Jessika an Tatjana

Kremskoje, 29. Juni.

Liebste, holdeste Tante! Ich glaube, ich komme bald zu Dir. Die paar

Tage, wo Du hier warest, waren so schön! Alle waren heiter und zufrieden

durch Deine Gegenwart. Jetzt ist es schrecklich. Lju wird fortgehen, er

sagt, er müsse fort, weil es sich gezeigt hätte, daß er überflüssig

wäre, und weil Mama ihn nicht mehr brauchte. Zuerst sagte Mama doch, sie

hätte noch niemals ein solches Sicherheitsgefühl gehabt wie jetzt, weil

Lju da wäre. Aber Papa hatte es niemals gern, und er wird zu Mama gesagt

haben, daß er es nun nicht länger möchte. Du weißt ja, daß Papa nicht

gern fremde Menschen um sich hat, sogar daß Du hier warest, hat seine

Nerven angegriffen. Mama ist gewiß im Grunde sehr unglücklich, daß Lju

fortgeht. Und wenn nun Welja und Katja auch noch fortgehen! Papa ist

schon beinahe überzeugt, daß es am besten ist, wenn sie in Berlin oder

Paris die Universität besuchen. Welja freut sich schrecklich und Katja

natürlich auch, ich gönne es ihnen, sie mögen ja so gern reisen. Aber

nimm mich dann zu Dir, Tante Tatjana, bis wir wieder in die Stadt

ziehen. Es ist mir hier zu traurig so allein, nachdem es im Mai so schön

war wie noch nie. Die Stimmung hier ist so erdrückend. Papa und Mama

werden ganz einverstanden sein, vielleicht tut es ihnen gut, einmal

allein zu sein. Dann kann Papa sich am besten ausruhen, und die Arbeit,

die für die beiden zu machen ist, können unsre Dienstboten ja bequem

ohne mich ausrichten. Lju weiß noch nicht, wohin er geht. Er sagte mir,

wenn er nach Petersburg ginge, würde er Dich besuchen, falls Du es

erlaubtest. Er schwärmt oft von Deiner Schönheit und Deinem Geist. Wer

täte das nicht? Am meisten

Deine kleine Jessika.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 50 / 69 题