Kremskoje, 23. Juni.
Dein Spatzengehirn hat, Gott weiß woher, einen vernünftigen Einfall
gehabt, indem Du fortgingest. Spatzen und Mäuse wittern auch ungünstige
Futterverhältnisse, das ist Instinkt, und den will ich Dir ja auch nicht
absprechen. Es ist in der Tat jetzt sehr ungemütlich hier. Gestern früh
hat Mama unter ihrem Kopfkissen wieder einen Drohbrief gefunden: wenn
Demodow und die übrigen Studenten nicht begnadigt würden, würde Papa
ihnen im Tode folgen oder vorangehen. Dies wäre die letzte Warnung, die
er erhielte. Durch die Post kam am selben Tage ein Brief der Mutter
Demodows, in dem sie Papa anflehte, das Leben ihres Sohnes zu schonen.
Ob der Drohbrief mit dem in Zusammenhang steht? Mama fand den Brief
nicht so schrecklich, wie daß sie ihn erst am Morgen fand und also die
ganze Nacht darauf gelegen hat; das ist ihr unheimlich. Merkwürdig ist
es ja, wie er dahin gekommen ist; unsern Leuten kann man so etwas nicht
zutrauen, es ist ausgeschlossen, und wer kann sonst in Papas und Mamas
Schlafzimmer kommen? Selbstverständlich ist es auf natürliche Art
zugegangen, aber dahinterkommen können wir nicht. Man meint, es müßte
spät abends jemand zum Fenster eingestiegen sein; es leuchtet mir nicht
ein, aber widerlegen kann ich es natürlich auch nicht. Lju ist peinlich
berührt, weil seine Bewachung sich so deutlich als ungenügend erwiesen
hat. Ich glaube, im Grunde hat er in der letzten Zeit gar nicht mehr
daran gedacht. Er ist sehr ernst, ordentlich düster. Heute hat er lange
mit mir über die Geschichte gesprochen; er hält es für ausgemacht, daß
die Verfasser des Drohbriefs von dem Briefe der Frau Demodow Kenntnis
hatten; daß er also aus dem Kreise seiner Freunde hervorgegangen sei.
Natürlich braucht Frau Demodow nichts davon zu wissen. Zunächst, meint
Lju, sollte der Drohbrief wahrscheinlich nur bewirken, daß Papa den
Brief der Frau Demodow in günstigem Sinne beantworte, gewissermaßen
seine Wirkung verstärken. Bei Papas Charakter würde er aber natürlich
seinen Zweck gänzlich verfehlen. Lju sagte, er achtete und liebte Papa,
der immer seinem Charakter und seiner Einsicht gemäß handle; aber
anderseits müßte man zugeben, daß die Revolution ihm gegenüber im Rechte
wäre. Die Regierung hätte einen allgemein verehrten Professor, einen der
wenigen, die noch den Mut freier Meinungsäußerung gehabt hätten,
verhaften und nach Sibirien schicken wollen; Demodow hätte ihn und die
Rechte der Universität verteidigen wollen. In späteren Jahren würde man
auf diese paar Studenten hindeuten als Beweis, daß es damals in
Petersburg noch junge Männer von Mut und Ehre gegeben hätte. In diesem
Falle wären im Grunde die Regierung Aufrührer und gesetzloser Barbar,
die sogenannten Revolutionäre Bewahrer des Rechtes. Sie handelten
anständig, indem sie Papa von ihrer Ansicht und von ihren Absichten
unterrichteten und ihm Zeit ließen, einen andern Weg einzuschlagen, der
sie befriedigen würde. Ich gab ihm natürlich recht, aber ich sagte, ich
könnte es doch Papa nachfühlen, daß er nun erst recht nicht nachgäbe.
Vielleicht, sagte Lju, wenn Papa sicher wüßte, daß die Drohungen ernst
gemeint wären und ausgeführt würden, täte er es doch aus Liebe zu seiner
Frau und seinen Kindern. Ich glaube es doch nicht; und jedenfalls würde
er eben davon nicht zu überzeugen sein. Papa ist der einzige, der ganz
unerschüttert ist, das gefällt mir von ihm. Es ist kein Schatten von
Furcht an ihm, wenn es früher noch möglich gewesen wäre, würde er jetzt
auf keinen Fall einlenken. Es ist natürlich auch Trotz und Eigensinn und
Rechthaberei dabei, aber fein ist es doch. Mama ist traurig; sie findet
es natürlich schrecklich, daß die Studenten hingerichtet werden sollen,
oder wenigstens Demodow, und daß Papa es ändern könnte und es nicht tut;
ich glaube aber, sie hat jetzt nicht wieder versucht auf ihn
einzuwirken, weil sie weiß, daß es doch umsonst wäre. Papa und Mama sind
beides außerordentlich geschmackvolle Menschen, ich hätte mir keine
andern Eltern ausgesucht, obgleich mir ihr Charakter und ihre Ansichten
oft komisch vorkommen.
Lju hat übrigens gesagt, nach seiner Meinung wäre Papas Leben zunächst
noch gar nicht gefährdet, erst wenn die Studenten wirklich verurteilt
wären, würde es vielleicht kritisch. Unsre Dienerschaft wäre ja aber
unbedingt treu, und deshalb wäre kaum für ihn zu fürchten. Ich fragte
ihn nämlich, weil er so ungewöhnlich ernst und gedankenvoll war. Er
sagte, er hätte eingesehen, daß er uns so bald wie möglich verlassen
müßte, und das stimmte ihn traurig. Er hätte es ja sowieso getan, nun
würde er es beschleunigen. Auch weil die Nichtübereinstimmung zwischen
seinen Ideen und Papas doch zu groß wäre, als daß er ein
Zusammenarbeiten für anständig halten könnte. Ich habe versucht, ihm das
auszureden.
Ich bleibe jedenfalls noch hier, um Papa und Mama ein bißchen zu
zerstreuen, sie tun mir leid. Jessika ist nur verliebt. Gottlob, daß ich
es nicht bin, es ist ein scheußlicher Zustand. Benimm Dich korrekt,
Spatz, damit Papa in dieser Zeit Unannehmlichkeiten erspart werden.
Welja.