Jessika an Katja

Kremskoje, 20. Juni.

Mein süßer kleiner Maikäfer! Ich möchte lieber weinen, als Dir

schreiben, aber davon hättest Du ja nichts. Ich kann das Gefühl nicht

loswerden, als wäre ich daran schuld, daß Du fortgegangen bist. An etwas

bin ich schuld, das fühle ich ganz sicher, und es fing damit an, daß ich

an Lju schrieb; daß Du darüber außer Dir warst, kannst Du doch nicht

leugnen. Erst dachte ich, Du liebtest Lju auch, aber er lachte und

sagte, das tätest Du ganz gewiß nicht, und als ich euch nachher zusammen

sah, kam es mir auch nicht mehr so vor. Und wenn Du ihn liebtest,

liebtest Du ihn doch nicht so wie ich; Du würdest nicht daran sterben,

wenn er Dich nicht wiederliebte. Aber das täte ich. Du bist doch

überhaupt nicht so, daß Du Dich ernstlich verliebst, mein

Klimperkleinchen, nicht? Welja sagt doch immer, Du wärest nicht so

sentimental wie ich. Schreib mir etwas Tröstliches! Alle sind jetzt

unzufrieden. Papa ist schrecklich nervös, seit ihr fort seid, Besuch

greift ihn ja immer etwas an, aber hauptsächlich ist es, glaube ich,

wegen Deiner Kurse. Es ist doch auch fatal für ihn, wenn seine Tochter

und sein Neffe bei etwas beteiligt sind, was gegen die Regierung

gerichtet ist. Gestern wurden ein paar Bibliotheksbücher entdeckt, die

Welja vor einem oder zwei Jahren entlehnt und vergessen hat

zurückzubringen. Das kostet nun natürlich verhältnismäßig viel, und Papa

wurde wütend und machte Krach. Er sagte, Welja wäre gedankenlos und

verschwenderisch und täte, als wenn er ein Millionär wäre, und würde uns

noch alle an den Bettelstab bringen. Mama, die dazukam, versuchte Welja

zu verteidigen, da wurde Papa erst recht böse. Mittags, als wir uns zu

Tisch setzten, waren alle ernst und still, und Papa starrte finster vor

sich hin. Mama nahm ihre Lorgnette, guckte ratlos von einem zum andern,

endlich betrachtete sie Papa eine Weile und fragte liebevoll: »Warum

bist Du so blaß, Jegor?« Wir fingen alle dermaßen zu lachen an, Papa

auch, daß die Stimmung wiederhergestellt war.

Welja war hauptsächlich deshalb niedergeschlagen, weil Papa unter anderm

auch sagte, er könnte ihn doch nicht auf weite Reisen schicken, weil er

zu leichtsinnig wäre. Aber das hat er nur so im Aerger gesagt, ich

glaube, er will euch doch gehen lassen.

Quält Peter Dich sehr? Meinetwegen mache Dir keine Sorge. Lju hat mir

von Anfang an gesagt, er könnte und wollte nicht um mich anhalten, bis

er eine entsprechende Stellung hätte, er wollte nur mein Freund sein; Du

siehst, wie ehrenhaft er ist. Welja würde niemals so sein. Mein

geliebtes Sonnenkäferchen, ich vermisse Dich stündlich. Du mich wohl

nicht?

Deine Jessika.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 41 / 69 题