Kremskoje, 15. Mai.
Tante, Du hast mich eingeladen, huldvolle Tante! Ich küsse dankbar Deine
schöne Hand. Vielleicht komme ich auch einmal, wenn Du gerade gar nicht
daran denkst. Aber Liebste, weißt Du denn gar nicht, daß ich Pflichten
habe? Ich kann doch nicht so ohne weiteres fort. Wir haben doch einen
Haushalt, und Du weißt, daß auch die besten Dienstleute von einem
höheren Wesen inspiriert werden müssen. Ich bedaure die Köchin, die bei
unsrer fünffachen Wunderlichkeit gar keinen Rückhalt hätte. Papa
schwärmt für gefüllte Tomaten, aber nicht für Tomaten an der Sauce, was
Mama besonders liebt, während Welja eine Leidenschaft für Tomaten in
Salat hat, Katja ißt sie nur roh. Katja ißt keinen süß zubereiteten
Reis, Papa keinen gepfefferten, ich keinen Milchreis. Niemand von uns
ißt Kohl, wir wollen aber täglich grünes Gemüse; so könnte ich noch
seitenlang fortfahren. Keine Köchin behält das alles, und lesen kann
unsre nicht. Wenn ich fort wäre, müßte Mama an das alles denken -- denn
Katja fiele das nicht ein --, und das täte mir so leid. Sie geht den
ganzen Tag herum und ist glücklich, ihren Mann einmal für sich und in
Sicherheit zu haben; man mag ihr keine dummen Alltäglichkeiten aufbürden
gerade jetzt.
Ihr denkt, ich wäre nur eine unbedeutende kleine Person! Aber sie würden
es schon bemerken, wenn nicht vor jedem die Tasse Tee oder Kaffee mit
gerade so viel Zucker und Milch oder Zitrone stände, wie er es haben
mag, oder wenn ihm die Orangenschnitten nicht so fein geschält und
entkernt auf den Teller flögen, wie er es gewohnt ist, oder wenn die
Bleistifte und Scheren und Schirme, die er verliert oder verlegt, nicht
gerade im richtigen Augenblick von mir wiedergefunden würden! Ja, so bin
ich! Komm Du nur einmal hierher und überzeuge Dich, wie unentbehrlich
ich bin.
Wenn Du nun findest, daß ich belohnt und entschädigt werden muß, Tante
Tatjana, so schicke mir doch lila Batist zu einer Bluse und dazu
passenden Zwischensatz und Spitzen. Ich habe nichts, was leicht genug
wäre bei der Hitze. Niemand hat so viel Geschmack wie Du, darum besorge
es, bitte, selbst, Holdseligste.
Deine dankbare Jessika.