Lju an Konstantin

Kremskoje, 15. Mai.

Lieber Konstantin! Ich hätte mir das denken können; aber ich möchte, daß

ich mich täusche, wenn ich es künftig denke. Es macht den Eindruck, daß

ich mich zum Zweck psychologischer Studien hier befinde; Du findest, daß

ich sehr viel Sinn für das Familienleben entwickle; Du meinst, ich hätte

ebensogut meine Großtante in Odessa besuchen können, und sonst noch

mehreres. Was willst Du? Hattest Du erwartet, ich würde mich wie ein

hungriger Kannibale oder haßerfüllter Nebenbuhler oder betrogener

Ehemann auf sein Opfer stürzen? Wir waren uns darüber einig, daß wir es

nicht machen wollten wie die fanatischen Büffel, denen es bei ihren

Attentaten mehr darauf anzukommen scheint, daß sie ihr eignes Leben

wegwerfen, als das des Gegners. Wir wollten unser Ziel erreichen, ohne

unser Leben, unsre Freiheit, womöglich sogar unsern Ruf aufs Spiel zu

setzen; denn wir haben noch mehr zu erreichen, und wir wissen, daß wir

nicht leicht zu ersetzen sind. Wenn es eilte, würde ich anders gehandelt

haben; aber der Studentenprozeß beginnt erst Anfang August, bis dahin

dauert der Urlaub des Gouverneurs, und ich habe demnach noch drei Monate

Zeit, von denen erst ein halber verflossen ist. Ich sehe mich hier um,

ich lerne die Menschen, die Umgebung kennen und warte auf eine

Gelegenheit. Natürlich hätte ich den Gouverneur längst ermorden können,

wenn es mir nur darauf ankäme; ich bin oft mit ihm allein gewesen,

sowohl im Hause wie im Garten und im Walde. Aber dann hätte ich

unrichtig gehandelt. Jetzt, wo ich zwar geschätzt und fast geliebt

werde, aber immerhin noch ein Fremder bin, könnte sich ein Argwohn gegen

mich erheben; in ein paar Wochen werde ich wie ein Glied der Familie und

wird das nicht mehr möglich sein. Ich schrieb Dir neulich, glaube ich,

daß ich einige Minuten neben ihm gesessen habe, während er schlief. Ich

betrachtete den Teil seines Gesichtes, der mir zugewendet war; die

breiten schwarzen Brauen -- ein Zeichen starker Vitalität --, die

strenggebogene Nase, in jeder Linie liegt Feuer und Noblesse; durch

vornehmes Empfinden gemäßigte Leidenschaft scheint mir auch ein Grundzug

seines Charakters zu sein. Ein wundervolles Geschöpf! Indem ich ihn

betrachtete, dachte ich, wieviel lieber ich diesen Kopf meinen Gedanken,

meinen Absichten zugänglicher machen als ihn mit einer Kugel zerstören

möchte. Auch dies mußt Du bedenken, daß ich den Mord umgehen könnte,

wenn es mir glückte, ihn zu beherrschen, zu beeinflussen. Ich will aber

gleich hinzusetzen, daß ich die Möglichkeit für gering halte: in kleinen

Dingen ist er wie Wachs, in wichtigen wie Eisen. Wenn er etwas bestimmt

will, können weder Furcht noch Liebe ihn umstimmen; so scheint es mir

bis jetzt.

Der Kleine ist anders; er ist so indolent, daß er einem dankbar ist,

wenn man für ihn will, man muß es nur mit Verstand tun. Seine

Vorurteilslosigkeit setzt in Erstaunen. Er scheint gar nicht durch

Tradition beherrscht; er hat etwas, als ob er mit keinem Bande an

Vergangenheit, Familie, Vaterland angeknüpft wäre. Ich muß an ein altes

Märchen denken, in dem ein elternloses Kind als Kind der Sonne auftritt;

daran erinnert auch seine goldbraune Haut. Im Gespräch mit ihm spreche

ich fast so, wie ich denke; er ist so unbefangen, daß es ihm nicht

einmal auffällt, wie ich mit meinen Ideen eine Stellung bei seinem Vater

habe annehmen können. Er findet es offenbar selbstverständlich, daß ein

Mensch von Verstand so denkt, wie ich denke, und nebenbei jede Rolle

spielt, die nach seinem Geschmack und zu seinem Fortkommen nützlich ist.

Ich habe ihn lieb, und es freut mich, daß ich ihm nichts zuleide zu tun

brauche. Katja denkt wie ihr Bruder, zum Teil vielleicht aus Liebe zu

ihm. Sie ist für ein Mädchen sehr klug und einsichtsvoll; aber sie kann

so verständig reden, wie sie will, sie ist immer wie ein kleiner,

niedlicher Vogel, der auf einem Zweige sitzt und zwitschert, das ist das

Reizende an ihr.

Konstantin, mache mir nicht wieder Vorwürfe. Wenn mir solche zu machen

wären, würde ich es selbst tun; deshalb hat kein andrer das Recht dazu.

Lju.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 18 / 69 题