24. Mai.

Du Liebe! Die Kinder haben Dir geschrieben, daß wir wieder sehr nervös

sind? Wenn Du mich nicht verraten willst, will ich Dir sagen, wovon es

bei mir gekommen ist. Du weißt, ich bin ängstlich und schreckhaft, und

Du weißt auch, daß ich leider sehr ernsten Anlaß dazu habe. Ich gebe zu,

daß ich es auch ohne das wäre, das ändert aber nichts daran, daß der

Anlaß da ist. Nun also, neulich nachts wache ich auf und sehe einen Mann

auf der Schwelle unsers Schlafzimmers stehen. Natürlich denke ich, daß

er Jegor töten will, und stürze blindlings auf ihn zu, um Jegor zu

schützen -- wie, darüber nachzudenken hatte ich keine Zeit. Es war nur

ein Augenblick, dann erkannte ich Lju. Ja, es war Lju. Das plötzliche

Aufhören der Angst und des Schreckens wirkte so befreiend auf mich, daß

ich beinahe lachen mußte; ich hätte ihn umarmen können. Aber nachher,

als ich wieder im Bett lag, machten sich die Folgen der heftigen

Nervenerregung geltend, ich mußte nun weinen und konnte gar nicht mehr

aufhören. Es kam ein Unbehagen über mich, das viel peinlicher war als

die Furcht, die ich vorher gehabt hatte; es war mir nämlich so

unheimlich, daß Lju nachtwandelt. Anders kann ich mir das Vorgefallene

doch nicht erklären, als daß er somnambul ist. Er selbst hat mir eine

andre Erklärung gegeben; er betrachte es als zu seiner Pflicht gehörig,

sich zuweilen zu überzeugen, ob bei uns alles in Ordnung sei, und er sei

schon öfters in unserm Schlafzimmer gewesen, besonders wenn er ein

Geräusch zu hören geglaubt hätte. Das klingt ganz plausibel, und Du

wirst vielleicht sagen, es müßte etwas Beruhigendes für mich haben, zu

wissen, daß er so treu über uns wacht. Vorher würde ich das auch gedacht

haben; aber ich sehe nun, daß die Vorstellung von einer Tatsache ganz

etwas andres ist als die Tatsache selbst. Es ist mir nichts

Beruhigendes, sondern etwas im höchsten Grade Unheimliches, daß ein

Mensch plötzlich nachts in unserm Zimmer stehen kann, sei es nun, weil

er nachtwandelt oder aus andern Gründen. Ich kann nicht mehr schlafen,

weil ich immer denke, plötzlich steht er da und sieht mich aus diesen

seltsamen grauen Augen an, die alle Körper zu durchdringen scheinen.

Wenn ich eben eingeschlafen bin, schrecke ich entsetzt wieder auf. Der

Einfall ist mir gekommen, er könnte durch das offene Fenster

hereinsteigen; Du weißt doch, daß Nachtwandler überall, selbst auf der

Kante des Daches, gehen können. Und das zu denken, ist mir unheimlich,

ich kann nicht dagegen an. Ich möchte gern das Fenster schließen, aber

Jegor will es nicht; er sagt, es wäre Unsinn, und ich müßte solche

krankhafte Einbildungen unterdrücken. Schlangen könnten wohl an einer

glatten Hausmauer hinaufkriechen, Nachtwandler nicht. Was meinst Du? Ich

habe einmal gelesen, für Nachtwandler wäre das Gesetz der Schwere

aufgehoben; Gott weiß es.

Unglücklicherweise habe ich Jegor, der nicht aufgewacht war und nichts

gehört hatte, alles erzählt. Er ist gut, aber meine Furchtsamkeit macht

ihn ein wenig ungeduldig, weil er sie aus sich selbst nicht

nachempfinden kann. Und dann allerdings machen ihn auch die Verhältnisse

nervös, die eine gewisse Vorsicht vernünftigerweise doch nötig machen,

die er seinem Temperament nach so ungern beobachten möchte.

Die Kinder wissen von dem Vorfall nichts, denn ich möchte nicht, daß

darüber bei Tisch gesprochen wird. Es scheint mir auch rücksichtsvoller

gegen Lju zu sein, dem wir so viel verdanken; wenn sich das Gerücht

verbreitete, er wäre Nachtwandler, würde es ihm bei den Leuten schaden.

Und daß er nachts in unser Zimmer kommt, um uns zu bewachen, soll auch

nicht bekannt werden.

Katja, mein Goldkind, ist ein unverbesserlicher kleiner Teufel. Sie

schilt bei jeder Gelegenheit über die Schließung der Universität, obwohl

sie weiß, daß jetzt die politischen und geschäftlichen Dinge nicht

berührt werden sollen, weil es Jegor aufregt. Mich wundert, ob Dein

Peter einmal mit ihr fertig wird, es spricht für seinen Charakter, daß

er es sich zutraut. Von Dir, Liebste, hat er nichts; er schlägt ganz

Deinem Manne nach, und der hat ja sogar Dir zu imponieren verstanden,

nicht wahr? Ach, meine Kleine ist noch zu kindisch, als daß ihr irgend

etwas auf der Welt imponieren könnte. Ich wollte, es gelänge ihm, ihr

Herz zu gewinnen, wäre es nur, damit sie Dich zur Schwiegermutter

bekäme. Aber auch Dein Sohn würde ihr gut tun mit seiner Stämmigkeit und

Wurzelfestigkeit. Jessika blüht, die Landluft tut ihr gut, sie ist unsre

Hebe mit den Rosenwangen. Mich wird das kleine nächtliche Intermezzo

auch nicht lange stören, hoffe ich. Sei gegrüßt und geküßt von Deiner

Lusinja.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 26 / 69 题