Kremskoje, 25. Mai.
Liebste Tante! Es ist sehr gut, daß ich hiergeblieben bin. Mama hat
jetzt gerade eine Zeit, wo sie sich um nichts bekümmert als um ihren
Jegor, unsern Vater. Und ein Geist muß doch über dem Haushalt schweben.
In ein paar Tagen kommt unser Automobil, denke dir, Tante. Mama schlug
im letzten Augenblick vor, wir wollten lieber doch keins haben, weil es
gefährlich wäre, und das gab der Sache gerade den letzten kleinen Stoß,
den es noch brauchte, um Papa zum Entschluß zu bringen. Denn nun sagte
er, auf Mamas Aengstlichkeit dürfe keine Rücksicht genommen werden; sie
müßte endlich einmal erzogen werden, sonst würde sie schließlich zu alt
dazu. Einen Chauffeur will Papa nicht haben, das verteuerte die
Geschichte, und er möchte keine fremden Leute ins Haus nehmen; unser
Iwan soll sich dazu ausbilden. Welja sagte: »Väterchen fährt ja schon
mit der Kutsche in den Graben, wohin wird er erst mit dem Automobil
fallen!« Papa sagte, Welja sollte nicht übertreiben, Iwan wäre auch oft
ganz nüchtern. Mama sagte mit einem Seufzer, hoffentlich wäre er es
gerade dann, wenn wir ausfahren wollten. Ich schlug vor, wir wollten nur
selten fahren, dann träfen wir gewiß gerade mit den oftmaligen
Nüchternheiten Iwans zusammen. Das leuchtete Mama sehr ein, aber Katja
schmetterte los, dazu hätte man kein Automobil, sie wolle alle Tage
fahren und so weiter. Zum Glück sprang Lju ein und sagte, er wäre
Dilettant im Automobilfahren und wollte sich noch mehr ausbilden, dann
könnte er Iwan zuweilen ersetzen. Welja sagte nachher, als Papa nicht
dabei war: »Papa wird doch lieber mit Iwan fahren, weil er denkt, daß
die Betrunkenen in Gottes Hand sind.« Das ist doch ein Sprichwort, weißt
du.
Von unserm Iwan muß ich dir noch etwas erzählen. Welja sagte gestern
mittag, er hätte ihn gefragt, was er von Lju hielte, eigens weil er
gemerkt hätte, daß er ihn nicht leiden möchte. Iwan hätte Ausflüchte
gemacht und nicht mit der Sprache heraus wollen. Welja hätte gesagt, Lju
wäre doch freundlich, gerecht, hilfsbereit, gescheit, geschickt, was
Iwan alles zugegeben hätte. Endlich hätte Iwan dann gesagt: »Er ist mir
zu gebildet.« Darauf hätte Welja gesagt, Papa wäre doch auch gebildet;
da hätte Iwan ganz listige Augen gemacht und den Kopf geschüttelt und
gesagt: »Das stellt sich äußerlich wohl so vor, aber im Grunde ist er
nur ein guter Kerl wie unsereiner.« Wir haben alle sehr gelacht, Lju am
meisten, er war geradezu begeistert über die Bemerkung und sah allen
erdenklichen Tiefsinn darin. Ob jemand ihn leiden mag oder nicht, danach
fragt Lju gar nicht, das finde ich groß an ihm.
Liebe Tante, ich singe Tristan, Isolde, Brangäne, König Marke und noch
ein paar Heldenkräfte. Kannst Du Dir mich vorstellen? Papa hat nur einen
unwilligen Seitenblick auf die Partitur geworfen, und ich singe
natürlich nur, wenn er außer Hörweite ist.
Deine Jessika.