Lju an Konstantin

Kremskoje, 29. Juni.

Lieber Konstantin! Ich habe Frau von Rasimkara gebeten, daß sie mich

entlassen möchte. Ich sagte, der Vorfall mit dem Briefe hätte mich davon

überzeugt, daß meine Anwesenheit nutzlos wäre. Ich hätte Tag und Nacht

darüber nachgedacht, wie es hätte geschehen können, und wäre zu keinem

Ergebnis gekommen. Durch das Fenster könnte bei Nacht niemand gekommen

sein, dessen wäre ich sicher, ich würde es gehört haben. Die Dienstboten

könnte man meiner Ansicht nach nicht verdächtigen, ich hielte sie für

unbestechlich treu. Sie unterbrach mich und sagte lebhaft, in diesem

Punkte hätte sie keinen Zweifel. Ich sagte, die einzige Möglichkeit

wäre, daß ein Dienstbote es in der Hypnose getan hätte. Immerhin wäre es

nicht wahrscheinlich. So etwas interessiert sie sehr, und wir sprachen

eine Weile darüber. Uebrigens, sagte sie, wollte sie die Sache mit dem

Briefe ruhen lassen, es käme doch nichts dabei heraus. Eine eigentliche

Untersuchung wollte ihr Mann nicht anstellen, er pflegte Drohbriefe

immer zu ignorieren und mäße ihnen keine große Bedeutung bei. Bis jetzt

hätten die Erfahrungen ihm ja auch recht gegeben. Ich bestritt dies

weder, noch bestätigte ich es. Jedenfalls, sagte ich, wäre die Lage so,

daß sie meiner nicht mehr bedürfte, sei es nun, weil keine Gefahr

vorhanden sei oder weil ich nicht dafür einstehen könnte, daß ich sie

abzuwenden imstande wäre.

Sie fragte, wohin ich mich zu wenden und was ich zu tun gedächte. Ich

sagte, ich wollte mein Werk vollenden, das läge mir zumeist am Herzen.

Wenn ich mich mit meinem Vater aussöhnte, würde ich bis auf weiteres zu

Hause bleiben; er hätte mir kürzlich einen entgegenkommenden Brief

geschrieben. Sonst würde ich bei einem Freunde Zuflucht finden. Sie

sagte, daß sie und ihr Mann mir zu Dank verpflichtet wären und daß ich

ihnen gestatten müßte, daß sie mir zu Hilfe kämen, wenn ich Hilfe

gebrauchte; das würde keine Wohltat, sondern Erstatten einer Schuld

sein. Sie war ernst, liebenswürdig, von gewähltester Feinheit. Wenn es

mir paßte, sagte sie, wäre ich frei, sofort zu gehen, wenn ich aber über

meinen künftigen Aufenthalt noch nicht im klaren wäre, sollte ich

bleiben, solange ich möchte. Ich sagte, ich wollte versuchen, ein

Verständnis mit meinem Vater zu erzielen, und würde ihr dankbar sein,

wenn ich ihre Gastfreundschaft noch etwa vierzehn Tage in Anspruch

nehmen dürfte; bis dahin würde sich das entschieden haben. Ich wollte

ihre Hand küssen, die sehr schön ist; aber ich dachte plötzlich daran,

was ich ihr anzutun willens bin, und unterließ es.

Ich habe den Eindruck, daß meine Mitteilung sie froh gemacht hat,

wahrscheinlich Jessikas wegen. Ich glaube sogar, sie denkt, ich hielte

es Jessikas wegen für meine Pflicht, zu gehen, und hat deswegen ein

Gefühl der Dankbarkeit für mich. Lebe wohl!

Lju.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 49 / 69 题