Lju an Konstantin

Kremskoje, 24. Juni.

Lieber Konstantin! Frau von Rasimkara hat von dem Brief, den ich ihr

unter das Kopfkissen legte, einen starken Eindruck empfangen. Sie fand

ihn erst am Morgen, nachdem sie eine ganze Nacht darauf geschlafen

hatte. Dies und daß sie nicht begreifen kann, wie der Brief an seine

Stelle gekommen ist, findet sie am unheimlichsten. Uebrigens ist sie

gefaßt; sie ist überzeugt, daß ihr Mann verloren ist, daß niemand es

ändern kann, und erwartet das unvermeidliche Schicksal. Das ist aber

eine Stimmung, die durch andre Stimmungen wieder verscheucht werden

kann; oder es ist ein Grundbewußtsein, über das der Tag immer wieder

hinflutet. Der Gouverneur ist beinahe unempfindlich für den immerhin

aufregenden, auch ihm unerklärlichen Vorfall. Er hat die Bittschrift der

Frau Demodow ohne Zögern in abschlägigem Sinne beantwortet. Es ist

keinerlei Veränderung an ihm wahrzunehmen; allerdings litt er schon

einige Zeit unter dem Verhalten seiner Tochter Katja. Daß ihm eine

ernstliche Gefahr droht, scheint er nicht für möglich zu halten,

jedenfalls will er sie nicht für möglich halten.

Daß es so kommen würde, habe ich vorausgesehen. Ich hätte den

unerschrockenen und unerschütterlichen Menschen gern gerettet; ich habe

fast zu lange an die Möglichkeit geglaubt, daß ich es vermöchte. Wenn

ich an Selbstüberhebung gelitten habe, können die Erfahrungen, die ich

in diesem Hause gemacht habe, mich davon heilen. Ich sehe, einen

Menschen ändern kann nur Gott; oder nicht einmal Gott! Das könnte meinen

Stolz trösten. Man hat so wenig Macht über die Menschen wie über die

Sterne; man sieht sie nach ihren unbeugsamen Gesetzen auf- und

untergehen.

Es wird nun nicht mehr lange dauern, es gibt keinen Ausweg. Jetzt ist

mir selbst das liebste, wenn es bald vorüber ist.

Lju.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 45 / 69 题