Kremskoje, 10. Mai.
Der Aufenthalt hier ist mir von großem psychologischem Interesse. Die
Familie hat alle Vorzüge und Fehler ihres Standes. Vielleicht kann man
von Fehlern nicht einmal reden; sie haben vorzüglich den einen, einer
Zeit anzugehören, die vergehen muß, und einer im Wege zu stehen, die
sich entwickelt. Wenn ein schöner alter Baum fallen muß, um einer
Eisenbahnlinie Platz zu machen, so schmerzt es einen; man steht bei ihm
wie bei einem alten Freunde und betrachtet ihn bewundernd und trauernd
bis zu seinem Sturze. Unleugbar ist es schade um den Gouverneur, der ein
vortreffliches Exemplar seiner Gattung ist; allerdings glaube ich, daß
er seinen Höhepunkt bereits überschritten hat. Wenn er die Einsicht
davon hätte und von seinem Amte zurückträte, oder wenn er es täte, um
sein Leben nicht auszusetzen, niemand würde es freudiger begrüßen als
ich; aber dazu ist er zu stolz. Er glaubt, nur wer arbeite und etwas
leiste, habe ein Recht zu leben, überhaupt kann er sich ein Leben ohne
Arbeit nicht vorstellen; darum will er arbeiten und glaubt, wenn er dies
und das tue, was die Aerzte ihm empfehlen, so würde er die frühere Kraft
allmählich wiedererhalten. Neulich schlief er ein, während er am
Schreibtische saß, und ich konnte ihn ungestört beobachten; wie das
schöne, dunkle und leidenschaftliche Auge sein Gesicht nicht belebte,
erschien es sehr schlaff und erschöpft, während er im allgemeinen noch
den Eindruck reifer Manneskraft hervorruft. Als er aufwachte, setzte er
sich sofort aufrecht hin, warf einen schnellen Blick auf mich und war
sichtlich dadurch beruhigt, daß ich nichts bemerkt zu haben schien. Es
ist charakteristisch für ihn, daß er nicht gern zugibt, wenn er ermüdet
oder schläfrig ist. So ist es ihm angenehm, daß ich ihm das bißchen
Arbeit, das er hier während des Urlaubs erledigt, abnehme oder
erleichtere, und er sagt es auch; aber er möchte nicht, daß man dächte,
er wäre zu abgespannt, um es allein zu tun, ja es würde ihn unglücklich
machen, es selbst zu denken.
Er ist, wie oft Menschen, die im Amte für streng und mitleidlos gelten,
gegen jeden einzelnen wohlwollend, ja sogar von unbegrenzter
Gutmütigkeit, wenn er liebevoller Nachgiebigkeit und Unterordnung
begegnet. Widersetzlichkeit macht ihn fassungslos, da er unmittelbar
nichts empfindet als seinen Willen und naiv genug ist, um
vorauszusetzen, daß er ebenso für alle andern maßgebend sein müßte. Er
kommt mir vor wie eine Sonne, die schön und treu, wenn auch etwas
rücksichtslos, ihre Welt zu unterhalten beflissen ist; er trägt, brennt
und leuchtet nach Kräften und zweifelt nicht, daß die Planeten ihr Ideal
darin finden, sich zeitlebens um ihn herumzudrehen. An die Existenz von
Kometen und Abnormitäten glaubt er im Grunde nicht, es sei denn, daß sie
in ihm selbst vorkämen; ich könnte mir denken, daß die ernstliche,
tatsächliche Abtrünnigkeit eines Trabanten ihn eher wahnsinnig als
zornig machte. Dabei tun seine Kinder im allgemeinen, was sie Lust
haben; aber in der Theorie tasten sie seine Herrschaft nicht an; dann
sind es seine eignen Kinder, und er ist ein Mann von starken Instinkten,
und schließlich ist er bequem, was sich mit Arbeitsamkeit wohl vereinen
läßt; zu Hause will er es behaglich haben.
Welja ist ein reizvoller Junge, obwohl er hier nicht an seinem Platze
ist. Er hat die Seele eines neapolitanischen Fischerknaben oder eines
fürstlichen Lieblings, der hübsche Kleider trägt, hübsche, kecke Dinge
sagt und keinen großen Unterschied zwischen Leben und Traum macht. Die
beiden Töchter sind nicht so zwillingshaft, wie es mir zuerst schien,
auch äußerlich nicht. Sie sind beide eher klein als groß und haben
Massen blonden Haares über zarten Gesichtern, übrigens sind sie so
verschieden voneinander wie eine Teerose von einer Moosrose. Wenn
Jessika geht, ist es, als ob ein weicher Wind ein losgerissenes
Blütenblatt durchs Zimmer wehte; Katja steht fest auf der Erde, und was
ihr nicht ausweicht, wird wo möglich mit Nachdruck beiseitegeworfen.
Jessika ist zart, hat oft Schmerzen, und ihre Verletzlichkeit gibt ihr
einen besonderen, raffinierten Zauber; man glaubt, man könne sie nicht
ans Herz drücken, ohne daß es ihr weh täte. Katja ist gesund, ehrlich,
durchaus nicht aufregend, ein kluges, temperamentvolles Kind, an dem man
seine Freude hat. Jessika hat zuweilen etwas Schmachtendes, dann wieder
überrascht sie durch anmutigen Witz, der niemals verletzend, sondern
eher wie eine auserwählte Liebkosung wirkt. Es hat einen Zauber, Einfluß
auf diese jungen Menschen zu gewinnen, und ich genieße ihn einstweilen:
das Schwere und Harte bleibt nicht aus.
Lju.