Lusinja an Tatjana

Kremskoje, 13. Mai.

Liebe Tatjana! Nun sag, warum bildest Du Dir so fest ein, meine Töchter

müßten sich in Lju verlieben? Ich habe sie bisher für viel zu

unentwickelt zur Liebe gehalten, Katja ist ja wirklich noch ein Kind. Da

Du mich einmal darauf aufmerksam gemacht hast, sehe ich ein, daß Lju

gefährlich ist; männlich, mutig, klug, interessant, auffallend, alles,

was einem jungen Mädchen imponiert. Ich muß es aber rühmen, daß er eher

zurückhaltend gegen meine beiden Kleinen ist; möglicherweise ist er

schon gebunden. Daß Jessika ihn bewundert, habe ich wohl bemerkt; wenn

er spricht, hängen ihre Augen an ihm, sie ist selbst gesprächiger als

sonst und voll allerliebster Einfälle. Ich dachte mir nichts Arges

dabei, sondern freute mich an ihrer Freudigkeit. Tatjana, wenn Du sie

einladen willst und sie gern zu Dir kommen will, werde ich ihr nichts in

den Weg legen. Es mag sein, daß es besser ist. Meine arme kleine

Jessika, wenn ich mir denke, daß sie ihn liebte! Liebte er sie nicht,

müßte sie leiden, und vielleicht noch mehr, wenn er sie liebte. Nein,

der ist kein Mann für sie. Er versteht alles, aber er vergißt sich

niemals, er hat gar keinen Sinn für Kleinigkeiten und Torheiten, oder,

wenn er Sinn dafür hat, so ist es wie für Kräuter, die man in ein

Herbarium sammelt. Hingeben kann er sich nicht, er verzehrt nur. Ich

traue ihm sehr viel zu, zum Beispiel, daß er einmal ein sehr berühmter

Mann wird; jedenfalls braucht er dünne Höhenluft, in der mein kleines

Mädchen nicht atmen könnte.

Merkwürdig ist es an ihm, daß er sich offenbar für uns alle lebhaft

interessiert, daß er für unsre Vorzüge empfänglich scheint, daß er das

Vertrauen, das wir ihm entgegenbringen, als etwas Selbstverständliches

hinnimmt und doch von sich selbst eigentlich nichts hergibt. Nicht daß

er nicht offen wäre, er beantwortet jede Frage, die man zufällig einmal

an ihn richtet, freimütig und ausgiebig; man kann vielleicht nicht

einmal sagen, daß er verschlossen ist, wenigstens spricht er ziemlich

viel und stets von Dingen, die ihm wirklich wichtig sind. Trotzdem hat

man nicht das Gefühl, daß man sein Inneres kennt. Ich habe schon

gedacht, daß es Geheimnisse in seinem Leben geben könnte, die ihm

Zurückhaltung auferlegen; aber es beunruhigt mich nicht, weil ich sicher

bin, daß es nichts Gemeines ist.

Neulich war von Lügen die Rede. Da sagte Lju, Lügen wäre unter Umständen

eine Waffe im Kampfe des Lebens, nicht schlechter als eine andre, nur

sich selbst belügen wäre verächtlich. Welja sagte: »Sich selbst belügen?

Wie macht man das überhaupt? Ich würde mir doch niemals glauben.« Lju

lachte ganz beseligt, ich mußte auch lachen, hielt mich aber doch

verpflichtet, Welja zu sagen, es wäre ein schlechter Witz gewesen.

»Bessere können wir doch hier nicht machen,« sagte der Junge, »sonst

versteht Katja sie nicht.« Ja, eigentlich wollte ich Dir nur sagen, die

Ueberzeugung habe ich wirklich, daß Lju sich niemals selbst belügen

würde, und das ist mir das Wesentliche. Der Grundsatz mag gefährlich

sein, aber einem bedeutenden Menschen ist er angemessen.

Liebe Schwester meines geliebten Mannes, wenn ich nicht die großen

Kinder um mich hätte, könnte ich mir jetzt einbilden, wir wären auf der

Hochzeitsreise. Brauchten wir nur niemals in die Stadt zurück! Jegor hat

sein Klavierspiel wieder aufgenommen, da er nun einmal nicht

unbeschäftigt sein kann, und ich, die es sehr wohl kann, höre zu und

träume. Erinnerst Du Dich noch an die Zeit, wo ich ihn meinen

Unsterblichen nannte? Manchmal jetzt, wenn ich ihn ansehe, überläuft

mich das Gefühl, daß etwas anders geworden ist; es sind nicht die weißen

Haare, deren schon mehr als schwarze sind, nicht die tiefen Schatten,

die oft unter seinen Augen liegen, nicht die strengen Linien, die sein

Gesicht verdunkeln, es ist etwas Unnennbares, das sein ganzes Wesen

umgibt. Einmal mußte ich plötzlich aufspringen und fortlaufen, weil mir

die Tränen aus den Augen sprangen, und im Schlafzimmer habe ich ins

Kissen geschrien: »Mein Unsterblicher! ach, mein Unsterblicher!« Siehst

Du, das ist nicht merkwürdig, daß es Wahnsinnige gibt, aber daß auch die

Allervernünftigsten einmal einen Wahnsinnsanfall haben können, das ist

beklagenswert.

Deine Lusinja.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 17 / 69 题