Jessika an Tatjana

Kremskoje, 12. Juni.

Geliebteste Tante! Ich wollte Dich gern besuchen, aber ich soll nicht!

Ich wäre so gern mit dem zerfetzten Automobil bei Dir vorgefahren,

gerade weil es so schrecklich kaput ist. Denke Dir, ich hätte mich so

hübsch wie möglich gemacht und wäre aus dem zersplitterten Kasten

herausgestiegen wie eine Dryade aus einem hohlen Baumstamme. Und vor

allen Dingen, ich hätte Dich gesehen, ich hätte meinen Charakter an der

schweren Aufgabe gestählt, Deine blühenden Wangen, Deine mit dem Schmelz

ewiger Jugend gepuderte Haut neidlos zu bewundern. Meine Wangen sind,

fürchte ich, augenblicklich blaß und tränennaß, so enttäuscht bin ich,

daß ich nicht mitfahren kann.

Wir werden nun ohne Beschützer sein, Tante. Ich habe vorgeschlagen, wir

drei könnten Tag und Nacht Fangen ums Haus spielen, dann könnte sich

gewiß niemand ungesehen ins Haus einschleichen. Der gute Welja war auch

bereit dazu, aber Katja nicht; sie sagte, sie wäre doch kein Kind mehr!

Lju bringt Dir diesen Brief. Laß Du Dich unterdessen von ihm beschützen,

wenn Du es auch nicht nötig hast.

Deine Jessika.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 37 / 69 题