilden, benutzen.

Ich denke mir, daß Jessika, wenn Lju und Ihr fort sein werdet, zu Tante

Tatjana gehen wird. Ihr armes, zärtliches Herz muß noch viel

durchmachen, sie wird dort weniger leiden als hier, deshalb lege ich ihr

nichts in den Weg. Daß Lju fortgeht, ist ihretwegen notwendig. Seine

anregende Art zu sprechen, die naheliegenden mit entfernten und

interessanten Vorstellungen zu verbinden, werde ich vermissen. Er läßt

nie ein Wort, das man sagt, fallen, sondern fängt es auf und spinnt

daran weiter. Das lieb' ich sehr an ihm; am meisten aber, daß er eine

Persönlichkeit ist, ein Mensch mit einem intensiven Bewußtsein von allen

Dingen und mit einem klaren Willen. Anderseits erleichtert es mein

Gemüt, daß er fortgeht, und nicht nur Jessikas wegen. Er hat etwas

Fremdartiges und Unergründliches für mich, das mich zuzeiten sehr

aufgeregt hat. Er hat einen sonderbaren Blick; vielleicht hat er auch

damit solche Macht über Jessika gewonnen. Das Rätselhafte zieht an und

ängstigt zugleich. Er gehört nun einmal nicht zu uns, und all sein Sinn

für die verschiedenartigsten Menschen kann das nicht überbrücken. Und

dann nachtwandelt er; darüber kann ich nicht wegkommen.

Nach allen Erregungen dieses Sommers freue ich mich darauf, mit Papa

allein zu sein. Wirklich, ich freue mich darauf -- macht Euch also keine

Gedanken unsertwegen. Ihr werdet uns viele schöne Briefe schreiben, und

wir werden Euch im Geiste zur Mona Lisa und zur Place de la Concorde und

zu den Springbrunnen von Versailles begleiten. Dabei fällt mir ein, daß

wir dazu nicht einmal den Hut aufzusetzen brauchen, daß Ihr aber

Reisekleider und sonst noch allerlei haben müßt. Vieles werdet Ihr gewiß

geschmackvoller und billiger in Paris besorgen. Wäret Ihr nur

praktischer! Kann ich es Euch überlassen? Jedenfalls, eine gewisse

kleine Ausrüstung müßt Ihr doch von hier mitnehmen, damit beschäftige

Dich jetzt, Du hast ja Tante Tatjana, die beste Ratgeberin, zur Seite.

Lebe wohl, mein Herzenskind, schreibe Deinem Vater bald, daß Du Dich auf

Paris freust.

Deine Mama.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 53 / 69 题