Lusinja an Tatjana

Kremskoje, 26. Juni.

Liebe Tatjana! Es ist gerade, als ob Du die Sonne mit fortgenommen

hättest; seitdem haben wir häßliche Regentage. Der Tag, an dem Du so

überraschend ankamest, wie war der sorglos und heiter! So werden wir

gewiß lange keinen mehr erleben. Als wir hier herauszogen im Mai, dachte

ich nur an die Zeit, die vor mir lag, die ich mir unbeschreiblich

glücklich dachte, wo ich Jegor ganz für mich haben würde, fern von

Geschäften und Sorgen, und mein Gefühl war geradeso, als ob nachher

nichts mehr käme. Das hat man wohl immer so, wenn man ein Glück vor sich

hat; Glück scheint einem ewig zu sein -- obwohl es im Gegenteil nur

flüchtig sein kann. Nun merke ich, daß der Sommer vorübergehen wird,

daß, noch ehe er vorüber ist, die Zeit kommen wird, wo wir wieder in die

Stadt ziehen müssen, wo der Prozeß anfängt mit allen Schrecknissen für

andre und für uns. Jegor wird der Menge und Energie des aufgehäuften

Hasses nicht entrinnen. Wenn sie ihn kennten! Aber sie kennen nur seine

Taten. Und ist der Mensch nicht in seinen Taten? Ach Gott, ich habe mir

fest vorgenommen, ich will nicht urteilen: es ist so viel auf beiden

Seiten abzuwägen, daß ich irren könnte. Nur das weiß ich sicher, daß

Jegor niemals aus angeborener Grausamkeit oder aus persönlicher

Rachsucht handelte, er glaubte immer das Rechte zu tun, und es ist ihm

oft schwer geworden. Vielleicht hat er unrecht; aber daß er irren kann,

macht ihn mir nicht weniger teuer. Er wertet das Bestehende und die

legitime Macht am höchsten, mich hätte die Neigung eher in eine andre

Richtung gezogen, aber ich bin deshalb nicht besser als er. Das liegt im

Blute; seine Ahnen haben ihm andres Blut vererbt, als meine mir.

Ach, Tatjana, mein Herz ist schwer! Wohin ich sehe, ist alles dunkel, so

gleichmäßig dunkel, daß ich schon gedacht habe, es wären meine Augen,

die nicht mehr hell sehen könnten. Aber sage selbst, wo ist etwas Gutes,

Tröstendes? Wie soll der Konflikt mit den Kindern enden, die nur ihren

Neigungen nachrennen und stolz darauf sind, daß sie sich kaum nach uns

umsehen? Müssen alle Menschen dies erleben? Ja, vielleicht haben wir

unsre Eltern ähnliches erleben lassen; aber es ist darum nicht minder

bitter.

Furcht ist das Aergste; die Furcht, glaube ich, hat mich so entnervt,

daß ich an keiner Freude mehr teilnehmen kann, daß ich aus mir selbst

keine mehr hervorbringen kann. Ich fürchte ja immer, Tag und Nacht, auch

während ich schlafe. Das ist das Schlimmste. Du kannst Dir gewiß nicht

vorstellen, wie das ist, zu schlafen und zu träumen und währenddessen

fortwährend von Furcht gequält zu sein. Seit ich den Brief unter meinem

Kopfkissen gefunden habe, ist mir zumute wie einem, der zum Tode

verurteilt ist und nicht weiß, wann das Urteil vollstreckt wird. Siehst

Du, der Mörder muß durch das offene Fenster gekommen sein, am Hause

hinaufgekrochen wie eine Schlange, und hat an meinem Bett gestanden,

ganz dicht, und hat den Brief unter mein Kissen geschoben. Er muß

lautlos gekommen sein, wirklich wie eine Schlange, Du weißt doch, daß

ich damals sofort aufwachte, als Lju in unser Schlafzimmer kam, und daß

ich überhaupt einen leisen Schlaf habe. Er hatte ein Messer in der Hand

oder einen Strick und hätte Jegor auf der Stelle ermorden können; aber

er wollte ihm noch eine Frist geben, oder er hatte im Augenblick nicht

das Herz dazu, oder er wollte uns nur auf die Folter spannen. Jede

nächste Nacht kann die sein, wo er wiederkommt und es ausführt.

Und warum hörte Lju nichts? Ja, warum hätte er mehr hören sollen als

wir, in deren unmittelbarer Nähe sich alles abspielte? Vor diesem

Verhängnis ist auch seine Wachsamkeit unwirksam. Er scheint mir ganz

verändert seitdem, ernst und in sich gekehrt; aber mit diesen Worten ist

sein Wesen noch nicht treffend genug bezeichnet. Sicherlich leidet er

darunter, daß er das nicht leisten konnte, was er versprochen hatte und

was ich ihm zutraute. Vielleicht ist es ihm selbst unheimlich. Er sieht,

daß wir verloren sind. Er mag nicht dabei sein. Oder wenn nun das wäre,

daß er uns nicht schützen kann, nicht schützen darf? Nach seiner Meinung

natürlich. Ob er diejenigen gesehen und erkannt hat, die Jegor

nachstellen? Ob er Freunde unter ihnen erkannt hat? Oder irgendwelche

Menschen, die er für wertvoller hält als uns? Diese Vermutung -- nicht

Vermutung, dies Gedankengespinst wird Dir wahnsinnig erscheinen; ich

wäre auch nie daraufgekommen, wenn ich nicht sein seltsames Wesen vor

meinen Augen hätte. Irgend etwas Geheimnisvolles ist um ihn. Zuweilen,

wenn sein Blick auf Jegor und mir ruht, schaudert mich. Vorwerfen tue

ich ihm nichts, das Mitleid, das ich mit ihm habe, spricht deutlich für

ihn. Wenn es wahr ist, daß er uns schützen könnte und es doch nicht tun

zu dürfen glaubt, so glaubt er im Rechte zu sein. O Gott, alle Leute

haben recht, alle die, welche hassen und morden und verleumden -- o

Gott, was für eine Welt! Was für eine Verschlingung! Am Ende ist der

wohl daran, für den sie gelöst ist.

Ich gebe zu, daß meine Nerven sehr überreizt sind. Es ist zu

entschuldigen unter diesen Umständen, nicht wahr, Tatjana? Jegor ist

ganz ohne Furcht. Er gefällt mir so gut, ich glaube, ich habe ihn noch

nie so geliebt wie jetzt. Das ist auch ein Glück. Ich weiß ja wohl, daß

ich glücklich bin vor vielen, vielen Frauen; aber es ist ein schwarzer

Vorhang vor diesem Wissen. Ob noch einmal ein guter Wind kommt und ihn

fortreißt? Denke an mich, Liebe.

Deine Lusinja.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 47 / 69 题