Petersburg, 25. Juni.
Welja, ich glaube, Du bist noch nie ganz wach gewesen, seit Du lebst.
Wache doch endlich mal auf! Mir werden von allen Seiten Vorwürfe
gemacht, von andern kann es ja hingehen, aber von Dir? Unerhört! Was tu'
ich denn? Papa hat seine Ideen und ich meine; warum soll er mehr Recht
haben, seinen nachzuleben, als ich? Seine sind schädlicher als meine,
find' ich. Ich bringe doch niemand um. Vielleicht weil er älter ist als
ich? Schöner Grund; sein Alter spricht doch höchstens gegen ihn. Aber
lieb habe ich ihn gewiß ebenso wie Ihr, wahrscheinlich mehr als Du. Du
siehst nicht einmal ein, daß Lju nicht im Hause bleiben darf, wenn er
solche Ansichten hat, wie er Dir gesagt hat. Wenn wir finden, daß Papa
im Unrecht ist, und daß es der Gegenpartei schließlich nicht zu
verdenken ist, wenn sie ihn umbringt, so ist das etwas ganz andres, als
wenn ein Fremder es findet. Was wissen wir denn eigentlich von Lju? Ich
weiß, daß er vollkommen gewissenlos ist. Dir imponiert das natürlich,
mir hat es zuerst auch imponiert, es mag ja auch großartig sein,
vielleicht hast Du auch kein Gewissen, vielleicht möchte ich ebensowenig
haben wie er, aber das ist mir jetzt ganz einerlei, in unserm Hause darf
er nicht bleiben. Siehst Du denn nicht ein, daß er wirklich Papa ganz
ruhig umbringen lassen würde? Halte wenigstens die Augen offen und passe
auf. Es wurde mir geradezu unheimlich zumute, als ich Deinen Brief las.
Er heftet seine eisigen Augen auf Papa und denkt: eigentlich hätten sie
recht, wenn sie dich umbrächten. Wozu soll er überhaupt dasein? Daß er
kein Mann für Jessika ist, mußt du doch einsehen; übrigens will er sie
ja gar nicht einmal heiraten, er macht sie nur unglücklich. Die
Geschichte mit Jessika muß auch Mama einsehen, das andre darf sie
natürlich nicht wissen, damit sie sich keine Gedanken macht. Hörst Du,
Du darfst ihn nicht zurückhalten, sondern mußt ihm im Gegenteil sagen,
ja, geh sofort, Du hättest es schon längst tun sollen! Wenn Du ein Mann
wärest, hättest Du ihm längst gesagt, er müßte Jessikas wegen aus dem
Hause. Sei mal ein Mann! Papa sieht und hört ja leider Gottes nichts;
eigentlich wäre es besser, er spielte im Berufe die Rolle, die er bei
uns spielt, und umgekehrt, dann wären Volk und Familie zufrieden. Armer
Mann, er opfert sich einem Popanz von Pflichtgefühl -- und doch ist auch
etwas Schönes an dem Unsinn. Ich weiß nicht, was mir mehr gefällt, das
oder Ljus Gewissenlosigkeit. Ach, Papa ist nun einmal Papa, und darum
geht er vor. Wir müssen über ihn wachen, Du mußt mir für ihn bürgen,
hörst Du?
Katja.