Lju an Konstantin

Kremskoje, 17. Juni.

Lieber Konstantin! Es war durchaus zweckmäßig, daß ich Frau Tatjana

bewogen habe, mit mir nach Kremskoje zu fahren; der Einfluß, den ich auf

sie ausübe, hat auf den Gouverneur und seine Familie Eindruck gemacht,

weil sie diese Verwandte sehr bewundern, die in der Gesellschaft eine

große Rolle spielt. Sie ist schön und hat Geist genug, um zu wissen,

wieviel davon eine Frau merken lassen darf. Ihr Verstand ist gut, wenn

auch nicht ausgebildet. Sie liebt die geistigen Genüsse, die man ohne

Anstrengung haben kann, deshalb bevorzugt sie zum Umgang kenntnisreiche

und denkende Menschen, die das Ergebnis ihrer Gedankenarbeit in

anregende Form zu kleiden wissen. Ihre Vorurteilslosigkeit würde man

noch mehr bewundern, wenn sie etwas dadurch riskierte; aber der ganz

unpolitischen Dame läßt man gern die Freiheit, das Gesellschaftseinerlei

durch naive Offenheiten zu kolorieren.

Ihr Sohn Peter, der seit seiner Kindheit Katja liebt und unbeeinflußt

durch die Tatsache, daß sie seine Neigung nicht erwidert, dabei

verharrt, hat, oberflächlich betrachtet, etwas von den gutmütigen Riesen

des Märchens. Aus einer Art von kindlicher Menschlichkeit und naivem

Gerechtigkeitssinn zählt er sich zur revolutionären Partei. Trotzdem er

eifersüchtig auf mich ist, da seine Cousine mich ihm vorzieht, kam er

mir, wenn auch nicht gerade herzlich, doch mit anständiger

Vorurteilslosigkeit entgegen. Er hat mit einigen andern Studenten, die,

wie er, über bedeutende Mittel verfügen, medizinische Privatkurse

eingerichtet, um sich und seinen Kollegen die Fortsetzung des Studiums

zu ermöglichen, zugleich natürlich, um gegen die Maßregel der Regierung

zu protestieren. An diesen Kursen, die nächstens beginnen werden, will

Katja teilnehmen. Der Gouverneur wußte bis jetzt nichts davon und ist

empfindlich betroffen, daß ein solches Unternehmen von seinem Neffen

ausgeht, und vollends, daß Katja sich daran beteiligen will. Da er gegen

Katja nicht gut streng sein kann, begann er damit, seiner Schwester

Tatjana Vorwürfe zu machen, daß sie ihren Sohn nicht von so ärgerlichen

Donquichotterien zurückhielte. Sie lächelte wie ein Kind und sagte, ihr

Sohn wäre ein erwachsener Mensch, sie könne ihn nicht am Gängelbande

führen, überhaupt sollte man sie mit politischen Dingen, von denen die

Frauen doch ausgeschlossen wären, in Ruhe lassen. Warum sollte sie sich

ein Urteil bilden, das sie doch nicht geltend machen könnte? In

Gesellschaft besonders sollten Gespräche über politische Dinge verboten

sein, bei denen auch der klügste Mann plötzlich ein beschränkter und

borstiger Esel würde. Uebrigens schiene es ihr eigentlich erlaubt zu

sein, daß, wenn der Staat ihm die Mittel dazu nähme, ein junger Mann

sich auf eigne Hand die zu seinem Berufe nötige Bildung zu verschaffen

suchte, denn eine Tätigkeit müsse ein Mann doch einmal haben.

Katja fiel ein, es wäre empörend, die Schulen zu schließen, was die

Regierung sich einbildete, die Universitäten wären unabhängige

Körperschaften, ob schließlich auch die Eltern den Zaren um Erlaubnis

fragen sollten, ehe sie die Kinder lesen und schreiben lehren dürften.

Der Gouverneur sagte, wenn die Universität sich damit begnügt hätte,

Wissenschaft zu lehren, würde die Regierung sie respektiert haben, aber

indem sie sich in die öffentlichen Angelegenheiten gemischt und Partei

ergriffen hätte, hätte sie sich ihres Rechtes auf Unantastbarkeit

begeben. Die Härte, welche die Maßregel mit sich brächte, würde dadurch

nicht ausgeglichen, daß einige, denen ihr Vermögen es erlaubte, sich den

Unterricht auf privatem Wege verschafften, dessen Wegfall für

Unbemittelte ohnehin viel schädlicher wäre. Da fuhr aber Katja los: »Du

kennst Peter schlecht! Der verschafft sich keine Vorteile vor den Armen!

Im Interesse der Unbemittelten hat er die Kurse hauptsächlich

eingerichtet! Es können alle daran teilnehmen, auch die nicht zahlen

können!« Der Gouverneur wurde dunkelrot und sagte, dann wäre die Sache

schlimmer, als er geahnt hätte. Er hätte geglaubt, es handelte sich

gewissermaßen um Privatstunden, dies wäre aber eine Gegenuniversität,

eine Herausforderung, ein revolutionärer Akt. Er hätte nie für möglich

gehalten, daß sein eignes Kind sich in die Reihen seiner Gegner stellte.

Ich habe ihn noch nie so zornig gesehen. Seine Stirn zog sich dicht

zusammen, seine Nase schien zu flammen wie ein frisch geschliffener

Dolch, es war eine unheimliche Atmosphäre um ihn, wie wenn ein

Hagelwetter im Anzuge ist. Katja fürchtete sich ein wenig, hielt aber

tapfer stand, Tatjana wunderte sich unbefangen und kindlich lächelnd

weiter, daß er die Sache so ernst auffaßte. Frau von Rasimkara sah

traurig aus; ich weiß nicht, was sie dachte, aber ich glaube, sie war

außer mir die einzige, die das Gefühl eines unabwendbaren Verhängnisses

hatte. Nicht aus einem bestimmten Grunde, nur weil sie liebt, und wer

liebt, fürchtet und ahnt.

In dem unangenehmsten Augenblick sagte ich zum Gouverneur, er möchte

doch Welja und Katja ins Ausland schicken; er hätte doch sowieso die

Absicht, sie eine Zeitlang an ausländischen Universitäten studieren zu

lassen, und sie bereiteten ihm dann hier keine Aergernisse mehr. Dieser

Vorschlag heiterte die Gewitterstimmung auf. Welja war bezaubert. »Ja,

Papa,« sagte er, »alle vornehmen jungen Leute werden ins Ausland

geschickt, wenn etwas aus uns werden soll, mußt du es auch tun. Ich bin

für Paris.« Frau Tatjana sagte: »Ich gebe euch Peter mit, damit ein

vernünftiger Mensch dabei ist. Und für Peter ist Paris notwendig, es

fehlt ihm an Grazie.« Der Gouverneur beschränkte seinen Widerspruch

darauf, daß er Berlin für angemessener als Paris erklärte; aber der

Vorschlag leuchtete ihm sichtlich ein, und ich bin überzeugt er wird zur

Ausführung kommen. Gemacht habe ich ihn, damit Katja und Welja abwesend

sind, wenn das Unglück geschieht; Jessika zu entfernen wird sich auch

noch ein Vorwand finden. Ich denke, die Sache wird nun schnell

fortschreiten.

Lju.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 39 / 69 题