Kremskoje, 21. Juni.
Meine kleine Katja! Du hast nun Deinen Willen. Bist Du glücklich, daß Du
in der Stadt bist? Wirst Du dadurch klüger, besser, froher? Ich will Dir
nicht verschweigen, mein Liebling, daß es mich schmerzte, daß Du
fortgingest, obwohl Du sahest, was Du Deinem Papa damit zufügst. Ist das
so schwer zu begreifen? Denn wenn Du es recht begriffen hättest, hättest
Du es doch nicht tun können. Es ist ja nicht, daß Du anders denkst als
er, was ihn am meisten schmerzt, auch nicht, daß Du seinen Wünschen
zuwiderhandelst. Aber er liebt Dich zu sehr, um Dir das zu verbieten,
was er andern verbieten würde. Er liebt Dich, trotzdem Du etwas tust,
wodurch alle andern seine Teilnahme verscherzen würden. Das macht ihn
irre an sich, an seinem System, an allem. Warum fügst Du das Deinem
Vater zu, der Dich liebt, einem alternden Manne? Erreichst Du etwas
Bedeutendes für Dich oder für andre damit? Ach, ich glaube zuweilen,
unsre Kinder sind da, um eine Rache an uns zu nehmen, und doch könnte
ich nicht sagen für wen und für was. Kinder sind die einzigen Wesen,
denen gegenüber wir ganz selbstlos sind, darum sind sie die einzigen,
die uns wahrhaft vernichten können. In ein paar Jahren vielleicht wirst
Du selbst Mutter sein und mich verstehen, und auch wissen, daß ich
solche Betrachtungen anstellen kann, ohne daß meine Liebe zu Dir um den
allerkleinsten Grad vermindert wäre.
Ich denke, es wird dazu kommen, daß Papa Dich und Welja ins Ausland
schickt; er neigt schon sehr dazu, und es wird das beste für uns alle
sein. Lju ist uns eine Stütze in diesen Tagen. Ich bin ihm zu Danke
verpflichtet, und doch möchte ich am liebsten, daß wir nach eurer
Abreise ganz allein wären, Dein Papa und ich. Der Urlaub hat noch nicht
die guten Folgen für ihn gehabt, die ich erhoffte, vielleicht weil zu
viel Umtrieb und Unruhe bei uns herrschte. Furcht habe ich seinetwegen
augenblicklich nicht, weil ich zu sehr von Dingen erfüllt bin, die noch
schlimmer sind als körperliche Gefahren.
Sei rücksichtsvoll gegen Tante Tatjana, mein Liebling, und auch gegen
Peter. Ich will Dich nicht bereden, einen Mann zu heiraten, den Du nicht
liebst; aber die Freundschaft eines guten Mannes suche Dir zu erhalten.
Deine Mama.