Welja an Peter

Kremskoje, 14. Juni.

Wenn ich nicht sehr tätig bin, kommt es im Grunde daher, daß meine

Familie immer zur Betrachtung einlädt. Durch Anpassung an die bewegten

Verhältnisse hat sich mein beschauliches Temperament herausgebildet;

wenn ich auch noch mitagierte, würde es zu toll. Heute ist wieder der

Teufel los. Ich saß, noch erschöpft von gestern -- denn seit Lju fort

ist, muß ich immer bis Mitternacht auf der Lauer liegen, weil Mama

Gefahren wittert --, also ich saß in der Bibliothek und blätterte in

einem Buche, als Katja wie ein wirbelnder Federball herein und ans

Telephon gestürzt kam. Damit Dein Gehirn nicht ebenso erschüttert wird,

wie meins bei dieser Gelegenheit wurde, will ich Dir zur Erklärung

voranschicken, daß Katja soeben Jessika dabei betroffen hatte, daß sie

einen Brief an Lju schrieb, und daß Jessika, von Katja zur Rede

gestellt, damit herausgeplatzt war, sie liebte Lju und wäre so gut wie

verlobt mit ihm. Ich mußte dies schließen und erraten, was ich Deinem

Walfischschädel nicht zumuten will.

Also Katja verbindet sich mit Petersburg. Ich frage, mit wem sie reden

will. Mit Lju, obgleich mich das nichts anginge. Ich sage, du kannst

doch wohl so lange warten, bis er wieder hier ist, so wichtig wird es

nicht sein. Sie: »Kannst du das beurteilen? Hier werde ich überhaupt

nicht mehr mit ihm sprechen und bedaure, es jemals getan zu haben.« Ich:

»Alle Heiligen!« In dem Augenblicke klingelt das Telephon, Katja

ergreift es. »Sind Sie da? Quak, quak, quak ... Ich will Ihnen nur

sagen, daß ich Sie verachte! Quak, quak ... Sie sind ein Heuchler, eine

Qualle, ein Judas! Quak, quak, quak, quak. Bitte, leugnen Sie nicht! Sie

haben die Stirn, sich zu verteidigen? Sie haben mich genug belogen! Ich

werde Jessika aufklären. Für einen solchen Elenden ist sie trotz ihrer

Schwachheit zu gut. Quak, quak, quak, quak, quak ... Sie halten mich für

dümmer, als ich bin. Sie glauben, Sie allein wären klug und alle andern

wären schwachsinnig, aber vielleicht ist es umgekehrt!«

Dies alles trompetete Katja mit so gellender Stimme, daß Papa und Mama

es hörten, glaubten, es wäre etwas passiert, und herbeigelaufen kamen.

Beide hören erstaunt zu und fragen: »Was bedeutet das? Mit wem spricht

sie denn?« Ich: »Ach, mit Lju, sie hat sich ein bißchen über ihn

geärgert.« Katja am Telephon: »Ich du zu Ihnen sagen? Zu einem so

abgefeimten, zweizüngigen Charakter, wie Sie sind? Niemals!« Papa und

Mama: »Aber um Gottes willen, was hat er denn getan?« Ich: »Ach, sie hat

eine Karte von ihm bekommen mit der Adresse Katinka von Rasimkara, und

das betrachtet sie doch nun einmal als Beleidigung, wenn man ihren Namen

Katja von Katinka ableitet.« Papa und Mama entzückt: »Das ist ganz

Katja!« Beide wollen sich totlachen. Katja dreht sich um. Ich:

»Täubchen, ruh dich doch mal aus!« Katja mit einem vernichtenden Blick

auf mich: »Affe!« Dann ab.

Ich stürze ans Telephon, erwische Lju noch und gebe ihm das Versprechen,

beruhigend zu wirken. Er sagte mit einem durchs Telephon zu Herzen

gehenden Seufzer: »Du bist das Oel auf den Sturmwogen deiner Familie;

ohne dich würde man seekrank.« Das Gespräch schien ihn sehr mitgenommen

zu haben.

Ob er von euch aus gesprochen hat, weiß ich gar nicht; es wäre sehr

belustigend, wenn Du die andre Hälfte des Gespräches mit angehört

hättest. Das ist sicher, Katja ist fertig mit Lju, wenn auch ihre Wut

mit der Zeit nachlassen wird. Ob sie nun, nachdem sie mit der

Intelligenz gebrochen hat, wieder für Deinen Stumpfsinn schwärmen wird,

darüber läßt sich noch nichts sagen, rechne nicht zu bestimmt darauf.

Uebrigens gedeiht sie vortrefflich bei ihrer Enttäuschung; zu beklagen

ist nur die arme kleine Jessika. Sie kommt mir vor wie ein kleiner

Vogel, dem sein Nest zerstört ist, der Sturm und Regen ergeben über sich

ergehen läßt, erschrocken und behutsam piepst und zuweilen mit dem

zerzausten Köpfchen hervorlugt, ob es noch nicht besser wird. Ich

glaube, zuerst hat sie stundenlang geweint, ihr Gesicht zitterte noch

lange nachher. Sie hat etwas so Süßes wie eine überreife Feige und etwas

so Weiches wie eine Schneeflocke, die einem in der Hand zerschmelzen

will. Es wäre für sie sehr gut, wenn Du sie heiratetest; aber Dir ist

nun einmal zuerst Katja eingefallen, und nach dem Gesetz der Trägheit,

das Dich beherrscht, rollst Du damit durch dick und dünn und hältst es

für Charakter. Für Dich ist es ja ziemlich einerlei, wen Du betreust;

aber für Jessika wäre es gut, wenn sie durch die Dickhaut Deiner

saurischen Person vor der Welt geschützt wäre, während Katja eine solche

antediluvianische Mauer nicht nötig hat und sie vielleicht auf die Dauer

sogar nicht gut aushalten könnte. Ich will aber nicht so töricht sein,

jemand Vernunft zu predigen, der keine hat.

Katja hat Einsicht genug, um Papa und Mama den wahren Sachverhalt zu

verschweigen; aber wenn Papa sie mit Katinka anredet, um sie zu necken,

wirft sie mir zornige Blicke zu, was die andern erst recht ins Lachen

bringt. Lebe wohl!

Welja.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 38 / 69 题