Du Liebe! Die Kinder haben Dir geschrieben, daß wir wieder sehr nervös
sind? Wenn Du mich nicht verraten willst, will ich Dir sagen, wovon es
bei mir gekommen ist. Du weißt, ich bin ängstlich und schreckhaft, und
Du weißt auch, daß ich leider sehr ernsten Anlaß dazu habe. Ich gebe zu,
daß ich es auch ohne das wäre, das ändert aber nichts daran, daß der
Anlaß da ist. Nun also, neulich nachts wache ich auf und sehe einen Mann
auf der Schwelle unsers Schlafzimmers stehen. Natürlich denke ich, daß
er Jegor töten will, und stürze blindlings auf ihn zu, um Jegor zu
schützen -- wie, darüber nachzudenken hatte ich keine Zeit. Es war nur
ein Augenblick, dann erkannte ich Lju. Ja, es war Lju. Das plötzliche
Aufhören der Angst und des Schreckens wirkte so befreiend auf mich, daß
ich beinahe lachen mußte; ich hätte ihn umarmen können. Aber nachher,
als ich wieder im Bett lag, machten sich die Folgen der heftigen
Nervenerregung geltend, ich mußte nun weinen und konnte gar nicht mehr
aufhören. Es kam ein Unbehagen über mich, das viel peinlicher war als
die Furcht, die ich vorher gehabt hatte; es war mir nämlich so
unheimlich, daß Lju nachtwandelt. Anders kann ich mir das Vorgefallene
doch nicht erklären, als daß er somnambul ist. Er selbst hat mir eine
andre Erklärung gegeben; er betrachte es als zu seiner Pflicht gehörig,
sich zuweilen zu überzeugen, ob bei uns alles in Ordnung sei, und er sei
schon öfters in unserm Schlafzimmer gewesen, besonders wenn er ein
Geräusch zu hören geglaubt hätte. Das klingt ganz plausibel, und Du
wirst vielleicht sagen, es müßte etwas Beruhigendes für mich haben, zu
wissen, daß er so treu über uns wacht. Vorher würde ich das auch gedacht
haben; aber ich sehe nun, daß die Vorstellung von einer Tatsache ganz
etwas andres ist als die Tatsache selbst. Es ist mir nichts
Beruhigendes, sondern etwas im höchsten Grade Unheimliches, daß ein
Mensch plötzlich nachts in unserm Zimmer stehen kann, sei es nun, weil
er nachtwandelt oder aus andern Gründen. Ich kann nicht mehr schlafen,
weil ich immer denke, plötzlich steht er da und sieht mich aus diesen
seltsamen grauen Augen an, die alle Körper zu durchdringen scheinen.
Wenn ich eben eingeschlafen bin, schrecke ich entsetzt wieder auf. Der
Einfall ist mir gekommen, er könnte durch das offene Fenster
hereinsteigen; Du weißt doch, daß Nachtwandler überall, selbst auf der
Kante des Daches, gehen können. Und das zu denken, ist mir unheimlich,
ich kann nicht dagegen an. Ich möchte gern das Fenster schließen, aber
Jegor will es nicht; er sagt, es wäre Unsinn, und ich müßte solche
krankhafte Einbildungen unterdrücken. Schlangen könnten wohl an einer
glatten Hausmauer hinaufkriechen, Nachtwandler nicht. Was meinst Du? Ich
habe einmal gelesen, für Nachtwandler wäre das Gesetz der Schwere
aufgehoben; Gott weiß es.
Unglücklicherweise habe ich Jegor, der nicht aufgewacht war und nichts
gehört hatte, alles erzählt. Er ist gut, aber meine Furchtsamkeit macht
ihn ein wenig ungeduldig, weil er sie aus sich selbst nicht
nachempfinden kann. Und dann allerdings machen ihn auch die Verhältnisse
nervös, die eine gewisse Vorsicht vernünftigerweise doch nötig machen,
die er seinem Temperament nach so ungern beobachten möchte.
Die Kinder wissen von dem Vorfall nichts, denn ich möchte nicht, daß
darüber bei Tisch gesprochen wird. Es scheint mir auch rücksichtsvoller
gegen Lju zu sein, dem wir so viel verdanken; wenn sich das Gerücht
verbreitete, er wäre Nachtwandler, würde es ihm bei den Leuten schaden.
Und daß er nachts in unser Zimmer kommt, um uns zu bewachen, soll auch
nicht bekannt werden.
Katja, mein Goldkind, ist ein unverbesserlicher kleiner Teufel. Sie
schilt bei jeder Gelegenheit über die Schließung der Universität, obwohl
sie weiß, daß jetzt die politischen und geschäftlichen Dinge nicht
berührt werden sollen, weil es Jegor aufregt. Mich wundert, ob Dein
Peter einmal mit ihr fertig wird, es spricht für seinen Charakter, daß
er es sich zutraut. Von Dir, Liebste, hat er nichts; er schlägt ganz
Deinem Manne nach, und der hat ja sogar Dir zu imponieren verstanden,
nicht wahr? Ach, meine Kleine ist noch zu kindisch, als daß ihr irgend
etwas auf der Welt imponieren könnte. Ich wollte, es gelänge ihm, ihr
Herz zu gewinnen, wäre es nur, damit sie Dich zur Schwiegermutter
bekäme. Aber auch Dein Sohn würde ihr gut tun mit seiner Stämmigkeit und
Wurzelfestigkeit. Jessika blüht, die Landluft tut ihr gut, sie ist unsre
Hebe mit den Rosenwangen. Mich wird das kleine nächtliche Intermezzo
auch nicht lange stören, hoffe ich. Sei gegrüßt und geküßt von Deiner
Lusinja.