Kremskoje, 17. Mai.
Lieber Peter! Ich habe mich nicht getäuscht, Lju ist im Grunde ein
Revolutionär, nur daß noch etwas dabei ist, was seine Ansichten
himmelhoch über die durchschnittlichen erhebt. Wie soll ich Dir das
begreiflich machen, süßes Megatherium? Er denkt und steht zugleich über
dem, was er denkt. Er hält das, was er denkt und wünscht, nicht für das
Letzte, Absolute. Darum steht er auch abseits von den Parteien, weil er
über sie hinaussieht. Er sagt, der alten Generation gegenüber haben die
Neuen recht, obwohl sie an sich betrachtet fast noch weniger recht haben
als die Alten. Natürlich verstehst Du das nicht, weil Dir die
Selbstironie fehlt, sowohl der Begriff wie die Qualität. Ihr habt keine
Idee, wie komisch es ist, wenn ihr euch über die Verkommenheit der alten
Kultur erhitzt und nicht von ferne ahnt, was Kultur eigentlich bedeutet.
Macht nichts, brülle nicht, alter Saurier, ich bin ganz euer. Mein Vater
ist köstlich; er findet, daß Lju ein sehr angenehmer, kluger und
unterhaltender Mensch ist, weiter dringt sein Scharfblick nicht. Er
kommt nicht auf die Idee, daß ein Mensch in honetten Kleidern, der
höflich mit ihm umgeht und ihm nicht widerspricht, sich außerhalb seines
Systems bewegen könnte. Mama ist viel weniger, wie soll ich es nennen,
auf ihr Selbst beschränkt. Sie sieht wenigstens deutlich ein, daß sie
längst nicht Ljus ganzes Wesen erfaßt hat; sie fühlt etwas Fremdes, wenn
sie dessen auch nicht habhaft werden kann. Neulich sagte sie zu ihm,
seinen Talenten und Kenntnissen und seiner Leistungsfähigkeit sei
eigentlich das Amt, das er in unserm Hause bekleide, nicht angemessen,
ebensowenig das Entgelt, er hätte es gar nicht annehmen dürfen. Lju
sagte, er hätte gehofft, als Privatsekretär freie Zeit übrig zu haben,
die er gebrauche, um ein philosophisches Werk zu vollenden, das sei sein
nächstes Arbeitsziel. Darüber wurde Mama ordentlich rot und meinte, er
sei nun gewiß enttäuscht, da ja seine ganze Person bei uns dauernd in
Anspruch genommen werde. Ich glaube, Lju hatte schon ganz vergessen, daß
er hier ist, um Mörder und Bomben abzufangen, während Mama denkt, er
riebe sich bei dieser schwer zu definierenden Tätigkeit auf. Sie fordert
ihn seitdem öfters auf, sich in sein Zimmer zurückzuziehen und zu
arbeiten, und ist geneigt, es sehr anspruchsvoll von Papa zu finden,
wenn er ihm mal außer der Zeit einen Brief diktieren will; er könnte
sich eigentlich eine Schreibmaschine anschaffen, meinte sie. Man kann
nicht behaupten, daß Mama die Leute ausbeutet.
Wir sind augenblicklich damit beschäftigt, Papa ein Automobil kaufen zu
lassen; er ist auch schon nahe daran. Wir sprechen bei Tisch immer von
den letzten Automobilrennen und erörtern, ob es mit Benzin oder
Elektrizität billiger ist. Lju meinte, ob wir nicht lieber warten und
dann gleich ein lenkbares Luftfahrzeug anschaffen wollten. Von dem
Gedanken war Papa ordentlich hingerissen, und wie er die Kosten davon
berechnete, kam ihm das Auto hernach schon ganz alltäglich und
kleinbürgerlich vor.
Lju ist gar nicht musikalisch. Er sagt, Musik wäre eine primitive Kunst,
wenigstens die man bis jetzt kennte. Es könnte vielleicht auch anders
sein, wovon Richard Wagner gewisse Andeutungen gäbe. Das Musikalische in
unsrer Familie wäre primitiv. Ich glaube, daß das ganz richtig ist,
besonders bei Papa. Er spielt schön in dem Sinne, wie der Wald rauscht
oder der Wind saust, es ist etwas Dämonisches. Aber das Besessensein ist
kein Kulturfaktor. Lju hat aber viel übrig für das Primitive. Er findet,
Jessikas Stimme klänge so, wie wenn in der fahlen Dämmerung tief im
Osten die Morgenröte aufginge. Jessikas Stimme finde ich auch fein, auf
mich wirkt sie wie ein Harfenton; sonst habe ich mir nie viel aus Gesang
gemacht, bei der Sinfonie fängt doch die Musik eigentlich erst an. Bilde
Du Dir aber ja nicht ein, Du wärest ein Uebermensch, weil Du
unmusikalisch bist. Bei Dir ist es ein Vakuum.
Welja.