Welja an Peter

Kremskoje, 12. Mai.

Lieber Peter! Wenn Du Eifersucht merken läßt, machst Du Dich lächerlich

bei Katja. Wozu auch? Am ersten könntest Du noch auf mich eifersüchtig

sein, aber dazu bist Du zu grob organisiert. Lju macht Jessika den Hof,

das heißt er sieht sie an und regiert sie mit den Augen, denn sie fällt

natürlich darauf herein. Lju ist ein fabelhafter Mensch, man könnte

sagen seelenlos, wenn man ein Element, das ganz Kraft ist, so nennen

kann. Er würde sich wahrscheinlich kein Gewissen daraus machen, Jessika

oder sonst ein Mädchen unglücklich zu machen; wenn man den Mut hat, sich

ihm ganz hinzugeben, muß man auch den haben, sich zerstören zu lassen.

Und warum stürzen sich die Mädchen so gierig ins Licht? Es ist

jedenfalls ihre Bestimmung, wie die der Motten, sich die Flügel zu

verbrennen. Uebrigens würde Lju niemals ein Mädchen seiner Eitelkeit zum

Opfer bringen, wie doch schließlich die meisten von uns tun. Er zerstört

sie nur so beiläufig, wie zum Beispiel die Sonne tut; sie sollten ihm

einfach nicht zu nahe kommen, aber das können sie natürlich nicht

lassen. Katja ist gottlob anders, das gefällt mir so gut an ihr,

obgleich ich nicht möchte, daß alle so wären.

Katja und ich haben gestern im Dorfe einen türkischen Konfekthändler

entdeckt, der unerhört gute Sachen hat, rosa und klebrig und

durchsichtig und gummiartig. Er scheint ein echter Türke zu sein, denn

etwas so Süßes habe ich noch nie gegessen. Ich glaube, je mehr man nach

Südosten kommt, desto wundervoller werden die Süßigkeiten. Katja und ich

aßen immerzu, der Türke betrachtete uns ganz ausdruckslos mit seinen

großen Kuhaugen. Endlich konnten wir nicht mehr, und ich sagte: »Jetzt

müssen wir aufhören.« -- »Haben Sie kein Geld mehr?« fragte er; ich

glaube, er hielt uns für Kinder. Ich sagte: »Mir wird übel.« Sein gelbes

Gesicht veränderte sich nicht; ich glaube, wenn wir vor seinen Augen

geplatzt wären, er hätte nicht mit der Wimper gezuckt.

Wir trafen ein sehr niedliches Mädchen im Dorf, mit dem wir als Kinder

zuweilen gespielt haben. Damals fanden wir sie furchtbar häßlich, weil

sie rote Haare hat, und neckten sie damit; jetzt kam sie mir verteufelt

niedlich vor. Ich rief ihr zu: »Anetta, du bist ja gar nicht mehr

häßlich?« und sie antwortete gleich: »Welja, du bist ja gar nicht mehr

blind!« Weil Katja dabei war, konnte ich weiter nichts machen, aber ich

habe ihr zugenickt, und sie hat mich verstanden.

Welja.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 16 / 69 题