Jessika an Tatjana

Kremskoje, 10. Mai.

Liebste Tante! Du beunruhigst Dich wegen unsers Beschützers, der eigens

zum Beruhigen da ist? Ich bin entzückt von ihm, und aus meinem Briefe

spricht eine verdächtige Fröhlichkeit? Mein Gott, natürlich finde ich

ihn angenehm, da seine Anwesenheit Mamas Besorgnisse zerstreut hat! Sei

ruhig, geliebteste Tante, wenn er sich verliebt, wird er sich in Katja

verlieben, und Katjas Herz hältst Du doch nicht für so zerbrechlich wie

meins. Oder fürchtest Du in dem Falle, daß Peter eifersüchtig wird?

Weißt Du, ich glaube, Katja verliebt sich überhaupt nicht ernstlich; sie

steckt mit Welja in den Johannisbeeren, und beide essen mit derselben

Geschwindigkeit und Unbedenklichkeit wie vor zehn Jahren, als bekämen

sie einen Orden dafür.

Mama ist jetzt wirklich so ruhig und vergnügt wie seit langer Zeit

nicht. Gott, wenn ich an die letzte Zeit in der Stadt denke, an die

Auftritte, wenn Papa eine halbe Stunde länger ausblieb, als sie

gerechnet hatte! Neulich fand sie ihn nicht in seinem Zimmer, im ganzen

Hause nicht und auch nicht im Garten. Sie fing schon an aufgeregt zu

werden, da sagte unsre Mariuschka, der Herr Gouverneur wäre mit dem

Herrn Sekretär spazieren gegangen. Sofort war ihre Stimmung wieder im

Gleichgewicht, sie forderte mich auf, ein Duett mit ihr zu singen,

behauptete, ich sänge entzückend, und schmetterte selbst wie eine

Nachtigall in Liebesromanen.

Heute nachmittag war Papa, als er zum Tee gerufen wurde, noch etwas

verschlafen. Mama nahm ihre Lorgnette zur Hand, betrachtete ihn

aufmerksam und fragte mit zärtlicher Betonung: »Warum bist du so blaß,

Jegor?« Papa sagte: »Endlich! Ich habe schon gedacht, du liebtest mich

nicht mehr, weil du mich seit acht Tagen nicht danach gefragt hast.«

Dies war natürlich Spaß; aber wenn Mamas Aengstlichkeit, über die er

sich immer lustig macht, wirklich mal ausbliebe, würde er sich

tatsächlich sehr vernachlässigt fühlen; so ist der Herr Gouverneur.

Da fällt mir ein, geliebteste Tante, daß ich noch nicht weiß, ob Deine

Erkältung ganz verschwunden ist. Ob der fatale, rätselhafte Schmerz an

Deinem kleinen Finger nachgelassen hat. Ob und wann Du kommst. Der

Flieder blüht, die Kastanien blühen, alles, was blühen kann, blüht!

Deine Jessika.

Der letzte Sommer: Eine Erzählung in Briefen · 第 15 / 69 题